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StartseiteComputer und KommunikationNetz-Musik mal anders31.01.2004

Netz-Musik mal anders

Plattenlabel setzt neue Standards für Online-Musik

<strong> Schwergewichte der Musikbranche überziehen zurzeit vor allem Jugendliche mit gerichtlichen Klagen, weil sie in Internet-Tauschbörsen Musik nehmen und geben ohne dafür zu zahlen. Doch die drakonischen Maßnahmen sind auch in der Branche selbst umstritten. Zumal viele Kritiker glauben, dass die Tauschbörsen nur Vorwand und nicht der eigentliche Grund für schlechte Geschäfte sind. Auf der diesjährigen Musikmesse Midem in Cannes zeigt ein Plattenlabel, dass es auch anders geht.</strong>

Von Maximilian Schönher

Magnatune setzt auf kostenloses Probehören. (magnatune)
Magnatune setzt auf kostenloses Probehören. (magnatune)

Maximilian Schönherr

Die Midem in Cannes hatte einen Feind: den Rohling. Die beschreibbare CD ist, so die offiziellen Statements auf dem weltgrößten Musikmarkt, ist dafür verantwortlich, dass keiner mehr Original-CDs kauft. Nun weiß keiner, was mit 260 Millionen Rohlingen, die die Deutschen im letzten Jahr gekauft haben, tatsächlich passiert ist; die Zahl eins zu eins auf Musikkopien umzulegen, hält jedenfalls keiner nüchternen Betrachtung stand. Na, dann sind eben die Musiktauschbörsen dran schuld! Auch dazu gibt es mindestens eine Studie, die belegt, dass Kazaa, eDonkey, Gnutella & Co. höchstens für einen Bruchteil der Einnahmeverluste verantwortlich sein können.

Napster hatte, als es noch eine kostenlose Tauschbörse war, ein Fünftel so viele Nutzer wie Kazaa heute. Aber die Verkaufszahlen von CDs fielen nach dem Ende von Napster und mit dem Boom von Kazaa nicht wahrnehmbar ab. Daraus folgt, dass die drastische Zunahme an Raubkopien über Netz nicht für weniger verkaufte CDs verantwortlich ist...

sagt John Buckman von dem Online-Musiklabel Magnatune. Was aber ist dann wirklich für das Jammertal der Musikindustrie verantwortlich?

Der Musikindustrie ging es in den letzten zehn Jahren außerordentlich gut, denn sie verkauften den Leuten, die vorher LPs hatten, mit großem Erfolg dasselbe nochmal auf CD. Jetzt geht in der Industrie die Angst um, dass es nach der CD nichts mehr gibt, dass man kein neues Format mehr so erfolgreich vermarkten kann. Deshalb ist meine These, warum Sony-Online Musik mit geringerer Qualität liefert, diese: Sie wollen dir später dasselbe nochmal in besserer Qualität anbieten, damit du’s wieder kaufst.

Die Kopierschutzmaßnahmen bei Online-Musik schützen nach Meinung von John Buckman den Käufer nicht, sondern liefern ihm ein degeniertes Produkt, deutlich schlechter als die gute alte CD. Betrug am ehrlichen Kunden. Die miserabel klingenden 30-Sekunden-Probepackungen im Web findet er eine Zumutung. John Buckman hat leicht reden: Auf seiner Seite kann man etwa 1000 Titel von Barock bis Punk in so genannter 128 Kilobit-, also guter Qualität nicht vorhören, sondern komplett durchhören und bei Bedarf für relativ wenig Geld online kaufen. Die Verweildauer bei magnatune.com beträgt durchschnittlich beachtliche 4,5 Stunden - anschließend greift jeder 28. Surfer zu seiner Kreditkarte und lässt die Musik in allerreinster CD-Qualität als wav-Datei in seinen Rechner herüberlaufen. Seit Magnatune auch übers Internetradio sendet und nach jedem dritten Stück Eigenwerbung der Künstler einstreut, hat sich der Umsatz verdoppelt. Schon wenige Monate nach dem Start im Mai letzten Jahre schrieb John Buckman schwarze Zahlen. Warum lieben die Künstler dieses Online-Label so? Warum wagt es John Buckman, auf seine Webseite zu schreiben: "Wir sind eine Plattenfirma, aber nicht böse?" Weil zu seinem Geschäftmodell etwas völlig Branchen-Unübliches gehört: Statt dem Künstler per Vertrag für Jahre alle Rechte zu nehmen und ihn mit Minimalzahlungen abzufinden, bleiben bei Magnatune die Rechte bei den Musikern, und sie erhalten 50 Prozent von jedem Online-Verkauf. Das führte dazu, dass selbst ein ukrainischer Männerchor, der 1000 Jahre alte byzantinische Musik singt, von John Buckman Schecks in Höhe von einigen tausend Dollars pro Jahr geschickt bekommen. Das Teuerste für John Buckman, den Lautenspieler und "guten" Labelchef aus Berkeley, Kalifornien, ist das Internetradio. Er zahlt für jeden Zuhörer pro Monat fünf Dollar. Durchschnittlich hören ein paar hundert Leute gleichzeitig den Magnatune-Stream, meist stundenlang. Was sagt der Außenseiter zu den neuerlichen Drohungen des Verbands der amerikanischen Musikindustrie RIAA gegen Hunderte vermeintlicher Raubkopierer?

Was sollen sie schon tun? Sie haben ja nur ganz wenige Optionen. Sie glauben fest daran, dass ihnen die Raubkopien wehtun. Nachdem es ihnen misslungen ist, Kazaa selbst vor Gericht zu ziehen, versuchen sie nun, an die kleinen Leute heranzukommen, also Großmütter und 12jährige Kinder. Das hat manche in der Tat abgeschreckt, und der Tausch von Musik übers Internet scheint etwas zurückgegangen zu sein.

Andererseits gibt es heute eine ganze Generation an jungen Leuten, die in der Musikpiraterie eine Art sozialen Aktivismus sehen, einen Kampf gegen die Musik-Mafia. Diese Kids braucht man nicht zu überzeugen, dass der Tausch von Musik bei Kazaa Piraterie ist, sie wissen es ja und genießen es gerade, die Industrie zu schädigen, weil sie sie als böse Macht empfinden. Dazu Buckman:

Ein Dilemma für die Musikindustrie: Sie stellt im Grunde ja ein Produkt der Gegenkultur her und fängt jetzt an, ihre Kunden zu verstümmeln. Das lässt für Firmenmodelle wie meines ein riesiges Loch, weil wir die Leute hier fair behandeln.

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