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StartseiteWissenschaft im BrennpunktNeue Pillen für den neuen Menschen29.01.2006

Neue Pillen für den neuen Menschen

Mittelchen für Glück, Ausgeglichenheit und Intelligenz

Neue Pillen treiben unser Gehirn zu Höchstleistungen. Sie machen schlau, aufmerksam, sozial kompetent, mindern das Schlafbedürfnis und steigern die Reaktionsfähigkeit. Ursprünglich für Kranke entwickelt, sollen in Zukunft auch Gesunde von den neuen Wundermedikamenten profitieren.

Von Kristin Raabe

Neue Pillen sollen Gesunde noch fitter machen. (AP)
Neue Pillen sollen Gesunde noch fitter machen. (AP)

Hallo, wie geht es Ihnen? Wie, Sie fühlen sich nicht gut? Ihr Mann ist abgehauen? Mit seiner Sekretärin? Sie sind jetzt alleine mit den drei Kindern? Ihren Job sind Sie auch bald los? Sie können die Hypothek für das Haus nicht mehr bezahlen? Die Zwangsräumung steht kurz bevor?

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Das Glück in Pillenform ist schon längst keine Zukunftsvision mehr. Weltweit machen Millionen Menschen davon Gebrauch. Von 1993 bis 2002 haben sich in Deutschland die Verschreibungszahlen für Antidepressiva verdoppelt. Und lange nicht jeder, der diese Glückspillen schluckt, ist auch wirklich depressiv. Die Pillen helfen auch völlig gesunden Menschen über das eine oder andere Stimmungstief hinweg. Aber die neuen Pillen für den neuen Menschen können noch viel mehr. Sie treiben unser Gehirn zu Höchstleistungen. Sie machen schlau, aufmerksam, sozial kompetent, mindern das Schlafbedürfnis und steigern die Reaktionsfähigkeit. Ursprünglich für Kranke entwickelt, sollen in Zukunft auch Gesunde von den neuen Wunderpillen profitieren. Forscher in den USA und Großbritannien testen zur Zeit die ersten Gedächtnispillen am Menschen. In Münster lernen gesunde Versuchspersonen mit Hilfe eines Parkinsonmedikaments Vokabeln und Piloten sollen in Zukunft unter dem Einfluss eines Alzheimer-Medikaments noch schneller reagieren.

Die neuen Pillen machen fit für ein Leben in der modernen Leistungsgesellschaft. Eine kleine Veränderung im chemischen Gleichgewicht des Gehirns und schon ist es da: Glück, Ausgeglichenheit - ja sogar Intelligenz. Und das ist auch nötig. Denn wie sonst soll der Mensch - ein Produkt einer Jahrmillionen währenden Evolution - den Ansprüchen seiner schönen neuen Welt gewachsen sein? Unsere genetische Ausstattung ist längst überholt. Mit der rasanten Entwicklung unserer immer komplizierter werdenden Gesellschaft und der steigenden Reizüberflutung hält sie schon lange nicht mehr Schritt. Damit der Mensch den Anforderungen seiner eigenen Zukunft entspricht, braucht er die Unterstützung der Pharmaindustrie. Neue Pillen für den neuen Menschen.

" Hier ergibt sich vielleicht die größte Umwälzung in unserem Menschenbild. Man geht ja davon aus, dass der Mensch eine gewisse Normalität hat. Und dass man in die Normalität nicht eingreifen kann oder darf. Wenn man sich das aber wissenschaftlich anguckt, dann ist unsere Psyche ja eine Kombination von vielen Antrieben von vielen Faktoren, die den normalen Menschen so herstellen, dass da eine gewisse Schwankungsbreite entsteht in der Kombination vieler Antriebe, das nennen wir dann normal. Und unnormal sind dann ganz einfach die Schwankungen, die zu groß werden. Wenn man das bildlich darstellt, es gibt eben eine Gaußsche Normalverteilung und wir nennen das normal, was um den Mittelwert herumstreut. Insofern gibt es keinen idealtypischen Normalfall, sondern es gibt eben statistisch eine Normalität. Insofern sind also die Abweichung nicht Abweichungen von irgendeiner Norm, sondern von einem Entwicklungsdurchschnitt, das muss man ganz klar sehen. Und wie wir optimistisch oder pessimistisch in die Welt gucken, das bestimmt eben diese Mixtur aus ganz bestimmten chemischen Substanzen im Gehirn. "

Der Hirnforscher und Philosoph Gerhard Roth von der Universität Bremen sieht mit Besorgnis, welchen enormen Zuspruch die neuen Glückspillen bereits jetzt finden.

Bereits seit Jahren auf dem Markt ist Fluoxetin, so der Name der am weitesten verbreiteten Glückspillensubstanz. In den USA ist Fluoxetin bekannt unter dem Handelsnamen Prozac, bei uns heißt die Pille Fluctin. Ursprünglich für schwerkranke Depressive entwickelt, nehmen nun rund 20 Millionen Amerikaner das Wundermittel.

Dass Fluctin negative Stimmungen dämpft, wäre eigentlich gar nicht bedenklich. Aber der Wirkstoff verschiebt ein Gleichgewicht, das sich im Laufe der Evolution eingestellt hat. Dieses Gleichgewicht macht aus den meisten Menschen flache Optimisten. Diese Grundhaltung hat sich als ausgesprochen vorteilhaft für das Überleben der Menschheit erwiesen. Verschiebt sich das Stimmungsbarometer von dieser Ausgangsposition in die eine oder in die andere Richtung, wirkt das nicht unbedingt positiv.

"Wenn bestimmte Stoffe überwiegen, Dopamin oder die berühmten endogenen Opiate, dann sehen wir die Welt zu rosig, dann stehen wir unter Drogen und dann erkennen wir Risiken nicht gut oder nicht früh genug und dann laufen wir in große Gefahren, ähnlich wie der Mangel an solchen Stoffen uns in die tiefe Depression treibt, und wir sehen überall nur die Gefahren und wir sind von Ängsten eingemauert und da tun wir gar nichts mehr. Also daraus können wir schon folgern, dass ein gewisser grundlegender Optimismus das ist, was sich immer einstellen wird, weil die hochgradigen Optimisten und die hochgradigen Pessimisten natürlicherweise aussterben werden. "

Inzwischen bestimmt der Mensch, die Regeln seiner Evolution allerdings selbst. Und die Glückspillen der Zukunft, könnten es ihm ermöglichen, selbst Krisenzeiten halbwegs gutgelaunt zu überstehen, ganz ohne fremde Hilfe:

" Wenn wir eine geliebte Person verlieren oder ein schweres Unglück erleiden, dann hat das immer schon Mechanismen gegeben, dieses Leid zu lindern. Der beste Mechanismus ist die Tröstung und das Mitleid. Man weiß heute, dass Tröstung, Mitleid durch andere bestimmte beruhigende oder befriedigende Stoffe in unserem Gehirn erhöhen. Insbesondere das Serotonin und die endogenen Opiate und alle Gesellschaften haben für den Fall, dass Tod oder andere schwere Unglücke über einen Menschen herfallen, bestimmte gesellschaftliche Rituale entwickelt, zum Beispiel bestimmte Bestattungs- und Trauerrituale, und die hatten einen großen Sinn, den Menschen über diesen immensen Schmerz hinwegzuhelfen.

Und man kann heute zeigen, die greifen natürlich wie alles, was mit uns geschieht, in unser Gehirn ein und man spricht ja auch in der Psychotherapie von Trauerarbeit und das ist in der Tat so, dass es das Natürlichste ist, mit Hilfe der anderen und allein ist das eben extrem schwer, und das ist der Punkt, mit Hilfe der sozialen Umgebung, und da ist es völlig richtig, daran reift man. Das mag gelingen und nicht gelingen, das hängt auch von der psychischen Konstitution ab, aber das ist der Normalfall.

Natürlich haben Menschen immer schon zu Drogen und zu Alkohol gegriffen, wenn der Schmerz und die Trauer und die Enttäuschung zu groß wurden und immer schon hat man gesehen, was das für Gefahren hat. Nämlich da wird die Trauerarbeit, die Bewältigung der Frustration, des Unglücks nicht natürlicherweise erarbeitet, sondern wird ersetzt und das ist eine große Gefahr und Alkohol ist eine sehr starke Droge. Das ist die Gefahr, man wird abhängig und man leistet nicht die Bewältigungsarbeit und das ist beim Stress genauso. Wenn einer unter großem Stress steht, dann greift er zur Flasche oder zu Drogen, anstatt die Ursachen des großen Stresses, wenn es denn möglich ist, zu beseitigen, nämlich weniger zu arbeiten, sich weniger aufzubürden. Das ist die eine Sache und ich denke mal, es gibt einen ziemlich direkten Zusammenhang, zwischen dem Sich-leicht-Machen, Glückspillen zu nehmen, serotoninverstärkende Pillen zu nehmen, zur Flasche zu greifen und dem Fortfall dieser psychosozialen Hilfsmittel. Denn es gibt ja niemanden mehr, der mit mir trauert, mich tröstet. Es ist erstens viel leichter und zweitens gibt es ja in einer amerikanisierten Gesellschaft niemanden mehr. Da muss ich mich mit Alkohol und Pillen selber um mich kümmern. "

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Psychopillen wie Prozac oder Fluctin machen nicht nur glücklich. Sie steigern sogar die soziale Kompetenz. Versuchspersonen kooperieren unter ihrem Einfluss bei Gruppenaufgaben deutlich besser. Das belegen aktuelle Studien.

Indem sie die Hirnchemie verändern, greifen solche Pillen auch in die Persönlichkeit ein. Medizinethiker, wie Bettina Schöne-Seifert von der Universität Münster machen sich deshalb bereits jetzt Gedanken, welche Konsequenzen das haben könnte:

" Die Grundvorstellung ist die, dass man mit seinem Leben im Reinen sein möchte und mit sich in Balance und sozusagen eine einigermaßen stimmiges Gleichgewicht zwischen den Dingen, die einem wichtig sind und den Dingen, die man tut und seinem Selbstgefühl entwickeln kann. Und die Vorstellung, die Kritiker und besorgte Stimmen bei diesen Glückspillen vorbringen, ist, dass jemand, der ein eher schüchterner, eher zögernder und nachdenklicher und eher scheuer Mensch gewesen ist, über ganz viele Jahre seines Lebens, wenn der plötzlich eine Pille einwirft und zum Partylöwen wird, dann passt das eigentlich gar nicht zu ihm, dann kann man sich gar nicht vorstellen, dass das sozusagen sinnvoll und beglückend in ein gelingendes Leben eingebaut wird. Und man hat dann große Sorgen, dass das solche Maßstäbe sind, die von außen auf die Leute zukommen.

Also man muss heutzutage sozial kompetent sein und man muss wie ein Politiker durch Mengen sich den Weg bahnen können, großes Selbstbewusstsein haben und situationskomisch sein und fünf Sachen gleichzeitig können, und dass das eigentlich Dinge sind, die bei vielen Menschen gar nicht in den Charakter reinpassen und die durch eine punktuelle Veränderung aus dem Gleichgewicht geraten. "

Studien amerikanischer Psychiater zufolge ist zumindest die Anwendung von Prozac weitestgehend unbedenklich: Viele ihrer Patienten fühlen sich mit diesen so genannten Glückspillen authentischer - näher bei sich selbst - als ohne das Medikament. Und das gilt auch für Menschen, die das Antidepressivum einnehmen, ohne tatsächlich selbst krank zu sein.

Auch der Psychiater Dr. Markus Pawelzik, leitender Arzt der EOS-Klinik in Münster, kann sich eine sinnvolle Anwendung von solchen Glücklichmachern in Pillenform bei Gesunden vorstellen.

" Ich habe mir mein Nervenkostüm, in der Genlotterie, die meine Eltern veranstaltet haben nicht ausgesucht. Was mache ich denn, wenn ich ein etwas zu empfindsamer, etwas zu verletzlicher Typ bin? Okay, könnte man sagen, das ist vielleicht die Vorraussetzung, um als Schriftsteller entsprechende Sensibilitäten aufzubauen. Nur als jemand, der auf die Behandlungen affektiver Störungen spezialisiert ist, da pfeife ich drauf. Das kann ein furchtbares Leben sein unterhalb der Schwelle der manifesten Depressionen beziehungsweise scheint es klar zu sein, dass ... Also wenn ich die Möglichkeit habe, mein Los bei der Genlotterie etwas zu verbessern durch so eine Maßnahme, dann sind sozusagen die Entwicklungsaufgaben, die vor mir stehen, meine eigene Lebensperspektive, die sind in keiner Weise erledigt, die stehen immer noch vor mir, aber ich kann sie vielleicht etwas besser, etwas erfolgreicher realisieren. "

Wenn Pillen das bewirken könnten, wären sie sicherlich ein Segen für die Menschheit. Der Hirnforscher und Philosoph Gerhard Roth glaubt allerdings, das jeder Eingriff in das menschliche Ich riskant ist. Und genau das bewirken Psychopillen wie Prozac und Fluctin. Er vertritt eine Position, die vor allem unter Hirnforschern heute sehr populär ist, aber auch von anderen Philosophen in der Vergangenheit schon vertreten wurde: Antrieb jeden menschlichen Handelns ist immer die Emotion. Ein Handeln lediglich aus Vernunftgründen gibt es nicht. Das menschliche Ich ist ein Konstrukt unseres Gehirns, einen freien Willen haben wir nicht. Wird das Gehirn bei der Konstruktion des menschlichen Ichs gestört, wie es beispielsweise die Glück verheißenden Pillen tun, dann bleibt das nicht ohne Folgen:

" Die entsprechenden Neurotransmitter, Neuromodulatoren, die ganzen Substanzen wie Serotonin oder Noradrenalin und wie sie alle heißen stellen das ein, aber immer in einer ganz engen Beziehung zur frühkindlichen Erfahrung. So reift das Ich aus, in dem es angeborene Antriebe hat und dann in den primären psychosozialen Beziehungen sich austesten muss und dann irgendeine Balance finden muss, die völlig individuell ist. Nicht zuviel Ich-Stärke, dann wird man zum Egozentriker, zum Narzissten, aber auch nicht zuwenig, dann wird man zu einem völlig zurückgezogenen eingepanzerten Menschen. Das ist die große Kunst unseres individuellen Gehirns, da irgendwie die Balance zu finden, und das stabilisiert sich dann.

In der Pubertät wird da noch mal kräftig rumgerührt und dann kommen wir hoffentlich zu unserem jugendlichen erwachsenen Ich und in dieses labile Gleichgewicht greifen dann diese Pillen ein, die aber nicht durch Erfahrung vermittelt sind, sondern die einem verabreicht sind. Aus der Lernpsychologie wissen wir, dass [es] zwei Dinge sind, die ganz schlimm sind. Ungerechtfertigtes und unerwartetes Unglück ist ganz schlimm, das, was man sich nicht erklären kann, und noch schlimmer ist ungerechtfertigte und unerwartete Belohnung, ist noch schlimmer. Die verbiegt die Psyche radikal. Gerade bei Kindern, weil dann die ganzen Soll-Werte für verdiente Belohnung verstellt werden, das werden die absoluten Tyrannen und Egozentriker. Da sehen wir, dass das Gehirn sich immer nur aufgrund der eigenen Erfahrungen verändern kann, und jede Pille und jeder Schluck Alkohol ist nicht diese Eigenerfahrung des Ichs, sondern eine künstliche Erfahrung, und damit kann das Ich nicht fertig werden. Wir Menschen haben, gerade auch die Kinder haben ein sehr feines Gefühl dafür, was sie tun müssen, um eine verdiente Belohnung bekommen. Das wird sehr fein registriert. Und Drogen und diese Pillen sind sozusagen unverdiente Belohnungen. Und darauf reagiert das Gehirn äußerst sensibel. "

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Wachmacherpillen sind keine neue Erfindung, schon immer haben Menschen versucht, den Schlaf zu überlisten. Nicht ohne Grund ist Kaffee so erfolgreich. Aber solche legalen Mittel zum Hirndoping reichen vielen Menschen nicht mehr. Der Arzt Markus Pawelzik wird immer mal wieder mit dem Wunsch nach einem Wachmacher konfrontiert.

" Es passiert ja heute schon, dass Jurastudenten einen konsultieren, so nach dem Motto: Sie sind ein liberaler aufgeschlossener Doktor, verschreiben Sie mir mal zum Beispiel Ritalin, ein Amphetaminpräparat, was mir erlaubt, dann länger als 16 Stunden am Tag zu lernen, weil ich nicht müde werde. "

Die Nebenwirkungen von Schlafentzug sind hinlänglich bekannt: Depressionen und Reizbarkeit bis hin zur Depressivität. Aber selbst wenn Wachmacherpillen keine solchen Nebenwirkungen hätten, wären damit die Probleme noch lange nicht beseitigt. Die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert:

" Ein Kardinalproblem in dieser Debatte, nämlich wenn alle Leute solche Pillen benutzen und jeweils ihr Ausgangsniveau entsprechend verbessern, dann hat man sozusagen eine Wettbewerbsspirale höher das Ganze gedreht, und oben beginnt der Wettbewerb wieder von Neuem. Ein anderes Beispiel in diesem Zusammenhang, das gerne diskutiert wird: Stellen sie sich vor, es würde die gesamte Manageretage eines Vorstandes, eben um konkurrenzfähig zu bleiben, ihren Schlafbedarf medikamentös unterdrücken, und angenommen, das wäre einigermaßen risikoarm zu haben, dann würde ja trotzdem der Wettbewerbsvorteil, den man sich damit verschaffen möchte, nämlich dass man einige Stunden länger arbeiten kann, der würde sich gar nicht auszahlen, weil es eben alle täten. Und umgekehrt würden alle, die sagen würden, sie möchten naturbelassen sein und keine Medikamente einnehmen, die hätten einen Nachteil, der ja irgendwie auch aus Gerechtigkeitsgründen bedenkenswert wäre.

Hinzu kommt noch, dass, wenn das ganze sehr teuer wird, würden eben nur die Wohlhabenden diese optimierenden Vorteilsbringer benutzen können und andere eben nicht, weil sie sich das gar nicht leisten könnten, denn keine Gesundheitsversorgung, die wir uns vorstellen könnten, würde für so etwas aufkommen. Wir haben ja jetzt schon genug Knappheit in den Krankenkassen. "

Bleibt sowieso die Fragen, inwieweit Krankenkassen und Ärzte überhaupt zuständig wären? Schließlich ermöglichen die neuen Pillen ein so genanntes Neuro Enhancement bei Gesunden. Neuro Enhancement ist der englische Begriff für die Verstärkung von Hirnfunktionen - von Gefühlen, Konzentrationsfähigkeit, sozialer Kompetenz und Lernleistung.

" Als Arzt habe ich damit nichts zu tun, weil ich per definitionem für die Behandlung von Krankheiten zuständig bin. Eine Wunsch erfüllende Medizin sprengt den Rahmen unseres bisherigen Medizinverständnisses. Dass die Grenzen in Bewegung sind, das ist unbestreitbar, denkt man an die ästhetische Chirurgie. Das sind ja auch Mediziner, die das machen, und es ist ein klarer Fall von medizinischem Enhancement, wenn ich mich verschönern lasse, ohne jetzt extrem entstellt zu sein, was vielleicht noch unter Krankheit fallen könnte.

Aus meiner Sicht ist es relativ klar, dass mit dem Anwachsen, dem Ausweiten der instrumentellen Möglichkeiten sich natürlich die Gesundheits-Krankheits-Grenze verschiebt. Je mehr wir machen können, desto mehr wird als nicht wünschenswert, also tendenziell krank angesehen und insofern erweitert sich der Bereich dessen, was die Heilkunde in Zukunft machen wird. "

Schon jetzt bekommen viele Ärzte erheblichen Druck von manchen Patienten, ihnen doch die neuen Muntermacher zu verschreiben. Das Medikament Modafinil wurde ursprünglich für Neuroleptiker entwickelt. Das sind Patienten, die unter plötzlichen Schlafattacken leiden. Die Symptome sind im Internet nachlesbar. Immer mal wieder berichten Schlafmediziner über Simulanten, die gezielt dieses Medikament verschrieben haben wollen. Und das nur, um noch mehr Nächte in den Technodiscos durchzutanzen.

Eine andere Form von Neuro Enhancement testeten amerikanische Forscher: Sie gaben Piloten das Alzheimer-Medikament Donezepil. Das Ergebnis war verblüffend: Mit dem Medikament waren die Piloten konzentrierter, reagierten schneller in schwierigen Situation und zeigten insgesamt im Flugsimulatortests ein besseres Ergebnis.

" Also im Prinzip ist dagegen gar nichts zu sagen. Und Menschen tun das schon seit etlichen Jahren, seit der Neuzeit. Es gibt viele Menschen und zu denen gehöre ich auch, die ohne Tee und Kaffee morgens nicht gut drauf sind, und Teein, Koffeein sind natürlich Drogen, die insbesondere auf unser cholinerges System wirken und uns wacher und aufmerksamer machen. Völlig klar, dass wenn man da in langen Konferenzen sitzt und keinen Kaffee oder Tee hat, dann kann man nicht mehr lernen. Eine ganz gefährliche Droge, nämlich das Nikotin, wirkt direkt auf dieses System ein. Es ist keine Erfindung der chronischen Raucher, dass sie ohne Nikotin nicht mehr klar denken können. Und wenn sie dann wieder rauchen, dann kommen die Gedanken, weil das Nikotin direkt auf das cholinerge Aufmerksamkeitssystem eingeht. Aber da sieht man eben das Verhängnis. Und Zigaretten rauchen, Nikotinabhängigkeit, ist ja mit die schlimmste Abhängigkeit. Nicht dass sie Menschen zerstört wie Alkohol, aber die Rückfallquote ist die höchste von allen bekannten Drogen. Und das Elend kommt langsam. Daran sieht man, man hat einen unmittelbaren Effekt auf die Aufmerksamkeit, aber die Folgen sind katastrophal. Beim Kaffee ist es Gott sei Dank nicht so. Das heißt es kommt immer auf die Gefährlichkeit oder Ungefährlichkeit der Drogen an. Und im kognitiven Bereich ist es ja nicht so schlimm wie im emotionalen Bereich. Der kognitive Bereich ist ja auch nicht so überlebenswichtig wie der emotionale. Emotionale Defizite sind sehr viel wichtiger und haben eine sehr viel größere Tragweite, als milde kognitive Defizite. Das liegt in der Natur der Sache. "

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Vor kurzem testeten Nervenärzte an der Universität Münster ein Parkinsonmedikament an Gesunden. Die Versuchspersonen mussten eine Kunstsprache lernen. Das Ergebnis: Mit Hilfe der Pillen lernten die Probanden ein Fünftel Vokabeln mehr: Statt 100 Vokabeln schafften sie 120. Die Lernleistung verbessern können auch so genannte Ampakine. Die ersten klinischen Studien mit dieser Substanz sind bereits abgeschlossen. Auch der Nobelpreisträger Eric Kandel forscht an einer Gedächtnispille. Er will sie in den nächsten Jahren auf den Markt bringen.

Die Möglichkeiten, die diese Gedächtnispillen bieten, erscheinen verheißungsvoll. Vorausgesetzt natürlich diese Pillen haben keine schweren Nebenwirkung. Die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert kann sich eine Zukunft vorstellen, in der solche Pillen viel Gutes bewirken könnten:

" Um jetzt was Positives zu sagen: Stellen sie sich vor, wir hätten jetzt gedächtnissteigernde Möglichkeiten, die einigermaßen preiswert wären, und jeder könnte sie kriegen, wäre das ja auch eine sehr wünschenswerte Aussicht zu sagen: Wir lernen Vokabeln, für die wir eben sonst mühsam viel Zeit aufwenden müssen in sehr viel kürzerer Zeit und die Zeit, die frei wird, wird dann sozial verwendet. Wir haben Zeit einen Brunnen zu bauen für ein Entwicklungsland. Es kommt sehr darauf an, wie diese Dinge eingesetzt werden. Sie sind nicht sozusagen selbst des Teufels, sondern ein unbedachter Umgang und ein sozial nicht verantwortbarer Rahmen der rechtlichen Ausgestaltung, wäre das Problem. "


Es wäre auch denkbar, dass gezielt die Menschen die neuen Pillen erhalten, die von der Natur benachteiligt sind. Dann hätten auch diejenigen eine Chance auf Bildung und sozialen Aufstieg, die bei der Genlotterie ein schlechtes Los gezogen haben. "Chance by choice" - Glück durch freie Wahl, so haben amerikanische Ethiker dieses Prinzip genannt. Letztlich müssen Politiker und Juristen entscheiden, wer überhaupt Zugang zu den neuen Pillen für den neuen Menschen erhält. Bis es soweit ist, stehen die Forscher vor ganz anderen Problemen: Denn noch ist nicht klar, welche Nebenwirkungen die neuen Substanzen haben werden. Der Neuropharmakologe Michael Koch von der Universität Bremen hat Bedenken, ob die Gedächtnispillen und andere Mittel zum Hirndoping tatsächlich auf Dauer wirken können.

" Diese Systeme, auf denen wir sozusagen wie auf dem Klavier spielen als Pharmakologen und mit verschiedenen Substanzen beeinflussen, sind Jahrmillionen alt und haben sich in der jetzt vorliegenden Form sozusagen sehr stabil herausgebildet. Das bedeutet für einen Pharmakologen klar zu sehen, dass diese Systeme sehr stark reguliert sind. Das heißt, wenn wir an einer Stelle eingreifen, das ist einfach in der Natur der Sache gelegen, dass solche natürlichen biologischen System versuchen eine Homöostase herzustellen. Wenn wir beispielsweise, da gibt es auch viele Untersuchungen drüber, chronisch diese Systeme überstimulieren, so wie es bei chronischen Kokainnutzern untersucht wurde, dann steuert das System gegen, das heißt Rezeptoren reagieren auf das übergroße Angebot, indem sie ihre biologische Empfindlichkeit herabregulieren. "

Wie bei jeder Droge verlangt das Gehirn vermutlich auch bei den Wunderpillen nach einiger Zeit nach immer mehr, um dieselbe Wirkung zu erzielen. Ohne Krankheitsdruck ist bei den neuen Pillen im Moment jedenfalls noch Vorsicht angebracht:

" Sonst scheint mir wirklich die Sorge, dass man viel zu schnell zu den Dingen greift, die eigentlich auf andere Weise, auf naturbelassene Weise viel besser in Ordnung kommen und richtiger ins Leben eingebaut sind, ganz richtig, auch wenn man am Ende keine guten Argumente dafür findet wird, dass Naturbelassenheit als solches ein Wert ist. Ist doch Naturbelassenheit deswegen in vielen Situationen, wenn wir es nicht besser wissen, erst mal die Vertrauen erweckende Alternative gegenüber dem Manipulierten, weil wir die Komplexität der Geschehnisse und der Eingriffe ja überhaupt nicht übersehen. Wir wissen ja gar nicht, was wir da anrichten, und deswegen sollten wir so vorsichtig sein. "Nature knows best" - das scheint mir eine ganz gute Devise, bis wir es selber mal besser wissen. "

Warum kommen Menschen, überhaupt auf die Idee sich selbst zu verbessern? Doch nur, weil sie den Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht mehr gewachsen sind. Im Extremfall kann das sogar zur Krankheit führen. Schon lange vermuten Ärzte, dass die konstante Reizüberflutung ein Grund für die Zunahme von Depressionen ist. Markus Pawelzik kennt das Problem aus seiner eigenen Praxis:

" Mit 400 Fernsehprogrammen und einem schnellen Internetzugang kann ich mich potenziell mit allem, was es auf dieser Welt gibt, vergleichen, und egal welchen Gegenstand oder welche Perspektive ich mir heraussuche, es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Die Auswahlproblematik führt zu psychologischen Opportunitätskosten, die einfach zu hoch sind. Das ist nicht mehr zu bewältigen. Wir brauchen, um erfolgreich groß zu werden, eine Matrix, anhand derer wir uns orientieren können, einen Handlauf, einen psychosozialen Handlauf, einen kulturellen Handlauf, der etwas zu tun hat mit der Einschränkung von Möglichkeiten. Und das Gegenteil ist der Fall: Wir sind Opfer einer Tyrannei der Freiheit. "

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