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StartseiteForschung aktuellNervengift im Badesee30.04.2008

Nervengift im Badesee

Chemiker untersuchen den Zustand von Binnenseen in Zeiten des Klimawandels

Umwelt. - Auf der Jahrestagung der Wasserchemischen Gesellschaft in Trier sind die ersten Ergebnisse eines Untersuchungsprogramms in Sachsen vorgestellt worden, das die Vorkommen sogenannter Cyanotoxine in Binnengewässern untersucht hat. Erstsmals wurde dabei auch geringe Konzentrationen von Saxitoxin nachgewiesen, einem hochgiftigen Nervengift, das von Algen produziert wird. Der Wissenschaftsjournalist Volker Mrasek berichtet darüber im Gespräch mit Gerd Pasch.

Womöglich begünstigt die Klimaerwärmung Cyanobakterien in Binnengewässern. (AP)
Womöglich begünstigt die Klimaerwärmung Cyanobakterien in Binnengewässern. (AP)

Gerd Pasch: In Trier ist heute die Jahrestagung der Wasserchemischen Gesellschaft zu Ende gegangen. Teilgenommen hat auch Volker Mrasek, den ich jetzt im Studio begrüße. Was war denn das interessanteste Thema auf dieser Veranstaltung?

Volker Mrasek: Das ist natürlich schwierig zu sagen bei dem Reigen der vielen Themen. Aber es gab, kann man sagen, fast schon so etwas wie eine Sensation, und zwar die Präsentation der ersten Ergebnisse eines Untersuchungsprogramms in Sachsen. Da hat man sich das Vorkommen von Cyanotoxinen in Badegewässern angeschaut. Cyanotoxine sind Giftstoffe, die von Cyanobakterien produziert werden und ins Wasser abgegeben werden. Die sind dem Laien wahrscheinlich eher geläufig als Blaualgen, so nennt man sie auch. Sie treten im Sommer auf, wenn es zu sogenannten Algenblüten kommt in stehende Gewässern. Da liefen 2007, im letzten Jahr, Messungen, aber die Analytik ist sehr schwierig. Es hat eine Weile gedauert, und jetzt sind erstmals Ergebnisse auf einer wissenschaftlichen Tagung vorgestellt worden. Das Besondere ist, dass es jetzt erstmals in Deutschland der Nachweis einer Substanz namens Saxitoxin gibt. Das ist ein hochgiftiger Stoff, ein Nervengift, das zu Lähmungserscheinungen führen kann und das man kennt als Auslöser von Lebensmittelvergiftungen und zwar beim Verzehr von Muscheln, die Plankton filtrieren. Da sind diese Organismen drin und die Giftstoffe, und die Muscheln reichern das an. Diese Muschelvergiftungen können sogar tödlich enden. Das wird ausgelöst durch diesen Stoff, durch Saxitoxin, allerdings muss man sagen: bei viel höherer Konzentration, wenn man das mit einem Muschelgericht zu sich nimmt, als man sie jetzt in zwei sächsischen Badegewässern erstmals in Deutschland nachgewiesen hat.

Pasch: Welches Risiko besteht denn damit?

Mrasek: Im Moment kann man das noch gar nicht abschätzen. Es ist der erste Fund überhaupt. Die Konzentration ist wie gesagt sehr gering, aber man sollte das schon als Alarmzeichen auffassen. Man sollte den Stoff im Auge behalten, weil er so hochgiftig, so hochtoxisch ist, vielleicht auch in anderen Gewässern. Wenn er in höheren Konzentrationen vorkäme, gäbe es unter Umständen das Risiko, wenn man Badewasser verschluckt, dass es zu einer Vergiftung kommt. Kindern kann das vielleicht passieren. Es gibt auch einige bekannte Cyanotoxine, die Hautreizungen auslösen, wenn man in Kontakt mit ihnen kommt. Da muss man allerdings auch sagen: Die Badesaison geht zwar jetzt gerade los - man hat das Gefühl zumindest -, aber diese Algenblüten gibt es erst im Hochsommer. Insofern muss man sich im Moment zumindest keine Sorgen machen.

Pasch: Wo kommen denn diese Algenblüten überhaupt her?

Mrasek: Eine spannende Frage ist, wo der Stoff überhaupt herkommt, denn bisher hat man gedacht, oder früher hat man gedacht, dieses Saxitoxin wird nur von marinen Planktonarten produziert, also im Meer. Inzwischen ist man aber davon überzeugt, dass der Stoff auch von Arten in Binnengewässern abgesondert wird. Das könnte in diesem Fall, oder muss in diesem Fall ja quasi der Fall sein. Es gibt die Hypothese, dass sich die Klimaerwärmung auch hier auswirkt und dass Cyanobakterien-Arten begünstigt werden, die unter anderem solche neuen, für uns neuen Nervengifte produzieren. Das können hiesige Arten sein, die jetzt schon vorkommen und jetzt begünstigt werden durch die Wärme. Es können aber auch fremde sein, die einwandern. Das weiß man im Moment noch nicht so ganz genau. Die Biologen benennen diese Ordnung mit einem Fachbegriff, die Blaualgen, diese Sorte heißen Nostocales. Es gab auch zum Beispiel eine Untersuchung im Raum Berlin, da ist in jedem zweiten See ein neues Toxin namens Cylindrospermopsin aufgetaucht, in viel höheren Konzentrationen als jetzt das Saxitoxin. Es ist ein Lebergift, das man auch bisher nicht kannte in deutschen Gewässern. Auch hier sind diese sogenannten nostocalen Blaualgen die Verursacher. Jetzt gibt es zurzeit ein Forschungsprojekt, die Problematik ist bekannt. Das Projekt nennt sich "Nostotox", und da wird zurzeit näher untersucht, ob es denn stimmt, dass diese Sorte von Cyanobakterien in unseren Gewässern zunimmt. Da sind unter anderem dabei das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, die TU Cottbus und das Umweltbundesamt. Was man weiß ist, dass die Klimaerwärmung die Vegetationsperiode verlängert. Der Frühling setzt früher ein, vielleicht nicht gerade in diesem Jahr, aber in den vorherigen Jahren war das so. Die Folge ist, dass die Blaualgen dann im Laufe der Saison mehr Biomasse aufbauen, am Ende stärkere Blüten da sind und auch mehr solcher Stoffe produziert werden.

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