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StartseiteBüchermarktNeues über den "Volksempfänger"19.12.2005

Neues über den "Volksempfänger"

Studenten beleuchten das Massenmedium Hörfunk

Die Beiträge des Sammelbandes "Radio.Radio" stammen ausnahmslos von Studierenden. Sie widmen sich dem Design-Aspekt des Radios, sie schreiben über "Oralität", sie hinterfragen die Funktion des Hörfunks als Propaganda-Instrument. Nicht alle Beiträge sind überzeugend.

Von Enno Stahl

Das studentische Redaktionsteam hat Einblicke in die editorische Praxis gewonnen. (AP)
Das studentische Redaktionsteam hat Einblicke in die editorische Praxis gewonnen. (AP)

An deutschen Universitäten, besonders als Student der Geisteswissenschaften, wird man zwar methodisch und theoretisch ausgiebig geschult, von der Praxis aber ist man zumeist ziemlich weit entfernt. Germanisten zum Beispiel erfahren viel über neueste Forschungsansätze, die Berufsfelder, in denen sie später tatsächlich einmal tätig werden, erschließt ihnen die Uni jedoch kaum.

Die Publikation des Sammelbandes "Radio Radio” stellt eine löbliche Ausnahme dar. Dieser ist unter der Herausgeberschaft von Heiner Boehncke und Michael Crone in der Reihe "Frankfurter Forschungen zur Kultur- und Sprachwissenschaft” erschienen, die Beiträge jedoch stammen samt und sonders von Studierenden, die auch als Redaktionsteam für die Edition verantwortlich zeichneten.

Gut daran ist, dass Studenten so direkte Einblicke in die editorische Praxis gewinnen können, natürlich auch, dass sie früh veröffentlichen und ihre Arbeiten im Hinblick auf eine kritische Leserschaft hin konzipieren müssen. Zwar wird man kein zu strenges Maß eine solche Publikation anlegen dürfen, aber die Qualität der versammelten Beiträge ist doch recht heterogen. Manche weisen geradezu typische Fehler auf, ganz so, wie man es erwarten würde: nicht immer ist die Sprache ausreichend geglättet, bisweilen verirren sich Sätze im Labyrinth der Semantik. Teilweise wird unbeholfen zitiert, oder zu wenig Sekundärliteratur wird allzu sehr referiert.

Nach diesen Abstrichen, die im Übrigen nicht für alle Aufsätze gelten, gibt es interessante Beiträge zu entdecken etwa zu "Oralität und Radio” von Luna Naso Atschekzai. Eine ungewöhnliche Betrachtungsweise des Mediums präsentiert der Text von Claudia Konwisorz, sie behandelt den Design-Aspekt, beschreibt die verschiedenen gestalterischen Wandlungen, die das Radio als Wohnzimmermöbel im Lauf der Geschichte durchgemacht hat.

So richtig enttäuschend sind nur wenige Texte, andere unterscheiden sich im Niveau kaum von Recherchen gestandener Wissenschaftler - allen voran Tanja Hiltenkamps Aufsatz über die Rolle der Radio-Kulturbeiräte in den 20er Jahren, Mara Perkons’ Darstellung der Literaturvermittlung im Radio oder Edda Kleinichens Analyse des frühen Rundfunk-Publikums. Diese Arbeiten basieren offensichtlich auf Primär-Quellen aus dem Deutschen Rundfunkarchiv und bieten instruktive Einblicke in die Frühzeit des Radios in Deutschland. Hier erfährt man etwa, wie stark dieses Medium schon in der Frühzeit von Interessensgruppen umkämpft wurde, wie sehr direkte Einflussnahme von Politik und Verbänden an der Tagesordnung war. Auch wie schwer es das neue Medium eigentlich hatte, tatsächlich von einer breiten Rezipientenschicht akzeptiert zu werden, erstaunt zunächst. Das ändert sich, wenn man in Rechnung stellt, dass die Rundfunkgebühren zunächst astronomisch hoch waren, dass das Radio ein Luxusmedium war, so seltsam das heute klingt. Erst die Nationalsozialisten machten es zu dem Massenmedium, das es heute noch ist.

Die Geschichte der Literaturkritik im Radio behandeln Tatjana Jahnke und Oliver Davin, und - das dürfte nicht allzu bekannt sein - mit Schwerpunkt auf der Rundfunkarbeit Walter Benjamins. Es gelingt ihnen dabei, überzeugend heraus zu arbeiten, wie Benjamin die Grundeinstellungen seiner theoretischen Position auch in die Radio-Arbeit einfließen ließ.

Es überrascht zudem, dass Literatur- und Theaterkritik im Rundfunk zunächst selbst stark in der Kritik stand. Man war der Meinung, als Regierungsmonopol dürfe das Radio keine wertenden Stellungnahmen abgeben, somit konzipierten die Sender ihre Literaturformate in der 20er/30er Jahren eher als reine Werbeveranstaltungen für Verlage. Eine kritische Betrachtung von Neuerscheinungen, wie sie heute an der Tagesordnung ist, war zunächst nicht vorgesehen.

Weitere Beiträge über die Funktion des Radios als Propaganda-Instrument der Nationalsozialisten sowie über die Rundfunkarbeit Tucholskys, Brechts, Vargas Llosas’ und Albert Ostermaiers runden den Band ab, der im Anhang überdies eine umfangreiche kommentierte Bibliografie zum Thema "Literatur und Rundfunk 1923 bis 1945" bietet.

Heiner Boehncke/Michael Crone (Hg.): Radio Radio.
Studien zum Verhältnis von Literatur und Rundfunk

Verlag Peter Lang

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