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StartseiteKommentare und Themen der WocheWo Agrarpolitik versagt18.01.2018

Neues Tierwohl-SiegelWo Agrarpolitik versagt

Das System erscheint intransparent, die Verbesserungen sind gering: Die "Initiative Tierwohl" von Agrarindustrie und Handel kranke an mangelnder Glaubwürdigkeit, meint Jule Reimer. Stattdessen sollte ein staatliches Siegel deutlich machen, ob ein Tier ganz, teilweise oder gar nicht auf der Weide großgezogen wurde.

Von Jule Reimer

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Puten in einem Stall  (Michael Reichel, dpa picture-alliance)
Puten in einem Stall in Thüringen (Michael Reichel, dpa picture-alliance)
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Gut, dass es die Grüne Woche gibt. Denn dann wird zuverlässig und intensiv darüber gesprochen, was Grundlage unseres Lebens ist: Wie wir essen und was wir trinken. Wie  Bauern und Agrarin­dustrie erfolgreich das Land versorgen, was sie leisten, wo sie anders mit der Natur wirtschaften könnten und müssten. Und wo die Politik dabei unterstützt oder auch versagt.

Beispiel tiergerechte Haltung: 700 Millionen Hühner und Puten werden in Deutschland pro Jahr geschlachtet, das sind 2 Millionen jeden Tag. Die meisten von ihnen stammen aus der industrialisierten Tierzucht. Sicher nicht allen, aber vielen dieser Tiere kann man wünschen, dass sich ihre Betriebe der "Initiative Tierwohl" anschließen, deren Erweiterung heute die Initiatoren aus Agrarindustrie und Handel verkündeten. Denn das damit verbundene neue Siegel bedeutet etwas mehr Luft, etwas mehr Licht und etwas mehr Platz im Stall. Das ist ein gewisser Fortschritt. Aber mehr als ein Trippelschritt noch nicht.

Bestandteil eines größeren, intransparenten Systems

Denn die "Initiative Tierwohl" krankt bislang an mangelnder Glaubwürdigkeit: Zu gering waren bisher die Ver­bes­serungen gegenüber den gesetzlichen Haltungsvorgaben, die selbst schon als niedrig kritisiert werden beziehungsweise im Fall von Rindern und Puten gar nicht existieren! Zudem ist das neue Siegel für Geflügel Bestandteil eines größeren, intransparenten Systems, dem der Verdacht anhängt, es diene in erster Linie nur dazu, eine gesetzliche Herkunftsangabe für Fleisch zu verhindern.

Aber genau die muss kommen. Ein staatliches Siegel, das analog zur Kennzeichnung bei Eiern deutlich macht, ob ein Tier ganz, teilweise oder gar nicht auf der Weide großgezogen wurde und jedem Verbraucher plausibel erklärt, warum das eine Stück Fleisch im Supermarkt teurer ist als das andere. Denn mehr Tierschutz wird belohnt – solange er transparent und glaubwür­dig daher kommt, – selbst wenn es kleine Schritte sind. Deshalb reden wir hier ausdrücklich nicht über das Edel-Bio-Steak, welches tatsächlich ein Vermögen kostet.

Subventionen für bereits satt subventionierte Industrieställe?

Ein staatliches Siegel unterstützt jene Landwirte, die gerne mehr in Tierwohl investieren würden, denen der Kostendruck aber jeden Spielraum nimmt. Eines darf aber nicht sein: Dass die zuvor im Bau satt subventionierten Industrieställe, deren mächtige Konkurrenz manchem bäuerlichen Mittelständler die Existenz kostete, jetzt einfach so erneut Subventionen erhalten - dafür, ihre Ställe jetzt tierfreundlicher umzubauen. Wir müssen also nicht nur mehr Tierwohl reden. Wir müssen auch darüber reden, wo deutsche Agrarpolitik versagt hat.  

Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer, Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschlandfunk, spezialisiert u. a. auf internationale Handels-, Rohstoff-, Agrar-, Energie- und Umweltpolitik. Studium der Volkswirtschaft und Portugiesisch an der Universität zu Köln, journalistische Ausbildung in der "Kölner Schule" und bei der Deutschen Welle. Kurzzeitkorrespondentenvertretung der ARD für das südliche Afrika. Neben der Leidenschaft für Globalisierungsthemen ein tiefe Zuneigung zur lusophonen Welt. Deshalb immer mal wieder Kommentare zu und Reportagen aus Brasilien, Angola, Mosambik.

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