Kultur heute / Archiv /

 

Neuer Fall von Blasphemie?

Die Aktivistinnen der ukrainischen Protestbewegung Femen sägen in Kiew ein Holzkreuz um

Von Jutta Schwengsbier und Ivan Gayvanovych

Femen protestiert gegen die Verurteilung von Pussy Riot
Femen protestiert gegen die Verurteilung von Pussy Riot (picture alliance / dpa - Photo Itar-Tass)

Sie kämpfen für die Selbstbestimmung der Frauen und gegen die staatliche Diktatur. Bekannt geworden ist die ukrainische Gruppe Femen durch spektakuläre Aktionen wie Nackt-Demos während der Fußball-EM. Jetzt hat sie gegen die Verurteilung von Pussy Riot demonstriert.

Noch ein paar Schnitte mit einer Kettensäge – und das drei Meter hohe Kruzifix fällt. Die Täterin steht noch kurz auf dem Platz, mit einer Mimik und Gestik, die an die eben gefällte Jesusgestalt erinnert, die Hände und Arme weit ausgebreitet lässt sie sich fotografieren. Dann flieht sie. Nun ist das Femen-Büro in Kiew geschlossen. Die Frauen sind nur noch telefonisch erreichbar. Inna Schewtschenko, die das Kruzifix gefällt hat, zeigt keine Reue. Ganz im Gegenteil: Die Feministin ist entschlossen weiter zu machen ohne Rücksicht auf die möglichen Konsequenzen.

"Ich werde jetzt sehr oft persönlich bedroht. Es sind Morddrohungen oder Drohungen, man werde mich zum Krüppel machen. Falls wir weiter bedroht werden, falls wir angegriffen werden, dann nehmen wir statt einer Kettensäge etwas anderes in die Hand, um uns zu wehren. Wir sind zu allem bereit."

Tatsächlich wird die Aktion von Femen von der ukrainischen Öffentlichkeit einhellig abgelehnt. Viele in der Ukraine sind überzeugte Christen. Die allgemeine Ablehnung des Zerstörungsaktes wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass das Kruzifix zum Gedenken an die Opfer der politischen Repressionen und der Hungersnot in der UdSSR aufgestellt worden war. Das Kruzifix stand vor dem Gebäude, in dem das berüchtigte stalinistische Innenministerium NKWD vor dem Zweiten Weltkrieg seinen Sitz hatte. Der Vorsitzende der Vereinigung der Wissenschaftler zur Erforschung der Hungersnot, Oleksandr Uschynskyj, ist empört:

"Dieser Platz ist ein Symbol für den Tod Tausender Söhne und Töchter der Ukraine. Nach dieser Tat der Aktivistin von Femen sind die Vertreter aller Kirchen und Konfessionen in der Ukraine besorgt."

Selbst die ukrainischen Aktivisten, die für einen Freispruch von Pussy Riot eintreten, haben kein Verständnis für die Femen-Aktion.

Wiktoria Switlowa war Koorganisatorin einer Protestaktion vor der russischen Botschaft in Kiew an dem Tag, als das Gericht in Moskau den Urteilsspruch gegen Pussy Riot verkündete. Und an dem Femen das Kruzifix stürzte. Sie nennt diese Aktion eine Provokation.

"Wir als Verteidiger der verurteilten russischen Mädchen wollen nicht mit Vandalismus und Aggression in Verbindung gebracht werden. Ganz im Gegenteil. Wir verteidigen humanistische Ideale. Ich persönlich vermute, Femen wurde von irgendjemandem beauftragt, um die Verteidiger von Pussy Riot zu diskreditieren und damit die ganze christliche Welt gegen sie aufzubringen."

Femen-Direktorin Anna Guzol weist solche Anschuldigungen zurück. Femen sei konsequent antireligiös und antikirchlich. Die Aktion sei nicht explizit gegen die russisch-orthodoxe Kirche gerichtet gewesen, obwohl Femen diese Kirche beschuldigt, mit dem russischen Staat zu kollaborieren.

"Was ist denn ein kleines Stück Holz im Vergleich zu drei verlorenen Leben? Es ist uns egal, was für ein Kruzifix das war – ob katholisch, ob muslimisch, ob hugenottisch. Das spielt keine Rolle für uns. Es war ein säkularer Akt, eine Demonstration gegen die Kollaboration von Kirche und Staat."

Um ein Zeichen der Versöhnung zu setzen, haben viele ukrainische Bürgerrechtler schon am nächsten Tag auf eigene Kosten am alten Platz ein neues provisorisches Kruzifix aufstellen lassen. Pater Wasyl von der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche hat das neue Kruzifix geweiht. Die Kirche werde keine Strafe für Femen verlangen. Der Pater ruft Femen aber dazu auf, sich öffentlich zu entschuldigen.

"Die Kreuzigung Jesu ist ein Symbol für die Versöhnung des Menschen mit Gott. Das Kruzifix ist ein Zeichen der Opferung und auch ein Zeichen dafür, dass das Gute über das Böse gesiegt hat. Jeder Mensch hat ein Recht zu protestieren. Aber dieser Protest darf die religiösen Gefühle der Gläubigen nicht verletzen."

Obwohl die ukrainische Kirche keine Bestrafung einfordert, hat die Miliz gegen Femen ein Verfahren eingeleitet. Ihnen wird Gruppen-Hooliganismus vorgeworfen. Darauf stehen in der Ukraine bis zu vier Jahre Haft. Das ist doppelt so lange, wie die Aktivistinnen von Pussy Riot einsitzen müssen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Ausstellung "Die Augustus-Revolution"Des Kaisers Polit-Marketing

Die Kopfplastik des römischen Kaisers Augustus wurde 1961 bei Ausgrabungsarbeiten in Mainz gefunden. Undatierte Aufnahme.

Kaiser Augustus, Adoptivsohn von Julius Cäsar, sorgte während seiner Amtszeit für viel Wirbel in Rom: So realisierte er etwa den von Cäsar eingeführten julianischen Kalender. Eine Ausstellung in Rom zeigt nun, welche Bereiche er noch revolutionierte und wie er seine Familie politisch nutzte.

Tommy Lee Jones Film "The Homesman" Frauen im Wilden Westen

Kultur heute Die Sendung vom 18. Dezember 2014

 

Kultur

Anti-TheaterDie Sorgen eines Klimaforschers auf der Bühne

Satellitenaufnahme der Antarktis, aufgenommen vom ESA-Satelliten Sentinel 1A

Ein älterer Herr sitzt auf der Bühne und spricht über das Weltklima: In dem Stück "2071", das im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Premiere hatte, warnt der renommierte Klimawissenschaftler Chris Rapley vor der voranschreitenden Erderwärmung. Inhaltlich faszinierend, aber ästhetisch enttäuschend, findet Dirk Schneider.

"Die lächelnde Finsternis"Afrikanische Piratengeschichte voller traurig-wahrer Ironie

Außenansicht des Deutschen Theaters in Berlin bei Sonnenschein.

Wolfram Lotz Stück "Die lächerliche Finsternis" entstand als Hörspiel und zieht nun seine Erfolgsspur über die Theaterbühnen. Das Stück beschreibt sarkastisch den Blick des Westens auf Afrika. In ihrer Inszenierung am Deutschen Theater Berlin macht Regisseurin Daniela Löffner es sich damit allerdings zu einfach.

Jahresbericht "Reporter ohne Grenzen""Journalisten werden zu Feinden"

Demonstranten der Organisation «Reporter ohne Grenzen» stehen am 04.02.2014 vor der russischen Botschaft in Berlin. Protestiert wird gegen die Einschränkung der Pressefreiheit während der Olympischen Winterspiele in Sotschi.

"Die Situation der Pressefreiheit ist schlechter geworden", fasst Christian Mihr, Geschäftsführer von "Reporter ohne Grenzen", zusammen. Schuld seien die zunehmende Anzahl von verfallenden Staaten und privaten Gewaltakteuren. Journalisten würden in den Augen von Milizen wie IS oder Drogenkartellen zu Feinden, weil sie unangenehme Informationen vermittelten.