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StartseiteWirtschaft und GesellschaftDie Politik nimmt Datenschutz zu wenig ernst 09.01.2018

Neue TechnologienDie Politik nimmt Datenschutz zu wenig ernst

Mit dem Datenschutz nehmen es viele Menschen im Zeitalter moderner Technologien nicht sehr genau. Der Soziologe Günter Voß hält das für problematisch. Jeder Einzelne müsse in neuer Weise lernen, mit der Technik umzugehen, sagte Voß im Dlf. Gleichzeitig sieht er in Sachen Aufklärung und Schutz der Menschen großen Nachholbedarf seitens der Politik.

Günter Voß im Gespräch mit Jessica Sturmberg

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(Janine Guldener)
Der Münchener Soziologe Günter Voß fordert von der Politik mehr Schutz vor Datenkraken (Janine Guldener)
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Jessica Sturmberg: Automaten, die Hemden falten, denkende Haushaltsgeräte, Sprachsteuerungssysteme, mit denen wir kommunizieren als seien sie Mitmenschen – die Welt der künstlichen Intelligenz, die wir bisher vor allem aus Science Fiction kannten, wird uns bei der Consumer Electronic Show CES in Las Vegas, die Technik-Messe, gerade präsentiert. Was dort gezeigt wird, löst gleichermaßen Begeisterung wie Sorge aus. Begeisterung über die technischen Möglichkeiten, die damit verbunden sind, und Sorge über das, was wir uns da ins Haus holen, zum Beispiel mit Amazons Alexa oder Google Home – nämlich die Möglichkeit, uns abzuhören, unsere persönlichen Daten zu sammeln.

Da gibt es immer mehr Menschen, die da Bedenken haben und keineswegs technikfeindlich eingestellt sind oder sich nicht weiterentwickeln wollen. Doch was bedeutet das eigentlich für unsere Gesellschaft, wenn die einen sich mit Begeisterung darauf stürzen und die anderen es eigentlich nicht wollen? Darüber habe ich vor der Sendung mit dem Münchner Soziologen Professor Günter Voß gesprochen un zunächst gefragt, wird ein Teil bald digital abgehängt?

Günter Voß: Abgehängt wird sicherlich, glaube ich, nicht eine größere Gruppe in der Gesellschaft, außer denen vielleicht, die nicht über ausreichende technische Apparaturen verfügen, weil sie das Geld dazu nicht haben. Was ich eher sehe ist, dass in der Gesellschaft es verstärkt auch widerständige oder kritische Wahrnehmungen der neuen Technologien gibt, und da muss sich dann doch, wer auch immer da die Interessen vertritt, die Industrie, die Politik, mit auseinandersetzen.

"Digitalisierung nicht nur das Verlegen von Glasfaserkabeln"

Sturmberg: Wie sollte die Politik sich damit auseinandersetzen? Auf welche Weise?

Voß: Die erste Stufe ist, dass die Politik überhaupt das Problem wahrnimmt, nämlich dass Digitalisierung nicht nur das Verlegen von Glasfaserkabeln ist, sondern dass es um letztlich den Schutz auch der User oder der Nutzer oder der Verbraucher geht, und das beginnt mit Aufklärung, wer auch immer dafür jeweils zuständig ist, und es ist letztlich auch eine Frage von Bildung und Erziehung. Heutzutage muss man das fast schon so sagen, dass schon im Kindergarten man eigentlich so etwas wie eine digitale Bildung einführen muss, und das gilt erst recht natürlich für alle anderen Stufen unseres Bildungssystems. Das nächste ist, dass jeder Einzelne dann für sich Verantwortung übernimmt, neben der Verantwortung, die vielleicht auch die Politik oder die Industrie übernimmt. Aber jeder Einzelne muss in neuer Weise lernen, mit Technik umzugehen und neue Umgangsformen zu entwickeln.

Hintergrundbild einer Keynote auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas. (imago /Xinhua)Hintergrundbild einer Keynote auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas (imago /Xinhua)

Sturmberg: Datenschutz ist ja für viele eher ein abstrakter Begriff, der dann am Ende doch nicht so richtig greifbar ist. Dann sagen viele ja oft: Ach, ich habe sowieso nichts zu verbergen, die können ruhig meine Daten haben. Was halten Sie dem entgegen?

Voß: Ich halte das für eine ausgesprochen problematische Wahrnehmung, die auch zum Teil von interessierter Seite lanciert wird. Selbst wenn man tatsächlich bei einzelnen Themen nichts zu verbergen hat. Jeder hat irgendetwas sinnvollerweise auch zu verbergen und deswegen haben wir auch eine geschützte Privatsphäre. Trotz allem gibt es eine Fülle von Themen in Verbindung mit digitalen Medien, die dazu führen, dass das, was von uns abgegriffen wird, in einer Weise verwendet wird, die wir vielleicht nicht wollen, die wir gesellschaftlich nicht für verantwortlich finden und die irgendwann mal direkt oder indirekt auf uns zurückschlägt.

Digitale Bildung schon im Kleinkindalter

Sturmberg: In welcher Weise?

Voß: Indem etwa unsere Daten genutzt werden für Dinge, die wir nicht mehr kontrollieren können, und wir faktisch dann ausgespäht werden, von wem auch immer, und dann diese Dinge in irgendeiner Weise uns schaden, zum Beispiel, indem bei der Kreditgewährung wir Nachteile haben, irgendwo dann auch das Versicherungssystem – ich denke jetzt an die Gesundheitsversicherungen – anfängt, uns Nachteile zu machen, wenn wir ein bestimmtes schädliches Gesundheitsverhalten an den Tag legen, wenn wir uns im Verkehr in einer Art und Weise verhalten, was den Autoversicherungen nicht gefällt und die das aber erfahren über die diversen digitalen Systeme, die heutzutage in die Autos eingebaut werden.

Sturmberg: Viele sagen ja, das weiß ich ja eigentlich, aber das andere ist so bequem, es ist so praktisch. Müssen wir uns darauf einstellen, dass diejenigen, die das nicht annehmen, die diese Technik nicht wollen oder diese Datenkraken nicht wollen, dass die dann ein unbequemeres Leben haben?

Voß: Die ganze Technologie suggeriert uns eine Fülle von Lebenserleichterungen, und zum Teil ist das auch wirklich der Fall. Gleichzeitig – und das ist bei jedem technischen Wandel so gewesen – müssen wir auch lernen, damit umzugehen und damit dann gelegentlich auch Nachteile in Kauf zu nehmen, wenn wir die Technik nicht oder nicht so maximal nutzen, wie es vielleicht von der Industrie gedacht war. Ein Stück weit gehört es zu einem mündigen Verbraucher oder User in dem Fall, dass er abwägt, in welcher Weise er wie und wie umfangreich er Technologie nutzt, und das erwarte ich in einer aufgeklärten Gesellschaft von aufgeklärten Bürgern.

Thema wird in der Politik kaum angesprochen

Sturmberg: Wird da genug aufgeklärt, oder sollte da die Politik dafür sorgen, dass mehr aufgeklärt wird?

Voß: Die Bürger sind zum Teil aufgeklärt und wissen Bescheid. Aber jeder von uns weiß, wenn er sich an die eigene Nase langt, wieviel wir eigentlich nicht wissen über moderne Technologien und die Probleme, die damit verbunden sind. Datenschutz ist ja nur ein Schlagwort. Auf der anderen Seite hat die Politik und letztlich dann natürlich auch die Industrie eine Verantwortung für das, was mit uns da gemacht wird, und die Politik muss diese Verantwortung wirklich mehr übernehmen. Und gerade die aktuellen Koalitionsverhandlungen, wenn ich ehrlich bin: Das Thema wird dort kaum angesprochen.

Sturmberg: Mag das sein, dass vielleicht ein politisches Interesse auch da ist, das gar nicht ansprechen zu wollen?

Voß: Das will ich nicht ausschließen, dass aus industriepolitischen Gründen man lieber bestimmte heikle Themen nicht anspricht. Aber sie sind so virulent und sie sind so offensichtlich auch erkennbar, dass die Politik sich da eigentlich nicht rausstehlen kann. Da sind zum Teil, was weiß ich, diejenigen, die näher am Silicon Valley sind, also in den USA, schon weiter. Dort gibt es eine heftige digitalkritische Diskussion, die schon Konsequenzen zeigt, etwa im Umgang mit einem der ganz großen Unternehmen. Unser Justizminister hat das ja versucht, aber man merkt, dass das da möglicherweise rechtspolitisch etwas dilettantisch umgesetzt worden ist. Aber das Thema muss auf die Agenda und da geht es nicht nur darum, dass Glasfaserkabel verlegt werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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