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StartseiteSpielweisenBarocke Pianisten-Prüfsteine01.03.2017

Neue Bach-CDs mit Beatrice Rana und Rafal BlechaczBarocke Pianisten-Prüfsteine

Junge Pianisten machen gern Furore mit den großen Virtuosenkonzerten von Tschaikowsky oder Rachmaninow. Doch die ersten Prüfsteine folgen erst, wenn sie sich den großen Solowerken stellen, bei denen es nicht um Athletik und Schnelligkeit geht, sondern um andere Werte. Diesen stellen sich Beatrice Rana und Rafal Blechacz mit neuen Bach-Aufnahmen.

Von Christoph Vratz

Der polnische Pianist Rafal Blechacz 2012 beim Internationalen Prager Frühling-Musikfestival  (CTK)
Vertreter der jungen Pianistengeneration: Rafal Blechacz (CTK)

Musik: Bach, Goldberg-Variationen 

Es hat keine Eile, dieses Thema, dessen Bass-Figur Johann Sebastian Bach noch dreißigmal verändern wird, bevor das Thema am Ende der "Goldberg-Variationen" wieder original erscheint.

Musik: Bach, Goldberg-Variationen

Dieses Thema singt, es atmet, es leuchtet dezent, wie nach innen gerichtet. So spielt Beatrice Rana die Eröffnung zu Bachs großem Zyklus. Rana sorgte erstmals für größeres Aufsehen, als sie 2013 den Zweiten Preis beim 14. Van Cliburn-Klavierwettbewerb in den USA gewann. Nach einer Solo-Aufnahme mit Werken von Schumann bis Bartók und einer Aufnahme mit russischen Klavierkonzerten spielt sie nun erstmals Bach – und zeigt dabei all ihre Qualitäten. Da ist zum einen ihre glasklare Phrasierung…

Musik: Bach, Goldberg-Variationen

Da ist auch ihre Wandlungs- und Gestaltungsfähigkeit in den leisen, geheimnisvollen Passagen…

Musik: Bach, Goldberg-Variationen

Da ist schließlich ihre Beweglichkeit. Rana spielt das nie vordergründig virtuos, sie formt gesangliche Linien, ihr Anschlag ist kernig und samtig zugleich, ihre Verzierungen dienen nie als nur schmückendes Beiwerk, sondern sind Teil ihrer differenzierten dramaturgischen Gestaltung.

Musik: Bach, Goldberg-Variationen

Kantabilität und Transparenz

Beatrice Rana ist den Herausforderungen dieses Gipfel-Werks in allen Belangen gewachsen. Sie kommt, und das mag vielleicht erstaunen, nah an die maßstabsetzenden Aufnahmen mit András Schiff und Murray Perahia heran (sofern man Glenn Gould einmal als Sonderfall betrachtet). Ihr perlender Anschlag, ihre markigen, aber immer organisch platzierten Akzente, die Kantabilität ihres Spiels, die Balance und Transparenz der einzelnen Stimmen sowie ihre feinen dynamischen Abstufungen – all das macht diese Einspielung zu etwas Großem.

Musik: Bach, Goldberg-Variationen

Es sind immer wieder die Feinheiten und Finessen, mit denen Beatrice Rana den Herausforderungen dieses Zyklus‘ gerecht wird. In Variation 10 etwa beginnt sie piano, und steigert mit jeder hinzutretenden Stimme die Lautstärke, so dass aus dem vorsichtigen Hineintasten eine Gebärde des Selbstbewusstseins und chorischer Jubel entsteht.

Musik: Bach, Goldberg-Variationen

Auch aufnahmetechnisch ist diese Produktion exzellent: ein wunderbar direktes und zugleich räumliches Klangbild – insgesamt ist diese Einspielung eines der Highlights des noch jungen CD-Jahres!

Diese Produktion beweist einmal mehr, wie selbstverständlich junge und jüngere Pianisten heutzutage Bach auf dem modernen Klavier spielen: historisch informiert und souverän im Umgang mit den Gestaltungsmöglichkeiten heutiger Konzertflügel.

Das gilt auch für Rafał Blechacz, der sein Bach-Album mit dem Italienischen Konzert eröffnet.

Musik: Bach, Italienisches Konzert

Zupackend, aber nicht plakativ

Sehr entschlossen beginnt Blechacz dieses Konzert, doch nie plakativ. Auch er spielt mit historisch geschärftem Sinn, er trillert cembalohaft scharf, verteilt souverän die einzelnen Stimmen und arbeitet die rhythmischen Muster klar heraus. Im Mittelpunkt dieser Aufnahme, die außerdem Fantasie und Fuge BWV 944 sowie die Vier Duette enthält, stehen die beiden Partiten Nr. 1 und 3.

Musik: Bach, Partita Nr. 1

Diese Allemande aus der ersten Partita zeigt: Das schnurrt und surrt. Das klingt nie betulich, sondern geradezu aufrüttelnd – vielleicht eine Spur zu aufgekratzt. Würde Blechacz in den Widerholungsteilen nicht in delikatem Piano spielen, zöge diese Musik fast automatenhaft schnell am Hörer vorbei. Und das ist letztlich ein Manko. Denn gleiches wiederholt sich in der Courrante – und sogar im Menuett.

Musik: Bach, Partita Nr. 1

Bei aller herausragenden technischen und musikalischen Qualitäten, die Blechacz besitzt – an einigen Stellen wirkt dieser Bach forciert, gedrillt. Der innere Atem dieser Musik stockt, wenn die Linien zu sehr gehärtet werden.

Musik: Bach, Partita

Keine Frage, Rafał Blechacz spielt auf sehr hohem Niveau, doch er zeigt uns diese Musik zu selten als Organismen, die vor unseren Ohren ihr Leben entfalten und zu blühen beginnen. Eine gute, aber keinesfalls eine überragende Aufnahme.

CD-Angaben:
Johann Sebastian Bach
Goldberg-Variationen BWV 988
Beatrice Rana, Klavier
Warner CD 0190295880187

Johann Sebastian Bach
Italienisches Konzert F-Dur BWV 971
Partita Nr. 1 B-Dur BWV 825
Partita Nr. 3 a-Moll BWV 827
Duette BWV 802-805
Fantasie & Fuge a-Moll BWV 944
Jesus bleibet meine Freude BWV 147
Rafał Blechacz, Klavier
DG CD 479 5534

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