• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
StartseiteEuropa heuteNapoleon als Hitlers Wegbereiter02.12.2005

Napoleon als Hitlers Wegbereiter

Umstrittene Thesen eines Historikers zum Jahrestag der Schlacht bei Austerlitz

Frankreich steckt mitten in einer Kontroverse über das Bild und die Rolle des berühmten Feldherrn Napoleon. Ein Rassist und Sklaventreiber sei er gewesen, meint der französische Autor, Philosoph und Historiker Claude Ribbe. Sein neuesten Buch, das gestern erschienen ist, enthält eine noch wesentlich umstrittenere These: Napoleon, so Ribbe, habe Adolf Hitler den Weg geebnet. Christoph Heinemann berichtet aus Paris, beginnt aber mit einer kleinen Spurensuche in Napoleons Geburtsstadt Ajaccio.

Napoleon-Porträt von Horace Vernet: "vorbereitet, was Hitler während des Dritten Reiches durchgeführt hat".  (AP)
Napoleon-Porträt von Horace Vernet: "vorbereitet, was Hitler während des Dritten Reiches durchgeführt hat". (AP)

In Ajaccio ist die Welt noch in Ordnung. Während der Sommermonate marschieren auf dem großen Platz am Hafen der Inselhauptstadt von Korsika regelmäßig Soldaten auf, in historischen Uniformen. Ein kleiner Mann mit schwarzem Dreispitz schreitet die Parade ab. Seine linke Hand steckt in Brusthöhe zwischen den Knöpfen des Mantels: Napoleon auf der Place Foch, ein Schauspiel für Touristen.

Nicht weit von hier wurde der bis heute bekannteste Korse geboren. "Willkommen in Napoleons Geburtshaus", begrüßt Jean Buonacorsis Besucher. "Dieses ist Napoleons Geburtszimmer, ein symbolischer und mythischer Ort", erklärt der Fremdenführer. "Das Napoleonische Epos hat in diesem Raum begonnen am 15. August 1769".

Ein kleiner Raum, eher ein Durchgangszimmer. Die Bonapartes waren durchaus wohlhabend, aber Napoleons Karriere wurde ihm nicht an der Wiege gesungen: Offizier der Revolution, Konsul der Republik schließlich Kaiser der Franzosen und fast zwei Jahrzehnte lang Kriegsherr. In Ajaccio ist Napoleon allgegenwärtig: Ein Teil der Hafenpromenade ist nach ihm benannt und die wichtigste Nord-Südverbindung der Stadt, der Cours Napoleon. Es gibt einen Boulevard Charles Bonaparte, benannt nach dem Vater des Feldherren, Mutter Letizia sind ein Platz und eine Straße gewidmet. Am Austerlitz-Platz steht Napoleon hoch oben auf einer Säule. Austerlitz ist auch in Paris. Einer der Bahnhöfe der Hauptstadt und eine Brücke über die Seine sind nach der böhmischen Ortschaft benannt.

Mit militärischem Zeremoniell wird heute an die Dreikaiserschlacht vor 200 Jahren erinnert, in welcher der General, der sich selbst zum Kaiser gekrönt hatte, den mächtigsten Monarchen des Kontinentes das Fürchten lehrte. Austerlitz war der Anfang vom Ende des 1000-jährigen Ersten Deutschen Reiches. Dass der Kaiser der Franzosen vorbereitet habe, was der Führer der Nationalsozialisten in der zwölf Jahre währenden Schreckensherrschaft des Dritten Reiches durchgeführt hat, behauptet Claude Ribbe. Sein Buch, das zum Austerlitz-Jubiläum erschienen ist, trägt den Titel: "Le Crime de Napoléon" - "Napoleons Verbrechen".

""Eigentlich ist das gar nichts Neues. 1889 schrieb Victor Schoelcher, der erbitterte Gegner des Menschenhandels, dass Napoleons Armee, die die Sklaverei auf Haiti wieder einführen sollte, Gas verwendet hat". "

Napoleon als Wegbereiter Hitlers? Zumindest in der Wahl der Mittel ließen sich beide vergleichen, meint der Historiker und Philosoph Claude Ribbe:

"Er wollte die schwarze Bevölkerung nicht auslöschen, aber er war ein Pragmatiker und wusste, dass 650.000 ehemalige Sklaven, die französische Staatsbürger geworden waren, nicht leicht wieder in Sklaverei zu halten sein würden. Also hat er klar entschieden, einen Teil dieser Bevölkerung zu vernichten. Und seine Vernichtungsmethoden erinnern an andere".

Dass bei den Massakern auf den Antillen-Inseln 100.000 Schwarze ermordet wurden, und dass durch die Wiedereinführung des Sklavenhandels rund eine Millionen Menschen umkamen, bestreiten auch die Napoleon-Forscher unter den französischen Historikern nicht. "Niemand leugnet und ich schon gar nicht, dass die Unterdrückung etwa auf Guadeloupe, schrecklich war", sagt Thierry Lentz, der Direktor der Napoleon-Stiftung: "Aber dies in einen Zusammenhang zu stellen mit den Gaskammern, das halte ich schon wegen der Opfer des Holocaust für viel zu voreilig".

Im 19. Jahrhundert sei Rassismus gegenüber den Schwarzen in Europa weit verbreitet gewesen, meint Thierry Lentz. Und auch die Tatsache, dass sich Hitler während seines wenige Stunden dauernden Aufenthaltes in Paris im Juni 1940 vor Napoleons Grab verneigt habe, bedeute nicht, dass man den Korsen als Wegbereiter des Völkermörders bezeichnen könne:

""Alle Hilter-Biographen haben festgestellt, dass er den Vergleich mit Napoleon zurückgewiesen hat. Hitler war sein eigenes Vorbild"."

Claude Ribbe bleibt dabei: Napoleon habe das Aufkommen aller rassistischen und pseudo-wissenschaftlichen Thesen des 19. Jahrhunderts gefördert, die später von den Nazis aufgegriffen wurden. Das "Verbrechen Napoleons" überschattet die heutige Gedenkveranstaltung zur Schlacht von Austerlitz. Franzosen von den Antillen, von La Réunion und aus Guyana haben für morgen zu einer Gegenkundgebung aufgerufen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk