Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteForschung aktuellNase im Magen16.11.2007

Nase im Magen

Riechzellen bereiten Verdauungstrakt auf Arbeit vor

Biologie. - Fast jedes Gericht der Welt schmeckt ohne die richtigen Gewürze nur halb so gut. Wissenschaftler der TU-München und der Münchener Ludwig-Maximilian Universität entdeckten nun, dass auch der Magen ein gut gewürztes Essen erkennt. Er besitzt Geruchssensoren, die identisch mit denen in der Nase sind.

Von Jan Friese

Würzige Speisen bringen den Magen auf Trab. (AP Archiv)
Würzige Speisen bringen den Magen auf Trab. (AP Archiv)

"Es wird die Darmtätigkeit angeregt. Die Hausfrauen, eben die Leute, die Thymian und natürlich auch andere Gewürze benutzen, wissen das schon lange."

Seit Jahrhunderten würzen die Menschen fleischige und fettige Speisen, für den guten Geschmack und für eine gute Verträglichkeit. Zu den besonders beliebten Gewürzen, vor allem in Süd- und Mitteleuropa, gehört Thymian. Er findet sich in Soßen und Eintöpfen, bei Wild- und Kaninchen-Gerichten und natürlich beim klassischen Lammbraten. Professor Manfred Gratzl, Mediziner an der Münchener Universität, entdeckte nun, dass nicht nur Zunge und Nase auf das starke Aroma reagieren. Gratzl:

"Und der Hauptstoff, den wir riechen, das ist ein Thymol, das ist in allen Thymianarten drin, aber bislang wusste man eben nicht, dass es nicht nur in der Nase eine Wirkung zeigt, sondern eben im Magen-Darm-Trakt und dort direkt die Verdauung der gewürzten Speise fördert."

Der Wirkstoff des Thymians, das Thymol, wird nicht einfach mit der übrigen Nahrung verdaut, sondern von speziellen Zellen erkannt. Diese so genannten "Sensorzellen" sitzen dabei verteilt in der Magen-Darm-Schleimhaut. Jede von ihnen trägt an ihrer Oberfläche besondere Andockstellen, - Rezeptoren. Im vorbeiziehenden Speisebrei erkennen diese dann den Wirkstoff. Gratzl:

"Und die setzen dann die Information ‚Jetzt habe ich einen Thymol an meinem Rezeptor gebunden’ in ein Signal um, mit Hilfe dessen dann die Beweglichkeit des Darms gesteuert wird."

Als Manfred Gratzl und seine Kollegen die entdeckten Rezeptoren genauer untersuchten, stellten sie fest, dass man sie bereits kannte, allerdings aus der Nase. Gratzl:

"Und das haben wir zuerst gar nicht geglaubt. Also, die Zellen enthalten dieselben Rezeptoren wie die entsprechenden Riechzellen in der Nasenschleimhaut."

Der Magen-Darm-Trakt kann demnach den Thymian fast so wahrnehmen wie die Nase. Die beiden Systeme arbeiten getrennt voneinander und auch dann weiter, wenn eines zerstört wurde. Gratzl:

"Ja, das ist ja eine häufige Komplikation bei Schädelbasisbrüchen zum Beispiel, dann merkt man nicht mehr, was man riecht. Das ist aber ein ganz unabhängiges System in der Nase, und das im Magen-Darm-Kanal funktioniert natürlich noch."

Gewürzte Speisen regen also die Verdauung an, selbst dann, wenn man sie nicht mehr riecht und schmeckt. Im Magen-Darm-Trakt finden sich aber neben den Sensorzellen mit Thymol-Andockstellen auch weitere, für andere Aromen. Erkrankungen könnten ihre Ursache ebenfalls in diesem System für Aroma-Signale haben. Gratzl:

"Man spricht von mehreren Millionen Kranken, die an dem so genannten Reiz-Darm-Syndrom leiden. Das ist entweder eine Übererregung des Darmes oder ein zu langsames Arbeiten, der Peristaltik, entsprechend beobachtet man entweder Durchfälle oder Verstopfung."

Professor Gratzl ist der Meinung, dass die Ursachen für solche Magen-Darm-Erkrankungen in einer Überreizung durch zu viele "Aroma-Signale" liegen könnten. Die würden dann sozusagen "alle Knöpfe gleichzeitig drücken" und die Verdauung durcheinander bringen. Gratzl:

"Wenn man nämlich sieht, wie viele von diesen Aromastoffen wir täglich aufnehmen oder einatmen oder durch die Haut aufnehmen, dann kann man sich schon vorstellen, dass die Riechrezeptoren gar nicht mehr wissen, auf was sie reagieren sollen."

Verschiedenste Aromastoffe finden sich heutzutage in großer Menge in Waschmitteln, Lufterfrischern und Hygieneartikeln. Über Mund, Nase oder Haut aufgenommen, können die Wirkstoffe sich im Körper verteilen und überall dort ihre Wirkung entfalten, wo sie auf die entsprechende Empfangsrezeptoren treffen. Gratzl:

"Wenn man nur ein Mundwässerchen einsetzt, ist auch nichts zu sagen, aber es macht die Summe der verschiedenen Mittelchen, da kann es doch zu erheblichen Belastungen kommen."

Therapien gegen den Reiz-Darm und ähnliche Erkrankungen könnten jedoch ebenfalls bei den überreizten Sensoren ansetzen. Eine gezielte und minimierte Zugabe einzelner Aromen, könnte Magen und Darm wohlmöglich wieder richtig einstellen, eine Art Aromatherapie für die "Nase" im Magen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk