Montag, 28.05.2018
 
Seit 01:35 Uhr Hintergrund
StartseiteCorsoSchizophrenie und Alltag02.05.2018

Neue FilmeSchizophrenie und Alltag

Die ganze Vielfalt des deutschen Films spiegelt sich in den Kinoneustarts der Woche: von Filmbiografie "Eleanor & Colette" über Farce "HERRliche Zeiten" bis Komödie "Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?" und Sozialdrama "Familiye". Das zeigt: Der deutsche Film lebt - zumindest im Arthouse-Bereich.

Von Jörg Albrecht

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Oliver Masucci (M.) in der Rolle des Claus Müller-Todt in dem Film "HERRliche Zeiten" (2018 Concorde Filmverleih GmbH)
Oliver Masucci in der Rolle des Claus Müller-Todt in dem Film "HERRliche Zeiten" (2018 Concorde Filmverleih GmbH)
Mehr zum Thema

Neue Filme Krieg als Fest, Krieg als Grauen und der Mensch als Flüchtling

Neue Filme Diven, Punks und Islamismus

Film der Woche: "A Quiet Place" Schweigen als wichtigster Spezialeffekt

"Mein Name ist Eleanor Riese. Ich will einen Anwalt."

Man ahnt es von Beginn an: "Eleanor & Colette" wird einer dieser Filme sein, bei dem - kurz bevor der Abspann startet - Bilder der Personen eingeblendet werden, deren Geschichte zwei Stunden lang mit Schauspielern nacherzählt worden ist. Die daraus resultierende Rührseligkeit hat gern auch einmal einen larmoyanten und pathetischen Beigeschmack und ist nichts weiter als Kalkül. So auch für den dänischen Regisseur Bille August, der in seiner Filmbiografie an eine Gerichtsentscheidung aus den 1980er-Jahren erinnert.

Gradlinig und überraschungsfrei

"Wieso wollen Sie mir helfen?"

"Weil ich das Gleiche will, das Sie wollen. Ich will, dass Ärzte bei der Behandlung Ihre Rechte respektieren und Ihnen nicht ohne Ihre Einwilligung Medikamente verabreichen."

"Was ist mit Geld? Ich kann Sie nicht bezahlen."

"Falls wir gewinnen, werde ich für meine Zeit bezahlt. Falls nicht, dann nicht. Und falls wir gewinnen, bekommen auch Sie Geld. Aber nicht viel. Es geht hier nicht um Schadensersatz."

Sondern um das Mitspracherecht von Patienten, die an einer psychischen Krankheit leiden und stationär in einer Klinik untergebracht sind. Die Anwältin Colette Hughes will mit Hilfe von Eleanor Riese, die gegen ihren Willen mit Medikamenten ruhiggestellt worden ist, einen Präzedenzfall schaffen.

"Wenn wir diesen Prozess gewinnen, kann das kein Krankenhaus in diesem Bundesstaat mehr jemandem antun."

Die Sympathien bei "David gegen Goliath"-Geschichten sind von vornherein klar verteilt. Und so hätte es mehr als nur der Formelhaftigkeit eines TV-Dramas bedurft, damit aus "Eleanor & Colette" nicht nur der gradlinige, überraschungsfreie Film wird, der er ist und der ein wenig an "Erin Brockovich" erinnert. Das Beste hier sind eindeutig die beiden Hauptdarstellerinnen Helena Bonham Carter und Hilary Swank als zwei grundverschiedene Frauen, die an einem Strang ziehen. Selbst das aber ist keine Überraschung.

"Eleanor & Colette": akzeptabel

"Gestatten Sie mir eine Frage?"

"Ja sicher."

"Ist es schon zu spät, dass ich mich auf Ihre Anzeige bewerbe?"

Sklave trifft Schönheitschirurg

In der Anzeige, die Schönheitschirurg Claus aufgegeben hat, sucht er für sich und seine Frau einen Sklaven beziehungsweise eine Sklavin. Als Haushaltshilfe wohlgemerkt und nicht, um seine sexuellen Vorlieben auszuleben. Ein Bewerber sticht heraus.

"Sie möchten also gerne Sklave genannt werden?"

"Alles, was ich mir wünsche, ist eine würdevolle Arbeit, der ich mich mit voller Hingabe widmen kann."

Wenn einem sofort Oskar Roehler als naheliegende Wahl für die Verfilmung eines solchen Stoffs einfällt, spiegelt das nur Schubladendenken im deutschen Film. Roehler - unser Mann für die Farce, die skurrilen, provokativen Geschichten. Immerhin: Wenn sie nichts mit ihm selber zu tun haben, sind sie in der Regel gelungener als seine biografischen Filme. Insofern ist "HERRliche Zeiten" schon einmal besser als "Quellen des Lebens", aber allein aus einem grellen wird noch lange nicht auch ein grotesker Blick hinter deutsche Gardinen.

"HERRliche Zeiten": zwiespältig

"Warum soll ich verschwinden, wenn ich gar nicht da war?"

Eine tiefgründige Frage, die Charlotte da stellt. Nach 37 Jahren Ehe merkt sie, dass sie im Grunde genommen nur wenig mit dem Mann an ihrer Seite gemeinsam hat.

"Stellst du dir manchmal vor, wie es ist, wenn du stirbst?"

"Stellst du es dir vor?"

"Manchmal."

"Du stellst dir deinen eigenen Tod vor?"

"Nein deinen."

Erzählen ohne Sinn

Ein Dialog, der auch von Loriot hätte sein können. Leider sind diese gelungenen Momente in Kerstin Poltes Regiedebüt "Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?" eher rar. Die Hauptfiguren - neben Charlotte und ihrem Mann sind das Tochter Alex und Enkelin Jo - werden aus ihrem Alltagstrott geholt und auf eine Reise geschickt, die natürlich alles verändern wird.

"Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?" ist ein Setzkasten-Film, soll heißen: Kerstin Polte hat alles reingestopft, was ihr wohl die letzten Jahre so eingefallen ist. Darüber hat sie nur glatt vergessen, um ihre sinnstiftenden Botschaften herum auch eine Geschichte zu formen.

"Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?": enttäuschend

"Was sind wir für dich?"

"Familie."

Von kriminellen Machenschaften und Hierarchien im Kiez

"Familye" - so heißt ebenfalls ein Regiedebüt. Gedreht haben den Film Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya, der auch eine der Hauptrollen spielt. "Familiye" ist die Geschichte dreier Brüder, die in Berlin-Spandau leben. Danyal, der Älteste der Drei, ist nach dem Absitzen einer fünfjährigen Haftstrafe wieder auf freiem Fuß und sieht sich gleich wieder konfrontiert mit den kriminellen Machenschaften und Hierarchien im Kiez. Vor allem sein Bruder Miko hat sich während Danyals Abwesenheit Feinde gemacht.

"Wenn wir unser Geld nicht kriegen, machen wir deinen Bruder zu unserem Sklaven."

"Niemand macht meinen Bruder zum Sklaven. Ab heute schulde ich euch das Geld."

Für seine Macher ist "Familiye" ein Heimatfilm. Sie wollten ihre Geschichte unbedingt in Spandau spielen lassen. Dort also, wo auch sie aufgewachsen sind.

"Familiye" ist eine kraftvolle Milieustudie, ein Kleingangster-Film aus Deutschland, gedreht in Schwarzweiß, der seine Wirkung speziell aus seiner Unfertigkeit und Rohheit erzielt. Dies ist nicht zu verwechseln mit Dilettantismus. Ganz ähnlich hat vor 20 Jahren auch einmal Fatih Akin angefangen mit "Kurz und schmerzlos".

"Familiye": empfehlenswert

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk