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StartseiteDie neue PlatteOrchestermusik von Anatol Vieru21.01.2018

Neue Musik Orchestermusik von Anatol Vieru

Anatol Vierus Musik ist hierzulande weitgehend unbekannt und in Konzerten auch kaum zu hören. Sie wurzelt in der Gewalt und Ausgrenzung, die er als Jude 1941 in Rumänien erfuhr. Und sie reflektiert seine Gedanken zum Verhältnis von Gesellschaft und dem politischen Machtapparat.

Am Mikrofon: Yvonne Petitpierre

CD und CD Cover "Anatol Vieru Vol. 3 & 4" (Frank Kämpfer)
Orchestermusik von Anatol Vieru - erschienen beim Label Troubadisc (Frank Kämpfer)
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Anatol Vieru wird 1926 in Jassy, der Hauptstadt der rumänischen Provinz Moldau geboren. Als Ende 1941 Rumänien an der Seite Deutschlands in den Krieg gegen die Sowjetunion zieht, beginnt die damalige Regierung mit Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung vorzugehen. An der Seite seines Vaters flüchtet Vieru gemeinsam mit seinem Bruder und überlebt als Jugendlicher so das dortige Massaker, bei dem ca. 13.000 Menschen ihr Leben verlieren.

Biographische Bewältigung im Komponieren

Zu den grausamen Ereignissen hat sich Vieru zeitlebens verbal nicht geäußert, doch sein kompositorisches Schaffen bricht dieses Schweigen und verarbeitet die traumatischen Erlebnisse auf ästhetischer Ebene. Aus den Klängen seiner Kompositionen spricht verschiedentlich die immer wieder bedrohte eigene Existenz als Jude und als Künstler in einem Land, wo er unter ständiger Beobachtung und Kontrolle der Machthaber stand.

Beim Label Troubadisc ist jetzt eine Doppel-CD mit sinfonischen Werken des Komponisten erschienen, die zwischen 1971 und 1993 entstanden sind, im Konzertbetrieb allerdings leider so gut wie nie zu hören sind. Teilweise liegen die klanglich exzellenten Aufnahmen mit dieser CD-Edition als Ersteinspielungen vor. Um über das Hören hinaus mit Leben und dem Kompositionsverständnis von Anatol Vieru vertraut zu werden, begleitet die Aufnahmen ein äußerst informatives Booklet aus der Feder von Egbert Hiller. Die Musikgeschichtsschreibung liefert bislang nur sehr spärlich Informationen. Hiller bezeichnet Vieru’s Vielschichtigkeit als Wunder, die "auf  umfassender Ausbildung, kritischer Selbstreflexion und unbändiger künstlerischer Fantasie wie Neugier beruhe".

Im Jahr 1973 schreibt Anatol Vieru seine zweite Sinfonie, die Anklänge an Spätromantik und die Zweite Wiener Schule deutlich hörbar werden lässt. Hier begegnen schroffe rhythmische Strukturen und leuchtende Klangflächen. Egbert Hiller spricht im Kontext des ersten Satzes von "bizarrer Fremdartigkeit und irisierender Enge". Hören Sie hinein in den ersten Satz der Sinfonie "Tachycardie" in der Weltersteinspielung aus dem Jahr 1974 mit dem Deutschen Sinfonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Andrzej Markowski.

Musik: Anatol Vieru - "I. Tachycardie" aus: "Symphony No. 2"

Zwischen 1946 und 1951 studiert Anatol Vieru an der Hochschule für Musik in Bukarest. Zeitgleich leitet er das Bukarester Nationaltheater sowie die redaktionelle Betreuung der Zeitschrift des rumänischen Komponistenverbandes "Muzica". Unter dem Eindruck des Faschismus tritt Vieru im Glauben an eine gleichberechtigte Teilhabe der Juden am kulturellen wie wirtschaftlichen Leben in die Kommunistische Partei ein.

Musikalische Selbstbehauptung des Individuums

Vieru erkennt jedoch schnell die Mechanismen der Machthaber und beginnt, sich zu distanzieren. Für drei Jahre Kompositionsstudium bei Aram Katschaturjan wechselt Vieru 1951 ans Konservatorium in Moskau, ehe er dann selbst in Bukarest lehrt.

Thomas Beimel schreibt im Programmheft zum Forum Neuer Musik, das 2016 im Deutschlandfunk zum Thema "Jüdische Identitäten" stattfand über die Prinzipien der musikalischen Konstruktion im Schaffen von Anatol Vieru: "Er operiert mit einem System, das auf kleinen Modi basiert, mit denen er im Sinne der Mengenlehre die gesellschaftlichen Prozesse von Interaktion und Ausgrenzung allegorisch darstellt."

Das Zusammenspiel von Struktur und Ausdruck prägen auch die fünfsätzige "Sinfonia concertante" für Violoncello und Orchester aus dem Jahr 1987. Immer wieder verdichtet sich hier der Klangraum. Das Solocello steht für das Individuum, das in verschiedenen Konstellationen dem Orchester begegnet, das im übertragenen Sinne gewissermaßen für die Gesellschaft und ihren Machtapparat stehen mag. So kommt es zu einem beinahe ständigen Reibung zwischen den einzelnen Kräften.

Ivan Monigetti, Violoncello und das Filamonicii "George Enescu" din Bukarest unter der Leitung von Horia Andreescu hören sie mit dem zweiten Satz "Allegro". Solist und Dirigent sind auch die Widmungsträger dieser "Sinfonia concertante".

Musik: Anatol Vieru - "II. Allegro" aus: "Sinfonia Concertante for cello and orchestra"

Avancierte Stimme aus Bukarest

In Berührung mit der westlichen Neuen Musikszene und entsprechend ästhetischen Fragen kommt Vieru über die Verbindung zu einer Gruppe von Tonkünstlern wie Myriam Marbe und Stefan Niculescu. Als er 1962 in Genf einen internationalen Preis für sein erstes Cellokonzert gewinnt, sorgt Anatol Vieru erstmals auf westlichem Terrain für Aufmerksamkeit.

Das früheste, auf dieser CD zu hörende Werk von Anatol Vieru stammt aus dem Jahr 1971. "Clepsidra II" für Chor, Panflöte, Zymbal und Orchester eröffnet geheimnisvoll wie aus einem Abgrund mit fluktuierenden Streicherklängen und tiefen Männerstimmen. Gefühlslagen und Befindlichkeiten durchdringen einander mit unerwarteten Einwürfen und Melodiefragmenten in einem beharrlich fortschreitenden Stimmengewirr.

Musik: Anatol Vieru - "Clepsidra II" (Ausschnitt)

Als Auftragswerk zum 50. Geburtstag des 1926 gegründeten Prager Radio-Sinfonie-Orchesters, komponiert Anatol Vieru 1975 die "Sinfonietta". Der fanfarenartige Auftakt erinnert zunächst an das gleichnamige Werk des tschechischen Komponisten Leoš Janáček, vielleicht eine bewusst gewählte Geste als Hommage an das tschechische Orchester. Theatralisch anmutende Momente und sehr intensive wie abwechslungsreiche Klangfarben zeichnen den musikalischen Verlauf des Werkes. Vieru wollte hier über das Aufspüren verschiedener Klangräume die Geschichte des Orchesters reflektieren und lässt dabei zugleich seine eigene Vita passieren. All das fasst Vieru in sinnlichen Klanggeweben. Josef Hmčir dirigiert die Weltpremiere von 1975 mit dem Prager Radio-Sinfonie Orchester.

Musik: Anatol Vieru - "Sinfonietta" (Ausschnitt)

Gesellschaftliche Durchdringung

Vor der Kulisse seiner Biographie wirken die Klänge meist suchend, fragend und zugleich verarbeitend. Thematisiert wird immer wieder der Konflikt zwischen Individuum und Masse, der Vieru zeitlebens begleitet. Kurz vor seinem Tod 1998 hat Anatol Vieru in einem Interview zu seiner späten sinfonischen Musik geäußert, dass er bewusst sehr bescheidene Orchester gewählt habe, um leicht zu spielen, denn es gäbe bereits genug große Schwierigkeiten und äußert: "Ich glaube, in diesem Sinn bin ich sehr demokratisch: Ich glaube, man muss nicht das Material nehmen und etwas Einziges daraus machen, nein! Man muss etwas Allgemeines, Gesellschaftlicheres daraus machen."

Zu den späten Werken aus der Feder von Anatol Vieru zählt das 1993 entstandene Orchesterstück "Psalm", das durchaus von einem tief empfundenen spirituellen Geist getragen ist. Ihm geht es jedoch weniger um funktionale Gebundenheit, als um ein grundsätzliches Hinterfragen von Sein.

Musik: Anatol Vieru - "Psalm" (Ausschnitt)

Seine letzte Sinfonie komponiert Anatol Vieru 1993. "Das Jahr der stillen Sonne", so der Titel der dreiteiligen Sinfonie Nr. 7, baut sich auf aus der Stille und zitiert einen Moment aus dem Weihnachtslied "Sille Nacht" und jongliert so zwischen Momenten von Melancholie und Aufbegehren.

Vieru spielt mit dem melodischen Material des Liedes, wobei ein komplexer Umgang mit Modi und Intervallen die musikalische Entwicklung bestimmt. Er zielt in der schöpferischen Arbeit auf eine Beschränkung, um Wesentliches zu fokussieren. Vieru verglich seine Arbeit mit der eines Bildhauers, der nach eigenen Worten "eine Struktur meißelt, indem er alles, was nicht notwendig ist, vom Stein wegschlägt".

Auf dem Weg zum Wesentlichen

Egbert Hiller versucht im begleitenden Booklet diese Sinfonie auch in einem biographischen Kontext zu verstehen und notiert: "Es gibt hier womöglich ein Spannungsverhältnis zwischen dem, was war und dem, was noch kommen mag – zwischen zuckenden Erinnerungen und verhaltener Erwartung, die in der Gegenwart der Musik kulminieren."

Abschließend hören wir hinein in den ersten Satz, der zunächst im Stille Nacht Motiv wurzelt. Horia Andreescu dirigiert das Orchestra Nationalã Radio.

Musik: Anatol Vieru - "I. Preludiu" aus: "Symphony No. 7"

Heute galt die Aufmerksamkeit dem sinfonischen Schaffen des rumänischen Komponisten Anatol Vieru. Die Aufnahmen finden sich auf einer Doppel-CD, die beim Label Troubadisc erschien und hier eine begonnene Vieru-Reihe fortführt. 

Anatol Vieru - Orchestermusik Volume 3 & 4
Div. Orchester und Dirigenten
Trouba Disc CD TRO-CD 01451, LC06206
EAN: 4 014432014517

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