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StartseiteBüchermarktDie neuen Monopole06.03.2014

NetzpolitikDie neuen Monopole

"Wem gehört die Zukunft?" Diese Frage stellt der Informatiker Jaron Lanier in seinem neuen Buch. Seine zentrale These: Die vermeintlichen Kunden der Internetkonzerne sind in Wahrheit deren Produkt. Lanier kritisiert vor allem Monopolisten wie Facebook, die den Markt zerschlagen wollen.

Von Martin Zähringer

Jaron Lanier hat nichts gegen den Kapitalismus, wie er mehrfach betont. Als Start-Up-Unternehmer spielte er selbst das Übernahmespiel des digitalen Kapitalismus, bei dem die Großen die Kleinen systematisch einverleiben. Wenn aber immer absurdere Milliardensummen fließen, wenn ein Monopolist den Markt zerschlagen will wie soeben Mark Zuckerberg von Facebook, dann ist das für Lanier eine große Fehlentwicklung: Die Etablierung von Informationsmonopolen und das Schaffen von illegitimem Datenmehrwert durch Amazon, Facebook, Google, eBay, YouTube, Apple, Microsoft, NSA und artverwandte Geheimdienste. Oder durch große Versicherungsunternehmen, die mittels Big Data und Suchalgorithmen die riskanten Kunden herausrechnen. Lanier nennt die großen Internetdienstleister gleichermaßen "Spionagedienste" oder auch "Sirenenserver":

"Die NSA und die amerikanischen Krankenversicherer erlagen derselben Schwäche, einer Form der institutionellen Abhängigkeit. Sie wurden abhängig von einem, wie ich es nenne, Sirenenserver. Hinter einem Sirenenserver verbergen sich enorme Rechnerleistungen, die alle anderen Rechner im Netzwerk übertreffen und ihren Eigentümern auf den ersten Blick einen garantierten Weg zu unbegrenztem Erfolg bieten", schreibt der Buchautor.

Diese Vorteile seien reine Illusion  – Sirenengesang eben - und über kurz oder lang führen sie zu einem massiven Scheitern. Doch im Augenblick sind die Elitecomputer da und sie definieren die Gesetze der Informationswirtschaft.

"Ein Sirenenserver ist der Sieger in einem Alles-oder-Nichts-Wettbewerb, und alle, die mit ihm interagieren, werden in kleinere Wettbewerbe hineingezogen, bei denen es ebenfalls um alles oder nichts geht. Sirenenserver sammeln Daten im Netzwerk, für die sie meist nichts bezahlen müssen. Die Daten werden mit den leistungsfähigsten Computern analysiert, die von Spitzenkräften gewartet werden. Die Ergebnisse der Analysen werden geheim gehalten, aber dazu genutzt, die übrige Welt zum eigenen Vorteil zu manipulieren."

Universales System von Mikrozahlungen

Lanier schlägt vor, dass wir uns von der Vorstellung kostenloser Informationen verabschieden, um ein universales System von Mikrozahlungen aufzubauen. Das ist das Grundrezept, ein Beispiel für derart mittelständisch-softwarevermittelte Wertschöpfung: das per Online-Dating erfolgreich verkuppelte Liebespaar wird für weitere Daten zum Ausbau eines Erfolgsprofils von der Dating-Plattform bezahlt. Solche Modelle würden zu einer ehrlicheren Form der digitalen Informationswirtschaft und am Ende zu einem starken Mittelstand führen, dem zentralen Akteur einer "humanistischen Informationsökonomie". Ob das die Sirenenserver vom Platz fegen wird? Was wirklich vor sich geht, erklärt Lanier selbst mit zwei vokswirtschaftlichen Verteilungskurven: Die gute ist die Gaußsche Glockenkurve oder Normalverteilung: sie sieht aus wie ein gemütlich-halbrunder Erdhügel und besagt, dass sich in der Mitte der Gewinn aller wirtschaftlichen Akteure relativ gleichmäßig verteilt. Die schlechte Kurve stellt das Starsystem der "Sirenenserver" dar. Hier liegt der Gewinn bei ein paar wenigen Stars, die am Ende einer flachen Kurve rasant aufsteigen, während der Rest den "Long Tail" bildet, den langen Schwanz der Verlierer.   

"Leider tritt das Muster der Starsystem-Verteilung auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft immer häufiger auf. In den USA hat Zeitalter der Netzwerke bekanntermaßen eine Schwächung der Mittelschicht stattgefunden, begleitet von einer massiven Ungleichverteilung beim Einkommen. Das muss nicht so sein". schreibt Lanier.

Schaffung von Mehrwert durch Datenverarbeitung

Das klingt nach Positivprognose. Lanier nennt das ganze Buchprojekt vorsichtigerweise  "Versuch zu einer futuristischen Wirtschaftsform". Es geht vor allem darum, die Schaffung von Mehrwert durch Datenverarbeitung bei den Internetnutzern selbst beginnen zu lassen. Aber die Konzepte sind nicht wirklich ausgereift, dafür ist der Autor in der Diagnose konkreter. Anschaulich führt er die Unterschiede zwischen mittelständischer Digitalwirtschaft und Eliteservern vor: so habe der ursprüngliche Personal Computer seinerzeit dem Mittelstand - und das nicht nur in der Informationswirtschaft - enorme Aufschwünge beschert; während das Tablet oder das Smartphone, die nur mit Internet und ebenjenen Sirenenservern funktionieren, ausschließlich die Monopole begünstigen. Und deren Geschäftsmodell sei recht einfach. Der User erfreut sich kurzfristig an Musik und Tralala zum Nulltarif: „Spionagedienste“, wie zum Beispiel ein soziales Netzwerk oder Suchmaschinen ziehen dagegen ein dauerhaftes Vermögen aus den Informationen, die kopiert werden, in unserem Fall also den Musikaufnahmen. Ein Musiker, der sein Geld in Echtzeit verdienen muss und nicht mehr die üblichen Absicherungen wie Lizenz- und Kopiergebühren hat, kann zwar durchaus bekannt werden und sogar Geld verdienen (über Live-Auftritte, den Verkauf von T-Shirts usf), aber reich wird er damit nicht. Das große Geld verdient der zentrale Server" 

Etwa dadurch, dass er Datendossiers aus all den freiwillig und umsonst an die angeblich sozialen Netzwerke gelieferten Informationen an die Werbeindustrie verkauft. Ein Milliardengeschäft, das in einen monopolkapitalistischen Alptraum führe und die ursprünglichen Ziele und Träume der Erfinder längst ad absurdum geführt habe. Am Anfang waren ein paar Garagenfreaks in Palo Alto, so jedenfalls ein moderner Mythos, die sich von Internet und freiem Datenverkehr eine bessere Welt versprachen, aber: "Wenn dieselben Leute über ein Computernetzwerk verfügen, dann steht von vornherein fest, dass derjenige, der den leistungsstärksten Computer hat, auch die Informationshoheit erlangen wird. Alle Menschen sind gleich, Computer aber nicht. Ein Spitzencomputer kann seinem glücklichen Besitzer grenzenlosen Reichtum und Einfluss bringen, für alle anderen jedoch bedeutet das Unsicherheit, Sparpolitik und Arbeitslosigkeit."

Kein Bedarf mehr für Politik

Nun hat Lanier als Netzwerkingenieur selbst bei Versicherern, Banken und Geheimdiensten für digitale Strukturen gesorgt und kennt auch jene "Masters of the Universe", wie sich die Besitzer der Superrechner gerne nennen. Deren Ehrgeiz bestehe darin, eine "Delle ins Universum zu drücken", indem sie sich auf den Weg zur persönlichen Unsterblichkeit begeben. Über ewiges Leben würde ernsthaft in der Singularity University von Ray Kurzweil geforscht. Der eBay-Gründer Kurzweil lehre auch an der Stanford University das allein selig machende Prinzip der Monopolstellung. Nach Lanier basiere die Ideologie des Silicon Valley immer mehr auf dem Prinzip der Zerschlagung nichtbeherrschbarer Wirtschaftsakteure einerseits, der Nullbegrenzung andererseits, wonach die technische Entwicklung unbegrenzt sei - und auf der sogenannten Abundanz. Lanier: "Abundanz: Technologie ist das Mittel, um der Politik zu entkommen und materiell Unsterblichkeit zu erlangen. Die Technologie wird eines Tages so gut sein, dass jeder alles hat und es keinen Bedarf mehr für Politik gibt."

Lanier versucht sich derweil an der von ihm erfundenen "humanistischen Informationsökonomie" und scheitert damit. Im Stil der Netzwerkbastelei und mit Parametern der Informatik lassen sich Sozial- und Wirtschaftstheorie nicht verkuppeln. Am Ende klopft Lanier zumindest sein Selbstbild als Theoriebastler fest und bezeichnet sich als Sozialliberalen. Was nur einmal mehr zeigt, wie fragwürdig das sozialliberal Kompositum ist. Wo die Rechner stehen und wie sie funktionieren, das darf dieser Autor nicht aufklären, ein Zauberlehrling in der Hexenküche des Silicon Valley. Was unterdessen die superliberalen Masters of the Universe treiben, zeigen Jaron Laniers hochbezahlte Kollegen aus dem Silicon Valley. Die sorgen derzeit in ganz San Francisco für das wohlbekannte Phänomen der Gentrifizierung und - das können sie ja - der Zerschlagung, nämlich in Jahrzehnten gewachsener Sozialstrukturen der Solidarität und Nachbarschaft. 

Jaron Lanier: "Wem gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde der Internet-Konzerne, du bist ihr Produkt!"
Hoffmann und Campe 2014, 480 Seiten

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