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StartseiteCampus & KarriereNur mit motivierten Klassen KZ-Gedenkstätten besuchen25.01.2018

Nationalsozialismus im UnterrichtNur mit motivierten Klassen KZ-Gedenkstätten besuchen

Steigende Zahlen antisemitischer Übergriffe haben die Debatte befeuert, ob Besuche etwa in KZ-Gedenkstätten für Schulklassen verpflichtend sein sollten. In manchen Schulen stehen solche Besuche bereits im Lehrplan, andere finden; sie könnten auch kontraproduktiv für eine kritische Auseinandersetzung sein.

Von Michael Watzke

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Das internationale Mahnmal des jugoslawischen Künstlers Nandor Glid an der KZ-Gedenkstätte in Dachau, aufgenommen am 21.06.2012. Am 22.03.1933 wurde das Konzentrationslager errichtet, befreit wurde es am 29.04.1945 durch amerikanische Truppen. Die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers wurde im Jahr 1965 auf Initiative und nach den Plänen der überlebenden Häftlinge errichtet (picture alliance / dpa - Sven Hoppe)
Das internationale Mahnmal des jugoslawischen Künstlers Nandor Glid an der KZ-Gedenkstätte in Dachau (picture alliance / dpa - Sven Hoppe)
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Religions-Unterricht an der Nikolaus-Lehner-Berufsschule in Dachau bei München. Vor den angehenden Verkäuferinnen und Verkäufern steht ein besonderer Pädagoge.

"Matthias Fiedler. 57 Jahre alt. Ich bin Diplom-Theologe und Diplom-Psychologe. Ich unterrichte hier katholische Religion. Und außerdem mache ich Führungen in der Gedenkstätte."

Jeden Donnerstag führt Matthias Fiedler Schulklassen durch die KZ-Gedenkstätte Dachau. Etwa 70 Schülergruppen sind es pro Jahr. Kaum ein Lehrer hat so viel Erfahrung mit den Rundgängen wie Fiedler. Leider darf man ihn nicht mit dem Aufnahmegerät begleiten - das verbieten die Vorschriften der Gedenkstätte. Fiedler sagt: "Ich habe gute Erfahrungen gemacht, aber auch Erfahrungen, wo ich ab und zu frustriert bin. Wenn die Schüler nicht vorbereitet sind. Wenn die in die Gedenkstätte kommen, als wären die im Zirkus. Ohne Vorbereitung, ohne gar nichts. Und das frustriert mich. Weil Sinn der Sache ist es, sich bewusst kundig zu machen und Fragen zu stellen zum Thema. Das ist nicht einfach ein Ausflug, sondern ein besonderer Erinnerungsort."

Nicht zum Besuch zwingen

Fiedler ist dagegen, Jugendliche zum Besuch einer KZ-Gedenkstätte zu zwingen. Vor einiger Zeit war der Berufsschullehrer mit einer Gruppe von Schülern mit nahöstlichem Migrations-Hintergrund in Dachau. Der Besuch ging schief, sagt der Pädagoge.

"Schülerinnen und Schüler aus palästinensischen Gebieten, dem Iran oder anderen Gebieten haben oft eine andere Erziehung bekommen. Die kommen eventuell mit dem Feindbild Israel hierher und ziehen unangemessene Vergleiche. Das sollte vorher geklärt werden. Nicht erst in der Gedenkstätte. Das gehört in die Schulen. Dort ist der Ort, wo die Vorbereitung stattfinden soll."

Diese Vorbereitung und der anschließende Dachau-Besuch steht in Bayern im aktuellen "Lehrplan plus" aller Gymnasien, Real- und Mittelschulen, sagt Steffen Jost vom Studienzentrum "Max-Mannheimer-Haus".

"Auch jetzt ist es schon so, dass das für viele Schülerinnen und Schüler kein freiwilliger Besuch ist. Wir haben also im Grunde genommen eine Pflicht- oder Zwangssituation. Da stellt sich ja der Lehrer nicht am Anfang der Stunde hin und fragt: 'Wer möchte denn gern mit in die KZ-Gedenkstätte?' Sondern es wird gesagt: 'Wir fahren in die KZ-Gedenkstätte!'"

Passgenaues Angebot machen

Es komme darauf an, sagt Bildungs-Experte Jost, den Jugendlichen ein passgenaues Angebot zu machen. Dazu könne gehören, Besucher mit türkischen oder arabischen Wurzeln darauf hinzuweisen, dass es im KZ Dachau auch türkische und muslimische Häftlinge gab.

"Man muss allerdings ein bisschen aufpassen, dass man die Schüler nicht in eine gewisse Ecke drängt. Nach dem Motto: Weil du muslimisch bist, musst du dich für den muslimischen Häftling interessieren. Weil, vielleicht hat diese Person überhaupt nichts mit dem eigenen Lebensalltag zu tun. Vielleicht ist der russische Häftling, der als Teenager im Widerstand aktiv war, viel interessanter. Wichtig ist nur: Es muss das Angebot und die Vielfalt geben."

An den Berufsschulen in Bayern steht eine Fahrt zu einer Gedenkstätte nicht im Lehrplan. Gabriele Hammermann, die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, plädiert grundsätzlich für Freiwilligkeit, aber auch für eine stärkere Verankerung der nationalsozialistischen Vergangenheit im Lehrplan der Berufsschulen.

"Das würde ich sehr, sehr befürworten. Gerade für Schulklassen macht es Sinn, einen erweiterten Besuch zu buchen. Das würde bedeuten, ein Halbtages-Seminar, wo es dann die Möglichkeit gibt, am Ort selber ins Gespräch zu kommen mit einem der wenigen Zeitzeugen. Wir haben zum Beispiel noch Abba Naor, der für solche Gespräche zur Verfügung steht, das sehr gern macht und als Verpflichtung sieht."

Flüchtlinge könnten wegen Lager-Erfahrungen zusammenbrechen

An einigen bayerischen Berufsschulen sind regelmäßige Fahrten zur KZ-Gedenkstätte bereits heute üblich. Etwa an der Nikolaus-Lehner-Schule, die nach einem überlebenden Häftling des KZ Dachau benannt ist. Allerdings sagen selbst dort manche Lehrer, sie würden nicht mit einer sogenannten "Berufs-Integrations-Klasse" in die Gedenkstätte fahren, also mit einer Klasse aus jugendlichen Flüchtlingen. Ein solcher Rundgang sei aus zwei Gründen zu heikel: erstens sei die Wahrscheinlichkeit antisemitischer Äußerungen zu groß – und zweitens bestehe die Gefahr, dass manche Flüchtlinge wegen eigener Kriegs- und Lager-Erfahrungen vor Ort zusammenbrechen könnten. Matthias Fiedler sagt:

"Nein, ich gehe nicht mit jeder Klasse hin. Nur mit motivierten Klassen, die Interesse zeigen. Erst würde ich einfach mal Diagnose-Stunden machen, um zu sehen, welche Erfahrungen haben die Flüchtlinge hierher gebracht."

Fiedler wünscht sich vom bayerischen Kultus-Ministerium mehr Geschichtsunterricht für Berufsintegrationsklassen mit jungen Flüchtlingen. Dieser Unterricht, so Fiedler, müsse verpflichtend sein. Anders als der Besuch einer KZ-Gedenkstätte.

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