Freitag, 24.11.2017
StartseiteKultur heuteDeutliche Kritik an Erdogans Plänen08.11.2017

Neubau der Istanbuler OperDeutliche Kritik an Erdogans Plänen

Mit seiner Ankündigung, das baufällige und seit fast zehn Jahren leer stehende Atatürk-Kulturzentrum renovieren und umbauen zu lassen, hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan heftige Kritik ausgelöst. Der derzeitige Zustand des Gebäudes ist zwar unhaltbar, viele vermuten hinter der Entscheidung aber politische Motive.

Von Christian Buttkereit

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Menschen gehen am 04.06.2013 am Taksim Platz in Istanbul am leerstehenden und besetzten Opernhaus vorbei. (imago / Florian Schuh)
Symbol für den derzeitigen Zustand der Republik: Das Atatürk-Kulturzentrum ist baufällig und die Pläne für den Umbau zur Oper sind ideologisch vermint (imago / Florian Schuh)
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Die türkische Metrolpole Istanbul erhält ein neues Opernhaus. Dazu soll das bestehende Atatürk-Kulturzentrum, kurz AKM, renoviert und erweitert werden.

Das Opernhaus  am zentralen Taksim-Platz war 1969 in Betrieb genommen worden und galt als Symbol der modernen, nach Westen orientierten Türkei. Nach nur einem Jahr brannte es aus und erst Jahre später hob sich wieder der Vorhang. Doch nun steht das Atatürk-Kulturzentrum seit fast zehn Jahren leer, weil es baufällig ist. Die Fassade wirkt mit den eingeworfen Glasscheiben trostlos. Endlich könnte man sagen, tut sich was.

So sieht es auch Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan:

"Ich bin sehr traurig darüber, dass die Türkei erst heute den Grundstein für ein Vorhaben legt, das eigentlich vor zehn Jahren schon eingeleitet worden sein sollte. Denn das AKM wäre schon längst fertig und stünde im Dienste der Gesellschaft."

Umbau soll schon 2019 fertig sein

Völlig überraschend hatte Erdogan zu Beginn der Woche die Pläne für das neue Kulturzentrum vorgestellt. Zuvor war bereits über einen Abriss spekuliert worden. Nun soll das bestehende Gebäude um einige Anbauten erweitert werden. Schon im Frühjahr 2019 soll alles fertig sein, schließlich stehen spätestens im November Parlaments- und Präsidentschaftswahlen an. Verantwortlicher Architekt ist Murat Tabanlioglu:

"Der Hauptblock des Gebäudes wird rekonstruiert, die alte Fassade bewahrt. Es wird einen großen Hauptsaal geben, einen großen Konzertsaal, darunter ein Kammertheater, ein sogenanntes Mehrzweck-Blackbox-Theater, ausserdem zahlreiche Räumlichkeiten, die beispielsweise für Ausstellungen genutzt werden können."

Der bisherige Gebäudeteil soll als Eingang in die Theatersäle dienen. Im Zentrum führen alle Wege in eine große rote Kugel und auch wieder hinaus. Erdogan-Kritiker vergleichen das Rund reflexartig mit einer Moscheekuppel, doch Architekt Tabanlioglu beruhigt mit Verweis auf das Bauhaus:

"Was die Kugel angeht: Da habe ich mich von einem deutschen Architekten namens Gropius inspirieren lassen, der nie die Gelegenheit hatte, seine Zeichnung umzusetzen. Er nennt das Konzept 'Totales Theater'... eine Kugel, die, kommt man zum ersten Mal, nicht sofort verrät, was eigentlich drin ist."

Kritiker sehen Verstoß gegen Denkmalschutz

Dass Tanbanlioglu den Umbau plant, dürfte kein Zufall sein. Das alte Atatürk-Kulturzentrum hatte sein Vater entworfen. Eine Garantie, dass der Sohn mit dem Erbe des Vaters verantwortlich umgeht, sei das aber noch nicht, meint Eyüp Muncu, Präsident der türkischen Architektenkammer. Er wirft der Regierung vor, die seit 2009 beschlosssene Sanierung so lange bewusst verschleppt zu haben, bis am Ende nur noch ein Quasi-Neubau möglich ist. Und dabei sei auch noch nachgeholfen worden, sagt der Anwalt der Architketenkammer, Cem Atalay:

"Die Architektenkammer hat im Schnitt zweimal im Jahr Anzeigen erstattet, weil das Atatürk-Kulturzentrum vorsätzlich beschädigt wurde, damit es baufällig wird und abgerissen werden kann. Aber es wurde nicht ein einziges Ermittlungsverfahren eingeleitet."

So seien die tragenden Säulen beschädigt worden und seit den Gezi-Protesten 2013 parkten Polizeieinheiten ihre Mannschaftswagen in dem Gebäude, was der Statik wahrscheinlich auch nicht guttue. Am neuen Entwurf kritisieren Architekten und Künstler vor allem, dass er sowohl gegen einen Gerichtsbeschluss als auch gegen Auflagen der Denkmalschutzbehörde verstößt. Für den Schauspieler Orhan Aydin kommen die Pläne deshalb einem Abriss des symbolträchtigen Opernhauses gleich.

"Wir machen keine Zugeständnisse. Das Atatürk-Kulturzentrum ist ein registriertes Kulturerbe. Und kein Despot ist berechtigt, es abzureißen."

Finanzierung des Projekts noch unklar

Staatschef Erdogan war bereits bei der Vorstellung des Projektes auf die zu erwartene Kritik eingegangen. Schließlich war ihm immer wieder unterstellt worden, dass Symbol der modernen Republik auf dem Taksim-Platz sei ihm ein Dorn im Auge.

"Der Widerstand gegen den Abriss und Neubau hat nichts mit Kulturverständnis zu tun. Es sind ideologische Gründe. Wir wissen das. Diese Gesinnung begegnet uns in allen Bereichen. Es gibt regelrecht eine institutionalisierte Lobby, die jedes Bauprojekt in unserem Land verhindern möchte und dafür alle Schwachstellen des Systems ausnutzt und sogar aus dem Ausland massiv unterstützt wird."

Was Erdogan nicht gesagt hat, ist, welche Summen das Projekt verschlingen wird und wer das bezahlen soll. Mücella Yapici von der Architektenkammer Istanbul vermutet, dass ein privater Investor und Betreiber gesucht wird, dem der Staat eine bestimmte Summe von Einnahmen garantiert. Sollte die nicht durch den Ticketverkauf eingespielt werden, springt der Staat ein. Auf diese Weise wurden in den letzten Jahren auch zahlreiche Brücken und Tunnel finanziert - nicht immer zum Vorteil des Steuerzahlers. Möglicherweise komme es aber gar nicht so weit, meint Mücella Yapici:

"Das ist ein reines Wahlkampf-Projekt. Außerdem soll es den Abriss des Atatürk Kulturzentrums legitimieren. Ich bin überzeugt, dass sie es am Ende gar nicht verwirklichen."

Istanbuler sind gespaltener Meinung

Viele Istanbuler fänden das schade. Denn das Atatürk-Kulturzentrum steht seit Jahren als Schandfleck am Taksim-Platz und Bühnen für große Aufführungen fehlen in der Stadt:

"Zuletzt habe ich in der Oper 'Madame Butterfly' gesehen. Zugegeben, das Zentrum war veraltet, eine Renovierung war dringend nötig. Schade, dass es dann zehn Jahre leer stehen musste. Mir wäre es lieber gewesen, sie hätten das alte Gebäude restauriert, statt es jetzt abzureißen. "

"Ich bin für das neue Projekt - und ich denke, es wird schöner werden als bisher. Eigentlich ist alles besser als dieses Gebäude in diesem schlechten Zustand. Nichts desto Trotz hoffe ich, dass es in der kurzen Zeit auch wirklich feriggestellt werden kann. Ziel ist das Frühjahr 2019."

"Meiner Meinung nach ist das unnötig. Das jetzige Gebäude hätte ausgereicht. Und wenn schon ein neues Gebäude, dann wenigstens nicht so viel Beton. Sie hätten ein symbolträchtigeres Gebäude entwerfen können. Etwas anderes. Aber die eigentliche Frage für mich ist: Wird es danach wieder Atatürk-Kulturzentrum heißen? Das ist das Wichtigste."

Der Name Atatürk müsse auf jeden Fall erhalten bleiben. Aber im derzeitigen Zustand werde das Gebäude seinem Namen nicht gerecht. Vielmehr stehe es als Symbol für den derzeitigen Zustand der Republik.

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