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Neues Zuhause für "Raabenaas"

Christian Morgenstern und Werder an der Havel

Von Sina Fröhndrich

Der Dicher Christian Morgenstern
Der Dicher Christian Morgenstern (picture alliance / dpa)

Christian Morgenstern - 2014 jährt sich sein Todestag zum 100. Mal. Seine Galgenlieder sind sprachspielerische Verse – gewidmet "dem Kinde im Menschen". Begründet hat er sie in Werder, einer kleinen Stadt in Brandenburg. Hier gibt es auch die einzige Morgenstern-Dauerausstellung.

"Wir gucken vor allen Dingen auf die Inselstadt, die Geburtsstätte Werders und sehen hier, dass die Altstadt rings umgeben vom Havelwasser liegt, wunderschöner Abschnitt des Havellandes."

Achim Risch deutet auf einen Strich neben der Insel am Horizont: der Berliner Fernsehturm. Diesen Blick über die Stadt Werder, über das blaue Havelwasser, eingerahmt von dichten Wäldern, kennt der 82-Jährige gut. Der Rentner führt häufig Besucher auf den dreistöckigen Aussichtsturm, der auf einer kleinen Anhöhe steht, der Bismarckhöhe. Schon Ende des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Ausflugsziel, auch bei Berlinern. Damals wurde der Hügel noch Galgenberg genannt. Ein Ort, der auch den Dichter Christian Morgenstern anzog. Und der hier seine Galgenlieder begründete, wie er selbst schrieb:

"Die ersten, noch den neunziger Jahren entstammenden Galgenlieder entstanden für einen lustigen Kreis, der sich auf einem Ausflug nach Werder bei Potsdam, allwo noch heute ein sogenannter Galgenberg gezeigt wird, wie das so die Laune gibt, mit diesem Namen schmücken zu müssen meinte."

Morgensterns Galgenlieder: Das sind sprachspielerische Verse – gewidmet "dem Kinde im Menschen".

"Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.
Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.
Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.
Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag."


Der Besuch des Dichters und seiner sieben Freunde, der Galgenbrüder - er war in Werder lange Zeit in Vergessenheit geraten. Bis sich vor acht Jahren ein Verein dazu entschloss, den Turm auf der Bismarckhöhe wiederzubeleben und den angrenzenden Ballsaal zu sanieren. Dabei stieß Vereinschronist Achim Risch auch auf den berühmten Besucher Morgenstern, der aus Berlin kam und dem er inzwischen ein Zimmer im Turm eingerichtet hat. Es ist die einzige Dauerausstellung zu Morgenstern.

""So hier haben wir denn nun unsere 2. Etage, das Morgensternzimmer und die Turmgalerie."

Vitrinen, Fotos und Schautafeln: Noch sind es nur 14 Quadratmeter. Bis zum Morgensternjahr 2014, dem 100. Todestag des Dichters, sollen es 45 Quadratmeter werden. Im Mittelpunkt: Die Geschichte der Galgenbrüder. Warum es Morgenstern und seine sieben Freunde auf den Galgenberg in Werder zog, ist nicht bekannt. Auch nicht, wie oft sie überhaupt kamen. Achim Risch geht von zwei Besuchen aus.

"Die Galgenbrüder waren ohnehin nur aktiv 1895, daraus ergibt sich auch die Gründung der Galgenbrüder, mit diesem erstem Besuch, und dann gabs eine Ruhepause, die Galgenbrüder wurden dann noch mal über Monate aktiv 1896."

Der Dichter und seine Gefolgsleute kamen vermutlich mit dem Zug aus Berlin. Der Weg vom Bahnhof führte durch Werders Blütenwald, wie der Dorfkantor die Landschaft einst beschrieb. Und die noch heute typisch für den Ort ist: Obstbäume, die im Frühjahr in voller Blüte stehen. Und aus deren Früchten Säfte und Weine gepresst werden. Fruchtige%e, die zum jährlichen Baumblütenfest aus großen gläsernen Ballons gezapft werden. Und die auch schon der Gastwirt auf dem Galgenberg verkaufte, als Morgenstern und seine Gefährten zu Besuch waren.

"Und da haben die vor allen Dingen gesoffen oder sich amüsiert. Mir geht es immer gegen den Strich, wenn sie nur als Saufkumpane dargestellt werden, es ging ihnen um die Unterhaltung, auffallen zu wollen, zu demonstrieren, was Morgenstern schreibt, die Galgenlieder sind eine Philosophie oder vom Galgen sieht man den Galgen anders und anderes."

Die Treffen der illustren Acht gleichten wohl einer schwarzen Messe. Jeder hatte ein Pseudonym: Raabenaas, Verreckerle, Gurgeljochen. Kleine Puppen wurden geköpft, Morgenstern dichtete, zunächst nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Ein düsteres Schauspiel, das dem Gastwirt in Werder zuviel geworden sein soll.

"Dieses Restaurant, also nach meiner Vorstellung, weil ich ja die Zeichnungen und Bilder kenne, da gabs nicht mehr als 20 Plätze, da waren acht Galgenbrüder schon zuviel, und wenn die nun auch noch sangen, kann man sich das wirklich vorstellen, dass der Gustav Altenkirch gesagt hat: Das ist nicht der Platz für euch, ihr verscheucht mir die Gäste."

Die Geschichte Morgensterns in Werder und seine Galgenlieder sind nur ein Teil der noch kleinen Ausstellung: Auch die Freundschaft mit dem Walddorf-Pädagogen Rudolf Steiner wird thematisiert.

Achim Risch hat viel Material gesammelt und hat dabei auch bisher Unentdecktes gefunden: Er zeigt auf ein kleines Buch in orangefarbenem Stoffumschlag in einer Glasvitrine.

"Ein Poesiealbum der Mutter Christian Morgensterns. Unsere Entdeckung, nach vielen leeren Seiten steht darin ein Gedicht, das Morgenstern geschrieben hat, das bisher in der Literatur unveröffentlicht ist zum zehnten Todestag seiner Mutter."

Gegenüber an der Wand hängt eine Uhr – mit vier Zeigern: Eine Sonderanfertigung, die auf ein Morgenstern-Gedicht zurückgeht.

"Korf erfand eine Uhr,
die mit zwei Paar Zeigern kreist,
und damit nach vorn nicht nur,
sondern auch nach rückwärts weist."


"Korf erfand eine Uhr. Die eben sowohl vorwärts als auch rückwärts geht und dann gab es die Kuriosität, dass uns jemand aufmerksam machte, dass es einen Uhrmachermeister namens Korf gibt, der schon für einen anderen Liebhaber eine Uhr umgebaut hatte nach der Idee Morgenstern und den baten wir, das auch für uns zu machen."

Achim Risch sucht immer weiter nach neuen Exponaten. Für den 100. Todestag Christian Morgensterns in anderthalb Jahren hat er Künstler beauftragt, Morgensterns Gedichte zu interpretieren. Er wünscht sich vor allem eines: Die Havelstadt Werder soll dem Dichter, der in so vielen Städten unterwegs war, ein neues, vielleicht DAS zu Hause werden.

"Christian Morgenstern ist wieder in Werder, zurück auf dem Galgenberg."

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