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StartseiteBüchermarktNeues von der Spionagefront17.01.2005

Neues von der Spionagefront

Peter Zeindler: "Toter Strand"

<em>Ich denke, im Geheimdienst und Politik ist alles möglich was man sich vorstellt. Das hat man ganz bestimmt gesehen im Irak was Bush betrifft und diese Suche nach Waffen, das das auch der Geheimdienst wusste, dass da nichts zu finden ist. Ein Geheimdienst erfindet dann halt Motive um etwas zu rechtfertigen wie einen Krieg im Irak mit Bush und ich denke, da sind ihm alle Mittel gut genug. </em>

Von Patrick van Odijck

Ölpest an der galizischen Küste nach dem Tankerunglück mit der Prestige (AP)
Ölpest an der galizischen Küste nach dem Tankerunglück mit der Prestige (AP)

Vor zwei Jahren, im November 2002, kenterte der Öltanker Prestige vor der galizischen Küste mit verheerenden Folgen für die Umwelt. Tatsächlich schuld war damals ein schrottreifes Schiff und vor allem menschliches Versagen. Aber in Peter Zeindlers neuem Politthriller "Toter Strand" stecken die Geheimdienst dahinter. Er verlegt die Geschichte vor die französische Küste. Dort läuft der Öl-Tanker "Marianne" auf Grund – ein englischer Trawler, der angeblich zur Hilfe kommt, kollidiert mit dem Schiff und löst die Katastrophe erst richtig aus. Es war vermutlich ein Anschlag muslimischer Terroristen, so lautet sofort die offizielle Version. Das aber bezweifelt der Genfer Journalist Piere Morgan. Peter Zeindlers Hauptfigur ist kein Agent sondern ein investigativer Reporter der alsbald in die Machenschaften der Geheimdienste verwickelt wird. Er vermutet, dass der CIA hinter dem Tankerunglück steckt um Frankreich für seine ablehnende Haltung zu einem Angriff auf den Irak zu bestrafen und vielleicht sogar noch in einen Krieg hineinzuzwingen, der damals noch nicht begonnen hatte. Es klingt ein bisschen verrückt - aber wie viel wahrer ist denn die Realität sagt Thrillerautor Peter Zeindler .

Ich überlege – was steckt dahinter. Ist das was wir lesen was wir an Bilder sehen im Fernsehen – ist das die Realität. Oder hat sich das vielleicht ganz anders abgespielt, sind dahinter andere Leute am Werk gewesen. Wenn man liest oder sieht was an Informationen zu uns dringt im Irak krieg oder was in Gefängnissen sich abspielt, all das sieht man was dahinter ist , das es andere Motive sind, das es andere Beweggründe sind , dass es zu diesen Ereignissen gekommen ist und ich denke, das ist auch das spannende für einen Autor wie mich , dass ich versuche hinter diese Pseudorealität zu schauen und versuche eine Geschichte zu finden die durchaus wahr sein könnte.

"Die Realität ist durch Worte nicht zu packen, sondern nur durch Fiktion", lässt Autor Peter Zeindler seinen Journalisten Piere Morgan mehrfach laut nachdenken. Der traut zwar seinen Recherchen, weiß aber nicht, ob er aus all den Fakten, Hinweisen und Einzelbildern auch die richtigen Zusammenhänge erkennt.

Wir haben ja gesehen, dass beispielsweise Videobilder kursiert haben auf denen eine Hinrichtung dargestellt wurde, die aber gar nicht stattgefunden hat, rein manipuliert um zu schauen was passiert. Und ich denke auch die Kommentare zu den Bildern zeugen nicht. Die Journalisten sind ja meistens nie an ort und stelle, sondern es ist so secondhand was sie mitkriegen und sie können nur mit dem material umgehen was ihnen die Drahtzieher , die Politiker anbieten. Deshalb denk ich, dass letztlich die Fiktion, die Interpretation dessen was hätte sein können, wahrer ist , auch wenn das nicht Authentizität ist, und auch nicht die wirkliche Realität, aber ich denke sie ist Realität hinter der Realität und das ist das spannende.

Für einen Romanautor wie Peter Zeindler. Als promovierter Germanist weiß er auch, dass Geschichten und Romane ja oft viel mehr über eine Zeit oder ein Ereignis erzählen können - als Zeitungen und Magazine.

Bevor Peter Zeindler aber mit dem Schreiben von Agentenromanen und Politthrillern begann arbeitete er als freier Journalist und Literaturedakteur unter anderem beim Schweizer Fernsehen. In dieser Zeit drehte er drei Filme über John Le Carré. Der Großmeister des englischen Spionageromans inspirierte den Schweizer Peter Zeindler vor allem durch seinen feinsinnigen Spion George Smiley. Ein melancholischer Agent der den Simplizissimus gelesen hat und eher Heine zitiert als dass er sich den Weg freischießt.

Was mich interessiert hat ist die Figur des Spions. Weder die politischen hintergründe, die Action schon gar nicht, weil die Figur des Spions ist jemand der durch Verstellung überlebt. Und so hab ich gemerkt, dass es mit meiner eigenen Biografie ganz viel zu tun hatte. Dass ich schon als Kind , den Ansprüchen meines Vaters , wie ich als Mann , als männliches Kind zu sein habe, dieses Verstellungsspiel hab spielen müssen, wie um zu überleben in Anführungsstrichen natürlich, durfte nicht sagen, wenn ich Heimweh hatte wenn ich Pfadfinderlager musste, durfte schmerz nicht zeigen, durfte auch nicht zeigen wenn ich schlechte noten in der schule hatte, da musste ich ein bisschen nachhelfen oder bescheißen, also ich hab gemerkt dass ich mich in manchem verhalten hab wie ein Spion, um zu überleben als Individuum, diese Maske anlegte, und das glaube ich das entscheidende worum ich letztlich Spionageromane geschrieben habe.

Seinen ersten Agentenroman Tarock schrieb Peter Zeindler 1982 noch völlig unbedarft und ohne das Spionagegeschäft wirklich zu kennen. Aber dann lernte er, wieder bei Dreharbeiten fürs Fernsehen, einen echten Geheimdienstmann kennen.

Er heißt Heinz Hubertus Kamp war Buchhändler Antiquar, in Bern, und der Mann hat für den BND gearbeitet , früher, der hat mir paar Kleinigkeiten erzählt, hat mir erzählt wie es in Pullach aussieht, wie das dort funktioniert,

Der BND Mann wird Peter Zeindlers wichtigster Informant und Vorbild für seinen erfolgreichen Serienagenten Sembritzki. Wie George Smiley von John le Carré ist es ein leiser Spion, kunstsinnig , melancholisch und misstrauisch. Er liebt Literatur, Zigarren, Wein und manchmal Frauen und ähnelt damit auch seinem Schöpfer Peter Zeindler. Und der lernte durch seine Bücher plötzlich immer mehr ehemalige Spione kennen. Zufällig war das nicht.

Die haben das Bedürfnis , dass ich einen teil ihrer Biografie schreibe, denn die gibt’s , gabs ja gar nicht . es waren Menschen die nie eine wirkliche Biografie hatten, die immer etwas falsches gespielt hatten, die immer das Bedürfnis hatten, mal zwischen zwei Buchdeckeln wenigstens existent zu sein. / So kam ich dann auf den DDR – Spion, der mir dann seine ganze Geschichte erzählt hat, die ich dann geändert habe, aber das in Zwickau im Erzgebirge, da war ich mit ihm selber , wir waren zusammen auf Recherche.

Für den Roman Feuerprobe – hier nutzt ein DDR Spion die Wirren der Wendezeit um sich die Identität sämtlicher DDR – Auslandagenten zu besorgen und sie dem BND anzubieten. Feuerprobe ist Peter Zeindlers erfolgreichster Roman – dafür bekam er 1992 einen seiner vier deutschen Krimipreise und er gilt deshalb heute als der Altmeister des deutschsprachigem Agentenromans.

Dabei meidet Peter Zeindler in seinen Büchern plakative Spannungselemente und laute Action wie etwa der derzeitige Thriller Bestsellerautor Dan Brown beispielsweise in Illuminati , oder wie es Ian Flemings James Bond als Geheimagent
Es ist ja wie ein ganz privates Spiel, find ich das raus, oder knack ich das, oder kann ich meinen Gegenspieler entlarven, knack ich seine Identität.

Denn genau darum geht es auch in seinem neuen Roman Toter Strand. Die Hauptfigur Piere Morgan sucht zwar die vermeintliche Wahrheit des Schiffsunglücks, vor allem will er aber wissen – wer lockt ihn in eine skurrile Hafenbar nach Hamburg, aufs hochalpine Jungfrauenjoch und ins unwirtliche Hafenstädtchen Hastings in eine schräge Galerie mit apokalyptischen Schiffsbildern. Das Tempo ist ruhig in diesem Politthriller, die Sprache eher literarisch als actiongeladen. Peter Zeindler geht es um die Figuren und wie sie zurechtkommen mit ihrem doppelten Spiel. In seinen Romanen treibt er sie dabei in immer neue zweifelhafte Situationen und Gefahren wo sie sich bewähren können oder sterben. Im realen Leben musste Peter Zeindler erleben wie der frühere BND Agent Hubertus Kamp – der Vorbild war für seinen Serienhelden Sembritzki, plötzlich große Probleme mit seiner Identität als Romanheld bekam.

Er tauchte leider bei Lesungen auf und rief mitten rein., ich bin Sembritzki. Was mir immer peinlicher wurde. Der hat mich auch nachts angerufen, bin im Einsatz, 3 Tote, 4 Verletzte, ende, so mitten in der Nacht 10 Jahre her, und da hab ich plötzlich bemerkt, dass sich auch mit diesem Mann etwas getan hat , dass seine Identitäten nicht mehr zusammenpassen.

Peter Zeindler ist jetzt 70 Jahre alt und täglich sitzt er am Schreibtisch mit weitem Blick über Zürich. Hauptfigur seines neuen Buches ist diesmal kein Agent sondern ein alternder Autor, der wiederum selbst einen Roman über den Literaturbetrieb und so manche - natürlich fiktiven Kollegen und Zeitgenossen schreibt.

Iich kann noch nicht ganz die Katze aus dem sack lassen. Ich kann nur sagen, es gibt ja Verlegerdynastien auch in Deutschland die ganz interessante Stoffe hergeben würden und wenn man diese Familiendynamik aus der Perspektive eines älteren Autors der in diesem Verlag nie recht zum Zug gekommen ist, oder nur mit einer kleinen Erzählung, und all auch die Ressentiments und Eifersucht und seine sicht der Familie, wenn man auch dieser Perspektive zum Teil diese Familie beschreibt, zum teil das Leben des beschreibenden Autors was der denkt, das wäre mein nächster Familienroman.

"Toter Strand"
Von Peter Zeindler
(Arche Verlag)

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