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Neues vom alten Belgier

Arno gibt sich surrealistisch

Von Cornelius Wüllenkemper

Arnold Hintjens stammt aus der belgischen Stadt Ostende.
Arnold Hintjens stammt aus der belgischen Stadt Ostende. (Deutschlandradio - Andreas Lemke)

Seit den 70er-Jahren hat Arno, mit bürgerlichem Namen Arnold Hintjens, der belgischen Rockmusik weltweit einen Namen verschafft. Auf seinem aktuellen Album "Future Vintage" spielt er auch mit elektronischen Klängen und benutzte dafür alte analoge Studiotechnik. Das habe er mit den Surrealisten gemeinsam, die ja auch aus Belgien kamen, sagt Arno.

"Manchmal kommt es mir so vor, als wenn alle eingeschlafen wären, und als ob keiner mehr rebelliert. Wir müssen aufwachen! Europa ist fast pleite, und das macht mir Sorgen für die Zukunft. Don't follow leaders!"

Bloße Rock'n'Roll Attitüde oder echte Rebellion? Der belgische Musiker Arno ist mit Sicherheit kein klassischer Protestsänger, aber einer, der ebenso wach wie aufmüpfig auf die Welt blickt. Geldgier, Autoritäten, gesellschaftliche Verlogenheit, es gibt nichts, worüber er sich nicht lustig macht. Vielleicht nicht sehr durchdacht, aber immer entwaffnend direkt.

"Wenn du heute im Supermarkt stehst, kannst du zwischen 25.000 verschiedenen Joghurtsorten wählen, light, extra-light, und ich weiß nicht was. Da verbringt man eine halbe Stunde damit, Joghurt zu kaufen! Wir haben einfach alles! Neulich habe ich in Brüssel in einem Geschäft im Sommerschlussverkauf Vibratoren mit ökologisch abbaubaren Batterien gesehen. Das sind die Dinge, die mich für meine Songs inspirieren!"

Bereits Mitte der 1970er-Jahre tourte Arno mit seiner Band TC Matic durch die Konzerthallen Europas. Die war berüchtigt für ausgefallene Bühnenshows. "Verdammt, verdammt, das ist cool, wir sind immerhin alle Europäer" – diese legendäre Textzeile aus seinem Hit "Putain, Putain" von 1982 wirkt heute geradezu prophetisch. Und er sei wirklich bekennender Europäer, sagt Arno.

Seit dem Ende von TC Matic 1986 hat Arno als Solokünstler aber die ganze Welt bereist. Selbst in Ho Chi Min Stadt und Washington spielte er seine Songs, die er wahlweise auf Englisch, Französisch oder Flämisch sing. Für sein 19. Album "Future Vintage" hat der Altrocker jetzt noch einmal ein neues musikalisches Kapitel aufgeschlagen und elektronische Klänge und Samples in sein Repertoire aufgenommen. Zusammen mit Serge Feys, einem alten Weggefährten aus TC Matic Zeiten und den Engländern John Parrish und Billy Fuller.

"Auf 'Future Vintage' arbeite ich mit der Vergangenheit, klar. Was die Musik angeht, habe ich die elektronischen Teile mit Serge Feys im Studio in Ostende aufgenommen, wo übrigens die Songs auch alle entstanden sind. Dann bin ich nach Bristol geflogen und da haben wir die Gitarren und den Bass mit John Parish und Billy Fuller mit alten Verstärkern aufgenommen und das Ganze auf einem Mischpult aus den 70ern abgemischt. Das riecht ja sogar ein Hund mit Schnupfen!" (lacht)

Und auch außerhalb des Studios probierte der vom Musikerleben gezeichnete, und dennoch munter-entspannt wirkende 63-Jährige etwas Neues aus.

"Tja, John Parish – der schwört jetzt auf grünen Tee. Ich trinke lieber Earl Grey mit Milch. Ich bin kaum ausgegangen, ich war sehr brav. Zwei Wochen lang, stell Dir das mal vor!"

Während seiner Gesundheitskur hat Arno im Studio in Bristol neben zehn neuen Stücken auch eine neue Version des TC Matic Hits "Oh là là" aufgenommen, und außerdem den "Ostend Dub", eine Kollage aus lärmenden Beats der Dubszene in Bristol und dem Möwengeschrei seiner belgischen Heimat Ostende."

Neben Arno selbst und seinen geliebten Möwen ist auf "Future Vintage" noch ein afrikanischer Chor aus Brüssel zu hören, der sich auf slawische Lieder spezialisiert hat. Das sei ja wohl echt surrealistisch!, meint Arno, und spielt auch gleich auf das Cover seines Albums an: ein alter Reiseplattenspieler, auf dessen Plattenteller die Hand einer Schaufensterpuppe einen Fisch festhält.

"Die Surrealisten haben die Vergangenheit benutzt, um etwas Neues daraus zu machen. Das gleich tue ich auch. Deswegen heißt meine Platte auch Future Vintage. Mit dem Alter bin ich immer mehr zum Surrealisten geworden. Immerhin ist der Surrealismus eine belgische Erfindung! Die Idee für das Cover, der Fisch auf dem Plattenteller, ist mir gekommen, weil wir in Ostende für den Fisch Scholle ein Wort haben, das auch "Platte" heißen kann. Naja, für das Cover mussten wir dann allerdings eine Dorade nehmen, weil es mit der Scholle nicht funktioniert hat."

Arnos neue Songs sind, so wie immer in seiner Karriere, stilistisch durchmischt, haben als gemeinsamen Nenner aber die offensive Direktheit, mit der hier musikalische Ideen kompromisslos umgesetzt werden. Mit dem Ergebnis stellt sich Arno irgendwo in die Galerie zwischen Iggy Pop, Tom Waits und Johnny Cash. Das ist manchmal überwältigend, manchmal anstrengend – aber immer Rock 'n' Roll.

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