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StartseiteCorsoNeue Tendenzen in der avancierten US-Popmusik28.08.2012

Neue Tendenzen in der avancierten US-Popmusik

Die "R&B-isierung" des Indie - und umgekehrt

Lange konnten nur wenige Musikgourmets dem, was man als "Contemporary R&B" bezeichnet, etwas abgewinnen. Das hat sich geändert. Schon tauchen die ersten "R&B-Vibes" in vielen progressiven Produktionen auf. Dass es auch umgekehrt geht - vom R&B in Richtung Indie -, beweist Frank Ocean mit seinem Debüt.

Von Christian Lehner

Es gibt viele Erklärungsansätze für den aktuellen Trend hin zum "R&B": die Wirtschaftskrise, die Tendenz im Hip Hop, sich in Richtung Popmusik zu öffnen.  (Stock.XCHNG / Dave Dyet)
Es gibt viele Erklärungsansätze für den aktuellen Trend hin zum "R&B": die Wirtschaftskrise, die Tendenz im Hip Hop, sich in Richtung Popmusik zu öffnen. (Stock.XCHNG / Dave Dyet)

Die Feststellung schmerzte. Der zeitgenössische Indie Rock hätte keine Seele, so ätzte die renommierte Kulturzeitschrift "The New Yorker" vor fünf Jahren. Der Vorwurf: Independent-Musik in Amerika wäre zu einer rein weißen Angelegenheit verkommen und würde das große schwarze Musikerbe der USA negieren. Als Beleg diente die Erfolgsband The Arcade Fire, die gänzlich frei war von Soul, Hip Hop oder Funk. Doch der Vorwurf reichte tiefer. Die These suggerierte nämlich eine Segregation, wie sie nicht untypischer sein konnte, für eine Musikszene, die sich gerne weltoffen und liberal gibt.

Damals konnte Sasha Frere-Jones, der Autor des Pamphlets, ja noch nichts ahnen von der weißen Band Passion Pit aus Boston, die die süßesten R&B-Vibes verbreiten kann.

Wie viele Indie-Musiker Amerikas stammen Passion Pit aus dem studentischen Milieu. Die Band rund um Sänger Michael Angelakos formierte sich, als die Streitschrift im "New Yorker" gerade erschienen war. War Album Nummer 1 noch dem typischen Synthpop- Sound der letzten Dekade verpflichtet, setzt der Nachfolger "Gossamer" jetzt auf Spiritualität und das sogenannte Soulsearching, also das Ringen um die eigene Identität und Seele.

Es gibt viele Erklärungsansätze für den aktuellen Trend hin zum "R&B": die Wirtschaftskrise, die neue Sensibilität, die Tendenz bei Hip Hop Künstlern, sich in Richtung Popmusik zu öffnen. Channy Leaneagh jedenfalls - von der Band Poliça aus Minneapolis - vertraut den heilenden Kräften des gefühlvollen Seelensäuselns:

"Ich glaube an Musik als Therapie. Ich glaube an die Möglichkeit, einen Folk-Song in der Tradition von R&B zu schreiben. Blues und Folk erzählen ja Geschichten. Es geht meist um Trennung und um Schmerz. Der Akt des Singens hingegen wirkt befreiend. Das Herz öffnet sich."

Policia haben im Frühjahr ihr Debütalbum veröffentlicht und sich bei den Gesangsparts einer Technologie bedient, die im R&B häufig zum Einsatz kommt. Auto-Tune ist eine Software, die die Stimme geschmeidiger erscheinen lässt und sie auch artifiziell verändert.

Als erster Indie-Song mit "R&B-Qualitäten" gilt das Stück "Stillness Is The Move" von den Dirty Projetors aus Brooklyn.

Der Song erschien 2009. R&B und Hip-Hop-Stars wie Beyoncé, Jay-Z oder Kanye West outeten sich als Fans. Wohl auch deshalb, weil die Dirty Projectors nach einem eigenen Zugang suchten, anstatt den Stil von schwarzen Stars wie R. Kelly zu kopieren.

Indie-Musiker wie Bon Iver oder Yeasayer legten nach.

"Longevity" vom neuen Yeasayer Album "Fragrant World". Hier wird R&B mit dem Synthesizer-Sound der 80er-Jahre kurzgeschlossen. Für Bassist Ira Wolf Tuton hat der aktuelle Trend zu den Manierismen des R&B einen profanen Grund, der wohl auch für viele seiner Kollegen gelten dürfte:

"Ich bin mit R&B aufgewachsen! In den 90ern war er allgegenwärtig. Das hat mich dann auch auf die Spur von Soul und Motown-Records gebracht und schlussendlich zur Bassgitarre. Natürlich beeinflusst das auch die Art und Weise wie man Songstrukturen und Rhythmen anlegt. R&B ist jetzt nicht der einzige Einfluss, aber auf alle Fälle ein wesentlicher."

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