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StartseiteBüchermarktNeue Gefühlswelten30.08.2006

Neue Gefühlswelten

Seelenleben in der Postmoderne

Eva Illouz spürt in ihrem Buch mit dem Titel "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus" einem emotionalen Wandel nach. Nicht nur werde Kosten-Nutzen-Denken immer mehr aus dem beruflichen auch ins private Umfeld erweitert, vielmehr scheine es auch immer schwieriger, zwischen diesen beiden Ebenen noch eine Trennungslinie zu ziehen.

Von Kersten Knipp

Das Gefühlsleben des Menschen folgt laut Illouz neuen Mustern. (Stock.XCHNG / Javiera de Aguirre)
Das Gefühlsleben des Menschen folgt laut Illouz neuen Mustern. (Stock.XCHNG / Javiera de Aguirre)

Dass der Mensch eine Seele hat, legt er sich gern zum Vorteil aus. Erst durch sie kommt Geist in den Körper, der ihn zu Höherem befähigt. Dass der Mensch, dieses inspirierte Seelentier, an seiner einzigartigen Gabe aber auch eine erhebliche Last zu tragen hat, diese Erkenntnis ist ihm indessen erst reichlich spät gekommen, nämlich durch die moderne Psychoanalyse. Unendlich gewachsen ist seitdem die Zahl der Spleens, der Ticks und der Marotten, deretwegen Stadt- und Landneurotiker Rat bei Seelenkundlern suchen, sich die Auswüchse ihres triebmächtigen Seelenwirkens deuten und nach Möglichkeit kurieren lassen.

Doch heilen Psychologen auch? Oder machen sie nicht in erster Linie ein Riesengeschäft? Dass die Seelenheiler das Interesse am Trieb ganz gut mit dem am Verdienst miteinander vereinbaren konnten, weist die an der Universität Jerusalem lehrende Soziologin Eva Illouz in ihrem Buch mit dem Titel "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus" nach. Bereits in den 1920er Jahren war die Psychologie bereits mit ökonomischem Kalkül auf das engste verbunden. Psychoanalyse und die Psychologie, so Illouz, erwiesen sich für die damals aufkommende Ratgeberindustrie als wahre Goldminen. Denn sie umhüllten das Fach nicht nur mit der Aura der Wissenschaft, sondern sprachen zugleich eine breite Palette ganz unterschiedlicher psychischer Probleme an. Jedem seine Krankheit, so könnte das Motto jener Jahre gelautet haben.

Und es ist kein Zufall, dass die psychischen Erkrankungen genau in jener Zeit gesellschaftsfähig wurden. Zum Nutzen der Kulturindustrie, muss man hinzufügen, denn die verdiente fortan kräftig an den neuen Krankheiten, Zitat: "In dem Maß, in dem sich der Konsumgütermarkt ausweitete, sogen die Buchindustrie und die Frauenmagazine begierig eine Sprache auf, die sowohl Theorie als auch konkrete Geschichten, Allgemeines und Besonderes, Urteilsabstinenz und Normativität verbinden konnte."

Dass das ganze Gerede um die Seele diese überhaupt erst krank werden lässt, diese These trägt Illouz durchaus überzeugend vor. Doch das fragile Psycho-Organ hat aus solchen Erfahrungen gelernt und hilft sich selbst. Wenn die Neurose, wie Sigmund Freud schrieb, nichts als ein "Familienroman" ist, warum dann diesen Roman nicht einfach umschreiben, so abändern, dass er den eigenen Bedürfnissen entspricht? Nach genau diesem Verfahren therapiert ja die "systemische" Psychoanalyse. Sie sucht nicht mehr die vermeintliche Wahrheit hinter der Erkrankung, sondern regt den Patienten an, sein bisheriges Leben anders zu deuten - was schnellere und vor allem billigere Heilungsmöglichkeiten verspricht. Genau das ist aber nicht jedem Patienten recht. Nicht umsonst schrieb Freud auch über den so genannten Krankheitsgewinn. Doch vielleicht, so die zeitgenössische Hoffnung, lässt sich dieser Gewinn auch ganz ohne Krankheit erzielen?

Überzeugend zeigt Illouz, wie flexibel moderne Seelen darum geworden sind - und wie diese Flexibilität längst ökonomisch genutzt wird. So kommt es in vielen Berufen etwa darauf an, die psychologischen Eigenschaften von Geschäftspartnern blitzschnell zu erfassen und angemessen auf sie einzugehen. Wie viel solche Fähigkeiten einbringen, zeigt eine von Illouz zitierte Studie über neue Verkaufsstrategien bei der Firma L´Oréal: Entsprechend geschultes Personal erzielte über 60 Prozent mehr Umsatz als das alte, das sich über den Nutzen psychologischer Einfühlung nicht im Klaren war.

Doch widmet Illouz diesem Zusammenhang von Gefühl und Ökonomie nur ein Kapitel. Ihr Hauptinteresse gilt einem anderen Phänomen: den Partnerschaftsdiensten im Internet. Dort wird die im Geschäftlichen antrainierte psychologische Flexibilität konsequent zurückgefahren. Der oberste Wert hier heißt Authentizität, was sich zunächst einmal im einfallslosen Vokabular derer niederschlägt, die hier einen Partner suchen: Kaum einer oder eine, der oder die sich nicht als "treu", "romantisch", "ehrlich" oder "kreativ" bezeichnet, die öde Liste der gängigen Charaktereigenschaften Punkt um Punkt abhakte. Das Außergewöhnliche bleibt schon stilistisch auf der Strecke. Vor allem aber signalisieren solche Selbstbeschreibungen, dass jetzt, nach den psychologischen Dehnungsübungen der Postmoderne, wieder die treue Seele alten Schlages auf die Bühne tritt. Habe nämlich die Dekontruktion eine multiple Identität des Selbst postuliert, ja die Annahme einer festen Identität überhaupt in Frage gestellt, so pflegt der Mensch im Zeitalter der Internet-Liebeswerbung wieder das Bild einer einheitlichen, festen Persönlichkeit. Um auf dem virtuellen Liebensmarkt erfolg zu haben, müssen Fragebogen, Foto und E-Mail den Eindruck einer verlässlichen Person erwecken, eines Menschen, der sich eben sehr wohl an seinem Geschwätz von gestern stört, der Verantwortung übernimmt und durchaus Herr seiner Launen ist. Denn nur mit solch einem Menschen möchten potenzielle Partner eine Beziehung wagen.

Tatsächlich hat aber auch die moderne Internet-Persönlichkeit zu kalkulieren gelernt. Denn unter der Masse der Bewerber muss sie eine scharfe Auswahl treffen - das Angebot ist schlicht zu groß. Die gewünschte Ursprünglichkeit der Beziehung kommt also nur dann zum Zug, wenn vorher knallhart gesiebt wurde. Denn auch in der Liebe darf man sich nicht unter Wert verkaufen, auch hier kommt es darauf an, das Maximale herauszuholen. Die möglichen Partner sind auf ein kontrollierbares Angebot zu reduzieren, der Mensch wird zur Strichliste, und indem sie dies in Kauf nimmt, hat die Seele ihren schönen Glanz auch im Privaten endgültig verloren.

Die kapitalistische Kultur, vermutet Illouz, hat darum möglicherweise eine neue Stufe erreicht: Während der Kapitalismus herkömmlichen Schlages ein gespaltenes Selbst erfordert habe, das den Spagat zwischen Berufs- und Privatsphäre ohne größere Schwierigkeiten schaffte, das auch emotionale Faktoren säuberlich von den ökonomischen zu scheiden vermochte, kultiviere der postmoderne Kapitalismus ganz andere psychologische Eigenschaften. Nicht nur werde das herkömmliche Kosten-Nutzen-Denken immer mehr aus dem beruflichen auch ins private Umfeld erweitert; vielmehr scheine es immer schwieriger, zwischen diesen beiden Ebenen überhaupt noch eine Trennungslinie zu ziehen.

Nicht recht wohl ist Illouz bei der Vorstellung, dass die Psychoanalyse nun ausgerechnet auch die Liebe in ein Produkt verwandle, das sich den Gesetzen des Marktes zu unterwerfen hat. Das autonome und selbstkontrollierte Subjekt, so ihre Befürchtung, könnte nun auch seine Gefühle und Empfindung zu kontrollieren versuchen, also in einen Bereich eindringen wollen, der seiner Kontrolle bislang gründlich entzogen war. Und doch wird sich der Mensch, das alte Seelentier, niemals ganz und gar zum Hirntier wandeln. Denn auch die neuen Strategien stehen ja unter dem Diktat des Herzens, auch wenn sie sich noch so nüchtern geben. Die Seele mag darum mit den Gesetzen des Marktes kokettieren, aber am Ende bleibt sie jenes triebmächtige Organ, das dem Menschen auch künftig seine Spleens, Ticks und Marotten beschert.

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