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Neues Ostpreußen-Bild

Historiker Andreas Kossert beschäftigt sich mit Ostpreußen

Von Klaus Bednarz

Der wieder aufgebaute Königsberger Dom steht vor der Ruine des "Hauses der Räte" im russischen Kaliningrad, dem früheren deutschen Königsberg.
Der wieder aufgebaute Königsberger Dom steht vor der Ruine des "Hauses der Räte" im russischen Kaliningrad, dem früheren deutschen Königsberg. (AP Archiv)

Der Historiker Andreas Kossert, Jahrgang 1970, geht mit der deutschen Vergangenheit hart ins Gericht. Er spart aber auch nicht mit Kritik an den neuen Herren Ostpreußens - Polen, Litauern und Russen. "Ostpreußen. Geschichte und Mythos", so der Titel des Buches.

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Nein, an Darstellungen der Geschichte Ostpreußens hat es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland nicht gemangelt. Doch sie alle schrieben die Geschichte dieser östlichsten deutschen Provinz, deren Namen so viele Emotionen weckt, in dem gleichen Geist, wie es Heinrich von Treitschke schon vor hundertfünfzig Jahren tat: in einer einseitigen, deutschtumszentrierten Sichtweise, die in Ostpreußen das Bollwerk gegen die anarchische Flut der slawischen Völker sah, den Vorposten der Zivilisation im Osten Europas. Selbst die 1992 erschiene monumentale Deutsche Geschichte im Osten Europas des Berliner Mediävisten Hartmut Bockmann zeichnete ein Ostpreußen-Bild, in dem die nicht-deutschen Bewohner dieses Grenzlandes so gut wie gar nicht vorkamen. Dieses gezielte Ausblenden des Anteils anderer Völker prägt auch die geschichtliche Darstellung Ostpreußens in den meisten polnischen, litauischen und russischen Publikationen. Die kollektive Erinnerung wird jeweils im Sinne der eigenen Nationen gesteuert.

Mit Andreas Kossert ist es zum ersten Mal einem deutschen Historiker gelungen, das nationale Deutungsmuster der ostpreußischen Geschichte zu überwinden und den Blick freizumachen für die ethnische und kulturelle Vielfalt dieses mythisch-verklärten nahen und doch so fernen Landes zwischen Weichsel und Memel. Schon vor vier Jahren gelang es dem jungen Wissenschaftler mit seiner grandiosen Geschichte Masurens den unseligen Kreislauf permanenter Legitimationsforschung zu durchbrechen, als deren Ergebnis Masuren immer ur-deutsch oder ur-polnisch zu sein hatte.

Ob ur-deutsch oder ur-polnisch, das ist für den nachgeborenen Masuren Andreas Kossert, der deutsch wie polnisch spricht, nicht mehr die Frage. Eher sah er seine Masuren-Arbeit vielmehr - und das zu Recht – als postnationale Studie über eine Grenzbevölkerung, die zwischen zwei Nationalismen aufgerieben wurde. Und was für Masuren im Kleinen gilt, gilt bei Kossert auch für ganz Ostpreußen. Nicht nur Deutsche prägten das Gesicht und die Geschichte dieser Landschaft, sondern auch Polen und Litauer, Russen, Schotten, Schweizer und Angehörige vieler anderer europäischer Völker.

Das Schicksal Ostpreußens, so Kossert, war jahrhundertelang aufs Engste mit Polen, Litauen und Russland verbunden. Das Neben- und Miteinander dieser Nationen war, so Kossert, in Ostpreußen bis zum 19. Jahrhundert gelebter Alltag, tiefwurzelnd im Selbstverständnis eines vornational-geprägten Staatswesens. An vielen kleinen und oft vergessenen Beispielen macht Kossert dies deutlich. Wem ist schon bewusst, dass sich Lessing, Herder und Goethe intensiv mit der litauischen Sprache und Kultur befassten, Kant gar ein Geleitwort zu einem deutsch-litauischen Wörterbuch schrieb und an die Nachgeborenen appellierte, die litauische Sprache in ihrer Reinheit zu erhalten. Wer weiß schon, dass Ostpreußen 1813 den russischen Zaren Alexander I. als Befreier Europas feierte und ihm zu Ehren Denkmäler errichtete? Dass in den deutschen masurischen Dörfern bis ins 20. Jahrhundert hinein Gottesdienste in polnischer Sprache abgehalten wurden?

Erst mit dem Erstarken des nationalstaatlichen Denkens, der Ideologisierung der Geschichte, der Germanisierungspolitik Bismarcks, und den abenteuerlichen imperialen Ansprüchen des wieder hergestellten polnischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg, endete das jahrhundertelange friedvolle Miteinander der Völker in Ostpreußen. Emotionslos, ungeschminkt und mit penibel beachteter Äquidistanz schildert Kossert die unheilvolle Entwicklung, die schließlich mit der Machtergreifung der Nazis den Anfang vom Ende Ostpreußens einläutete. Ostpreußen, so Kossert, einst Preußens Stimme der Vernunft, das Land der liberalen Gutsbesitzer des Vormärz warf sich dem vermeintlichen Retter Adolf Hitler in die Arme. Prozentual weit mehr Wähler als im übrigen Deutschen Reich gaben den Nazis in Ostpreußen ihre Stimme.

Im Gegensatz zur bisherigen deutschen Geschichtsschreibung setzt sich Kossert ausführlich auch mit Ostpreußen zur Zeit der Nazi-Herrschaft auseinander, schildert das Schicksal der Juden in Ostpreußen, der polnischen, russischen, französischen und anderen Kriegsgefangenen, das System der NS-Konzentrations- und Arbeitslager, die Ausmerzung aller Spuren der multi-ethnischen Vielfalt dieses jahrhundertealten Kulturlandes. Und er räumt mit so manchem Mythos auf: etwa mit der Stilisierung des ostpreußischen Adels als einem Hort des Widerstandes gegen Adolf Hitler. Der ostpreußische Adel, in seiner überwiegenden Mehrheit, so weist Kossert anhand von Zahlen und Fakten nach, gehörte nicht zum Widerstand, sondern war tief verstrickt in den Nationalsozialismus.

Offen und ohne das geringste zu beschönigen schildert Kossert auch die Tragödie der Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen im Jahre 1945, die Verbrechen der Roten Armee, sowie den Terror und die Schikanen der polnischen Behörden gegenüber der in Ostpreußen verbliebenen deutschen Zivilbevölkerung. Die unheilvolle Rolle, die die polnische Kirche, evangelische wie katholische, beim Versuch der Polonisierung der Deutschen im Nachkriegs-Ostpreußen spielte, wird ebenso beleuchtet, wie die der Landsmannschaft Ostpreußen in der Bundesrepublik, deren großspurige Funktionärsrhetorik jahrzehntelang die Verständigungsbereitschaft der breiten Mehrheit der Vertrieben zu konterkarieren drohte.
Kosserts Buch endet mit einem Plädoyer für eine Wiederentdeckung Ostpreußens. Es geht darum, so Kossert, Ostpreußens immensen kulturellen Reichtum als Schnittstelle mehrerer Welten zu begreifen und auch zu ergründen, was den Nationalismus, der zum Untergang führte, beförderte. Ostpreußen, so Kosserts Fazit, könnte ein Lehrstück sein für gelebtes Miteinander. In einem Europa, das noch immer Schwierigkeiten hat mit dem Postulat des berühmtesten aller Ostpreußen, Immanuel Kant, dass nämlich niemand an einem Ort der Erde zu sein mehr Recht hat, als der Andere.

Klaus Bednarz über Andreas Kossert: Ostpreußen. Geschichte und Mythos, Siedler Verlag, München 2005.

Andruck

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Bis heute werden Glaubensgrundsätze für kriegerische Handlungen bemüht - wie unter anderem im Nahost-Konflikt. In den USA und in Europa geraten Gläubige und Nichtgläubige verbal aneinander. Das muss nicht sein, meinte der amerikanische Philosoph Ronald Dworkin, der kurz vor seinem Tod seine Gedanken über eine "Religion ohne Gott" entwickelte.

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Literatur

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Mehrere Bücher liegen auf drei Stapeln nebeneinander.

In seinem Buch berichtet Helmut Krausser von vier Lesereisen quer durch Deutschland und bezieht sich außerdem auf seine Poetikvorlesung "Pathos und Präzision". Für den Rezensenten Jochen Schimmang ist das Hauptmovens von Kraussers Reisenotizen: Ressentiment.

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Von einem auf den anderen Tag spurlos zu verschwinden: Das ist ein Wunschtraum vieler Menschen, die aus ihrem Hamsterrad ausbrechen und ein ganz anderes Leben führen wollen. Davon handelt dieser Roman - der allerdings unsere Rezensentin nicht überzeugt hat. Sie beklagt den "wurstigen Gestus" und findet keinen literarischen Mehrwert.