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StartseiteKultur heuteNeue Formen der Dramatik30.01.2010

Neue Formen der Dramatik

Jan Neumanns "goldfischen" am Schauspiel Chemnitz

Jan Neumann hat mit 33 Jahren schon ganz schön viele Aufs und Abs erlebt. Sein erstes eigenes Drama "goldfischen" wurde zum Beginn einer beachtlichen Autorenkarriere. Dieses Dreipersonen-Textes, der den Regisseuren viel Freiheit lässt, hat sich nun Matthias Huber in Chemnitz angenommen.

Von Hartmut Krug

Theaterplatz in Chemnitz (DRadio)
Theaterplatz in Chemnitz (DRadio)

"Irgendwo, aber nicht in Berlin" spielt Jan Neumanns dramatischer Erstling "goldfischen", mit dem der Schauspieler im Jahr 2004 seine Dramatikerkarriere begann. Dieses Irgendwo ist in Chemnitz ein Nirgendwo: Bühnenbildnerin Daniela Flügge stellt in den leeren Bühnenkasten vor schwarzer Brandmauer nur ein Sofa. In dieser Unwirtlich- und Unwirklichkeit bekommt der aufstiegswillige Nick kurz vor seiner entscheidenden Prüfung, die ihm zur erträumten Bankkarriere und zu einem BMW verhelfen soll, unvorhergesehenen Besuch von Katja und Martin. Das Pärchen hält ihn vom Lernen ab und verführt den angeblichen Spießer nicht nur zu Alkohol, Drogen und Sex, sondern auch dazu, seine Goldfische an die Wand zu nageln. Denn die sind für die beiden ein Spießersymbol, während Nick bei ihnen Ruhe fand. Schließlich, meinte Nick, hätten Fische kein Raumgefühl und fühlten sich deshalb im beengten Schwimmkreis des kleinen Aquariums in Freiheit.

Jan Neumann zeigt Menschen, die sich voreinander verstecken. Das Pärchen, das Nick sexuell und existenziell aus der Bahn reißt, findet den Sinn des Lebens nur im Spiel, und Nick ist nicht ihr erstes Spielzeug, das sie kaputt machen wollen. Auch wenn die beiden ein eingespieltes Team sind, öffnen sie sich nicht voreinander. Katja zitiert die gemeinsame Lebensregel: "Sag niemandem wer du bist. Wo du herkommst. Damit wir uns nicht wehtun." Denn wenn man nur an der Oberfläche schwimmt und immer "schön in Deckung" bleibt, dann tut man "nichts echtes", tut einander also nichts, auch wenn man ihn noch so rüde behandelt.

Regisseur Matthias Huber unterlegt das Geschehen mit dem Song "Fütter mein Ego" von den Einstürzenden Neubauten und versucht mit einigem Erfolg, eine Spielform für Neumanns eigenartig zwischen Versuchsanordnung und Denkstück, zwischen Konstruktion und Realismus changierendes Stück zu finden. Neumann ist ein Geschichtenerzähler, der an Gefühle glaubt. Er schrieb keines dieser pseudorealistischen Jungdramatikerstücke, die sich mit einer angeblichen Szenesprache ans Publikum ranschmeißen. Neumann stellt seine Figuren , die weder sozial genau verortet noch psychologisch entwickelt sind, einfach hin vor das Publikum, - in Szenen, die von A bis Z durchlaufen.

In Chemnitz tun sie das langsamer, als man es sich bei der Stücklektüre vorgestellt hat, was ihnen einiges von ihrer spannungsvollen Atemlosigkeit nimmt. Getrennt durch Blacks mit atmosphärischer Musik, werden die einzelnen Szenen vor allem sprachlich ausgestellt. Zwar besitzt das Stück aggressive und gelegentlich auch sexuell überdeutliche Elemente, wenn Nick nacheinander sowohl von der Frau wie vom Mann des bösen Pärchens verführt wird, doch diese Szenen werden, anders als in der Kölner Uraufführung, nicht ausgespielt. Die drei jungen Darsteller Nikolaus Barton, Urs Rechn und Caroline Junghanns verdoppeln diese plakativen Elemente allerdings nicht mit körpersprachlicher Deutlichkeit, wie sie oftmals in Gegenwartsstücken auf deutschen Bühnen zu erleben ist, sondern sie entwickeln die Dynamik der Situationen vor allem aus Neumanns lebendig-knappen und schnellen Dialogen. Diese sensible Spielweise lässt das Stück als eine sehr eigene und zugleich spannend eigenartige Sprechtheaterform erscheinen. Sicher, es ist kein großes, aber immerhin ein gutes Stück mit eigenem Stil und Sound, von einem Autor, der mittlerweile fast 10 Stücke geschrieben und oft auch selbst inszeniert hat. Meist sind es Stückentwicklungen, nicht zu äußerlich politischen, sondern zu menschlich politischen Themen wie Liebe und Sterbehilfe, zu Ausbruchsversuchen und Beziehungslosigkeit.

"Goldfischen" enthält noch manche Klischees und überdeutliche Metaphern, und die Grundkonstruktion der Handlung wirkt bekannt.

Doch Neumann bewahrt sein Stück vor allzu biederer Eindeutigkeit, indem er es als Spiel mit Variationsmöglichkeiten erscheinen lässt. Beides ist möglich: dass das Paar bei seiner Suche nach Spaß und Sinn Erfolg hat, indem ihr Spielzeug Nick kaputt geht, oder dass Nick heimlich doch die Prüfung bestanden hat und seinen geplanten Aufstiegsweg machen wird. Am Schluss scheint sich das Paar getrennt zu haben, und Nick und Martin resignieren im Gespräch über den Sinn des Lebens. Martin will sich selbst anrufen und auf seinen Anrufbeantworter sprechen: "Um zu wissen, dass man da is. Dass es einen gibt." Oder, wie es Katja sagte: "Ich bin auch nur erfunden."

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