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StartseiteBüchermarktEine rheinische Sinfonie in Worten10.07.2017

Neue Lyrik von Jürgen BeckerEine rheinische Sinfonie in Worten

Pünktlich zu Jürgen Beckers 85. Geburtstag liegt jetzt ein Band vor, der ein einziges Langgedicht enthält: "Graugänse über Toronto". Wie auch in seinen Journalromanen, zuletzt "Jetzt die Gegend damals", verknüpft der Jubilar Beobachtungen des Alltagslebens mit Erinnerungen an früher.

Von Martin Krumbholz

Der Schriftsteller Jürgen Becker posiert am 30.05.2014 in seinem Garten in Odenthal (Nordrhein-Westfalen). (dpa / Marius Becker)
Melodische Lyrik: In "Graugänse über Toronto" bringt Jürgen Becker die Gegenstände zum Schwingen. (dpa / Marius Becker)
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1932 in Köln geboren, wuchs Becker in Thüringen auf. Nach dem Krieg kam er mit seinen Eltern nach Westdeutschland zurück, arbeitete als Redakteur im Deutschlandfunk - "the radio years" nennt er die Zeit im Gedicht - und lebt heute in Köln und in Odenthal im Bergischen Land. In den Sechzigerjahren lotete er die Gattungsgrenzen von Lyrik und Prosa neu aus, "Felder" und "Ränder" hießen die ersten Bücher. Es folgten einige Erzählungen wie "Der fehlende Rest" oder "Erzählen bis Ostende", aber ein genuiner Erzähler war Becker nie. Dann kam die Zeit der Journalromane: "Schnee in den Ardennen", "Im Radio das Meer", zuletzt "Jetzt die Gegend damals". 2015 erhielt der inzwischen 83-Jährige endlich den wohlverdienten Büchner-Preis.  

Sprache, die das Alltägliche in Vibration versetzt

Nun wird er also 85, dabei ist der Kölner Dichter Jürgen Becker doch immer einer der Jüngsten gewesen, einer der Experimentierfreudigsten, als er in den Sechzigern anfing mit Texten, die kühn die Gattungsgrenzen sprengten und kritisch hinterfragten, was das Medium Sprache eigentlich bedeutet. "Graugänse über Toronto" heißt der Band, der pünktlich zum Jubiläum erschienen ist, und wenn man ihn aufschlägt, egal wo, verfällt man sogleich diesem speziellen Sound, der das Alltäglichste zur Vibration bringt:

"Die Abende / werden länger, und man hört in den Nachbargärten / die Stimmen, die unbeschwert klingen, angstfrei / trotz aller Sicherheitslücken. Man trifft sich und / grillt, Krise kein Thema, die Kinder simsen / um die Wette, und alle trinken ihr Bier / aus der Flasche."

"Krise kein Thema": Auf engstem Raum gleichsam fängt Jürgen Becker den Zeitgeist ein, für den Krise eben doch ein Thema ist, und zwar ein gewaltiges, und setzt ihn in Spannung zur vorsätzlichen Idylle eines heiteren Sommerabends, an dem Nachbarn grillen und Bier aus der Flasche trinken. "Kinder simsen um die Wette."

Eine unmittelbare und energetische Sprachmelodie

Becker hat ja ein eigenes Genre erfunden, den Journalroman - ein Prosawerk, das sich aus persönlichen, nicht-fiktionalen Beobachtungen speist. Im aktuellen Band nun ist er wieder einmal zum Vers zurückgekehrt, und man ist dankbar für dieses Surplus. Nichts gegen die Journalromane mit ihrer gewiss produktiven Nachdenklichkeit und Sprödigkeit, aber das sich über knapp 100 Seiten erstreckende Langgedicht "Graugänse über Toronto" atmet anders. Man könnte es geradezu eine Rheinische Sinfonie in Worten nennen, so intensiv ist eine bestimmte Sprachmelodie darin aufgehoben, unmittelbar und energetisch - Jürgen Becker hat ja große Teile seines Lebens in Köln beziehungsweise in Odenthal im Bergischen Land verbracht.

"Kopf hoch, das kriegen wir hin. / Im Speicherzimmer die alten Koffer, die alles / mitgemacht haben, Zonengrenze, Trennungsgeschichten, / Kontrollen; alles ein Gestern, das nicht aufhört / zu sprechen und keiner mehr hören will? Warte mal ab. / Die Staubschicht ist dünn; Hotel-Etiketten bis / in die vierziger Jahre; der Ledergeruch geht nie / aus der Nase - / aber die Nachrufe / nehmen zu. Die Einschläge kommen nicht näher … sie sind / jetzt ganz nah."

Das Vergangene ist niemals vergangen

In solchen Wortkaskaden vermischen sich übliche Parolen - "Kopf hoch, das kriegen wir hin" - mit dem Persönlichsten und das Persönliche wiederum mit dem Geschichtlichen: Nur durch einen gezielt gesetzten Zeilensprung sind die privaten "Trennungsgeschichten" von den die Allgemeinheit betreffenden (Grenz-)Kontrollen getrennt. Wem gilt die subtile Drohung "Warte mal ab"? Vielleicht dem Geschichtsvergessenen, der trotz der aktuellen Sicherheitslücken nicht wahrhaben möchte, dass wir in einer gebrechlichen Welt leben? Der sich allzu unbekümmert in die ländliche Idylle flüchtet - "man trifft sich und grillt, Kinder simsen um die Wette"? Kunstvoll verbindet Becker die präzise Beobachtung und Beschreibung des Gegenwärtigen mit der Erinnerung an das Vergangene, das, wie man weiß, letztlich doch nicht vergangen ist, denn "nichts ist vergangen."

"Denken Sie nicht, / dies sei ein Fazit, sag' ich dem Interviewer; er fragt, / ob das Gedächtnis einen Zettelkasten führt. Es gibt keinen / Zettelkasten (…) / Dachziegel krachten hinab in den Hof. / Die Geräuschlawine rollte erst aus, als die Bomber / abdrehten. Geduckt unter Decken hielten wir durch, / Heimatfrontkinder, bis der Leichenhaufen / hinterm Stacheldraht uns sagte, daß wir allesamt / Verbrecherkinder sind. Dann klauten wir auch noch / Konserven und Koks (…) im Rosenmontagszug / ging einer mit, der machte den Hitler, und / das Völkchen winkte und lachte, als erzählte Geschichte / nun endlich, was alles ein Witz war -  / alles im Eimer, / sagte der Fähnleinführer und haute ab. (…)"

Die Erfindung des eigenen Ich

Die Geschichte ist natürlich kein Witz, aber sie gebiert, wenn man so will, eine unfreiwillige Komik, die durch die assoziativen Gedankensprünge des Gedichts ans Tageslicht gebracht werden. Es gibt einen Zettelkasten so wenig wie ein "Fazit" - es ist vielmehr das im Bewusstsein des Autors gespeicherte Geräusch der herabfallenden Dachziegel, welches den Zettelkasten ersetzt. Ein solches Verfahren ist von Natur aus subjektiv. An einer Stelle im Journalgedicht wird plötzlich gefragt:

"Trifft auf Sie zu, was / die Wissenschaft Autofiktion nennt?"

Das Beschreiben ändert die Vorgänge

Autofiktion ist die Erfindung des eigenen Ich. Die Idee des Fiktionalen, im Sinne der Erfindung einer Geschichte, eines Plots, hat Jürgen Becker suspendiert; an ihre Stelle tritt die Konstruktion eines Alter Ego, das in den Journalromanen auch einen Namen hat: Jörn Winter. Er hat Ähnlichkeit mit Jürgen Becker, ist aber nicht einfach mit ihm identisch. In dem 2015 erschienen Journalroman "Jetzt die Gegend damals" weist Becker auf eine "Binsenwahrheit" hin, wie er es selbst nennt: Selbst "der unter meinem Namen Auftretende" wäre als literarische Instanz jemand anderes, weil bereits das Beschreiben die Vorgänge verändert. Es heißt dort:

"Was Jörn erzählt, hat er so oder so erlebt, aber dann merkt er, daß immer wieder Erfundenes dazwischenkommt. Dabei hat er wenig Phantasie; das Erfinden ist nicht seine Stärke, eher ist es die Erinnerung, die, wenn sie aus der Zone des Vergessens nicht herausfindet, sich mit Erfindungen gewissermaßen weiterhilft."

An anderer Stelle bemerkt der Verfasser, es gehe darum, "den Bestand zu sichten". Gemeint ist das Inventar des eigenen Bewusstseins. Auch unser Gedächtnis ist nichts anderes als ein Medium, und Gedächtnislücken sind Indizien dafür, wie störanfällig auch dieses Medium ist. Und andererseits dafür, wie sehr jeder einzelne Mensch Autofiktion betreibt, indem er sich "mit Erfindungen gewissermaßen weiterhilft". Ist man für diese Tatsachen einmal sensibilisiert, können Eigenschaften des Mediums sich vor die Botschaften schieben, sie sozusagen in den Schatten stellen, wie das Beispiel aus dem früheren Journalroman "Schnee in den Ardennen" lehrt, als der Erzähler im Fernsehen einer heiseren Moderatorin zusieht:

"Die Sendung verläuft spannend, nicht der Nachrichten wegen, sondern weil man mit der Moderatorin bangt, ob sie es bis zum Wetter schafft."

Ein homerischer Humor ist unverzichtbarer Bestandteil des Becker'schen Kosmos. So etwas wie ein Lichtstrahl, der dem dankbaren Leser durch die Labyrinthe und Katakomben dieses Werks hilft.

Jürgen Becker: "Graugänse über Toronto. Journalgedicht." 
Suhrkamp, Berlin 2017, 92 S., 20 Euro.
Ebenfalls soeben zu Jürgen Beckers Geburtstag erschienen:
Jürgen Becker: "lik04: Lokalseiten"
herausgegeben von der Stadtbibliothek Köln, ausgewählt, zusammengestellt und bearbeitet von Gabriele Ewenz, Verlag der Buchhandlung Klaus Bittner, Köln 2017, 93 Seiten, € 16,80

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