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StartseiteCorso"Wir filtern die Realität"12.05.2018

Neues von Beach House"Wir filtern die Realität"

Die Dream-Pop-Veteranen Alex Scally und Victoria Legrand alias Beach House klingen auf ihrem neuen Album "7" vertraut melancholisch und mysteriös. Das Trump´sche Amerika dringt trotzdem zwischen die Zeilen: "Man kann nicht wegschauen", sagte Gitarrist Alex Scally im Deutschlandfunk.

Alex Scally im Corsogespräch mit Bernd Lechler

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Der Musiker Alex Scally von Beach House am 9. September 2015 im Royal Oak Michigan beim Spiel über seine Gitarre gelehnt. (imago stock&people)
Alex Scally von Beach House am 9. September 2015 im Royal Oak Michigan (imago stock&people)

Beach House sind spätestens seit ihrem dritten Album "Teen Dream", 2010 auf Sub Pop erschienen, Kritiker­lieb­linge und sehr erfolgreich - trotz träge mäandernder Songs und undurchdringlicher Texte, einfach Dank eines hypnotischen bis psychedelischen Sounds, der meist unter Dream Pop einsortiert wird. Ihr letztes Album klang etwas spröder, das neue mit dem Titel "7" öffnet wieder große, dunkle Räume. Alex Scally und Victo­ria Legrand hatten einen Neuanfang angekündigt, aber zur ersten Vorab-Single schrieb die Musik-Plattform Pitchfork dann doch: Beach House klängen "wie immer". Erste Frage daher beim Corsoge­späch mit Alex Scally: Möchte er dem (als Kompliment gemeinten) Kritikerurteil widersprechen?

Alex Scally: Das steht uns gar nicht zu. Wir machen Musik. Und haben das große Glück, dass jemand zuhört. Wer immer unsere Musik hört, kann sie empfinden, wie er oder sie will. Für uns war es so: Wir haben jetzt eine Reihe von Alben gemacht, wir sind älter und damit auch selbstbewusster geworden und wissen, was uns nicht so gut gefällt. Zum Beispiel: lange Aufnahmesessions. Weil wir finden, dass die Musik darunter leidet. Also haben wir klar gesagt: "Diesmal gehen wir nicht zwei Monate am Stück ins Studio. Stattdessen machen wir viele kurze Sessions, so dass wir immer an einem Song arbeiten, den wir gerade erst geschrieben haben und von dem wir begeistert sind."

Vielleicht war da der Infotext - den wir selbst verfasst haben - etwas missver­ständ­lich. Wir haben nämlich erst im Nachhinein erkannt, dass wir da offenbar etwas Neues wollten. Wir hatten uns nicht gesagt: "Diesmal machen wir’s anders!" Es war eine ganz natürliche Veränderung.

"Diesmal hatten wir eine sehr gute, demokratische Stimmung"

Bernd Lechler: Gehörte dazu auch, ohne Produzent zu arbeiten?

Scally: Ja! Wobei wir immer schon auch unsere eigenen Produzenten waren. Aber in einem Studio haben immer alle ihre Regeln, beim Toningenieur angefangen. Man sucht sich die Leute, die gut zu einem passen, und diesmal hatten wir eine sehr gute, demokratische Stimmung. Es gab keinen Boss, keinen Gatekeeper. Bisher war das Studio immer ein eher beängstigender Ort für uns. Man musste da durch, möglichst ohne die Songs zu ruinieren. Diesmal war es tatsächlich ein schöner Ort!

Lechler: Was immer sich nun verändert hat oder nicht: Man erkennt Beach House immer noch sofort. Vielen gelten Sie als Bewahrer des Dream Pop. Hat Ihnen dieses Genre-Etikett je etwas bedeutet?

Scally: Uns leuchtet es nicht ein. Mir wäre "Alternative" lieber. Das bedeutet einfach: Dies ist keine Radiomusik. Ohne die Wörter "Dream" und "Pop" die ich eher ver­wirrend finde, sie bedeuten nichts. "Alternative" ist eine große, offene Kategorie, die einfach sagt: "Diese Musik wirst du vermutlich nicht im Radio hören."

Lechler: In dem besagten Infotext erwähnen Sie auch den "gesellschaftlichen Wahn­sinn", der ein Einfluss gewesen sei. Woran dachten Sie da?

Scally: Einfach diesen gewaltigen kulturellen Augenblick, den wir gerade auf der ganzen Welt erleben. Wobei das die Songs und die Texte nicht unbedingt direkt geprägt hat. Als Künstler, überhaupt als Mensch, kann man zur Zeit all dem, was auf uns einprasselt, unmöglich ausweichen. Man kann nicht wegschauen, sich nicht raushalten. Eigentlich ziemlich interessant.

Wir betrachten uns als einen Filter. Wir absorbieren, was uns umgibt, wir filtern es, und wie wir es filtern, das gilt als unsere spezielle Kunst. Wenn wir Musik machen, filtern wir die Realität. Manchen gefällt das, deswegen dürfen wir Künstler sein - weil es so vielen Leuten gefällt, dass wir damit unsere Rechnungen bezahlen können. Aber wir arbeiten sehr abstrakt. Wir arbeiten nicht nach der Methode "A plus B ist gleich C". Victoria schreibt keine offensichtlichen Texte. Sie verarbeitet ihre Gefühle abstrakt. Von daher sagen wir nicht, die Songs handelten von konkreten Dingen oder von Politik. Aber die Energie der Welt ist zur Zeit einfach heftig, und wir spüren sie alle. Ständig.

Die Musiker Victoria Legrand und Alex Scally von "Beach House" bei einem Konzert am 15.3.2013 in Madrid  - (picture alliance / dpa / Kiko Huesa )Die Musiker Victoria Legrand und Alex Scally von "Beach House" bei einem Konzert in Madrid (picture alliance / dpa / Kiko Huesa )

Lechler: Und nun gehen Sie auf eine ausgedehnte Tour durch diese Welt. Freuen Sie sich drauf?

Scally: Ja, sehr. Touren ist super.

"Die Interaktion mit den Leuten macht Spaß"

Lechler: Worauf besonders?

Scally: Es macht Spaß, die Lieder zu lernen. Es macht Spaß, jeden Abend ein anderes Set zu spielen. Die Interaktion mit den Leuten macht Spaß. Viele Städte zu sehen. Aber es ist auch anstrengend. Nie genießt man sein eigenes Bett und eine Tasse Kaffee so sehr wie direkt nach einer Tour. Da fühlt man sich wie ein König.

Lechler: Sieht man durch das Livespielen auch die eigene Musik neu?

Scally: Ja, sehr. Zum Glück! Wir gehen auf Tour, wir spielen live, und das trägt uns in die Zukunft; dahin, wo es weitergeht. Bisher war das immer so, das hält uns bei der Stange. Es ist ein notwendiger Bestandteil des kreativen Kreislaufs.

Lechler: Leben Sie immer noch in Baltimore?

Scally: Ja.

Lechler: Spielt die Stadt auch eine Rolle?

Scally: Ich glaube schon. Auf dieselbe Weise wie das politische Klima: Da dringt etwas in dich ein und wird unbewusst Teil deines Gewebes. Man hat in Baltimore die Freiheit zu tun, was man will. Und diese Freiheit gehört immer schon zu uns. Wir haben uns nie gefragt, wie wir ankommen oder was die Leute über uns denken. Das liegt zum Teil an Baltimore.

Lechler: Und das wäre in New York oder L.A. anders?

Scally: Ich habe nie dort gelebt, aber ich glaube, wir hätten in New York nicht existieren können. Es ist zu teuer. Es ist zu eng. Und ich glaube, in solchen Städten denkt man zu viel darüber nach, was die anderen von einem denken. Man wird ständig beobachtet, ständig an den monetären Wert der Dinge erinnert. Das alles gibt es in Baltimore nicht.

"Es fühlt sich immer sehr intuitiv und natürlich an"

Lechler: Und der Sound, den Sie so frei entwickelt haben - können Sie beschreiben, was daran Sie besonders lieben?

Scally: Das ist schwer zu beantworten, denn wenn wir Musik machen, hat das nichts Intellektuelles. Es fühlt sich immer sehr intuitiv und natürlich an. Da sind nur die Instrumente, die Effekte, die Akkorde. Und die Melodien, die Victoria ganz instinktiv schreibt. Woher so etwas kommt, weiß man ja nicht. Aus meiner oder ihrer Kindheit? Von einer Gehirnstruktur, die ich geerbt habe? Ich habe keine Ahnung.

Lechler: Eigentlich erstaunlich, dass zwei Leute sich so ähnlich entwickeln, dass diese instinktive Arbeit zu zweit funktioniert.

Scally: Ja, das ist verrückt. Manche Melodien habe ich geschrieben, manche sie; die Akkorde mancher Songs sind von mir, manche von ihr. Und ich glaube nicht, dass andere die Songs auseinanderhalten könnten! Ich habe sehr früh mit der Musik angefangen. Victoria bin ich erst mit 22 begegnet. Und wir hatten sofort diese irre Verbindung.

Zum Nachhören im englischen Originalton - das Corsogespräch mit Alex Scally

Lechler: Seither hat sich das Musikgeschäft gewaltig verändert. Wie haben Sie als Beach House das erlebt?

Scally: Allein darüber könnten wir jetzt eine Stunde lang reden. Es war ja schon verrückt, als wir anfingen, da stand das Business wegen der Digitalisierung Kopf. Plötzlich gab es alles gratis. Das ist vorbei, die großen Filesharing-Plattformen sind praktisch verschwunden. Stattdessen haben wir diese beiden Giganten, die alles bestimmen: Spotify und Apple. Dazwischen gab es diesen Moment, als die großen Labels die Kontrolle zu verlieren schienen.

Alles wurde demokratischer, die Indie-Szene explodierte geradezu durch das Internet. Auch das ist nun wieder geschrumpft - und wir erleben nun diesen permanenten Kampf um unsere Aufmerksamkeit auf unseren Smartphones und im Netz. Jeder will ein paar Sekunden unserer ver­kürzten Konzentrationsspanne haben. Es ist eine sehr komplizierte Welt, manchmal durchaus positiv, manchmal beängstigend und düster. Aber ich glaube, wir hätten in keiner anderen Ära existieren können. In den 80ern oder 90ern gab es einfach keine Platt­formen, über die wir unser Publikum hätten finden können.

"An manchen Leuten kommt man einfach nicht vorbei"

Lechler: Hatten Sie das Gefühl, Sie machen etwas ganz Neues?

Scally: Ich habe überhaupt kein Gefühl dafür, ob unsere Musik damals oder heute etwas Neues war oder ist. Wir haben uns jedenfalls nie bewusst bemüht, "neu" oder "anders" zu klingen. Wir machen einfach, was wir machen. Das ist fast eine Regel: Wir sprechen nicht auf eine intellektuelle Art über unsere Musik. Wir sagen schon mal: "Ach, diese Akkordfolge klingt toll!" Oder: "Ich liebe diesen Keyboard-Sound." Aber niemals: "Was ist der soziale Kontext dieser Band? Was meinen wir? Sind wir Rockmusik?" Über Musik in der Gesellschaft reden wir nur in dem Sinne, dass wir uns erzählen, was uns gefällt.

Lechler: Das heißt, wenigstens was andere Musik betrifft, schauen Sie doch auch mal nach draußen.

Scally: Ja, aber weniger auf die Musik selbst, sondern auf ihr Energiefeld. Wir werden beide immer von The Velvet Underground besessen sein, von deren Energie, ihrem Geist. An manchen Leuten kommt man einfach nicht vorbei. Das Gefühl, das einem The Cure geben. Oder Serge Gainsbourg. Neil Young. Prince. Man kann gar nicht anders, als von ihrer Existenz inspiriert zu sein. Also nicht, dass man ihre Musik nachempfinden will. Sondern man ist beflügelt von der künstlerischen Welt, die sie geschaffen haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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