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Nahost-Experte: Iran will schiitische Achse aufbauen

Michael Lüders sieht Teheran als Profiteur der US-Politik

Moderation: Stefan Heinlein

Iranische Frauen demonstrieren anlässlich des Jahrestages der islamischen Revolution auf dem Azadi Platz in Teheran.
Iranische Frauen demonstrieren anlässlich des Jahrestages der islamischen Revolution auf dem Azadi Platz in Teheran. (AP)

Der Nahost-Experte Michael Lüders hat geringe Erwartungen an den geplanten iranisch-irakischen Gipfel. Konstruktiv sei die iranische Rolle in der Region sicherlich nicht zu bewerten, sagte Lüders. Denn der Iran fördere nachweislich radikale und extremistische Kräfte, die an einem Frieden nur sehr bedingt interessiert seien.

Stefan Heinlein: Iran, Irak und Syrien: für George Bush zu Beginn seiner Amtszeit Schurkenstaaten auf der Achse des Bösen. Seither hat sich viel verändert. In Washington und auch in London wird laut nachgedacht über eine neue Strategie für den Nahen Osten. Damaskus und Teheran sollen helfen, den Irak zu stabilisieren. Doch noch sperrt sich das Weiße Haus offiziell gegen eine direkte Kontaktaufnahme. Nach dem Mord an Pierre Gemayel im Libanon scheinen diese Pläne zumal vorerst auf Eis gelegt. Doch auch ohne amerikanisches Zutun rücken die einstigen Erzfeinde näher zusammen: morgen ein irakisch-iranisches Gipfeltreffen in Teheran. Auch der syrische Präsident ist eingeladen. Die Dinge sollen in die eigenen Hände genommen werden. Ein klarer Fingerzeig in Richtung Washington.

Am Telefon begrüße ich jetzt den Nahost-Experten Michael Lüders. Guten Morgen, Herr Lüders!

Michael Lüders: Schönen guten Morgen, Herr Heinlein!

Heinlein: Bewegung also offenbar an der diplomatischen Front. Eine neue Achse der Verständigung. Ist das eine gute Nachricht für die Region?

Lüders: Nur zum Teil. Man muss sehen, dass der Iran sehr klar das Machtvakuum erkannt hat, das entstanden ist im Irak. Die amerikanische Nahost-Politik hat ja paradoxerweise der islamischen Republik Iran einen großen Gefallen getan. Man hat die beiden größten Widersacher Teherans, nämlich das Taliban-Regime in Afghanistan und das Saddam-Regime im Irak, beseitigt und damit die wichtigsten Feinde Teherans aus dem Weg geräumt. Nun ist aber im Irak die Situation außer Kontrolle geraten, und dieses Machtvakuum besetzen die Iraner zunehmend selbstbewusst. Sie sind auf dem besten Weg, eine sehr eigenständige Regionalmacht zu werden. Es geschieht also genau das, was Washington immer zu verhindern versuchte. Konstruktiv ist die iranische Rolle sicherlich nicht zu bewerten, jedenfalls nicht aus westlicher Perspektive, denn Iran fördert nachweislich radikale und extremistische Kräfte in der Region, die an einem Frieden nur sehr bedingt interessiert sind.

Heinlein: Also hat Teheran überhaupt kein Interesse an einer Stabilisierung des Nachbarlandes?

Lüders: Iran verfolgt eine doppelte Strategie. Natürlich möchte man im Iran nicht, dass der Irak zerfällt und dort Anarchie und Bürgerkrieg einziehen wie etwa im Libanon in den 80er Jahren. Auf der anderen Seite erkennt man natürlich nicht ohne Schadenfreude, dass der Irak zu einem Treibsand geworden ist, aus dem die Amerikaner nicht mehr heraus finden. Je höher der Preis ist, den die Amerikaner im Irak zu zahlen haben, um das Land einigermaßen politisch zu beruhigen und selber ohne allzu gravierenden Gesichtsverlust sich aus diesem Desaster wieder zu entfernen, umso besser ist es für Teheran, wenn das möglichst lange dauert, dieser Versuch der Amerikaner, dort Stabilität zu erzeugen. Es ist also ein doppeltes Spiel, das die Iraner spielen, und mittelfristig gesehen muss man sagen, dass eine schiitische Achse dabei ist zu entstehen, eine schiitische Achse, die sich vom Iran über den Irak - dort stellen ja die Schiiten die Mehrheit der Bevölkerung - bis in den Libanon und dort insbesondere zur Hisbollah erstreckt.

Heinlein: Ist diese schiitische Achse, die entstehen könnte, wie Sie sagen, eine Chance, oder eine Gefahr für die Region?

Lüders: Aus sunnitischer Sicht ist das eine große Bedrohung, denn die Sunniten haben natürlich nicht vergessen, dass die Schiiten nach der Revolution im Iran, nach der Machtübernahme von Ayatollah Khomeini 1979 versucht haben, politisch Einfluss zu nehmen auf die Sunniten. Insbesondere Saudi-Arabien war sehr besorgt über diese Entwicklung. Auch heute ist es so, dass die sunnitischen Araber kein Interesse daran haben, dass es eine vom Iran dominierte schiitische Achse gibt, die eine andere Politik betreibt als sie selbst. Die meisten arabischen und sunnitischen Regierungen versuchen sich, aller verbaler Kritik an den USA zum Trotz, doch mit den Amerikanern und den Europäern zu verständigen aus Gründen des eigenen Systemerhalts. Sie wollen, dass ihre eigenen Regime jeweils überleben, und das können sie am besten, wenn sie sich gut stellen mit den Amerikanern, die ja auch teilweise aktive Waffenhilfe leisten etwa in den Golf-Staaten. Die Schiiten wollen dieses nach Möglichkeit nicht.

Heinlein: Vor diesem Hintergrund, Herr Lüders, welche Möglichkeiten hat denn überhaupt der Iran, auf die Aufständischen im Irak Einfluss zu nehmen? Drahtzieher des Widerstandes in der überwiegenden Mehrheit sind ja die Sunniten.

Lüders: Es sind die sunnitischen Aufständischen, die große Probleme machen im Irak, aber es gibt natürlich auch von schiitischer Seite durchaus gewalttätige Gruppierungen, die kein Interesse an einer Befriedung der Lage haben. Insbesondere die Gruppierung von Moktada al-Sadr, des jungen, sehr heißspornigen Predigers, der eine ungute Rolle spielt im Irak, ist hierbei zu nennen. Seine Miliz wird aktiv unterstützt aus dem Iran. Nichtsdestotrotz muss man sagen, dass der Einfluss der Iraner nicht so weit reicht, dass sie nun die Schiiten im Irak vollständig kontrollieren würden. Es gibt schon auch große ideologische Differenzen zwischen den Schiiten im Irak und im Iran. Insbesondere lehnen die irakischen Schiiten die Vorstellung einer Gottesherrschaft, wie sie im Iran herrscht, ab. Sie wollen nicht die Einheit von Politik und Religion. Sie wollen einen kräftigen Einfluss der Schiiten in der Politik, aber sie wollen nicht einen Gottesstaat.

Heinlein: Reden müssen wir, Herr Lüders, auch über Syrien, auch wenn al-Assad morgen zu dem Gipfeltreffen nach Teheran nicht kommt. Welche Interessen hat Syrien an einer Stabilisierung des Iran oder überhaupt an Gesprächen über einen Frieden in dieser Region?

Lüders: Für Syrien gilt mit Blick auf den Irak dasselbe, was auch für den Iran gilt. Man möchte natürlich nicht, dass das Land auseinander fällt. Man möchte aber auch die Amerikaner gerne kräftemäßig dort binden. Die syrische Politik ist vor allem geleitet von einem Motiv: Man möchte unbedingt die Rückgabe der 1967 von Israel besetzten Golan-Höhen erreichen. Das erklärt im Wesentlichen syrisches Verhalten, insbesondere die Unterstützung der Hisbollah im Libanon. Das ist aus syrischer Sicht ein Mittel zum Zweck, um die Israelis, um den Westen unter Druck zu setzen. Die Botschaft lautet: Fangt mit uns an, über eine Rückgabe des Golans zu verhandeln, und wenn wir die Perspektive bekommen, dann sind wir auch bereit, unsere Unterstützung für die Hisbollah einzustellen.

Heinlein: Kann Syrien auch eine aktive Rolle im Irak spielen?

Lüders: Die Möglichkeiten sind eher begrenzt. Syrien hat nicht annähernd dieselben Möglichkeiten wie der Iran, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass vor allem radikale Dschihad-Kämpfer häufig über Syrien einreisen in den Irak, auch wenn diese Entwicklung ein bisschen zurückgegangen ist in den letzten Monaten. Die syrische Politik ist sehr gespalten. Auf der einen Seite versucht man, auf eine wenig konstruktive Art und Weise Einfluss zu nehmen, zum Beispiel auf die Verhältnisse im Libanon. Auch die Ermordung von Hariri im letzten Jahr und jetzt von Gemayel geht vermutlich auf syrisches Konto. Auf der anderen Seite ist man bemüht, sich an den Westen anzunähern und davon zu profitieren, dass die Amerikaner und der Westen sehr ratlos sind mit Blick auf das, was im Irak zu tun ist. Hier versucht Syrien eine Wiederannäherung, aber es wird nichts passieren, solange nicht der Westen klare Angebote macht an die Regierung von Damaskus, und nichtsdestotrotz muss man sagen, dieses Regime hat seine Hochzeit hinter sich. Es wäre gut, wenn es auch in Syrien zu einer politischen Öffnung käme, die aber nicht aussteht.

Heinlein: Wie sollte denn der Westen, wie sollte speziell Washington denn reagieren auf den morgigen Gipfel, die Gespräche zwischen Irak und Iran, zumal der irakische Präsident sicherlich ja nicht nach Teheran reist ohne die Zustimmung aus Washington?

Lüders: In der Tat. So ist es. Und man wird mit gemischten Gefühlen in Washington diesen Besuch verfolgen. Denn man weiß mittlerweile, dass ohne den Iran im Irak nichts zu retten ist. Aber man hat natürlich klar auch eine Abgrenzung vorgenommen gegenüber dem Iran. Offiziell verfolgt man in Washington ja immer noch die Vorstellung eines Regime-Changes, eines Regimewechsels in Teheran. Das wird wohl nicht realistisch sein, sich dieses vorzustellen. Also sagt man, fahre in den Iran und sehe, was die Iraner anzubieten haben. Und umgekehrt ist es für den irakischen Präsidenten Maliki natürlich die Möglichkeit auch, sich aus seiner Sicht, sich aus der amerikanischen Umklammerung zu befreien. Denn er hat das große Problem, dass ihm viele Iraker vorwerfen, er sei lediglich eine Marionette der USA. Und mit diesem Image kann er natürlich nicht wirklich konstruktiv Politik gestalten im Irak.

Heinlein: Heute morgen im Deutschlandfunk der Nahost-Experte Michael Lüders. Ich danke für das Gespräch, und auf Wiederhören nach Berlin.

Lüders: Auf Wiederhören.



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