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Negative Romantik

Yasmina Reza: "Adam Haberberg"

Von Martin Krumbholz

Gefährliches Treffen im Zoo
Gefährliches Treffen im Zoo (AP)

Der Roman "Adam Haberberg" der französischen Autorin Yasmina Reza besticht durch seine perfekte Dreieckskonstruktion: der Schriftsteller Haberberg, im Hintergrund seine Frau Irène, schließlich eine alte Bekannte, eine Schulfreundin, die Adam zufällig im Zoo, in der Nähe des Raubtierhauses wieder trifft.

Yasmina Reza versteht sich in ihren Theaterstücken "Kunst" und "Dreimal Leben" perfekt auf die Ökonomie der Mittel: Kleinste Ursachen haben verheerende Wirkungen. Das Missverhältnis zwischen beiden produziert viel Komik. Auch der Roman "Adam Haberberg" besticht durch eine einfache, aber perfekte Konstruktion: Ein Dreieck, der Schriftsteller Haberberg, im Hintergrund seine Frau Irène, schließlich eine alte Bekannte, eine Schulfreundin, die Adam zufällig wieder trifft.

Die Freundschaft dreier Männer zerbricht beinahe wegen der Anschaffung eines Kunstwerks. Eine abendliche Einladung, die der Karriere nützen sollte, wird zum Desaster. Die 1957 geborene Yasmina Reza versteht sich in ihren Theaterstücken "Kunst" und "Dreimal Leben" perfekt auf die Ökonomie der Mittel: Kleinste Ursachen haben verheerende Wirkungen. Das Missverhältnis zwischen beiden produziert viel Komik. Auch der Roman "Adam Haberberg" besticht durch eine einfache, aber perfekte Konstruktion: Ein Dreieck, der Schriftsteller Haberberg, im Hintergrund seine Frau Irène, schließlich eine alte Bekannte, eine Schulfreundin, die Adam zufällig wiedertrifft, im Zoo, in der Nähe des Raubtierhauses – und zwar, das ist das Entscheidende, im Moment einer existentiellen Schwäche. Schlechte Nachrichten sind eingetroffen: Haberbergs zweiter Roman wurde ungünstig besprochen, eine Thrombose im Auge diagnostiziert, der jüngste Familienausflug ans Meer war ein Desaster. Nun also der Auftritt der nicht sehr interessanten Schulfreundin:

"Sieht ganz so aus, denkt er und fixiert die Straußenvögel, als käme sie auf mich zu. Er linst hinüber. Sie kommt auf ihn zu. Eine beinahe lächelnde, mit zwei Taschen und einem Regenschirm beladene Frau nähert sich ihm. Marie-Thérèse Lyoc. Adam denkt, Marie-Thérèse Lyoc. Und er denkt sofort, nein, nicht Marie-Thérèse Lyoc, nicht hier und jetzt, nein. Und er denkt, denn so spielt das Leben, doch, Marie-Thérèse Lyoc."

Beziehungen zu Schulfreunden sind stabil, man duzt sich, eine natürliche oder auch trügerische Vertrautheit stellt sich ein: eine Basis für alles oder nichts. Vielleicht für einen Seitensprung? Jedenfalls steigt Adam in den Jeep seiner Bekannten, während seine Ehefrau noch arbeitet und die Kinder von einer Babysitterin ins Bett gebracht werden, und lässt sich kilometerweit gen Süden chauffieren, in das Nest, in dem Marie-Thérèse allein lebt. Es wird Kartoffelomelett zum Abendessen geben. Doch nein, keine konventionelle Ehebruchsgeschichte bahnt sich hier an, Marie-Thérèse läßt den Helden völlig kalt; eine Business-Frau ist aus ihr geworden, und schon das Wort Business regt Adam auf. Dieser Begegnung liegt von vornherein ein Missverständnis zugrunde. Allerdings wäre Yasmina Reza nicht die gewiefte Autorin, die sie ist, wenn sie die Option einer erotischen Liaison nicht doch gewissermaßen virtuell mitspielen ließe: Nach dem Essen, das man in der Küche einnimmt, wird die Gastgeberin den Brief einer sehr attraktiven, längst toten Klassenkameradin hervorzaubern, aus dem hervorgeht, dass Marie-Thérèse einmal heiß und innig in Adam verliebt war: eine Mädchenschwärmerei, längst passé? Wozu aber dann dieses seltsame Geständnis?

Es macht die Verwirrung komplett. Ein Exzess der Peinlichkeit, wie alles an der Situation nichts als peinlich ist. Das Drama spielt sich im Kopf des Helden ab. Vor der Folie der so banalen wie trostlosen Erfolgsstory der Marie-Thérèse nimmt das eigene Desaster unheimliche Konturen an. Während seine Bekannte ihr Omelett zubereitet und die muntere Gastgeberin spielt, stürzt Adam in den tiefen Schacht seines unglücklichen Bewusstseins. Obwohl erst 47 Jahre alt, sieht er sich nicht als Opfer einer gewöhnlichen midlife crisis, sondern eines jäh einsetzenden Alterungsprozesses:

"... früher oder später, denkt er, können wir die Zukunft vergessen, wir nähern uns der Zeit, wo das Dasein nichts mehr von uns verlangt, wo man nicht mehr Vater, Mutter, Liebhaber, Schriftsteller, schön, selbstverwirklicht, glücklich zu sein braucht. Wir setzen uns auf eine Bank und stellen fest, das ist die Haltung fürs Altersheim."

Na na, ist das nicht ein bisschen übertrieben? Natürlich, solche Zuspitzungen machen die Wirkung dieses kleinen Desillusionierungsromans aus. Jede optimistische Lesart einer Lebenssituation wird negiert. "Wir sind noch nicht mal fünfzig", bemerkt Marie-Thérèse im Auto, und daran stört Adam besonders das "wir", der Gestus der Kumpanei. Er greift zum Kugelschreiber und schreibt sich den Satz auf, umkringelt das "Wir". Und er denkt: Die Business-Frau soll sich nicht mit ihm gemein machen, sie darf nicht sehen, wie schlecht es ihm geht. Aber gemeinerweise sieht sie es und spricht es sogar aus. Virtuos inszeniert Reza die Doppelbödigkeit der Situation, den banalen Dialog und den dahinter liegenden inneren Monolog Adams, in dem er gnadenlos Gericht hält über sich selbst. Er, der Schriftsteller mit hehren Ansprüchen, hat anonym einen Groschenroman geschrieben, einen Anti-Adam-Haberberg, und das Schlimmste: In diesem uneitlen Stück Gebrauchsliteratur findet er sich wieder, er ist heimisch in der Trivialität. Das entsetzt ihn fast noch mehr als der Misserfolg seines ernsthaften Buchs, das er nun selbst grässlich findet.

"Alles kommt zu spät, denkt er. Und alles läuf auf dasselbe hinaus. Ob man Adam Haberberg gewesen ist oder Marie-Thérèse Lyoc, Gesichter in schwarzweiß auf dem Schulhof von Suresnes, das läuft auf dasselbe hinaus. Schritt für Schritt, denkt er, entpuppt sich das, was wir für die Wirklichkeit hielten, als Illusion, der Name, das Werk, die Zukunft. ... Wie komme ich nach Hause? Aus Viry-Chatillon, mitten in der Nacht ?"

Yasmina Reza ist eine negative Romantikerin. Viry-Chatillon entwickelt sich zu einer Falle, weil das Bewusstsein des Helden es so will. Dabei ist nichts an seiner Existenz wirklich tragisch. Die leise Komik, die sich schließlich einstellt, quillt aus dem Widerspruch zwischen der eher landläufigen Realität und dem Existenzdrama, das ein Drama des unglücklichen Bewußtseins ist. So brilliert Yasmina Reza einmal mehr als Ökonomin ihrer Mittel: kleine Ursache, große Wirkung.

Yasmina Reza: Adam Haberberg, aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, Hanser Verlag München.

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