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Neues Lohngleichheits-GesetzKein großer Wurf

Manuela Schwesig hat ihr Lohngleichheitsgesetz durchgeboxt. Das sei ein Anfang, mehr aber auch nicht, kommentiert Silke Hellwig vom "Weser-Kurier" im DLF. Die neue Regelung ändere nämlich nichts an den strukturellen Problemen, die für die Gehaltsunterschiede zwischen Mann und Frau hauptsächlich verantwortlich seien.

Von Silke Hellwig

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) (Imago/ Jens Jeske)
Manuela Schwesig, Bundesfamilienministerin und stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende bezeichnete das neue Gesetzt zur Lohngleichheit als "echten Durchbruch" (Imago/ Jens Jeske)
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Im Bundestagswahljahr versteht es sich von selbst, dass sich Sozialdemokraten gelegentlich auf die eigene Schulter klopfen. Das gilt auch für Manuela Schwesig, Bundesfamilienministerin und stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende. Anlass ist dieses Mal der Gesetzentwurf zur Lohngleichheit, den das Kabinett gebilligt hat. Als "echten Durchbruch" bezeichnet Schwesig die großkoalitionäre Einigung.

Sofern dem ausgehandelten Kompromiss tatsächlich rund zwei Jahre Arbeit vorausgingen und das Bohren dicker Bretter, kann man wohl von einem Durchbruch sprechen. Zumal man kaum glauben mag, dass es erst im Jahr 2017 und nach zähen Verhandlungen gelungen ist, gesetzlich zu verankern, dass Frauen und Männer mit derselben Qualifikation für dieselbe Arbeit auch gleich bezahlt werden.

Ungleichheit entsteht durch Rollenverteilung in der Familie

Und doch scheint aus einer Mücke ein Elefant zu werden: Schwesig weist dem Gesetz mehr Bedeutung zu als ihm zukommt. Tatsächlich wird es ein wenig, aber insgesamt zu wenig an den gravierenden Einkommensunterschieden zwischen Frauen und Männern ändern. Sie ergeben sich nachweislich meist, wenn eine Familie gegründet wird. Es sind weiterhin vor allem Frauen, die sich den Kindern widmen und berufliche Nachteile in Kauf nehmen. Sie legen eine sogenannte Babypause ein und arbeiten anschließend oft jahrelang in Teilzeit.

Derweil nimmt der Ehemann bestenfalls mehrere Stufen auf der Karriereleiter. Enorme Probleme haben nach wie vor Alleinerziehende, die sich nicht auf einen Partner stützen können, um ihren Beruf auszuüben. Es mag sein, dass das Lohngleichheitsgesetz einigen von ihnen zu einem höheren Einkommen verhilft, an den strukturellen Problemen ändert es rein gar nichts. Es fehlt immer noch an individuellen, flexiblen und bezahlbaren Betreuungsangeboten für Mütter mit und ohne Mann. 

Kritik von Arbeitgebern überzogen

Die Arbeitgeberseite übertreibt ebenfalls in ihrer Kritik. Das ist zum Teil Folklore, naturgemäß stören sich Unternehmer daran, dass die Bundesregierung sie einmal mehr in ihren Freiheiten beschränken wird. Angreifbar ist das Gesetz indes tatsächlich wegen seiner willkürlich gezogenen Grenze: Ab einer Größe von 200 Beschäftigten sollen Arbeitgeber dazu gebracht werden, Löhne transparent und vergleichbar zu machen. Warum 200, warum nicht 20 oder 2? Womöglich, weil der bürokratische Aufwand doch so hoch ist, wie die Wirtschaftsverbände befürchten?

Auch eine Veränderung der Unternehmenskultur, die Schwesig sich gerne zuschreiben würde, scheint doch eher Wunsch denn Wirklichkeit. Wenn Arbeitgeber dazu gezwungen werden, ihren weiblichen Mitarbeitern offenzulegen, wie viel ihre männlichen Kollegen verdienen, heißt das nicht, dass fortan offen und fair über Gehälter und Löhne, über Dienstwagen und Boni diskutiert wird. Es könnte auch das ganze Gegenteil der Fall sein. Schließlich sind Lohngleichheit und Lohngerechtigkeit nicht ein und dasselbe.

Wie werden Leistungen vergütet?

Nicht nur das offene Gespräch über Gehälter ist hierzulande ein Tabu, sondern auch ein offenes Wort über unterschiedliche Leistungen in denselben Positionen. Trotz gleicher Qualifikation und gleicher Tätigkeit kann Arbeit sehr unterschiedlich ausgeführt werden, was zweifellos nicht auf das Geschlecht zurückzuführen ist, sondern beispielsweise auf Identifikation und Engagement. Einige Unternehmen versilbern herausragende Leistungen durch Boni.

Das dürfte ihnen durch die neue gesetzliche Regelung schwerer fallen, sie machen sich angreifbar. Wer sieht schon gerne ein, dass seine Leistungen weniger herausragend sind als die anderer? Man ahnt also, wie viele unschöne Auseinandersetzungen es gerade über diese Gehaltsbestandteile geben wird. Dem Betriebsfrieden und der Zusammenarbeit tut so etwas selten gut.

Helfende Berufe weiterhin unterbezahlt

Auch andernorts klafft eine enorme Lücke zwischen Lohngleichheit und Lohngerechtigkeit: Für Beschäftigte in Pflege- und pädagogischen Berufen beispielsweise wird das neue Gesetz kein großer Trost sein. In dieser Branche sind überproportional viele Frauen beschäftigt. Sie verdienen in der Regel nicht schlechter als ihre männlichen Kollegen, viele empfinden ihre Bezahlung dennoch als ungerecht – die hohe psychische und physische Belastung spiegelt sich nicht im Tariflohn.

Auch die Aufstiegschancen gelten als übersichtlich. Alten- und Krankenpfleger warten seit Jahren darauf, dass ihnen das zuteil wird, was sie unter Lohngerechtigkeit verstehen – vergebens. Manuela Schwesig hat ihr Lohngleichheitsgesetz durchgeboxt. Das ist ein Anfang, mehr aber auch nicht.

Silke Hellwig, Chefredakteurin "Weser-Kurier" (Frank Thomas Koch)Silke Hellwig, Chefredakteurin "Weser-Kurier" (Frank Thomas Koch)Silke Hellwig hat volontiert bei der "Hessisch-Niedersächsischen" Allgemeinen und deren (einstiger) Tochter "Mitteldeutsche Allgemeine", danach war sie Redakteurin in Thüringen und Nordhessen. Sie wechselte zum "Weser-Kurier", anschließend ein Jahr bei der "FAZ", danach rund zehn Jahre bei Radio Bremen Fernsehen (Reporterin, CvD, Abteilungsleiterin). Währenddessen eine Zeit lang freie Tätigkeit für die "Zeit". Seit fünf Jahren ist sie Chefredakteurin beim "Weser-Kurier".

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