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StartseiteEuropa heuteEine Kleinstadt in der Krise 27.03.2017

Nationalstraße 7Eine Kleinstadt in der Krise

In Châlette-sur-Loing ist die französische Krise zu spüren: hohe Arbeitslosigkeit, viel Leerstand, wachsende Aggressionen. In der kommunistisch regierten Kleinstadt fühlen sich viele Menschen von der Politik allein gelassen. Einst mächtige Gewerkschaften verlieren an Boden - selbst Landwirte wandern zum rechtsextremen Front National ab.

Von Anne Raith und Andreas Noll

(Andreas Noll)
Im Stadtteil Vésines in der französischen Kleinstadt Châlette-sur-Loing stehen viele Geschäfte leer. (Andreas Noll)

Es ist noch früh an diesem Vormittag in der Bar Tabac Jean Jaures. Ein paar Arbeiter stärken sich am Tresen mit Kaffee. An einem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes sitzt ein älteres Ehepaar und wartet auf die neuen Lottozahlen. Im Hintergrund spricht Marine Le Pen.

Die Chefin des rechtsextremen Front National ist zu Gast im Studio eines TV-Nachrichtensenders und flimmert im Hintergrund über den Flachbildschirm an der Wand. Sie beantwortet Fragen zur Einwanderungspolitik und ihrem Wirtschaftskonzept. Alle Umfragen sehen Marine Le Pen in die Stichwahl der Präsidentenwahlen einziehen. Im Café allerdings verhallen ihre Worte, ohne dass davon jemand Notiz nimmt.

Die Probleme in Châlette sind groß

Vier Wochen vor den Präsidentenwahlen ist von hitzigen politischen Debatten in der 14.000-Einwohner-Stadt wenig zu spüren. Dabei sind die Probleme groß in Châlette. Der Leerstand wächst in der Stadt, alteingesessene Bürger klagen über wachsende Aggressionen. Und dann ist da noch der große Arbeitgeber, die Kautschukfabrik Hutchinson. Jeder in Châlette kennt jemanden, der dort arbeitet. Doch die rund 1.400 Arbeiter und Angestellten fürchten um ihre Jobs.

Dominque Clergue kennt die Sorgen der Arbeiter, von denen viele aus Afrika, Asien und Osteuropa in die Stadt gekommen sind. Als Gewerkschaftssekretärin der den Kommunisten nahestehenden CGT zählt sie zu ihren wichtigsten Ansprechpartnern. Die Leute sind enttäuscht von der Politik, sagt Clergue, als sie die baufällige Gewerkschaftshütte am Rande des riesigen Fabrikgeländes mit einem kräftigen Tritt öffnet:

(Andreas Noll)Gewerkschafterin Dominique Clergue setzt auf den Klassenkampf. (Andreas Noll)

"Diejenigen, die geglaubt haben, dass eine Stimme für die Linke sich für sie positiv auswirken würde, die an die Magie des Wahlzettels geglaubt haben, die sind nun extrem enttäuscht und desillusioniert von der Politik."

Klassenkampf, Mobilisierung und der unbeugsame Kampf

Dominique Clergue glaubt den meisten französischen Politikern schon lange kein Wort mehr. Im kommunistisch regierten Châlette setzt sie auf den Klassenkampf, Mobilisierung und der unbeugsame Kampf – das sind ihre Prinzipien.

"Die Dinge ändern sich nur, wenn man seine Macht demonstriert. Wenn man mobilisiert. Bei Hutchinson in Châlette gibt es dafür Beispiele. Jedes Mal wenn wir gestreikt und unsere Macht gezeigt haben, dann haben wir kleine Erfolge erzielt."

Auch gegen die zögerlichen Reformen der Regierung von Präsident Hollande sind Clergue und ihre Kollegen auf die Straße gegangen, doch der Einfluss der CGT schwindet. Kompromissbereitere Gewerkschaften gewinnen an Boden im Unternehmen. Und, für die Gewerkschaftlerin noch viel dramatischer, die CGT verliert Arbeiter an den rechtsextremen Front National:

 

Video: Station 1 - Châlette-sur-Loing: Ex-Bürgermeister Jean Louis im Gespräch

"Die Arbeiter, die sich vom Front National verführen lassen, sind die, die resigniert haben, die benutzt wurden, die von den Unternehmern getäuscht wurden. Und von der Politik der vergangenen 5 Jahre."

Dominique Clergue wird am 23. April auf ihre Weise gegen den FN protestieren. Sie wird die aussichtlose kommunistische Kandidatin Nathalie Arthaud wählen.

Bei den Landwirten stoßen die Rechtsextremen auf Zustimmung

Ein paar Kilometer nordöstlich von Châlette liegt in der landwirtschaftlich geprägten Region der Bauernhof von Cédric Boussin. Auch der 34 Jahre alte Bauer kommt im Gespräch schnell auf die Krise und den Front National zu sprechen. Die Rechtsextremen stoßen auch bei den Landwirten auf große Zustimmung. Die Lage in der Branche ist katastrophal, so Boussin. Im vergangenen Jahr hat eine große Überschwemmung weite Teile der Ernte in der Region vernichtet.

"Das war wirklich eine große Katastrophe. 2016 haben 95 Prozent der Bauern hier Verluste gemacht."

(Andreas Noll)Landwirt Cédric Boussin im Gespräch. Hinter den Landwirten im Loiret liegt ein schlimmes Jahr. (Andreas Noll)

Von der Politik fühlt auch Boussin sich im Stich gelassen.

"Ich verlange von den Politikern klare Ansagen. Sie sollen rechtschaffen sein und uns eine Perspektive bieten. Außerdem müssen sie aufhören, den Bürgern immer höhere Lasten aufzubürden. Das ist unser großes Problem. Mich persönlich widert die Politik an."

Zur Wahl wird er aber trotzdem gehen:

"Unsere Vorfahren haben für dieses Recht und diese Aufgabe gekämpft. Aber ich habe heute überhaupt keine Ahnung für wen ich stimmen werde.

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