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StartseiteCorso"Es ist wichtig, Widersprüche aufzudecken"19.05.2017

Neue Rechte & Popkultur"Es ist wichtig, Widersprüche aufzudecken"

Seit einiger Zeit schon arbeiten sich Vertreter der „Neuen Rechten“ an der Popkultur ab. Mit welchen Argumenten, das lässt sich unter anderem an einem sehr gefragten YouTube-Video ablesen, das im Netz kursiert. Die Kulturwissenschaftlerin und Bloggerin Annekathrin Kohout hat es untersucht.

Annekathrin Kohout im Corsogespräch mit Tanja Runow

Aktivisten der "Identitären Bewegung" stehen auf dem Brandenburger Tor und entrollen ein Transparent (dpa)
"Kritik an allem, wo es keine Grenzen mehr gibt". Aktivisten der "Identitären Bewegung" stehen auf dem Brandenburger Tor. (dpa)
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Tanja Runow: Trashige Reality-Shows im Fernsehen, vulgäre Gesten bei Popstars und ein gemeißelter Hintern beim Turner Prize. Wer Beweise für den kulturellen Niedergang des Abendlandes sucht, der findet sie seit ein paar Wochen ganz komprimiert in einem recht nachgefragten Video, das ein YouTuber namens Paul Joseph Watson auf seinem Kanal veröffentlicht hat. "The Truth about Popular Culture" steht im Titel.

Und diese vermeintliche "Wahrheit über die Popkultur", die wollten immerhin über anderthalb Millionen Menschen sehen bislang. Interessant an dem Ganzen: Der Autor ist ein politischer Publizist und Agitator, der sich der so genannten "Neuen Rechten" zuzuordnen lässt, die sich schon seit einer Weile am Feindbild Popkultur abarbeitet. Die Kulturwissenschaftlerin und Bloggerin Annekathrin Kohout hat das Phänomen untersucht. Guten Tag!

Annekathrin Kohout: Guten Tag.

Runow: Frau Kohout, Sie haben kürzlich einen Blogbeitrag geschrieben für eine gemeinsame Reihe der Zeitschrift "Merkur" und "Pop. Kultur und Kritik", in dem Sie genau dieses Video untersuchen, was ich gerade erwähnt habe.

Kohout: Ja.

Globale Vernetzung

Runow: Vielleicht erst mal zum Autor Paul Joseph Watson: Wer ist das und was spielt er für eine Rolle im Netz?

Kohout: Ja, also Paul Joseph Watson ist ein Autor und Blogger, - Sie haben es schon erwähnt -, er ist Brite und lässt sich der Neuen Rechten zuordnen. Er schreibt vor allem für die Website Infowars.com von Alex Jones aus Amerika und die ist eine sehr populäre Plattform für Fake News vor allem. Er publiziert regelmäßig auf seinem YouTube Channel vor allem kurze Clips, die immer so leicht verschwörungstheoretisch anmuten und beginnen mit 'The truth about'. Und einer davon ist eben 'The truth about popular culture'.

Runow: Er ist Brite, haben Sie gesagt, veröffentlicht aber eben auch auf Infowars, einer amerikanischen Plattform. Das heißt, er richtet sich nicht primär an ein europäisches oder amerikanisches Publikum, sondern an eine internationale Szene, wenn ich Sie richtig verstehe.

Kohout: Ja, absolut. Also tatsächlich sind die Vertreter der Neuen Rechten - also wir fassen das jetzt mal ganz weit - global vernetzt. Also das heißt, wie in jeder anderen Szene auch, sie beobachten sich gegenseitig, sie initiieren Interviews miteinander, machen gemeinsame YouTube Videos. Und deswegen richtet sich es auch an die ganze Welt sozusagen.

"Genau hinschauen und Widersprüche aufdecken"

Runow: Was stört denn Watson und seine Mitstreiter so sehr an der Popkultur?

Kohout: Ja, also man muss vorweg sagen vielleicht, dass es gar keine einheitliche Gesinnung oder Haltung zu dem Thema gibt, aber spricht man vielleicht von denen, die sich so als Neue Rechte selber bezeichnen oder auch labeln, dann erkennt man durchaus das Muster, dass sie eben Hochkultur verklären, Popkultur verteufeln. Das drückt sich sowohl in der ständigen Hochhaltung - sag ich mal - des bildungsbürgerlichen Kanons aus, also Beispiel Sixtinische Madonna oder Beethoven, vor allem einer Verherrlichung von Autoren wie Ernst Jünger, natürlich aber auch mittlerweile Hölderlin. Und auf der anderen Seite eben an der harschen Kritik an der Popkultur oder Populärkultur - das wird nie so richtig unterschieden voneinander - zu deren Hauptmerkmal in Statements oder in Videos vor allem das Vulgäre gehört und die Bedeutungslosigkeit.

Runow: Wo ziehen die denn da überhaupt die Grenze? Kann man ja heute nur noch schwerlich.

Kohout: Genau. Also die Grenze kann man eigentlich eben nicht mehr ziehen und erst mal ist es auch sehr Positives. Es ist ja auch so, dass unsere Kultur heute vielleicht - keine Ahnung, ob high oder low, eine Unterscheidung, die sowieso schon immer eine Konstruktion war - dass sie einfach sehr ausdifferenziert geworden ist. Also es gibt klassische Musik, die sich am Pop orientiert, es gibt Popmusik, die sich an experimenteller Soundart irgendwie was abschaut, es gibt Trash, es gibt ironischen Trash. Es ist alles möglich und es geht auch, weil wir viele neue Optionen der Adressierung haben oder weil wir natürlich auch viel toleranter geworden sind.

Und dass die Grenze zwischen Hochkultur und Popkultur neu gezogen werden soll, also so die Ambitionen, die gibt es nicht mehr, würde ich jetzt persönlich auch als Kritik an der Toleranz deuten. Also, weil wir so tolerant sind, würde alles zugelassen werden, eben sogar Miley Cyrus, die sich dann in durchsichtiger Unterwäsche auf der Bühne rekelt und damit dann noch irgendwie ein ziemlich schlechtes Vorbild für die Jugend ist sozusagen.

Doch dieser Vorwurf ist natürlich gar nicht tragfähig, weil wir sind ja gar nicht so tolerant, wir haben ja auch Grenzen, wir unterscheiden ja auch zwischen - zum Beispiel - einem Reality Star und Miley Cyrus. Das macht Watson in seinem Video zumindest nicht und auch generell nicht. Und da sieht man natürlich auch die vielen Widersprüche und wie wichtig es vielleicht auch ist, sich jedes Beispiel im Konkreten mal anzuschauen und diese vielleicht aufzudecken.

"Kritik an allem, wo es keine Grenzen mehr gibt"

Runow: Kann man natürlich sagen, man muss das nicht alles mögen und unterstützen. Also man kann da auch vielleicht eine konservative Haltung einnehmen. Er sagt, er spricht ja von einer konservativen Gegenkultur. Aber ergeben sich daraus politische Forderungen?

Kohout: Ja klar, also ich denke schon. Wenn man das als Kritik an der Toleranz deutet, dann kann man das natürlich auch als Kritik an der Multikulturalität deuten, als Kritik an der Globalisierung, eben als Kritik an allem, wo es keine Grenzen mehr gibt, an allem, wo irgendwie eine Vermischung, sag ich mal, vorliegt und ja, deshalb zum Beispiel befinden sich in dem Video eben von Watson Werke der zeitgenössischen Kunst als Beispiele.

Also auch zeitgenössische Kunst ist in ihren Augen leer und bedeutungslos und Müll, wenn nicht mal mehr eine Putzfrau quasi den Unterschied erkennt und das Fett von Beuys wegwischt, wie soll es dann jemand anderes noch erkennen? Und es ist auch sehr interessant, weil Watson an einem Punkt in seinem Video von dem 'Integrationsversuch trivialer Gegenstände in die Hochkultur' spricht. Und das heißt natürlich dann konkret, wenn man es übersetzt, wie wir eben jeden Flüchtling in unser Land lassen, so lassen wir auch jede Trivialität in unsere Kultur. Also diese Analogie wird schon gezogen auch direkt.

Runow: Wie passt eigentlich in dieses Bild, dass man selber ja die Popkultur bedient? Ihre Formate, ihre Ästhetik verwendet, wie das eben Watson tut mit den Clips in seinem Videokanal, wie das Martin Sellner tut als hipstermäßiger Posterboy der Identitären Bewegung in Österreich.

Kohout: Ja, es ist durchweg widersprüchlich. Aber natürlich dient ihnen das auch als Sprachrohr, wenn man es so sagen möchte, auch Missionierung, dem Bewerben ihrer Bewegung sozusagen. Und da kann man sich natürlich auch nicht komplett ausschließen.

"Argumente kommen immer wieder aus anderen Richtungen"

Runow: Man muss aber nicht Beavis and Butt-Head bringen oder irgendwie alles als Clip aufmachen, also...

Kohout: Das ist eine gute Frage. Das ist durchzogen von Widersprüchen, deswegen ist es auch sehr wichtig, die immer wieder aufzudecken. Sie nutzen natürlich diese Medien, um ein Zeichen zu setzen, dass es bei Ihnen auch nicht langweilig ist dadurch. Man muss ja sagen, das Tolle an Toleranz auf einer ästhetischen Ebene ist ja vor allem irgendwie, dass Vielfalt überraschend ist, dass Vielfalt Spaß macht und so weiter. Und natürlich kann man das nicht komplett rausnehmen.

Runow: Watson hat ja auch Marine Le Pen im Wahlkampf unterstützt, er hat Trump unterstützt - einen US-Präsidenten, der ursprünglich Host einer dieser schlimmen Reality-TV-Formate war. Wie geht das zusammen?

Kohout: Es geht auch nicht zusammen. Definitiv nicht. Aber trotzdem ist es interessant, dass Sie es erwähnen, weil man daran wieder erkennt, dass die Argumente immer aus einer anderen Richtung kommen. In dem Fall würde man jetzt wahrscheinlich als jemand, der sich sozusagen der Neuen Rechten wohlgesonnen fühlt antworten, ja er ist eben aber ehrlich, ja. Er hat eben was Wahrhaftiges, indem er nicht vertuscht, dass er die Popkultur benutzt, um Geld zu verdienen oder so, und vor allem, um zu zeigen: Man darf eben nicht einfach immer die Seiten wechseln, immer die Kontexte wieder verschieben und wegnehmen.

Übrigens ja auch etwas, dass sie vorwerfen, ja, der Postmodernismus hätte alles entkontextualisiert, alles egalisierend gemacht und so weiter, aber tatsächlich machen sie ja genau das mit den neuen Grenzen, die wir haben. Und die haben wir ja, wir haben ja Kriterien für alles. Nimmt man zum Beispiel Miley Cyrus eben, wie sie da auf der Bühne tanzt, dann ist es natürlich keine Lobeshymne auf die Nackheit, sondern dann ist das vor allem erst mal ein relativ referenzielles Programm in Bezug auf was vorher passiert ist bei den MTV Video Music Awards oder eine Referenz zu früheren Popstars und Stereotype, die daraus entstanden sind.

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