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"Natürlich ist Gott kein Neutrum"

Theologe über die Debatte um einen geschlechtsneutralen Gottesbegriff

Manfred Lütz im Gespräch mit Jürgen Liminski

Manfred Lütz: "Gott ist für uns wie eine Mutter und wie ein Vater, dieses Emotionale spielt eine Rolle" (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Manfred Lütz: "Gott ist für uns wie eine Mutter und wie ein Vater, dieses Emotionale spielt eine Rolle" (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) plädiert für einen geschlechtsneutralen Gottesbegriff. Der Psychotherapeut, Theologe und Bestsellerautor Manfred Lütz hält die Äußerungen der Politikerin für naiv und absurd.

Jürgen Liminski: Von Sartre stammt der folgenschwere Satz "La nature de l’homme n’existe pas", "Die Natur des Menschen existiert nicht". Gleichheitsfanatiker haben auch daraus den Gender-Mainstream abgeleitet, wonach es keine natürliche Geschlechtlichkeit gebe, und die Wächter der politischen Korrektheit haben das willig aufgegriffen. Manche Politiker und Politikerinnen haben diese Korrektheit nun so weit internalisiert, dass sie auch Gott das Attribut als Vater aberkennen. Zu ihnen gehört die Familienministerin. Ihr Interview in der "Zeit" schlägt seit zwei Tagen hohe Wellen in Berlin, die Äußerungen zu den theologischen Aspekten dieser Neutralisierung Gottes häufen sich. Wir wollen darüber sprechen mit einem Psychotherapeuten und Theologen, nämlich dem Chefarzt Manfred Lütz, bekannt auch als Autor von Beststellern wie "Gott. Eine kleine Geschichte des Größten" oder jetzt "Bluff. Die Fälschung der Welt". Guten Tag, Herr Lütz!

Manfred Lütz: Guten Tag, Herr Liminski!

Liminski: Herr Lütz, zunächst mal den theologischen Aspekt dieser Debatte: Politiker und Kirchenleute haben sich dazu gemeldet oder sind befragt worden, selbst der Regierungssprecher hat im Namen der Bundesregierung sich dazu geäußert. Sie sind auch Diplom-Theologe, was halten Sie denn davon? Ist Gott ein Neutrum?

Lütz: Natürlich ist Gott kein Neutrum. Der Glauben als Christen, dass Gott eine Person ... Die Gefahr ist, wenn man "das Gott" sagen würde, dass man das irgendwie für eine Energie hält oder für so was Esoterisches, also, das ist schon ganz wichtig. Und ich frage mich nur: Es ist ja einerseits ganz lobenswert, dass die Familienministerin ihre Kinder christlich erziehen will, das ist ja positiv und sie hat sich auch Gedanken darüber gemacht. Nur, Politiker sind ja für Kompromisse gut, aber der Kompromiss, zwischen der und die dann das, das ist, glaube ich, ziemlich schief gegangen.

Was sie sagt, ist theologisch in gewisser Weise gar nicht völlig falsch. Also, wir glauben ja nur, dass Gott analog Person ist. Also, die Christen glauben nicht, dass Gott ein Mann ist, schon Papst Johannes Paul II. hat gesagt, Gott steht im Alten Testament, ist für uns wie eine Mutter, das ist ein analoger Begriff. Schon das Konzil von ... das vierte Laterankonzil hat gesagt, man darf das nicht eins zu eins übertragen. Deswegen war für Christen immer schon klar, dass Gott nicht so ein Mann ist wie Zeus oder so was, der dann irgendwie fremd geht mit irgendwelchen Menschenkindern, sondern dass diese ganze machohafte Männlichkeit von Gott fern gehalten wird.

Gott ist für uns wie eine Mutter und wie ein Vater, dieses Emotionale spielt eine Rolle. Aber das Gott wäre dabei völlig daneben. Und man muss mal sagen: Das würde ja das Problem bedeuten, dass das Kind überhaupt nicht mehr richtig beten könnte. Also, das "Vater unser" könnte es nicht mitbeten, das Glaubensbekenntnis könnte es nicht mitbeten, es könnte nicht mehr singen "Weißt du, wie viel Sternlein stehen" und nicht beten "Müde bin ich, geh zur Ruh". Also, ich glaube, was die Ministerin da gesagt hat, war ziemlich unbedacht.

Liminski: Ausgangspunkt der Debatte, Herr Lütz, ist ein Interview, in dem die Familienministerin sich zu ihrer Art und Weise äußert, wie sie mit ihrem Kind umgeht. Es geht also auch um Erziehung oder Psychologie. Das Kind ist anderthalb Jahre alt. Kann es diese Unterschiede überhaupt wahrnehmen?

Lütz: Nein, ich glaube, sie wird ja befragt, wie sie künftig ihr Kind erziehen wird. Und ich finde das auch ein bisschen unbedacht, da in einem Interview schon zu verkünden, was sie künftig machen wird. Sie hat jetzt gerade ein 18 Monate altes Kind, sie macht sich da Gedanken, das ist auch ganz richtig. Aber was ich so merkwürdig finde an dem Interview, ist, dass sie als Politikerin nicht den Unterschied zwischen Intimität dessen, was man jetzt in seinem Verhältnis zu seinen Kindern sich überlegt, und der Öffentlichkeit eines "Zeit"-Interviews, dass man diesen Unterschied nicht bemerkt.

Das ist ja etwas, was in letzter Zeit häufiger passiert. Bettina Wulff hat zwischen Intimität, zwischen dem, was intim zwischen ihr und ihrem Mann passiert, das hat sie auch in die Öffentlichkeit getragen, und Kristina Schröder macht den gleichen Fehler, auch ganz dramatisch. Am Schluss wird sie gefragt, wenn sie von ihren Kindern gefragt würde, liebst du einen mehr von uns, dann würde sie gnadenlos lügen. Das sagt sie in einem Interview, das eines Tages ihre Kinder lesen werden, und die Kinder können der eigenen Mutter dann gar nichts mehr glauben. Das heißt, ich finde das Interview total naiv und ich glaube, wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir das jetzt nicht zu sehr aufbauschen.

Liminski: Politiker erscheinen in der Öffentlichkeit, haben mithin auch eine Vorbildfunktion. Sollen, müssen sie nicht auch zu privaten Dingen wie ihr Verhältnis zu ihren Kindern oder auch zu intimeren Fragen wie Glauben Stellung nehmen?

Lütz: Es kommt darauf an, wie intim das ist. Und wenn man zum Beispiel zur Gottesfrage was sagt, dann muss man schon genauer erklären und kann nicht einfach ... Also, man merkt diesem Interview an, sie möchte unbedingt modern sein und sie möchte unbedingt auch political correct antworten. Und das führt dann zu solchen Absurditäten, dass man sagen könnte das Gott. Da muss sie nachher dem Kind erklären, was der Unterschied zwischen das Urmel und das Gott ist. Also, es wird ganz absurd, einfach!

Und die hoch theologische Frage, dass Gott eben aus unserer christlichen Sicht nicht männlich ist, auch nicht weiblich ist, sondern über diese Geschlechterunterschiede hinaus jemand ist, den man aber ansprechen können muss und den wir eben in der christlichen Tradition als Gottvater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist ansprechen, das jetzt in so einem Interview, in einer solchen Weise mal in einem Schnellschuss zu beantworten, das finde ich doch für jemanden, der eigentlich die Öffentlichkeit kennen müsste, sehr unbedacht.

Liminski: Sie meinen, sie hätte da naiv gehandelt?

Lütz: Ich glaube schon, dass das ziemlich naiv war und dass sie sich hier einfach hat verleiten lassen, um unbedingt modern und unbedingt political correct zu wirken, etwas zu sagen, was im Ergebnis natürlich Unsinn ist. Also, das liebe Gott ... Ich glaube nicht, dass es in Deutschland irgendeine Mutter gibt, die das ihrem Kind wirklich ernsthaft sagt. Es gibt christliche Eltern, die versuchen, Kinder in die christliche Tradition einzuführen, und Kinder sind ja sehr aufgeschlossen für diese Dinge. Und wenn diese Frage dann irgendwann mal kommt, dann muss man dem Kind erklären, dass Gott eine Person ist, zu der man beten kann, und dass wir gewöhnlich sagen Gott Vater, aber dass Gott genau so Mutter ist für uns wie er auch Gott Vater ist. Und das ist auch ganz in Ordnung theologisch.

Liminski: Herr Lütz, Ihr letzter, noch laufender Bestseller heißt "Bluff. Die Fälschung der Welt". Ist diese Diskussion, an der wir uns ja nun auch beteiligen, nicht ein großer Bluff?

Lütz: Ich glaube, das ist insofern tatsächlich ein Bluff, als die Ministerin reingefallen ist auf die Wirklichkeitsmacht der Medien und den Unterschied zwischen dieser künstlichen Medienwelt und der existenziellen Welt, die sie persönlich mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebt, nicht mehr sieht und dass das alles verwischt. Und das finde ich dann wirklich schade und das finde ich auch tragisch für Kristina Schröder, da tut sie mir auch leid, wenn sie in einem solchen Interview sich in einer Weise exhibiert, wie sie das gar nicht müsste. Man muss bestimmte Fragen gar nicht beantworten und man kann darauf bestehen, dass man bestimmte Fragen ausführlicher beantwortet, als es in einem solchen Interview passiert ist.

Liminski: Der Psychotherapeut, Theologe und Bestsellerautor Manfred Lütz, das letzte Buch heißt "Bluff. Die Fälschung der Welt", heute Mittag hier im Deutschlandfunk. Besten Dank für das Gespräch, Herr Lütz!

Lütz: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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