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StartseiteKultur heute"Dieses Verständnis für Putin entfremdet mich von meinem eigenen linken Milieu"16.12.2016

Navid Kermani"Dieses Verständnis für Putin entfremdet mich von meinem eigenen linken Milieu"

Der Schriftsteller Navid Kermani wirft Teilen der Linken in Deutschland vor, noch immer Verständnis für den russischen Präsidenten Putin aufzubringen - obwohl Russland in Syrien die Zivilbevölkerung bombardiere. Kermani sagte im DLF, das Thema Syrien müsse zur dringlichsten Aufgabe deutscher und europäischer Politik werden.

Navid Kermani im Gespräch mit Michael Köhler

Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani spricht am 04.12.2016 in Hamburg, nachdem ihm der Marion Dönhoff-Preis verliehen wurde.  (dpa picture alliance Axel Heimken)
Der Schriftsteller Navid Kermani sieht ein Versagen internationaler Politik im Syrien-Krieg. (dpa picture alliance Axel Heimken)
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Kermani sagte im Deutschlandfunk, er könne das Verständnis für Putin nicht fassen. Es bringe ihn sehr auf und entfremde ihn von seinem eigenen, linken Milieu. Auch verstehe er nicht, warum nicht mehr Menschen gegen den "Irrsinn" in Syrien demonstrierten - etwa vor der russischen und der iranischen Botschaft.

Der internationalen Gemeinschaft warf Kermani vor, untätig zu sein. Man könne nicht einfach Mauern hochziehen und weiter sein schönes Leben in der - so wörtlich - "gated community" führen. Was geschehe, betreffe uns in Deutschland unmittelbar. Der Krieg in Syrien müsse zur dringlichsten Aufgabe deutscher Politik werden. Die internationalen Strukturen müssten gestärkt werden, denn ein schwaches Europa und eine schwache UNO könnten nichts bewirken, betonte Kermani.


Das Interview in voller Länge:

Michael Köhler: Die Evakuierung der Stadtviertel von Aleppo, die von Rebellen gehalten wurden, hat gestern begonnen. Das seit 2012 umkämpfte Aleppo sei befreit, sagt Machthaber Assad. Heute Nachmittag hat es in einer Polizeistation in Damaskus erneut Explosionen gegeben. Rasch reden Außenstehende jetzt von Verstößen, von Verantwortung und von Völkerrecht.

Vor etwas über einem Jahr hat der Islamwissenschaftler und Schriftsteller Navid Kermani in seiner Friedenspreis-Rede des deutschen Buchhandels den Westen aufgerufen, den Krieg in Syrien und im Irak zu beenden. Grund für uns, mit ihm zu sprechen.

Navid Kermani, Sie haben diplomatische und militärische Schritte in Erwägung gezogen und gesagt: "Erst wenn unsere Gesellschaften den Irrsinn nicht länger akzeptieren, werden sich auch die Regierungen bewegen". Akzeptieren wir den Irrsinn immer noch ungerührt?

Navid Kermani: Ob ungerührt oder nicht, das weiß ich nicht. Aber jedenfalls, wir akzeptieren ihn.

Köhler: Vor der europäischen Haustür wird Massenmord begangen, und wir schauen zu?

Kermani: Genau.

"Das hier ist ein vermeidbarer Krieg"

Köhler: "Die Probleme der Welt sind auch unsere", haben Sie mal in einem Interview in "Kultur heute" gesagt, als Sie auf den Spuren der Flüchtlinge in Lesbos und Piräus unterwegs waren. Ist das immer noch so?

Kermani: Ja, das merken wir doch jetzt. Wir merken es spätestens durch die Flüchtlinge. Wir merken es durch die Terroranschläge, die ja auch ein Export sind aus dem Nahen Osten. Ohne die Infrastruktur des IS im Irak und in Syrien, dann gäbe es zwar immer noch hier Extremisten, aber sie hätten nicht viele Möglichkeiten, hier Bomben zu legen. Wir merken es durch die zunehmende Polarisierung auch in unseren Gesellschaften. Das müsste doch jetzt spätestens dem Allerletzten klar geworden sein, dass wir nicht einfach die Mauern hochziehen können und weiter unser schönes Leben in der 'gated community' führen, sondern dass das, was rings um Europa passiert, was in der Welt passiert, uns unmittelbar betrifft.

Köhler: Was beobachten wir in Aleppo, eine Belagerung, die als Befreiung umgedeutet wird?

Kermani: Wie Assad das deutet oder wie die iranische Regierung das deutet, das liegt ja auf der Hand. Aber was mich aufbringt, ist nicht so sehr, dass wir jetzt da zuschauen. Das Problem ist jetzt: Jetzt in der Tat im Augenblick sind ja die Möglichkeiten der Weltgemeinschaft begrenzt, da etwas zu tun. Aber dies ist hier ein vermeidbarer Krieg. Das ist ein Krieg, der aus dem Ruder gelaufen ist, auch weil wir nichts getan haben vor drei, vier, fünf Jahren. Da hätte mal den Politikern das Herz brechen sollen. Damals gab es noch Möglichkeiten, vor dem Eingreifen Russlands, vor dem Entstehen des IS. Das heißt, die Fehler, die entscheidenden Fehler passieren nicht jetzt; die entscheidenden Fehler sind vor drei, vier, fünf Jahren passiert, und damals haben viele Beobachter, viele Syrer, auch ich mit meinen Mitteln darauf hingewiesen, dass wenn man nichts tut, dann führt das direkt in die Katastrophe, und die Katastrophe sehen wir jetzt.

"Ich kann das gar nicht fassen"

Köhler: Russland und Iran haben ihre Hände im Spiel. Assad wollte nicht verhandeln. Iran nutzt Syrien auch als Sperre gegen Saudi-Arabien. Das ist nicht nur ein Bürgerkrieg, sondern was ist es, ein internationaler Machtkampf?

Kermani: Ein Stellvertreterkrieg, ganz eindeutig. Hier wirken sehr viele ausländische Mächte mit. Auch der Westen wirkt indirekt durch seine Freundschaft, durch seine Kooperation mit den Golf-Staaten auch mit. Auch der Westen unterstützt Rebellengruppen. Das heißt, man ist ja beteiligt, und zwar ebenfalls auf ungute Weise, wobei ich auch das noch mal sagen möchte: Dieses Verständnis, was es immer noch gibt in Teilen der Linken für Putin, für das, was Putin dort tut, indem er die Menschen bombardiert, die Zivilbevölkerung, das bringt mich derart auf und entfremdet mich von meinem eigenen linken Milieu. Ich kann das gar nicht fassen. Ich verstehe auch gar nicht, wieso nicht mehr Menschen gegen diesen Irrsinn demonstrieren, und zwar vor der iranischen Botschaft, vor der russischen Botschaft. Das bedeutet ja nicht, dass man die Beteiligung des Westens übersieht, aber im Augenblick wird das syrische Volk nicht von Amerikanern oder Europäern bekämpft; es wird von russischen Bomben, von iranischen Söldnern bekämpft.

Köhler: Es hat in der letzten Woche natürlich so eine Demonstration vor der russischen Botschaft in Berlin gegeben, übrigens auch von sogenannten Putin-Freunden. Was kann die internationale Gemeinschaft, was können Intellektuelle tun?

Kermani: Intellektuelle können Aufmerksamkeit schaffen. Sie können darauf hinweisen, dass das unerträglich ist. Sie können versuchen, Druck zu erzeugen. Die internationale Gemeinschaft muss natürlich versuchen, hier klar Stellung zu beziehen, auch Druck auszuüben, durchaus auch mit ökonomischen Mitteln. Ich habe gehört, in der UN haben mittlerweile selbst die Mitarbeiter der UN... demonstrieren gegen die Untätigkeit der UN. Das heißt, wir müssen versuchen, die internationalen Strukturen wieder zu stärken. Ein schwaches Europa kann nicht einwirken auf diesen Konflikt. Eine schwache UN kann nicht einwirken auf diesen Konflikt. Das heißt, wir sehen jetzt die Folgen der Schwächung dieser internationalen Institutionen, die überhaupt in der Lage sind, auf solche Konflikte zu reagieren.

Die "Somalisierung" Syriens

Köhler: Es gibt Berichte, wonach Krankenwagenfahrer von schiitischen Milizen aus dem Iran aufgehalten wurden. Der 15. Dezember ist der letzte Tag in Aleppo für die widerständigen Rebellen. "Wir kommen wieder!" haben manche auf die Autos geschrieben. Aber wir wissen alle, was es jetzt gibt: Ja was wird es sein, riesige dauerhafte Flüchtlingslager?

Kermani: Ja, einmal das, und das wird uns weiter beschäftigen. Es steht die "Somalisierung" Syriens bevor, denn vor allem die sunnitische Bevölkerung wird keine Herrschaft von Assad akzeptieren. Die Rebellen haben sich ja zurückgezogen, der IS wird immer stärker. Es ist ja kein Zufall, dass ausgerechnet jetzt, wo angeblich ja Russland den IS bekämpft, Assad den IS bekämpft, wie zufällig Palmyra von dem IS wieder überrannt worden ist, dass da russische Waffen liegen bleiben, dass da syrische Waffen liegen bleiben. Dieses Problem wird uns dauerhaft beschäftigen und soll uns offenbar auch dauerhaft beschäftigen.

Köhler: Herr Kermani, Sie sind vor wenigen Tagen mit dem Marion-Dönhoff-Preis für Publizistik geehrt worden. Sie sind Friedenspreis-Träger des Buchhandels, haben vor zwei Jahren eine viel beachtete Rede bei einer Feierstunde zu Ehren des Grundgesetzes gehalten. Und wenn ich mich recht entsinne, sprachen Sie über die Paradoxie unseres Artikel eins von der Menschenwürde, die unantastbar ist. Erleben wir nach wie vor, dass diese Menschenwürde in weiten Teilen der Erde mit Füßen getreten wird?

Kermani: Ja, und wir müssen doch den Auftrag des Grundgesetzes sehen, der sich nicht nur auf die Würde der Deutschen bezieht, sondern auf die Würde der Menschen. Das heißt, unser eigenes Grundgesetz fordert uns doch auf, hier auch etwas zu tun im Rahmen unserer Möglichkeiten. Wie gesagt: Jetzt sind die Möglichkeiten, wo die Herzen alle gebrochen sind, unserer europäischen Politiker begrenzt. Aber man muss doch auf das Versagen auch der europäischen Politik hinweisen, hier untätig geblieben zu sein oder sogar mutwillig mit denjenigen paktiert zu haben, die die Dschihadisten ausgerüstet haben. Mir genügt das nicht, einfach zu sagen, wir sehen da mit Bedauern zu und können nichts tun, sondern wenn wir schon nichts tun können im genügenden Maße, dann müssen wir auch auf die Ursachen, auf die Verantwortung hinweisen, und das geschieht meines Erachtens in der Öffentlichkeit noch längst nicht ausreichend.

"Ein Konflikt, der uns unmittelbar betrifft"

Köhler: Ihr Appell an die Bundesregierung zum vierten Advent?

Kermani: Das kann ich jetzt nicht in einem halben Satz zusammenfassen. Da ist die Bundesregierung in einer zu schwierigen Lage. Aber natürlich zunächst mal diesen Konflikt als dringlichste Aufgabe zu betrachten auch deutscher und vor allem europäischer Politik, das nicht mehr, wie es vier, fünf Jahre geschah, das nebenher zu behandeln. Das ist ein Konflikt, der vor unserer Haustür stattfindet, der uns unmittelbar betrifft. Und wenn wir schon nicht sofort die nötigen Antworten haben, sollten wir doch versuchen, die Fragen zu stellen und um Antworten zu ringen.

Köhler: Akzeptierter Irrsinn - der Friedenspreis-Träger des deutschen Buchhandels, der Orientalist und Schriftsteller Navid Kermani. Jüngste Bücher heißen "Einbruch der Wirklichkeit", "Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa", "Ungläubiges Staunen über das Christentum" oder auch ein Buch über Paris.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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