Seit 00:05 Uhr Fazit
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteInterview"Es gibt tagtäglich Terror"02.07.2014

Nahost-Konflikt"Es gibt tagtäglich Terror"

Der israelische Botschafter in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, hat das harte Vorgehen Israels gegen die Hamas verteidigt. Die Palästinenserorganisation sei verantwortlich für die Entführung und Ermordung der drei israelischen Jugendlichen. Sie bejubele die Tat sogar, sagte Hadas-Handelsman im DLF.

Yakov Hadas-Handelsman im Gespräch mit Dirk Müller

Jakov Hadas-Handelsmann, israelischer Botschafter (dpa / Jörg Carstensen)
Jakov Hadas-Handelsmann, israelischer Botschafter (dpa / Jörg Carstensen)
Weiterführende Informationen

Nahost-Konflikt | "Wir schaffen es nicht alleine" (Deutschlandfunk, Interview mit Abdallah Frangi, 02.07.2014)

Nahost-Konflikt | Israel gefangen im Ritual der Gewalt (Deutschlandfunk, Kommentar, 01.07.2014)

Westjordanland: Leichen der drei Israelis gefunden (Deutschlandfunk, Aktuell, 30.06.2014)

Nahost-Konflikt: Israel greift Ziele in Gaza an (Deutschlandfunk, Aktuell, 01.07.2014)

Westjordanland: Israelische Militäroperation geht weiter (Deutschlandfunk, Eine Welt, 21.06.2014)

In Israel gebe es tagtäglich Terror, der von Organisationen wie der Hamas verübt werde. Die Menschen lebten in dauerhafter Gefahr, zum Beispiel durch die Raketenangriffe aus Gaza. Auch im Fall der ermordeten Schüler seien die Täter bekannte Hamas-Mitglieder, so Yakov Hadas-Handelsman. Es gebe auch offizielle Äußerungen von Hamas-Führern, die sich wünschten, dass noch mehr Israelis entführt würden. "Solange es Terror gibt, sind wir verpflichtet, unsere Leute zu schützen", betonte der Botschafter. Die Alternative sei, nichts zu tun. Dann gebe es noch mehr Terror - "damit sind wir nicht einverstanden".


Das vollständige Interview 

Dirk Müller: Auf einem Feld unter größeren Steinen, ganz in der Nähe von Hebron, haben die Sicherheitskräfte die drei entdeckt, die versteckten israelischen Schüler: tot, ermordet. Die Regierung von Benjamin Netanjahu geht fest davon aus, dass die Hamas hinter der Entführung und Ermordung steckt. Rache wollen nun zahlreiche israelische Politiker. Eindeutige Beweise sind zumindest der Öffentlichkeit, den Medien bislang nicht bekannt. Die Suche nach den vermeintlichen Tätern wurde noch einmal ausgeweitet. Polizei, Tausende Soldaten und Geheimdienstagenten sind daran beteiligt, wie auch die Luftwaffe, die Ziele im Gazastreifen angreift. Über 400 Palästinenser sind in den vergangenen knapp drei Wochen festgenommen worden. Nun ist ein junger Palästinenser getötet worden.
Die ermordeten Talmud-Schüler waren 16 und 19 Jahre alt. – Am Telefon ist nun der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman. Guten Morgen.

Yakov Hadas-Handelsman: Guten Morgen, Herr Müller.

Müller: Herr Hadas-Handelsman, kann Rache ein kluges politisches Motiv sein?

Hadas-Handelsman: Nein, wir handeln nicht mit Rache. Unser Ziel ist, die Täter zu erreichen. Die sind bekannte Hamas-Mitglieder und wir werden sie und ihre Mithelfer erreichen.

Müller: Wir haben vor zwei Wochen just an dieser Stelle auch bereits darüber gesprochen, über die Situation zwei, drei Tage nach der Entführung der drei Jungen. Auch damals habe ich Sie gefragt, gibt es Beweise dafür, dass die Hamas dahinter steckt, denn die Beweise kennt die Öffentlichkeit, wenn sie denn vorliegen, noch nicht? Was macht Sie so sicher, dass es die Hamas ist?

"Die bejubeln diesen Terroranschlag"

Hadas-Handelsman: Was uns so sicher macht, ist die Tatsache, dass die Täter sind bekannt als Mitglieder des Hamas. Die waren schon in israelischen Gefängnissen als Hamas-Terroristen. Und wenn es um die Organisation geht, die bejubeln diesen Terroranschlag. Die äußern sich Tag und Nacht und wünschen, dass mehrere Israelis entführt würden von ihren Leuten.

Müller: Wir haben hier noch offiziell zumindest keine Stellungnahmen der Hamas, was Sie jetzt sagen, vorliegen. Woher wissen Sie das, dass die Hamas sich permanent positiv zu diesen Entwicklungen äußert?

Hadas-Handelsman: Lesen Sie oder hören Sie oder schauen Sie die zahlreichen Äußerungen von Khaled Mashal und Ismail Haniyeh und Mahmud al-Sahar. Die sind alle die Führer von Hamas. Die sagen es Tag und Nacht!

Müller: Sind das offizielle Äußerungen?

Hadas-Handelsman: Entschuldigung?

Müller: Sind das offizielle Äußerungen?

Hadas-Handelsman: Ja! Selbstverständlich! Wenn der Führer einer Organisation an seiner Stelle sich so äußert, dann ist dies die Bedeutung, dass es der offizielle Befehl einer Organisation ist.

Müller: Sie haben da direkte Zitate, direkte Quellen? Wir hatten Schwierigkeiten, welche zu finden.

Hadas-Handelsman: Ja! Ja, wir haben die Zitate. Aber wissen Sie, Herr Müller, glauben Sie mir nicht? Dann finden Sie es in Google und dann können Sie sich selber anschauen oder lesen und sehen, dass sie das sagen. Die bejubeln es und die sagen Tag und Nacht, ja, man soll je mehr Israelis entführen wie möglich.

Müller: Herr Hadas-Handelsman, wir haben vor gut einer Stunde mit Abdallah Frangi gesprochen. Er ist politischer Berater von Palästinenser-Präsident Abbas. Just auch zu dieser Frage: Ist die Hamas verantwortlich? Wir hören mal, was er gesagt hat.

O-Ton Abdallah Frangi:"Wenn sie wirklich der Meinung sind, dass Hamas dahinter war, warum haben sie die ganze Zeit so geschwiegen? Warum haben sie einfach keine Maßnahmen vorher ergriffen für die Weltgemeinschaft? Warum gehen die Israelis nicht zu den Weltinstitutionen, die zuständig dafür sind? Warum müssen sie immer alleine Entscheidungen treffen und uns alle dahinter ziehen?"

Müller: Ein klarer Vorwurf an die israelische Politik, auch der Vorwurf, jetzt in Sippenhaft genommen zu werden.

Hadas-Handelsman: Jetzt habe ich Sie nicht gehört.

Müller: ... in Sippenhaft genommen zu werden, kollektive Strafe.

Keine kollektive Strafe

Hadas-Handelsman: Ja, das ist keine kollektive Strafe, und das ist ganz deutlich. Wir versuchen, diese Leute zu erreichen. Es gibt keine kollektiven Strafen. Wir sind verantwortlich für die israelischen Staatsbürger und es ist unmöglich, dass die Leute in Israel unter dieser dauerhaften Gefahr leben müssen, wie zum Beispiel diese tagtäglichen Raketenangriffe aus Gaza, die jetzt intensiviert wurden, und es nimmt auch Hamas teil an diesen Anschlägen auf israelische Dörfer und Städte. Wie erklärt das Herr Frangi?

Müller: Ich frage Sie noch mal, Herr Hadas-Handelsman. Gibt es eine Alternative, vor Ort zu suchen, ohne Gewalt anzuwenden, ohne Türen einzutreten und auch Häuser in die Luft zu sprengen? Das sind Informationen, die wir haben.

Hadas-Handelsman: Schauen Sie, Herr Müller. Wenn es keinen Terror gibt, dann gibt es keine Gewalt. Aber die Tatsache ist, tagtäglich gibt es Terror, und der Terror wird von diesen terroristischen Organisationen wie Hamas verübt. Das sind die Tatsachen und das ist klar, genau wie es heute Mittwoch, Viertel nach acht ist. Wenn sich jemand mit den Tatsachen nicht beschäftigen möchte, dann gibt es ein Problem, aber wir beschäftigen uns mit den Tatsachen. Es gibt Terror und solange es Terror gibt, sind wir verpflichtet, unsere Leute zu schützen. Das ist sehr einfach. Aber das gesagt: Wenn wir unsere Leute schützen, wir vermeiden, oder wir versuchen, alles zu tun, damit unschuldige Leute nicht betroffen sind. Sie haben diese Haussprengungen und so weiter erwähnt. Die Leute können und haben am obersten Gericht appelliert, das zu verhindern. Das oberste Gericht hat die Beweise examiniert und hat die Entscheidung getroffen, dass in diesem Fall, weil die ganze Familie in diesen Terroranschlag, der Vater dieser Familie eingemischt war, man das tun kann.

Müller: Aber genau das wird ja auch kritisiert, auch dieses Urteil beziehungsweise die Entscheidung des Gerichts wird kritisiert. Können Sie bestätigen, dass sieben Palästinenser im Rahmen dieser Suchaktion umgekommen sind?

Hadas-Handelsman: Ich weiß nicht, wie viele Palästinenser umgekommen sind. Und wissen Sie was? Jeder der umgekommen ist, ist etwas zu viel. Okay?

Müller: Es waren auch junge Palästinenser dabei.

Hadas-Handelsman: Ja, ja!

Müller: Vermeintlich Unschuldige.

Schüler in Särgen

Hadas-Handelsman: Und meiner Meinung nach und wie gesagt, wir bedauern uns darüber. Jedes Menschenleben ist eine ganze Welt und man kann es nicht erneuern. Aber, Herr Müller, ich stelle die Frage, und bitte, lassen wir uns nicht die Tatsachen vergessen. Drei Schüler sind unterwegs gewesen, um bei ihren Familien für ein Wochenende Urlaub anzukommen. Nie sind sie lebend angekommen. Sie sind vorgestern in Särgen angekommen zu ihren Familien. Was sagen Sie darüber? Das ist, was startet alles, und bitte, lassen wir uns nicht die Tatsachen vergessen.

Müller: Die Tatsachen haben wir...

Hadas-Handelsman: Manchmal denke ich, dass die Leute die Tatsachen vergessen. Terror gibt es.

Müller: Herr Hadas-Handelsman, die Tatsachen verschweigen wir nicht. Ich habe das eben in der Moderation auch noch mal gesagt. Die ermordeten Talmud-Schüler waren 16 und 19 Jahre alt. Das spricht für sich. Aber ich rede mit Ihnen ja jetzt über die politischen Optionen, über die politischen Möglichkeiten. Wenn viele in Europa, in den USA, ganz gleich wo diese Fernsehbilder sehen, und wir hier auch in den Redaktionen haben ja zunächst einmal nicht viel mehr als die Fernsehbilder zur Verfügung sowie auch die Berichterstattung in den Zeitungen, im Internet und so weiter, und sehen Tausende Soldaten, die im Westjordanland Städte, Dörfer, Häuser durchkämmen – von Geheimagenten ist die Rede, von der Polizei -, also ein massiver Einsatz, Sie reden von zwei Attentätern, wenn ich das richtig verstanden habe, von zwei vermeintlichen Attentätern, stellt sich für viele...

Hadas-Handelsman: Mehrere habe ich gesagt.

Müller: ... oder mehrere, stellt sich für viele ganz einfach immer wieder die Frage: Stimmt dort die Verhältnismäßigkeit der Mittel?

Hadas-Handelsman: Schauen Sie, die Alternative ist, nichts zu tun, und damit wird mehr Terror herrschen. Damit sind wir nicht einverstanden und ich hoffe, dass man jetzt auch in Europa versteht, wie gefährlich die Lage im ganzen Nahen Osten ist, anlässlich dieser Terrorwelle im ganzen Nahen Osten. Die Alternative ist zu schweigen, und dann gewinnen die Terroristen. Das werden wir nie erlauben. Wir kämpfen um unsere Leben.

Müller: Sie sagen, zu diesem massiven Einsatz mit Tausenden Soldaten gibt es auf der Suche nach Attentätern keine Alternative?

Hadas-Handelsman: Nein, gibt es nicht. Wenn Sie eine Alternative, eine bessere Alternative kennen, dann erzählen Sie es uns.

Müller: Ich frage Sie.

Hadas-Handelsman: Leider kennen wir keine Alternative. Aber das gesagt und ich wiederhole es: Wir tun alles, was möglich ist, um Unschuldige zu treffen zu verhindern. Ja, ich wiederhole es. Wir tun alles! Wissen Sie was, Herr Müller? Wenn ein Palästinenser getötet ist, dann bejubeln wir es nicht. Selbstverständlich bejubeln wir es nicht. Okay? Aber was ist die Alternative? Es gib keine Alternative, um Terror zu bekämpfen. Es ist, wie einen Virus anzugehen. Mit denen gibt es keinen Kompromiss.

Müller: Ich frage Sie nach einer weiteren Alternative. Wir haben das gestern gehört in unseren Nachrichten, auch in der Tagesschau, im Heute-Journal. Da gibt es jetzt politische Kräfte, die sagen, jetzt werden wir erst recht wieder neue Siedlungen bauen. Stimmt das?

Jetzt herrscht Wut in Israel

Hadas-Handelsman: Ich habe diese Äußerungen gelesen und gehört. Jetzt herrscht Wut in Israel, auch in der Öffentlichkeit. Aber wenn Sie mich fragen, welche Entscheidungen getroffen wurden in dieser Kabinettssitzung, dann kann ich das sehr deutlich sagen: Erstens, die Täter zu erreichen, zweitens, Hamas-Infrastruktur im Westjordanland weiter zu zerstören, und drittens geht es an Gaza. Wenn sie die Lage eskalieren und mehrere Raketen schießen, dann werden wir auch härter reagieren. Aber wenn nicht, dann nicht. Das sind die Entscheidungen, die getroffen wurden.

Müller: Keine neuen Siedlungen?

Hadas-Handelsman: Nein, nein. Nicht, dass ich darüber weiß. Nein!

Müller: Bei uns heute Morgen im Deutschlandfunk der israelische Botschafter in Deutschland, in Berlin, Yakov Hadas-Handelsman. Danke für das Gespräch und auf Wiederhören.

Hadas-Handelsman: Auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk