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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Welt verschläft den Klimaschutz weiter 02.09.2017

NaturkatastrophenDie Welt verschläft den Klimaschutz weiter

Die Überschwemmungen in Südasien und in Texas müssten ein Weckruf sein, beim Klimaschutz endlich anzupacken, meint Georg Ehring. Es gebe allerdings keinen Grund, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Auch Deutschland habe beim Klimaschutz in den letzten acht Jahren komplett versagt.

Von Georg Ehring

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In Mumbai laufen viele Menschen über eine überflutete Straße (dpa)
So heftig war der Monsun in Indien schon Jahre nicht mehr. In Südostasien sind insgesamt über 1.500 Menschen ums Leben gekommen (dpa)
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Die Wortwahl stammt aus einem Tweet von US-Präsident Donald Trump und es stimmt: Der Hurrikan "Harvey" hat Regenmassen von historischen Ausmaßen über den Süden von Texas gebracht, solche Fluten hat es dort noch nie gegeben. Mittlerweile gehört Harvey zu den zehn teuersten je verzeichneten Naturkatastrophen und die Schlussbilanz ist noch längst nicht gezogen. Gleichzeitig kostete ein ungewöhnlich starker Monsun in Indien, Nepal und Bangladesch bislang weit über tausend Menschen das Leben. Die wirtschaftlichen Schäden sind nur deshalb geringer, weil die Region viel ärmer ist als Nordamerika.

Beide Fluten reihen sich ein in eine große Zahl extremer Wetterereignisse binnen weniger Jahre. Was früher außergewöhnlich war, wird immer mehr zur Normalität und die Verbindung zum menschengemachten Klimawandel ist mit den Händen zu greifen.

Die Atmosphäre hat sich um mehr als ein Grad erwärmt

Wenn sich die Meere in den Tropen erwärmen wie derzeit im Indischen Ozean und im Golf von Mexiko, dann kann die Luft mehr Wasser aufnehmen und anschließend auch über dem Land abregnen. Der Klimawandel verschlimmert also viele Wetterextreme, davor warnen Wissenschaftler seit langem. Die Erwärmung ist längst keine entfernte Zukunftsvision mehr: 15 der 16 wärmsten Jahre fallen in die Zeit nach der Jahrtausendwende und die drei wärmsten davon waren in dieser Reihenfolge 2016, 2015 und 2014. Verglichen mit der vorindustriellen Zeit hat sich die Atmosphäre inzwischen um mehr als ein Grad erwärmt und wir bekommen die Folgen immer deutlicher zu spüren.

Angesichts dieser Bedrohung ist die Reaktion der Welt auch heute noch erschreckend halbherzig. Im Klimaabkommen von Paris hat sich die Staatengemeinschaft zwar vorgenommen, den Temperaturanstieg in diesem Jahrhundert auf deutlich unter zwei Grad zu beschränken, wenn möglich sogar unter 1,5 Grad. Doch in der Realität sind wir eher auf dem Weg zur katastrophalen drei Grad Erwärmung. Um das zu verhindern, müssten die Treibhausgas-Emissionen innerhalb weniger Jahrzehnte auf nahezu null sinken, doch davon ist nichts zu sehen. Seit Anfang der 1990er Jahre ist der Ausstoß um rund 50 Prozent nach oben gegangen.

Bundesregierung bremst beim Ausbau von Sonnen- und Windenergie

Indien leidet gerade jetzt besonders unter den Folgen, dabei gehört das Land zu den wenigen Staaten, die sich ernsthaft um ein Umsteuern bemühen. Indien will den Ausbau der Kohleverstromung beenden und steht bei der Installation von Solaranlagen weltweit auf Platz drei hinter China und den USA. Letztere stoßen pro Kopf rund zehn Mal so viel CO2 aus wie Indien und Präsident Donald Trump setzt trotz der Katastrophe von Texas alles daran, die bescheidenen Erfolge der Vorgängerregierung von Barack Obama im Klimaschutz rückgängig zu machen. Er müsste jetzt per Twitter die größten Anstrengungen zum Klimaschutz ankündigen, die die Welt je gesehen hat. Doch es sieht nicht danach aus, als hätte die Katastrophe von Texas bei ihm irgendein Umdenken ausgelöst.

Wir haben allerdings keinen Grund, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Gemessen an der harten Währung "Treibhausgase" hat auch Deutschland beim Klimaschutz in den letzten acht Jahren komplett versagt. Im vergangenen Jahr waren die Emissionen ebenso hoch wie 2009. Das war das Jahr, in dem Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Kopenhagener Klimagipfel versprach, dass unser Land seinen fairen Anteil an den Anstrengungen übernehmen würde. Doch heute bremst die Bundesregierung beim Ausbau von Sonnen- und Windenergie, blockiert beim Klimaschutz im Verkehr, wehrt sich gegen schärfere Umwelt-Auflagen für Kohlekraftwerke und schiebt den Braunkohle-Ausstieg so weit hinaus wie möglich.

Die Überschwemmungen in Südasien und in Texas müssten ein Weckruf sein, beim Klimaschutz endlich anzupacken und ernst zu machen. Doch Weckrufe hat es schon in großer Zahl gegeben. Die Welt hat weiter geschlafen und es sieht nicht danach aus, als ob sie dieses Mal wach werden würde.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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