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StartseiteLied- und Folkgeschichte(n)Wiener Bands von Folksheld bis Neuschnee04.11.2016

Neue Allianzen mit alten Bekannten Wiener Bands von Folksheld bis Neuschnee

In Österreich tut sich was: Voodoo Jürgens hat sich als 'Folksheld' neu erfunden, mit Gitarre im Stile Woody Guthries. Die Band Neuschnee erzählt Popmärchen, bei denen Elektro auf Kammermusik trifft. Grant ist der Newcomer des Jahres und Herbert Janata hat sich mit Sohn Sebastian zusammengetan. Augenzwinkernd nennen sie sich Worried Man & Worried Boy und etablieren ein neues Genre: Mundart-Skiffle.

Von Regina Kusch

Die Musiker Sebastian und Herbert Janata stehen weißgekleidet in aufgeschüttetem Sand vor einer Fotoleinwan, die einen breiten Weg durch einen Palmenwald zeigt  (Naa Teki Lebar)
Ruhig bleiben: Ein musikalisches Experiment von Vater Herbert und Sohn Sebastian Janata (Naa Teki Lebar)

Die Kleinkunstszene in Österreichs Hauptstadt ist nicht besonders groß, aber bestens vernetzt und so kommt es häufig vor, dass spontane Musik-Sessions stattfinden, im Café Dezentral im 2. Bezirk zum Beispiel. Es hat eine kleine Bühne, auf  der immer wieder Neues entsteht, wenn Musiker, die sonst nicht zusammen spielen, gemeinsam improvisieren. In diesem Umfeld ist auch das erste Solo-Album des jungen Liedermachers Voodo Jürgens entstanden, der mit bürgerlichem Namen David Öllerer heißt: eine Compilation von Stücken, die er u.a. mit dem Nino aus Wien, Eva Billisich und Sebastian Janata aufgenommen hat. Anti-Folk-Songs nennt er seine Lieder.

Schräge Geschichten aus Wien

Witzig und mit viel Gefühl erzählt Voodoo Jürgens schräge Geschichten aus Wien, weshalb ihn die Medien als "Folkshelden" feiern. Seine aktuelle Single heißt "Heite grob ma Tode aus". Das Video dazu wirkt wie eine heitere Hommage an Orson Welles, denn es  spielt in der Wiener Kanalisation, so wie dessen Filmklassiker "Der dritte Mann".

Musik: "Heite grob ma Tode aus" - Voodoo Jürgens                                                  

     heit fohr ma mit da geisterbahn,
     heit schau ma si des nüchtern an
     heit sprech ma olle sätz verkehrt,
     schau ma was si tuat unta da erd
     heit kreu ma ausn schneckenhaus,
     heit loss ma unsere kinda z´haus,
     heut speib me es essen aus,
     heit geh ma auf an leichenschmaus

     jo heite grob ma tode aus
     heite geh ma fria zhaus

     heit tanz ma mit de greßtn feind
     und schenkn erna reinen wein
     heit gheart uns die gaunze welt,
     heit gemma dennan sandloan geld
     heit samm freindlich waunn uns
     was net passt, und zu die die
     freindlich san, san wir a gfrast
     heit schaut des gaunze anders aus
     weil heite grob ma tode aus.

     heite sama stolz auf uns, wir
     finden sicher no an grund
     wann kanna klatschtgem wir applaus,
     weil heite grob ma tode aus
     heit reiß ma die bladln von die bam,
     heit schau ma si des nüchtern an
     geh ma auf an leichenschmaus
     heite grob ma tode aus

Der Musiker Sebastian Janata hat "Heite grob ma Tode aus" zusammen mit Voodoo Jürgens produziert.

"Im Wiener Jargon finden sich sehr viele, sehr schöne Redewendungen, die aber ein bisschen vergraben sind, die man wie Schätze wiederfinden muss. Dafür ist der David, der Voodoo Jürgens ein Experte.‚Heute grab ma Tote aus‘ kann so ein Aufruf sein: Hey Freunde, Freundinnen, lass uns rausgehen, heute grab ma Tote aus, heut feiern wir mal und vergessen alles andere. "

Sebastian Janata hat, obwohl er seit sieben Jahren in Berlin lebt und dort mit seiner  Band "Ja Panik" arbeitet, den Kontakt zur Wiener Musikszene nie abgebrochen. Zusammen mit seinem Vater Herbert Janata hat er in Wien an einem zweiten gemeinsamen Album gearbeitet. Herbert Janata war schon in den frühen 1960er Jahren ein gefeierter Musiker, Frontmann der "Worried Men Skiffle Group", die manchen Hit in den österreichischen Charts platziert hat.

Generationsübergreifendes Experiment

"Wir haben dann irgendwann einmal aus Spaß bei einer Freundin zu einer Jubiläumsfeier gemeinsam seine Musik gespielt. Irgendwie war es lustig und die Leute fanden das auch gut und wir haben dann überlegt, machen wir eine Platte gemeinsam, wo wir seine Songs nochmal neu aufnehmen. Das war unser erstes Album, das war sehr lustig und hat uns viel Spaß gemacht, live zu spielen. Und jetzt mit dem neuen Album mit dem Titel "Ruhig bleiben"  haben wir versucht, neue Lieder zu schreiben. Es ist natürlich noch immer Mundart. Und die Lieder haben noch immer den Anstrich des Skiffleigen, es kommen viele jazzige Harmonien auch vor, mehr HiFi und mehr Popmomente als es bisher war."

"Ruhig bleiben" ist ein musikalisches Experiment. Vater und Sohn haben beide für das Album Texte geschrieben und die Lieder dann gemeinsam arrangiert, manchmal fällt es schwer zu erraten, ob sie nun vom alten oder vom jungen Janata geschrieben wurden. Es geht um ungeliebte Lohnarbeit, das Hackln’, wie man in Wien sagt, um Gartenpartys, die Coolness von den Toten, Wiener Schnitzel und Benimmregeln.

Musik: "Nimm die Finger weg" - Worried Man & Worried Boy

"Ruhig bleiben" ist ein zeitloses Album, auf dem es gleich in mehreren Stücken um das Thema Gelassenheit geht. Ein wichtiger Aspekt in der generationsübergreifenden Zusammenarbeit von Vater und Sohn, erinnert sich Sebastian Janata.

"Weil man ja auch gerne mal streitet, wenn man nahe verwandt ist. Und in verschiedenen Songs fand sich das einfach wieder, dass man gelassen an Sachen rangehen muss."

Und das treffe immer zu, ganz gleich, an welchem Punkt des Lebens man sich gerade befinde. "Frühling", das Eröffnungs-Duett  des Albums, dreht sich genau darum.

"Das war als Versuch ausgelegt, gemeinsam ein Lied zu schreiben, ohne am selben Ort zu sein, ich hab einfach die erste Strophe geschrieben, hab die dann meinem Vater geschickt und hab gemeint, Papa, was hältst du davon, wenn wir gemeinsam im Ping Pong Verfahren uns gegenseitig Strophen schicken, bis wir dann ein Lied haben? Wir fanden die Idee beide super. Und dann hat er mir eine Strophe geschickt, die mir leider überhaupt nicht gefallen hat. Ende der Geschichte ist, dass ich dann das Lied fertig geschrieben hab. Worüber wir jetzt lachen, wenn wir daran denken."

Musik: "Frühling” - Worried Man & Worried Boy  

Musik: "Konditorei" - Natalie Ofenböck & der Nino aus Wien

     Der Geruch vom Rauch vermischt sich
     mit´ m Zucker und dem Duft von Kaffee
     da steht eine riesengroße Vitrine
     mit Krapfen und Ribiselschnee
     Beim Begrüßen kleben die Hände fest
     was allen aber gut steht
     auf dem G´wand sieht man Kuchenreste
     die man noch abends trägt

     Die Konditorei roch nach Zucker
     nach Rum, Ruhm und Rauch
     und jeder der sie besuchte
     roch so auch.

     Die Strudel sind fertig gebacken
     der erste Bissen schon getan
     die Krachmandeln knacken
     Gesichter aus Marzipan
     Und die Karamellen kleben
     wie die Schokolade am Gaumen
     in den Punschkrapferl wälzen
     und über die Glasuren staunen

     Die Konditorei roch nach Zucker
     nach Rum, Ruhm und Rauch
     und jeder der sie besuchte
     roch so auch

     Zwischen den Zähnen sammeln sich die Kipferl
     unter der Zunge die Schokoladenglasur
     die Lippen picken z´sam mit Zucker
     man schaut nicht auf die Uhr
     Der blaue Rauch im süßen Licht
     der Zucker, Mohn und der Zimt
     die Rosinen und die Nüsse
     das Konfekt, die Tortengüsse

     Die Konditorei roch nach Zucker
     nach Rum, Ruhm und Rauch
     die Brösel schon fast in der Butter
     der Apfelstrudel im Bauch

     Die Konditorei roch nach Zucker
     nach Rum, Ruhm und Rauch,
     und jeder der sie besuchte
     roch so auch

Nino Mandl, alias der Nino aus Wien und die Allround-Künstlerin Natalie Ofenbröck besingen in "Konditorei" die Atmosphäre verrauchter Landkaffeehäuser. Ihr erstes Album hatten die beiden noch als "Krixi, Kraxi und die Kroxn" veröffentlicht. Da dieser Bandname allerdings nicht besonders gut ankam und sich niemand mehr daran erinnert, in welcher durchzechten Nacht er entstanden ist, haben ihn  die beiden wieder abgelegt. Da ihnen aber auch noch kein neuer Name eingefallen ist, singen sie auf ihrer zweiten gemeinsamen CD als Natalie Ofenböck und der Nino aus Wien.

Als arrogant verschriene Wiener

"Das grüne Album - Wiener Reise durch die Steiermark" haben sie es genannt. Im österreichischen Urlaubsparadies wollten die beiden herausfinden, was es dort mit den Vorurteilen gegen die als arrogant verschrienen Wiener auf sich hat. Und so haben sie sich bei Weinverkostungen, Besuchen in steirischen Singkreisen, Konditoreien, Kirchen und zahlreichen Gesprächen mit  Volksmusikern, Bürgermeistern und Weintrinkern zu 15 musikalisch grundverschieden, poetischen Liedern inspirieren lassen. Wenn Nino Mandl und Natalie Ofenböck über die schaurigen Moore in der Steiermark fabulieren z.B., klingt das eher düster und geheimnisvoll. "Klapotetz" dagegen ist fröhlich und erinnert an ein Kinderlied. Ein Klapotetz, das ist übrigens eine im Südsteirischen Weinland verbreitete Vogelscheuche – ein Windrad mit Schlägeln, das  durch sein Geklapper gefräßige Vögel von den Trauben fernhalten soll. 

Musik "Klapotetz" - Natalie Ofenböck & der Nino aus Wien

     Kuckucksuhr, Klapotetz
     wo ist der Regen jetzt
     Repolusk, Kürbiskopf
     er ist getropft
     Sonnenhügel, Winterflügel
     Hopfengärten, Windmühlen
     halt dich fest am Apfelrest
     die Kerne fliegen weg

     Die Zeitung macht mich heute blind
     ich fühl mich wie ein Rebenkind
     weil ich so vertrunken bin

     Kuckucksuhr, Klapotetz
     wo steht die Sonne jetzt
     Regenwind, Sonnenstrahl
     es ist egal
     Brettljaus, Bienenhaus
     Zirbentraum, Birnenbaum
     größere Walnüsse
     wenn du nur wüsstest

     Das Auto kenn ich aus dem Film
     es weiß genau wohin ich will    
     ich sitz nur da und bin ganz still

     Katzenkind, Rebenwind
     wo ist das Leben hin
     Stadtgespräch, Dorfkantin
     die Wildnis ist bedingt
     Spiegelglatt, Schnee bergab
     Regentropfen, nasser Tag
     Kürbiskerne, Wintersterne
     was ich alles ernte

     Kuckucksuhr, Klapotetz
     die Reben sind gesetzt
     alles aus Holz gebaut
     wer hat das geglaubt
     Kuckucksuhr, Klapotetz
     wo sind die Reben jetzt
     Speckgesicht, Brettljaus
     sie führen nach Haus

Elektro trifft auf Kammermusik – Mit dieser Attitüde hat sich die Band Neuschnee einen Namen gemacht. Auch ihr drittes Album hält das ein. Es ließ allerdings fünf Jahre auf sich warten. Grund war eine berufliche und private Lebenskrise des Masterminds der Band, Hans Wagner. Jetzt hat er sie gemeistert. Davon erzählt er auf dem neuen Album "Schneckenkönig". Es ist ein Popmärchen geworden, die Geschichte eines Königs, dessen Reich zugrunde geht. In zehn Kunstliedern, die von einem Prolog der die Weisheit sucht und einen Epilog, der sie im Universum findet, eingerahmt sind, erzählt der Sänger, Songwriter und Komponist, wie er es geschafft hat, das Königreich wieder neu aufzubauen. Mit dem Märchen Froschkönig  - so Hans Wagner - hat die Geschichte nichts zu tun.

 "Schneckenkönig" ist im Volksmund ein Begriff für die Tatsache, dass jemand seine inneren Organe spiegelverkehrt hat. Das heißt Situs Inversus in der Fachsprache.  Und damit bin ich geboren. Und irgendwie war das für mich ne Art und Weise, das zu verklausulieren, dass es auf diesem Album ganz viel um meine Geschichte geht."

Anleihen aus der Barockzeit

La Folia - so nennt man ein Harmoniemodell, das Komponisten in der Barockzeit als musikalische Vorlage diente. Hans Wagner schrieb es für die Diplomprüfung von Julia Pichler, der ersten Geigerin der Band und baute musikalische Zitate von Mendelssohn, Mozart, Brahms oder Khachaturian ein, alles Werke, die zum Repertoire einer klassischen Ausbildung gehören. Er kritisiert in diesem Lied, dass man im Studium zu Musikmaschinen erzogen werde. Man lerne zwar, die großen Meister virtuos zu reproduzieren,aber nicht, seine eigenen Gefühle in die Interpretationen einzubringen. So bliebe die Entwicklung einer eigenen musikalischen Persönlichkeit meist auf der Strecke.

Musik: "La Folia" - Neuschnee

     Ein halbes Leben lang wird dir gezeigt, was du nicht kannst
     Und du spürst ständig deine Grenzen
     Keine Zeit, um zu merken, was du eigentlich schon kannst
     Keine Zeit heißt, dass Leben zu schwänzen

     Nein, sie ist nicht verrückt
     Ihre Federn sind bunt, oh hört ihr sie singen
     Ob sie die alten Lieder am schönsten singt
     Hauptsache ist doch ihr Herz will zerspringen

     Seid gewiss die Musik fließt durch uns durch
     Sei es die von gestern oder heute
     Nur wenn die Tradition nicht erlaubt den eigenen Ton
     Sind wir morgen noch dieselben Leute

     Ja, sie fliegt in der Nacht,
     denn was soll sie denn tun
     Am Tag muss sie sich biegen
     Die Freiheit, die ist doch Arbeit genug
     Gratulieren wir und lassen sie fliegen

Vor 15 Jahren zog der Berliner Hans Wagner nach Wien. An der Universität für Musik und darstellende Kunst gründete der klassische Cellist und Nirvana-Fan 2006 die Band Neuschnee. Sein Ziel: auf ganz eigene Weise Kammermusik und Popsongs zu verbinden.

"Das heißt, die Liedform her zu nehmen und diese Klangwelt, die klassische, die kammermusikalische, und dann, anders als im klassischen Gesang, nicht klassisch zu singen, weil ich es auch persönlicher finde, wenn man singt, wie einem der Schnabel gewachsen ist. "

Markenzeichen der klassisch ausgebildeten sechsköpfigen Combo Neuschnee wurde eine Crossover-Kammermusik, die Bögen spannt  von der Klassik bis zum Punk  - und das immer mit  extrem lyrischen Texten.

Zwischen Introversion und Extroversion

"Die Musik hat etwas sehr Zartes, weil es teilweise auch sehr ruhige Stücke sind. Sehr emotionale, melancholische sag ich mal. Und gleichzeitig ist unsere dynamische Spannweite ziemlich groß zwischen laut und leise. Und Neuschnee ist halt etwas Zartes und was Schönes, und wenn viel Neuschnee fällt, mag ich diese Ruhe, die entsteht und gleichzeitig ein wahnsinniges Chaos. In einer großen Stadt geht dann für eine Weile nichts mehr, weil man nicht fahren kann. Und irgendwie mag ich, dass es etwas Feinsinniges ist und gleichzeitig etwas Rohes. Die Spannweite zwischen Introversion und Extroversion ist ziemlich groß."

Hans Wagner wandert da auf schmalem Grat zwischen Mainstream auf der einen Seite und seiner musikalischen Selbstverwirklichung auf der anderen. Geld ließe sich mit eingängigen Popsongs sicherlich leichter verdienen als mit komplizierten Kunstliedern. Aber Schlager zu schreiben, darauf hat Hans Wagner keine Lust. Er sagt über sich, er sei nur mit authentischen Texten wirklich gut. Diesen Konflikt hat er in dem Lied "Blatt im Wind" beschrieben.  

Musik: "Blatt im Wind" - Neuschnee

     Ich schieße mit Amors Pfeil
     Doch treffe leider nur dein Hinterteil
     Besser als daneben, aber meine Beine schlottern
     Mi-Mi- Mist jetzt fang ich auch noch a-,a-, an zu stottern
     Schau nicht so, als ob dich das mit uns nicht interessiert

     Ich lauf in Rotation, denn ich bin gut produziert
     Mag sein doch du bist leider nicht mein Archetyp
     Doch sei nicht traurig, weil es von mir sicher viele gibt
     Und übrigens hier ist die Nummer von meinem Vater
     Meld dich bei mal ihm, er ist ein guter Psychiater

     Ich renne doch ich komm nicht an
     Gut, dass ich schwimmen kann
     Durch den Warteraum
     Plan B ist Plan A
     Denn der war schon immer da
     Wie ein wiederkehrender Traum

     Kurze Weile langer Weg bestimmt
     Was auch immer es auch ist mein Kind
     Falten Sorgenfalten klein gewinnt
     Denn wir fallen wie ein Blatt im Wind

     Ich roll den Rock`n`Roll Koffer bergauf und bergab
     Und wenn ich zwischendurch dazu fast keine Kraft mehr hab
     Dann schreib ich mir selbst `ne Postkarte, auf der steht
     Vergesse niemals, Heimat ist dort, wo man Dich versteht

     Er sagt zu mir, du arbeitest hart, doch fährst keine Renditen
     Mach’s doch wie ich und nehme einarmige Banditen
     Das ist legal und wie Robin Hood in umgekehrt
     Nimm von den Armen, gib den Reichen, das hat sich bewährt
     Manchmal ist das Leben wie das des Huhns im  
     Hühnerparadies
     Ein verheißungsvoller Name, doch dort dreht man Dich am
     Spieß

Grant - der Geheimtipp

Mit zwölf schrieb Dima Braune seine ersten Gedichte. Er lieh sich die Gitarre seines Vaters und vertonte seine lyrischen Versuche. Erste Bühnenerfahrungen gewann er in einer Schülerband und jetzt, zehn Jahre später, werden er und seine Band Grant als Geheimtipp in der Wiener Musikszene gehandelt. Grant besteht seit drei Jahren und gerade haben sie ihr Debütalbum veröffentlicht. Eine Sammlung dunkler, neue Wienerlieder. Sie erzählen von Liebeskummer, zorniger Einsamkeit und melancholisch durchzechten Nächten.

Musik: "Was bleibt?" - Grant

     Ich erzähl euch jetzt vom Schmerz
     Und von neuen Idealen
     Tetanischen Göttern
     Neuen Ritualen – wie konntest du die Zeiten so        
     verschwenden und glücklich sein?
     Denn immer wenn du hinter dich blickst
     Stellst du fest: hier gibt’s nicht außer Qualen
     Und die paar Kinder in ihren schönen Schalen
     Und alles, was wir immer ernten, ist blanker Hohn

     Und diese Nacht im Atelier
     Ich war nervös und hab mich betrunken
     Dann bin ich auf ewig in deinem Ansehen gesunken
     Und alles, was mir bleibt, ist diese Trostlosigkeit


     Du weißt doch eh, dass
     Die keine Ahnung haben von irgendwas
     Und die Wienerliedmelodie
     Zerstülpt die Seelen und beleuchtet sie

     Und ich fahr zum Friedhof der Namenlosen raus
     Und schreib auf jedes Grab ein paar Namen drauf
     Auf manche schreib ich ich und auf manche eben du
     Und das Spiel, das schnürrt mir die Kehle zu
     Und sonst nichts
     Das ist alles was bleibt

     Und man haut mich in ein Taxi
     Und sagt ihm, wo ich wohn
     Und ich wein wieder urherrlich, schluck und verfluch den 
     Hurensohn
     In so ein Licht hinein, das immer glänzt und scheint und   
     immer dableibt weil
     Das ist alles was bleibt

Der Name Grant - auf hochdeutsch: schlechte Laune - sei eher durch Zufall entstanden, erinnert sich der Sänger, Texter und Komponist der Band Dima Braune, und er sei nicht unbedingt Programm.

"Darüber machen wir uns auch recht wenig Gedanken, über unsere Einstellung. Es ist nicht jeder grantig in der Gruppe. Es ist ein Wort, das man mit Wien assoziiert."

Wiener Melancholie

Motiviert von seinen Vorbildern, den österreichischen Dichtern H.C. Artmann und Joseph Roth, zeichnet der zweiundzwanzigjährige Dima Braune seine Sicht auf die reichlich besungene Wiener Melancholie; er singt darüber, was in seinem Leben passiert und wechselt dabei ständig die Blickwinkel. Mal erzählt er von Spielern, die er im Prater-Kasino beobachtet hat mal von Hurensöhnen, die Frauen schlecht behandeln. Oft beschreibt er einfach wie er sich fühlt, während er in rauchgeschwängerten Kellerlokalen Konzerte gibt oder wenn er nachts durch die Stadt stromert, in der er tagsüber manchmal auch an der Universität für angewandte Kunst anzutreffen ist.  

"Es ist eher so eine Art romantisches Dasein, in der Jugendsprache sagt man driften, auf Bahnen schweben und alles ignorieren, und gar nichts gut finden, aber eigentlich doch."

Da ihn das Studieren oft eher grantig macht, hat Dima Braune stattdessen jede Menge Stoff für neue Alben produziert. Strukturierter soll das nächste werden. Keine einfache Liedersammlung, sondern eine zusammenhängende Geschichte. Der Titel steht schon fest: "Unter dem Milchwald" und es soll eine Abrechnung werden mit kleinkarierten Idyllen, von denen Dima Braune einiges erzählen kann. Schließlich ist er in Klosterneuburg aufgewachsen, einer gediegenen Kleinstadt an der Donau, nördlich von Wien. Kein inspirierender Ort für Jugendliche auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, findet Dima Braune. Eine Erinnerung aus dieser Zeit hält er aber hoch: die an seine Großmutter, der er ein melancholisches Lied gewidmet hat.  

Die Hoffnung stirbt zuletzt

 "Meine Großmutter kam aus Russland, ursprünglich aus ländlicher Gegend, dann sind sie später nach Moskau, dann nach St. Petersburg. Angetrieben von der Revolution, von der Hoffnung auf Arbeit, sind trotzdem verarmt,  

haben dort wegmüssen. Meine Großmutter ist dann schließlich in Wien gelandet, bei einem Mann, der sie als Putzfrau gehalten hat und sie nicht sehr liebevoll behandelt hat und sie war aber eine unglaublich liebevolle Person und genau das ist es, worum ich mir in dem Lied Gedanken mache. Und so, wie ich sie aus russischen Dorfdichtungen habe, aus russischen Folkloren, wie Sergeij Jessenin: Es wird immer von der Warte aus geschrieben, dass alles besser wird, obwohl man weiß, dass es nicht so ist."

Musik: "Baba Jaga" - Grant

     Vier Geschwister waren wir am Weg von Moskau nach  
     Sankt Petersburg
     Tonda, Ada, Bozina und ich
     Wir stoben um die Wette dort
     Eher da als eher fort
     Alles andre interessierte uns noch nicht

     Baba Jaga baba jaga bitte tu mir das nicht an
     Mama ist längst tot und Papa trinkt
     Irgendwann werden wir so wie früher sein,
     wenn Stalin dieses rote Lied noch singt

     Drei Geschwister hatte ich auf den Straßen von
     Sankt Petersburg
     Tonda spielt Gitarre für Radio Ost
     Kommt dann immer spät nachhaus
     Schläft mittags seine Kater aus
     Jeden Tag nur: Ach was für ein Fest!

     Baba jaga baba jaga bitte tu mir das nicht an
     Weil Ada weint und Tonda ist auf Junk
     Irgendwann werden wir so wie früher sein –
     bis dahin gebührt dir unser Dank

     Zwei Geschwister hatte ich auf dem Weg nach Prag
     Ein Mann hielt Bozina am Herzen fest
     Und stößt sie von den Stufen dort
     Und schlägt und betrügt sie oft sofort
     Lebt nun mit ihm im heiligenden Budapest

     Baba Jaga Baba jaga bitte tu mir das nicht an
     Bozina wo bist du nur mein Schatz
     Irgendwann da werden wir noch so wie früher sein
     An irgendeinem ur ur bösen Tag

     Ganz alleine war ich dann in Prag, eines morgens
     Ein Arier der nahm mich dort mit sich
     Und ich putz ihm Schuh, ich putz ihm Haus
     Ich fick ihm die Dämonen raus
     Irgendwann sagt er vielleicht ich liebe dich

     Baba jaga baba jaga bitte tu mir das nicht an
     Ada hat ein Restaurant in Prag
     Irgendwann werden wir noch so wie früher sein
     Ich bring mich lieber um als dass ich´s sag

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