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StartseiteSonntagsspaziergangNeues Leben im alten Viertel21.04.2013

Neues Leben im alten Viertel

Jüdisches Leben in Budapest

Nirgendwo sonst in Europa ist Antisemitismus derzeit so verbreitet wie in Ungarn. In der Hauptstadt Budapest müssen Juden mit Anfeindungen und Gewaltandrohungen leben. Besonders junge Juden wollen dem etwas entgegensetzen. Sie schaffen Orte, an denen sie ungestört ihre Identität leben können.

Von Pierre-Christian Fink

Budapest, die Hauptstadt der Republik Ungarn: Antisemitismus ist hier an der Tagesordnung (AP Archiv)
Budapest, die Hauptstadt der Republik Ungarn: Antisemitismus ist hier an der Tagesordnung (AP Archiv)

Freitagnachmittag im jüdischen Viertel von Budapest. Die letzte Gelegenheit, für den Sabbat einzukaufen. Im koscheren Laden an der Dob-Straße drängen sich die Kunden zwischen den Holzregalen. In der Ecke für Konserven liest ein orthodoxer Jude im Kaftan die Zutatenliste auf einer Dose mit gefilte Fisch. Weiter vorne legt eine junge Frau mit Augenbrauenpiercing Challot-Brote in ihren Korb. An der Kasse bettelt ein Junge mit Kippa auf dem Kopf bei seinem Vater um koscheres Kaugummi.

Hinter der Kasse steht Andras Fischer, 22 Jahre, kariertes Hemd, weite Jeans, Turnschuhe. Fast jeden Tag hört er von seinen Kunden neue Geschichten über den Antisemitismus in Budapest:

"Wenn Juden auf die Straße gehen, müssen sie Angst haben, verprügelt zu werden. Die Menschen rufen ihnen Schimpfwörter hinterher. Das ist der Normalfall. Wenn Juden einmal nicht diskriminiert werden, dann ist das die Ausnahme."

In keinem anderen europäischen Land ist der Hass auf Juden so stark wie hier. Umfragen zufolge denken fast zwei von drei Ungarn antisemitisch. Dem wollte sich Andras Fischer entgegenstellen – und hat vor knapp einem Jahr seinen koscheren Laden eröffnet.

"Dass wir diesen Laden eröffnet haben, ist ein gutes Zeichen: Wir haben ein Geschäft aufgemacht und es läuft. Das gibt anderen den Mut, es auch zu versuchen. Da beginnt gerade eine Entwicklung, aber sie ist noch nicht stark genug."

Von Fischers Laden ist es ein kurzer Weg zur Kiraly-Straße. Jedes zweite Haus ein Café, dazwischen Galerien und Boutiquen. An den Schaufenstern schlendern Händchen haltend Paare vorbei. In das Viertel ziehen viele junge Familien. Erst vor einigen Monaten hat hier eine neue jüdische Schule eröffnet. Und in der Kiraly-Straße haben kürzlich drei jüdische Studenten eine Wohngemeinschaft gegründet. Am Freitagabend laden sie Freunde ein und feiern mit ihnen das Sabbat-Fest.

Eine Altbauwohnung, hohe Decken, weiße Wände. Auf dem verschrammten Parkett sitzen 17 junge Juden im Kreis, manche auf Biedermeierstühlen aus dunklem Holz, andere auf Klapphockern aus grünem Plastik. Sie singen zur Gitarre, beten, brechen die Challot-Brote. Neben der Tür sitzt Laszlo Bernard, 22 Jahre alt, Geschichtsstudent. Statt der Kippa trägt er eine schwarze Mütze. Er lebt seit knapp einem Jahr in der Wohngemeinschaft.

"Mir gefällt es hier gut. Diese Wohnung ist voller Menschen, voller Adrenalin - mit allem, was wir hier organisieren. Zugegeben: Man hat deshalb nicht besonders viel Privatsphäre. Aber das ist in Ordnung für Leute wie mich, die gerne in einer Gemeinschaft leben."

Nach dem Gottesdienst räumen die jungen Juden zwei alte Holztische in die Mitte des Wohnzimmers. Aus der Küche holen sie einen Topf mit Kartoffelsuppe. Laszlo Bernard schöpft sich einen großen Schlag auf den Teller.

Dann erzählt Laszlo Bernard aus seiner Kindheit. Wie er in einem Vorort von Budapest aufwuchs, in der einzigen jüdischen Familie weit und breit. Seine Mitschüler riefen ihm hinterher: "Du Judenschwein!" Jetzt erst, in der Wohngemeinschaft an der Kiraly-Straße, fühlt er sich frei.

"Seit ich hierher gezogen bin, habe ich einen Raum, um meine Identität zu leben. Diese Gemeinschaft ist wie eine Medizin für meine Krankheit. Hier ist es wie in einer großen Familie. Es ist eine sehr lebendige Gemeinschaft. Es ist ein Zuhause."

Nach dem Essen brechen Bernard und die anderen auf. Ein paar Straßen weiter wollen sie Cocktails trinken – im Szimpla Kert, einer Kneipe in einem verfallenen Mietshaus. Über dem Innenhof baumeln an Seilen pink und blau lackierte Stühle, gesessen wird stattdessen auf Bierfässern und Turngeräten. Susanna Banku, 29, zündet sich eine Zigarette an. Ihre dunkelblonden Haare quellen unter einer Strickmütze mit eingenähten Glasperlen hervor.

"Es gibt hier diese Atmosphäre aus Kreativität und Akzeptanz - niemand schaut mich schief an, wenn ich so eine Glitzermütze trage. Wir akzeptieren uns hier, wie wir sind. Das ist der Grund, warum ich diesen Ort so mag."

Neben Susanna Banku liegen Klamotten auf einem Haufen, fast einen Meter hoch. Zusammen mit zwei Freundinnen organisiert sie einen Kleidertausch. Wer ins Szimpla Kert kommt, soll eigene Klamotten mitbringen – und mit Kleidern von Anderen nach Hause gehen. Was nicht passt oder anders aussehen soll, wird umgenäht.

"Wir machen Röcke aus Hosen und Taschen aus T-Shirts und alle möglichen Dinge. Alles ist möglich."

Damit passt Susanna Bankus Projekt in das jüdische Viertel von Budapest: Aus Altem entsteht hier Neues, und meistens überrascht, was dabei herauskommt.

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