• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 06:30 Uhr Nachrichten
StartseiteCorso"Unisex gibt es nicht" 30.08.2017

Neuer Preis für geschlechtersensibles Design"Unisex gibt es nicht"

Rosa Puppen, kantige Autos, einseitige Agenturbilder: Im Design von Alltagsdingen spiegeln sich die Geschlechterstereotype ihrer Gestalter. Das Gender Design Network prämiert nun die positiven Gegenentwürfe. "Wir möchten etwas, was alle ansprechen kann", so Initiatorin Uta Brandes im Dlf.

Uta Brandes im Corsogespräch mit Susanne Luerweg

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine schwarz-weiß Aufnahme rugbyspielender Frauen (Bild: Mindshare Denmark) (Mindshare Denmark            )
Mit etwas anderen Bildern von schönen Frauen hat sich Mindshare Denmark für den "iphiGenia Gender Design Award" qualifiziert (Mindshare Denmark )
Mehr zum Thema

Gender und Videospielindustrie "Sobald Sie eine Frau ins Team setzen, wird die Perspektive erweitert"

Fashion-Industrie Wie viel Feminismus steckt in der Mode?

Feminismus und Film "Rangehen und nicht darauf warten, dass man entdeckt wird"

Susanne Luerweg: Die AfD möchte die Genderforschung am liebsten ganz vom Lehrplan der Universitäten streichen, doch ganz so leicht lässt sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Geschlecht als sozialer Konstruktion nicht mehr zu den Akten legen. Uta Brandes hat sich als Professorin mit Gender und Design auseinandergesetzt, und nun hat sie unter anderem eine Organisation gegründet – Gender Design Network - die jetzt erstmals einen Preis verleiht. Und zwar den Gender Design Award für kluges und geschlechtersensibles Design. Frau Brandes, was genau verstehe ich darunter?

Uta Brandes: Das wäre ein Design, also eine Gestaltung – und das gilt für Produkte genauso wie für Kommunikationsmedien, Werbung, Internet und so weiter - das potenziell erst mal alle anspricht, egal welches Geschlecht, egal welche sexuelle Orientierung. Also ein sehr offenes Prinzip. Und eben nicht zugeschnitten, sehr häufig auf diese gerade sehr klischeebehafteten Dinge: Rosa für Frauen und Dunkelblau und Schwarz für Männer. Oder das geht natürlich etwas subtiler.

Wir möchten etwas, was alle ansprechen kann. Oder etwas auch, was sich die einzelnen Menschen dann vielleicht ein wenig individualisieren können, so wie es für mich und für mein Leben passt. Das ist geschlechtersensibel. Ist leicht gesagt, aber nicht so leicht zu tun. Man muss sich bewusst werden, dass auch in der Gestaltung dauernd so Geschlechtervorstellungen, meistens Stereotype, bei uns allen in den Köpfen sind. Und zwar sowohl bei der Produktion, also beim Design selber, bei der Herstellung von Gestaltung, Kreativität, als auch wir als Gebrauchende. Also es ist ja klar: Wir kommen ja nicht neutral auf die Welt, wir werden nicht neutral aufgezogen, um uns herum das ganze Marketing, alles ist nicht neutral. Es gibt inzwischen Gendermarketing, das sagt genau, was Frauen möchten: Die möchten nämlich lieber was Rundes, Puscheliges, Süßes – angeblich. Und die Männer mehr so was Kerniges, Hartes. Man sieht es ja in vielen Produktbereichen. Also Düfte zum Beispiel, so einige, da ist es ja ganz deutlich, wie die immer noch so sehr geschlechtergetrennt sind. Oder man macht jetzt bewusst was für irgendwie die anderen, die so ein bisschen dazwischen sind.

Luerweg: Ich wollte gerade sagen, diese, die dazwischen sind. Also ich habe jetzt gerade gesehen, bei Facebook kann man inzwischen zwischen 60 verschiedenen Geschlechtern unterscheiden, also das ist aber eine ganz wilde Bandbreite, die man da im Hinterkopf haben muss, theoretisch, als Designer.

Brandes: Die finde ich jetzt, ehrlich gesagt, auch völlig absurd. In England sind es sogar 74, meines Wissens. Und da ist man weiß, klein, schwul... und dann noch 17 Kriterien. Und das ist dann so ein Ding, was man ankreuzen könnte. Was ich daran schlimm finde ist, dass es schon wieder, nur in kleineren Scheibchen, die Menschen ja noch viel mehr einteilt. Jetzt bin ich weiß und klein und so weiter. Ich meine, das ist ja noch schlimmer als wenn ich "nur" eine Frau wäre.

Was ist gendersensibel?

Luerweg: Wie haben Sie das denn jetzt gemacht, diesen Preis, den Sie verleihen? Wer konnte da überhaupt einreichen? Wer hat da eingereicht? Und nach welchen Kriterien - 60, 85 - haben Sie denn da gefiltert?

Brandes: Es gab eine Jury, das waren sechs insgesamt in der Jury. Wir haben es auch auf der Seite unseres Netzwerkes, also im Netz, gepostet. Haben aber jetzt für das erste Mal nicht besonders noch zusätzlich geworben. Also hat diese Jury tatkräftig proaktiv gesucht, überall im Netz natürlich. Und was ganz schön ist: In allen Bereichen, also von Produkten über Internet bis zu tollen Kampagnen und so weiter. Und dann ist die Jury immerhin - ich war ja vorher ganz ängstlich, ob man gute Sachen findet - auf über 20 unterschiedliche Sachen gekommen. Und dann hat sie sich zusammen gesetzt und hat gesagt: Okay, wir müssen noch mal versuchen, ein bisschen zu bestimmen, was ist gendersensibel? Es muss offen sein, es muss so eine Art flüssiges, bewegliches Ding sein, es muss ein Bewusstsein haben von dem, dass Menschen unterschiedlich sind, auch in ihren Geschlechtern. Es muss irgendwas ansprechen. Oder aber es muss eine bestimmte Zielgruppe bewusst und damit auch sehr sensibel ansprechen.

Luerweg: Ich wollte gerade sagen, bei dem einen Unternehmen geht es ganz klar um die weibliche Zielgruppe.

Brandes: Ja. Männer brauchen das auch nicht.

Schöne Frauen reparieren auch Autos

Luerweg: Nee, Männer brauchen keine Unterhosen, die Tampons gleichen – oder quasi die Funktion von Tampons übernehmen. Die haben Sie ausgezeichnet, das ist eine New Yorker Firma. Das andere ist eine dänische Firma, die Sie auszeichnen. Warum genau? Weil die so klug und sensibel mit sozialen Netzwerken umgehen?

Brandes: Es gibt zwei gleichwertige Preise. Das eine ist tatsächlich für ein Unternehmen, eine Institution, für den gesamten Auftritt und für das Produkt, also das, was sie vermarkten. Und das ist der Evolutionspreis. Also in unserem Gender-Design-Preis. Und dann gibt es den Revolutionspreis, das ist der für eine Kampagne, ein Produkt. Und das zweite, Sie nannten es schon, das Dänische, das ist eine Design- und Werbeagentur, "Mindshare Denmark" heißen die. Die haben - wenn Sie suchen, zum Beispiel bei diesen Stockphotos, also wenn Sie da irgendwie Frauenfotos brauchen und würden eingeben "schöne Frauen", dann kommen alle diese Barbiepuppen und naja, wie man sie so kennt, mit diesen Haaren und diesen aufgespritzten Lippen dabei raus - und die haben gesagt: Es gibt ja auch noch andere vielleicht, schöne Frauen, und haben ganz viele Fotografen, Profifotografen gebeten, Fotos von anderen Frauen zu machen. Also die Autos reparieren und das toll machen, oder die Kampfsportarten machen. Und haben das auf diese Stock- und Shutterstock-Photos mit hochgeladen. Und wenn Sie jetzt "beautiful women" da eingeben, dann kommen dazwischen diese ganz tollen Fotos von sehr anderen Frauen.  

Mandarinenscheibchen und rote Flüssigkeit

Luerweg: Kommen wir aber noch mal einmal auf diese Unterscheidung zurück. Wie unterscheidet man denn? Ich meine, ich denke manchmal: Mode ist doch inzwischen auch unisex? Könnte das bei Design nicht auch funktionieren?

Brandes: Ich behaupte ja, dass es unisex nicht gibt. Also "uni" hieße ja eigentlich: ein Geschlecht. Im Englischen ist das ja das biologische Geschlecht, und die englischsprachigen Menschen nennen Gender dann wie das sozial so zustande kommt, das Geschlecht. Ich glaube, es gibt ja mehr als ein Geschlecht und wie viele weiß ich nicht genau. Ich denke nur, dass das Wichtige ist a), dass man ein Bewusstsein davon hat, dass es also sehr unterschiedliche Bedürfnisse gibt, auch für unterschiedlich – ich nenne es jetzt mal "konstruierte" – Menschen, auch sexuell konstruierte oder körperlich konstruierte Menschen in dieser Welt. Und dass es idealtypisch wirklich alle in guter Weise zufriedenstellen sollte. Oder eben in dem Fall des anderen, was wir ausgezeichnet haben – das sind diese Menstruationsslips. Das ist ganz klar, das gilt dann nur für Menschen, die eben menstruieren. Und das sind meines Wissens Frauen.

Das Bild eines weiblichen Unterkörpers mit einem Slip von Thinx - Die Aufschrift: "Real Menstruating Human" (Bild: Thinx) (Thinx)Preisträger des Evolution Awards ist der Slip mit Tamponfunktion der New Yorker Firma Thinx (Thinx)

Aber das heißt... und da einfach richtig gut gemacht, mit einem feinen Gespür. Ein Thema zum Beispiel bei denen, Thinx heißen die, mit einem X hinten, aus New York. Ich glaube, die sind noch nicht auf dem deutschen Markt. Und die haben ein Gespür dafür, dass man dieses immer noch ein bisschen tabuisierte Thema, also Frauenbluten, hmm, man redet nicht so drüber und es ist alles peinlich, wenn das mal auffällig wird. Und die sprechen das total offen an. Die arbeiten nicht mit blauen Flüssigkeiten, sondern mit Rot. Bei denen gibt es in der Werbung kleine Mandarinenscheiben, die sich angucken – da hat man so gewisse Assoziationen an weibliche Körperteile und so. Und es ist sehr witzig, sehr provokant und gleichzeitig sehr sensibel gemacht.

"Viele würden anders entscheiden als heute"

Luerweg: Die Tatsache, dass man aber dennoch irgendwie meistens dieses Grobraster hat: weibliches, männliches Design, und Sie sagen gerade, das eine ist das Puschelige und das andere ist das Harte, Kantige. Liegt das daran, dass da irgendwie doch in der Industrie zu 90 Prozent immer noch die Männer das Sagen haben, wenn es um Design geht?

Brandes: Das ist ganz sicher einer der Punkte. Also selbst bei dem, was gemeinhin eher als frauentypisch gilt, so was wie Küchengeräte oder so, selbst die werden überwiegend von Männern gestaltet. Und ich finde, das merkt man auch an der teilweise nicht sehr funktionalen Gestaltung. Es kommt hinzu, dass… es ist so ein bisschen: Man gibt Leuten was und hinterher wunder man sich, dass sie das haben wollen. Und das heißt: Wenn Sie nichts anderes kennen, dann kann man sich auch ja vielleicht nichts anderes vorstellen. Und deswegen plädieren wir ja von unserem Gender Design Network dazu, dass wir auch in der Gestaltung eben uns dieser Sache bewusst sein müssen. Und deswegen auch andere Angebote erstmal machen müssen. Und dann können die Menschen wählen. Dann gibt es vielleicht einige immer noch, die Barbie-Puppen bevorzugen oder Ferrari-Autos zum Spielen oder was. Aber dann wäre es offen. Dann hätten alle ein richtiges Angebot. Und dann… mal gucken. Und ich bin ziemlich sicher, dass sich dann viele anders entscheiden würden als heute.

Luerweg: Sagt Uta Brandes, die gerade aktuell diesen Preis vergibt mit ihrem Network. Und das ist der Gender Design Award. Man muss noch dazu sagen: Die Preisträger stehen fest, aber offiziell verliehen wird der Preis erst im Oktober. Frau Brandes, vielen Dank für das Gespräch.

Brandes: Danke.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk