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StartseiteInterviewNeudeck: Muslimbrüder müssen Angebot an ganze Gesellschaft machen30.01.2012

Neudeck: Muslimbrüder müssen Angebot an ganze Gesellschaft machen

In Ägypten üben Salafisten weiter Druck auf Christen aus

In Ägypten versuchen die muslimischen Salafisten, christliche Kopten mit sanfter Gewalt zum Islam zu konvertieren. Gingen die Kopten nicht auf die "Angebote" der Salafisten ein, passiere erstmal nichts, sagt Rupert Neudeck. Aber die Christen hätten Angst.

Moderation: Friedbert Meurer

Der Grünhelm-Geschäftsführer Rupert Neudeck  (AP)
Der Grünhelm-Geschäftsführer Rupert Neudeck (AP)

Friedbert Meurer: Letzten Mittwoch vor genau einem Jahr musste Ägyptens Präsident Mubarak zurücktreten. Das war ein Sieg für all die vielen Demonstranten, die für Freiheit und Demokratie auf dem Tahrir-Platz gekämpft hatten. Die Bilder voller Jubel in Kairo, sie gingen um die Welt, der Arabische Frühling hatte einen seiner ersten Höhepunkte erlebt. Was nur ist aus dem Sieg der Opposition geworden, fragen sich viele? Im neuen Parlament haben die Islamisten das Sagen, in Gestalt der Muslim-Bruderschaft und des radikaleren Zweigs der Salafisten. Rupert Neudeck, Vorsitzender der Hilfsorganisation "Grünhelme", ist südlich von Kairo unterwegs, in Mittelägypten, und er hat uns gestern Abend berichtet, wie die Salafisten auf christliche Kopten einwirken, um sie zum muslimischen Glauben zu bewegen.

Rupert Neudeck: Man muss sich das so vorstellen, die Salafisten haben sehr viel Geld von Saudi-Arabien. Deshalb sind sie auch so stark. Sie machen eine Sozialarbeit, verbinden die aber mit dem "Angebot", dass jemand, der dann Geld bekommt oder Medizin oder Nahrungsmittel, wenn er in Not ist, dass er besser dann zum islamischen Glauben übertritt, dann wird er das alles bekommen. Das ist eigentlich der Trick, den die Salafisten nach bewährter Methode ihrer radikalen Glaubensbrüder in anderen Ländern anwenden, und das erregt hier natürlich bei den Christen, die etwa acht Prozent der Bevölkerung haben - und ich bin hier in Dörfern, wo auch viele Christen leben -, sehr viel nicht nur Ärger, sondern Angst, und das ist eigentlich die erste Gruppe, die Christen sind die erste Gruppe im Lande, die ganz große Enttäuschung haben über die Revolution, die auch hier so genannt wird.

Meurer: Was geschieht denn, Rupert Neudeck, wenn die Kopten nicht auf dieses finanzielle Angebot eingehen und es ablehnen, sich zum muslimischen Glauben bekehren zu lassen?

Neudeck: Dann passiert erst mal gar nichts, weil es gibt keine Polizei hier, die etwas derartiges untersuchen könnte, und die Salafisten sind auch nicht groß genug, stark genug, sie werden zwar von außen unterstützt, aber sie haben nicht die Macht, da etwas durchzusetzen. Das, was sie erreichen können, ist, dass Angst im Lande ausgebrochen ist, dass also die große christliche Minorität, die eine große Tradition im Lande hat, Angst bekommt. Das ist das einzige, was im Moment feststellbar ist.

Meurer: Es gibt Übergriffe gegen Kopten in Ägypten, Schutzgelderpressung, Entführungen und anderes mehr. Wer kann den Kopten helfen in Ägypten?

Neudeck: Ich glaube, das wichtigste jetzt ist, dass das Parlament sich so äußert und so benimmt, dass es ein richtiges Reformparlament ist. Das heißt, die entscheidende Frage für Ägypten wird sein, sind die Muslim-Brüder jetzt eine Partei, die demokratiefähig ist. Das bezweifeln einige immer noch hier in Ägypten, und es gibt gute Gründe, das zu bezweifeln. Aber ich glaube, dass der pragmatische Druck, der auf den Muslim-Brüdern im Parlament sitzt - sie sind die wichtigste Fraktion -, dass das dazu führen könnte, dass die Muslim-Brüder ein Angebot geben an die gesamte Gesellschaft, damit der Enthusiasmus, der durch die Revolution ja entstanden ist, damit der nicht ganz verloren geht.

Das andere ist: Ich erlebe hier selbst mit großer Sorge eine unglaubliche Armut in den Dörfern, und das ist, glaube ich, das Entscheidende für das Land. Es muss hier ein Programm beginnen, eine Revolution an Arbeitsplätzen, es muss hier richtig die Wirtschaft angekurbelt werden, denn hier ist eine Gesellschaft mit 60 Prozent, die bis 20 Jahre alt ist, und für die gibt es nicht genug Arbeitsplätze. Und um das zu erreichen, da ist, glaube ich, wirklich es nötig, dass ein Parlament und auch demnächst ein Präsident, ein Ministerpräsident alles tut, damit das Land vorankommt.

Meurer: Rupert Neudeck, Vorsitzender der "Grünhelme", aus Ägypten, etwa 300 Kilometer südlich von Kairo. Die schlechte Telefonqualität bitte ich zu entschuldigen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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