Corso / Archiv /

 

Neue Offenheit

Die britische Band Everything Everything veröffentlicht ihr zweites Album "Arc"

Von Amy Zayed

Kommen aus Manchester: die vier jungen Herren der britischen Band Everything Everything
Kommen aus Manchester: die vier jungen Herren der britischen Band Everything Everything (picture alliance / dpa)

Sie wurden vor sechs Jahren als Newcomer gefeiert. Doch nach dem Überraschungserfolg wurde es sehr schnell wieder sehr ruhig um die Jungs aus Manchester. Jetzt präsentiert die Band ihr zweites Album. Sänger Jon Higgins freut sich auf die anstehende Tournee und das Konzert in Deutschland.

"Wir wollten bei diesem Album einen ganz anderen Weg einschlagen. Wir wollten zugänglicher werden. Beim letzten Mal wollten wir, dass die Leute neugierig werden. Aber das ging ganz schön nach hinten los, weil es so rüberkam, als wären wir superschlau oder einfach nur Nerds. Deshalb wollten wir diesmal unsere Emotionen wirklich zeigen. Sowohl in der Melodie als auch in den Texten. Wir hatten einfach keine Lust mehr auf dieses Versteckspiel, bei dem ja niemand versteht, was wir meinen oder was wir wollen."

Genau diese Offenheit macht das neue Album der vier jungen Herren aus Manchester aus. "Arc" ist eine Mischung aus Elektro-Beats, die ab und an zum Tanzen einladen, sich aber mit langsamen Gitarrenklängen abwechseln, ohne dabei den Faden zu verlieren. Das Album bleibt eingängig, melodisch überschaubar, wird dabei aber nicht langweilig.

Textlich spielt Jon Higgins mit banalen Halbsätzen, die auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben. Wenn man aber die einzelnen Songs komplett durchhört, findet man oft eine tiefere Bedeutung, die die Banalität der Halbsätze verschwinden lässt. Im Song "Feet for Hands" singt er: "Ich habe genug von all diesen Lichtern auf der Erde! Ich hab keine Lust mehr, ans Telefon zu gehen."

"Der Song ist ganz schön düster. Es stimmt zwar, dass ich manchmal keine Lust habe, ans Telefon zu gehen, aber in dem Song geht es um einen sehr tragischen Fall, der letztes Jahr in Manchester passiert ist. Ein Polizist wurde von einem Psychopathen angeschossen. Dabei verlor der Polizist sein Augenlicht. Er wurde danach als Held geehrt, aber er kam überhaupt nicht damit klar und hat schließlich Selbstmord begangen. Der Fall hat mich irgendwie sehr betroffen gemacht, und da habe ich darüber geschrieben."

Higgins' Stärke liegt darin, seine Gedanken in einfache Texte und seine Gefühle in eingängige Melodien zu übertragen. Die zweite Singleauskopplung "Kemosabe" ist ein Lied, das man schnell mitsingen kann - wobei man sich fragt, was er nun eigentlich mit "Kemosabe" meint.

"'Kemosabe' ist ein erfundenes Wort aus den 'Lone Ranger'-Comics. Da kämpft der 'Lone Ranger' mit seinem Indianerfreund Tonto gegen die Ungerechtigkeit im Wilden Westen. 'Kemosabe' bedeutet so etwas wie Freund. Die Idee zu dem Song kam mir, weil ich dachte, der 'Lone Ranger', also der einsame Ranger, ist doch gar nicht so einsam. Er hat seinen Freund Tonto. Und dann hab ich den Gedanken weiter gesponnen und mich gefragt, was eigentlich Einsamkeit bedeutet und wie viele Leute es gibt, die angeblich nicht einsam sind, weil sie mit jemandem zusammenleben oder Leute kennen, mit denen sie aber nichts gemeinsam haben, und sich in diese Illusion einlullen, dass sie ja gar nicht einsam sind. Und dann wieder gibt’s Menschen, die heulen, wie einsam sie sind, dabei sind sie es gar nicht und sind undankbar."

"Arc" bedeutet Bogen, und auch dieser einfache Albumtitel hat für Higgins eine besondere Bedeutung. Ein Bogen stellt eine Kurve dar, die auf- und abwärts gehen kann. Für Higgins ist diese Kurve ausschlaggebend für sein Leben, die Zeit an sich, aber auch für die Popkultur. Er wünscht sich, mit seiner Musik etwas verändern zu können, auch wenn er weiß, dass die Musik von Everything Everything nicht die Welt retten wird.

"Pop hat immer etwas mit Jugend zu tun. Popmusik wird zum Großteil von Leuten bis ungefähr 25 gehört. Das heißt nicht, dass ältere Leute keine Popmusik mögen, aber die meisten Veränderungen oder Einsichten erlangt man in diesem Alter. Als ich mit Musik anfing, dachte ich, ich bin einfach nur irgendein Idiot, der einfach so lebt wie jeder andere auch. Mittlerweile denke ich, vielleicht kann ich meinen Hörern sogar ein ganz klein wenig mit meiner Musik helfen. Ihnen einen Rat mit auf den Weg geben. Die Leute, die zu unseren Shows kommen, sind meistens so um die zehn Jahre jünger als ich. Oft wünsche ich mir, dass ich mit meinen Texten irgendwem helfen kann. Ich würde so gern sagen: Was du erlebt hast, kenne ich! Und so bin ich damals damit umgegangen. Es ist normal, dass du dich jetzt wie der größte Idiot fühlst, aber man kann etwas dagegen tun."

"Arc" wirkt dabei aber überhaupt nicht lehrerhaft. Es ist eine Platte, auf der man immer mehr Neues entdeckt, je öfter man sie hört. Die Texte sind witzig und gleichzeitig aussagekräftig. Und man kann sie schnell mitsingen. Das Konzept ist in Großbritannien schon mal aufgegangen, denn dort stieg das Album direkt auf Platz 5 in die Charts ein. Jon Higgins und seine Kollegen fühlen sich davon angetrieben und sitzen jetzt schon an ihrem nächsten Album. Jetzt allerdings steht erst eine lange Tour auf dem Programm.

"Als wir das allererste Mal auf Europatour gegangen sind, waren wir als Erstes in Deutschland. Was uns gefallen hat, war, dass die Leute direkt mitgetanzt haben. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir alle Angst, vor fremdem Publikum zu spielen, abgelegt und es war eine Riesenparty. Deshalb bedeutet uns Deutschland auch so viel, weil wir erst dort gemerkt haben, dass wir es wirklich schaffen könnten."

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Corso

IsraelEin popkultureller Streifzug durch Tel Aviv

Viele glauben, Israel zu kennen. Besonders die, die noch nie da waren. Das gilt wohl am meisten für Jerusalem. Das gilt aber auch für Tel Aviv, eine Stadt, die lange links liegen gelassen wurde. Pilgergruppen machen einen großen Bogen um die Hedonisten-Hochburg. Auch klassische Kulturtouristen haben lange gefremdelt mit dieser vibrierenden, manchmal lauten Stadt.

Filmemacher Peter ScharfVom Gegenwert eines Menschen

Geldscheine in zwei Händen

"Ein Mann von 40 ist im Normalfall mehr wert als eine Frau von 40", sagte der Filmemacher Peter Scharf im DLF - und gibt damit keinesfalls seine persönlich Meinung wieder. In seiner Dokumentation "Was bin ich wert?" zeigt der Kölner vielmehr, wie der Wert einzelner Menschen auf Euro und Cent berechnet wird - von Politikern, Ärzten und Anwälten.

MusikIm Dunkeln wachsen die Ohren

"Orchester im Treppenhaus" nennen sich die jungen Virtuosen, die sich in Hannover und anderswo in lockerer Folge treffen, um an ungewöhnlichen Orten Konzerte zu geben: in einer Straßenbahn, in einem Zirkuszelt. Zum zweiten Mal hat das Orchester im Treppenhaus jetzt ein szenisches Konzert im Programm. "Dark Room 2" findet im Dunkeln statt.