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StartseiteComputer und KommunikationNamenlose Post16.07.2011

Namenlose Post

Berliner Internet-Provider bieten anonymen E-Mail-Account an

Datenschutz.- Vor allem große E-Mail-Anbieter verlangen bei der Eröffnung eines Postfaches persönliche Daten. Wer ein kostenpflichtiges Postfach wählt, gibt zusätzlich zu Name und Anschrift auch noch die Bankverbindung preis. Diese Daten speichert der Anbieter, und wir haben keine Kontrolle mehr über ihre weitere Verwendung. Das muss aber nicht sein.

Von Ralf Hutter

Es gibt E-Mail-Dienste, die keine Angabe persönlicher Daten verlangen.  (Stock.XCHNG / Artur Bednarski)
Es gibt E-Mail-Dienste, die keine Angabe persönlicher Daten verlangen. (Stock.XCHNG / Artur Bednarski)
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"Das ist also ein gewisser Sicherheitsgewinn"
Werbung unerwünscht!

Die elektronische Kommunikation erleichtert uns das Leben sehr – doch in puncto Anonymität und Datenschutz scheint die althergebrache Briefpost etliche Vorteile zu haben. Ohne Registrierung, ja gar ohne Absender, kann egal wer einfach so die Dienstleistung der Post in Anspruch nehmen. Auch bezahlt wird ohne Vertrag und ohne Angabe persönlicher Daten. Eine Kontrolle des Briefinhalts ist zwar möglich, aber vergleichsweise aufwendig – umso mehr, wenn sie später nicht bemerkt werden soll. Wäre es nicht schön, wenn all das auch bei E-Mails so wäre? Fakt ist: All das ist zumindest möglich. E-Mail-Anbieter müssen gar keine persönlichen Daten erheben.

"Da ich mich in Internet-Dingen nicht so gut auskenne, und auch in der Vergangenheit von den verschiedensten Datenschutzskandalen gehört habe, will ich sicher gehen. Deshalb ist mir anonymes E-Mailen wichtig."

Herta, die auch im Radio anonym bleiben will, hat sich ein E-Mail-Postfach bei so36.net eingerichtet, wo sie keinerlei Angaben zu sich machen muss. Diesen Schritt findet René Paulokat vernünftig – und zwar nicht nur, weil er Betreiber des Dienstes ist. Der Berliner arbeitet zudem zum Broterwerb im Team der Kampagne "Verbraucher sicher online" mit. Das gleichnamige Online-Portal wird vom Bundesverbraucherschutz-Ministerium und der Technischen Universität Berlin getragen und klärt über den sicheren Umgang mit dem Internet auf.

"Was, glaube ich, im Interesse jedes Menschen ist, der sich im Netz bewegt, ist natürlich 'n Bewusstsein, oder ein Wissen darüber zu haben, welche Spuren er oder sie im Netz hinterlässt. Das ist natürlich ein wesentlicher Bereich, über den wir auch berichten."

Paulokat selbst kam in seiner Freizeit zum Thema IT-Sicherheit. Als Student der Sozialen Arbeit stellte er Ende der 90er fest, wie einfach das Computernetzwerk seiner Hochschule zu knacken war. Mit bis zu drei anderen Leuten begann dann eine kollektive Computer-Tüftelei.

"Da hat sich dann letzten Endes so ein großer Spieltrieb draus entwickelt, dass wir 1999 angefangen haben, das so36.net aufzubauen. Damals haben wir angefangen, insbesondere mit Linux-Systemen zu arbeiten, weil wir das alle großartig fanden, die Idee von freier Software."

Freie Software und Open Source – diese Begriffe stehen für Gemeinnutz und Transparenz. Sie stehen aber auch für Selbstermächtigung. Dazu gehört auch, selbst die Kontrolle über Prozesse und Daten zu haben.

"Der Open-Source-Gedanke ist ja nicht nur einer, wo ich letzten Endes fähig bin, irgendwie meinen Druckertreiber womöglich selbst abzuändern, dass er mit meinem neuen Drucker tatsächlich druckt, sondern ist einer, der auch einen starken Fokus auf sowas wie Sicherheit hat."

Einen Sinn für Sicherheit wollte das Team des gemeinnützigen Internetdienstleisters so36.net von Beginn an auch seinen Usern vermitteln. So empfiehlt es sehr die individuelle E-Mail-Verschlüsselung, etwa mit PGP. Seine Devise, die es mit ähnlichen Dienstleistern in aller Welt teilt, lautet: Für deine Daten bist immer du selbst verantwortlich – Sicherheit lässt sich nicht delegieren, etwa an den E-Mail-Anbieter. Eine Liste dieser weiteren Dienstleister steht auf der Startseite von so36.net. Nicht darauf ist der kommerziell betriebene E-Mail-Dienst Posteo des IT-Unternehmers Patrik Löhr, ebenfalls Berliner.

"Wir haben Posteo als kleines Projekt gegründet, weil wir selber einen E-Mail-Anbieter suchten, der für uns zwei Hauptmerkmale erfüllt: Einmal wollten wir dringend, dass unser E-Mail-Verkehr nur mit echtem Ökostrom läuft, und das Zweite war, dass wir unsere Daten nicht an die Werbewirtschaft verkaufen wollten."

Nachhaltig soll Posteo sein, und zwar nicht nur in ökologischer Hinsicht. Bezüglich der Daten bedeutet nachhaltig, dass gar keine "Datenhalden", wie Löhr sagt, angelegt werden. Die könnten nämlich gestohlen werden – und zwar nicht nur von Hackern.

"Genauso kann ja ein Mitarbeiter solche Daten auch verkaufen, aus einer Firma. Das ist ja bei der Telekom schon passiert."

Bei Posteo wird nicht die geringste Information über die Kundschaft erhoben. Selbst die Bezahlung des Dienstes, der einen Euro pro Monat kostet, kann anonym abgewickelt werden. Posteo ist also nicht nur ein kommerzielles Projekt. Der unbedingte Einsatz für den Datenschutz zeigt vielmehr: Auch Telekommunikationsanbieter können politisch denken und handeln. Diese Feststellung bestätigt auf Deutschlandfunk-Anfrage explizit ein Sprecher des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. Er akzeptiert beispielsweise nicht die Gründe jener E-Mail-Anbieter, die die Kommunikation mit den Servern nicht verschlüsseln. Nach Angaben von René Paulokat von so36.net wird bei nur 30 Prozent der weltweiten E-Mail-Server der Datentransfer verschlüsselt. Ganz besonderen Datenschutz versprechen hingegen Paulokat und Co. Sie lehnen nicht nur die aktuell neu überdachte Vorratsdatenspeicherung in jeglicher Form ab, sondern könnten sie möglicherweise sogar komplett unterlaufen, denn so36.net ist ein eingetragener Verein.

"Insofern ist die Erbringung von Telediensten nicht-kommerzieller Natur. Wir sind faktisch so eine Art: geschlossene Nutzergruppe. Das heißt, unser Vereinsstatus hilft uns dabei, zu sagen: Das kommt für uns nicht in Frage."

Ein weiterer wichtiger Hinweis kommt von Posteo-Betreiber Patrik Löhr:

"Theoretisch kann jeder Mensch seinen eigenen E-Mail-Server aufsetzen, privat. Das heißt: Man muss nicht einen Provider nehmen, um E-Mailen zu können. So lange das privat ist, muss man das weder irgendwo melden noch muss man Vorratsdaten speichern, oder irgendeine Schnittstelle zur Verfügung stellen."

Klar, denn bei der Briefpost ist das ja auch so. Wirklich anonym wird der E-Mail-Versand übrigens nur, wenn auch das Internet-Surfen an sich anonymisiert ist.

Zum Themenportal "Risiko Internet"

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