Freitag, 15.12.2017
StartseiteMusikjournal"Die Trojaner" in Nürnberg und Dresden09.10.2017

Neuinszenierungen der Berlioz-Oper"Die Trojaner" in Nürnberg und Dresden

Gewaltiges Orchester, riesiger Chor und anspruchsvolle solistische Gesangspartien: "Die Trojaner" von Berlioz sind eine Herausforderung für jedes Haus. Zu sehen ist die Oper nun in Nürnberg und Dresden - und die Aufführungen könnten unterschiedlicher nicht sein.

Von Dieter David Scholz

Der französische Komponist (u.a. "Die Trojaner", "Requiem") Hector Berlioz in einer zeitgenössischen Darstellung. Er wurde am 11. Dezember 1803 in La Cote-Saint-Andre geboren und verstarb am 8. März 1869 in Paris. (picture-alliance / dpa)
Der französische Komponist (geb. 1803 in La Cote-Saint-Andre) Hector Berlioz in einer zeitgenössischen Darstellung. (picture-alliance / dpa)

Intendant und Operndirektor Peter Theiler setzte zu Beginn seiner letzten Spielzeit am Staatstheater Nürnberg das Weltabschiedsstück von Hector Berlioz aufs Programm, um ab nächster Spielzeit als Intendant an die Dresdner Semperoper zu wechseln. Auch wenn er, im Gegensatz zu Dresden, die Berlioz-Oper stark gekürzt auf die Bühne brachte, ein eindrucksvoller Leistungsbeweis des Hauses ist es allemal.

Die Aufführungen in Nürnberg und Dresden könnten unterschiedlicher nicht sein, schon sängerisch: In Dresden kann man mit Christa Mayer eine fulminante Dido präsentieren. In Nürnberg punktet man mit einem jungen, weit stimmschöneren Aeneas als in Dresden. Immerhin, beide Häuser überzeugen mit gleichermaßen eindrucksvollen Chorleistungen. An der Semperoper in Dresden steht der New Yorker Dirigent John Fiore am Pult der Neuproduktion der "Trojaner", in Nürnberg der nach dieser Saison scheidende GMD Marcus Bosch. 

John Fiores Lesart der Oper setzt auf Schönklang

An der Semperoper in Dresden steht der New Yorker Dirigent John Fiore am Pult der Neuproduktion der "Trojaner", in Nürnberg der nach dieser Saison scheidende GMD Marcus Bosch. John Fiores Lesart der monumentalen Oper setzt vor allem auf Schönklang. Die Sächsische Staatskapelle tut ihm den Gefallen. Sie wird ihrem Ruf als "Sächsische Wunderharfe" wie Richard Wagner dieses Orchester einmal nannte, durchaus gerecht. Doch es fehlt an Temperament, an Esprit und an Drive. Nicht in Nürnberg. Natürlich ist die Staatsphilharmonie Nürnberg nicht mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden zu vergleichen, aber Marcus Bosch lässt doch einen strukturell sehr viel transparenteren, analytisch geschärfteren Berlioz hören, als sein Kollege John Fiore in Dresden.

Krieg und Frieden, Katastrophen und politische Zukunftsutopien

Die ursprüngliche Anlage der "Trojaner" war eine zweiteilige Oper: "Die Einnahme von Troja" und "Die Trojaner in Karthago". Die beiden Titel verraten es schon: Es geht um die Aeneis von Vergil. Es geht um zwei antike Völker, um Krieg und Frieden, Katastrophen und politische Zukunftsutopien. Ein gewaltiger Stoff. Regisseurin Lydia Steier macht in Dresden aus dem Antikenstück ein realistisches politisches Bekenntnisstück über Krieg und Frieden, Flucht und Emigration, Kolonialisierung und Eroberung. Sie prangert detailliert und extrem grausam Kriegsgräuel und Leichenfledderei an. Auch eine rüde Vergewaltigung wird drastisch vorgeführt auf der Bühne. Es wird geschossen und gesprengt, gemordet und gemeuchelt, Gedärm quillt aus einem aufgeschlitzten Frauenkörper beim Massensuizid am Ende des zweiten Aktes.

Lydia Steier zeigt das alles stark übertrieben, oftmals ins Lächerliche überzeichnet. Immer an der Grenze zur Parodie. Das Militär bekommt am meisten Spott ab. Es wird klischeehaft karikiert in seiner besoffenen Trotteligkeit und Rüpelhaftigkeit. Aeneas sieht aus wie ein Operettengeneral. Alles andere als ein Held. Und von Antike keine Spur. Bryan Register singt ihn in Dresden. Weit überzeugender Mirko Roschkowski in Nürnberg.

Alles wirbelt durcheinander

Lydia Steier hat "Die Trojaner" in die Zeit zwischen den Pariser Weltausstellungen und dem Ersten Weltkrieg verlegt, sie spannt einen Bogen von der Berlioz-Zeit bis ins 20. Jahrhundert. Bühnenbildner Stefan Heyne spannt ihn zwischen Paris und Dresden, man sieht einen historischen Semperopernprospekt und eine Art von gusseisernem, mehrstöckigen Konzertpavillon mit eingebauter, drehbarer Wendeltreppe und integriertem Chambre séparée fürs Grobe. Auch ein Reiterstandbild wird hereingefahren, mal dient es als Trojanisches Pferd, mal als Scheiterhaufen für Dido. Die Inszenierung hat etwas Beliebiges, Karnevaleskes, Groteskes, zumal die meisten Figuren stark überzeichnet, stark überschminkt vorgeführt werden in abenteuerlich fantastischen Kostümen von Gianlucca Falaschi. Da wirbelt alles durcheinander: Vorgestriges und Heutiges, Muselmanisches, Europäisches, Theatralisches und Clowneskes, Folkloristisches vom Balkan und von der Ägäis, Antike ausgenommen. Calixto Bieito zeigt in Nürnberg die Altersoper von Berlioz eher abstrakt, aber in ihrer ganzen Radikalität. Berlioz gelang mit den "Trojanern" ja nichts weniger als eine Strukturanalyse der Vergilschen Mythen, die er in ein modernes Geschichtsbild überführte, eine Antithese zu Wagners "Ring", ohne alle Erlösungsutopie.

Aeneas und Dido gehen an Drogen zugrunde

Susanne Gschwender hat Bieito für seine gnadenlos pessimistische Lesart des Stücks einen modernen, unkonkreten Raum geschaffen, eine abstrakte Holzkonstruktion, die an ein entkerntes Fachwerkhaus erinnert. Dieser Raum lässt viel Platz für rituelle Thematisierungen der werkimmanenten Dimensionen des Hasses, der Vernichtung, der Fanatisierung, der Ausweglosigkeit. Bieito zeigt in streng choreografierter Inszenierung viel Nacktheit und Blut, Schmutz und Erbrochenes. Menschen tragen afrikanische, aber auch Gasmasken und militärische Munitionswesten. Sie sind mit Perlenketten behängt und werden mit Containerladungen von Geldscheinen überschüttet. Mit Nietzsche behauptet Bieito, dass die Götter tot sind, allenfalls seien sie Halluzinationen der Handelnden. Aeneas, aber auch die trojanische Seherin Kassandra wie die Karthagische Königin Dido sind bei Bieito Entwurzelte auf der Flucht, Einsame, die statt einem Eigenwillen zu gehorchen, sich einem historischen Zwang unterwerfen. Sie sind Menschen in der Revolte a la Camus. Aeneas und Dido nehmen am Ende Drogen und gehen daran zugrunde.

Einen nackten Mann mit Öl besudeln

Eine Inszenierung, die optisch immer wieder verstört mit ihren szenischen Verrätselungen, symbolhaften Anspielungen und schamlosen Darstellungen von Körperlichkeit jenseits des Schönen und Appetitlichen. Und für wahre Liebe ist in dieser Lesart kein Platz mehr. Mirko Roschkowski und Katrin Adel als Dido und Aeneas besingen ihr Liebesglück im vierten Akt, indem sie einen nackten Mann und dann sich selbst kannenweise mit schwarzem Öl besudeln. Liebe kann nur noch schmutzig sein, so macht Calixto Bieito uns in seiner radikalen, nihilistischen Lesart weis. Wir kennen das schon aus anderen seiner Inszenierungen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk