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StartseiteSonntagsspaziergangWenn Geister über die Insel poltern30.03.2014

Neujahrsfest auf BaliWenn Geister über die Insel poltern

Die Einwohner der indonesischen Insel Bali leben im wahrsten Sinne des Wortes nach dem Mond. Ihr Neujahrsfest fällt nach dem Mondkalender in den März. Die Menschen tanzen auf den Straßen und ziehen mit riesigen Geisterstatuen lärmend von Dorf zu Dorf - alles, um dann plötzlich wie in einen Dornröschenschlaf zu verfallen.

Von Thorsten Thierbach

Rote monsterähnliche Figuren werden auf einer Parade von Männern in grünen T-Shirts getragen (dpa/picture alliance/Made Nagi)
"Ogoh-Ogohs" bei der Neujahrsparade auf Bali (dpa/picture alliance/Made Nagi)

Der helle Klang dieses kleinen Glöckchens ist allgegenwärtig auf Bali. Er ist täglich irgendwo auf der Tropeninsel zu hören. Balis Hindu-Priester benutzen das Glöckchen bei fast jeder Zeremonie: ob sie Menschen, Häuser, Tempel oder Autos segnen. Heute aber läutet es die Feierlichkeiten zu einem der wichtigsten Ereignisse auf Bali ein - dem Neujahrsfest Nyepi.

Wir sind am Strand von Tanah Lot, südwestlich der Hauptstadt Denpasar. Auf einer aus Bambusholz gebauten Erhebung hat der Priester Platz genommen. Um ihn herum sitzen die Dorfbewohner in traditioneller Kleidung im weißen Sand. Immer wieder schwappt eine Welle bis kurz vor ihre nackten Füße. Doch sie nehmen kaum Notiz davon.

Drei Tage vor Neumond haben die Familien kleine Figuren aus ihrem Haustempel geholt. Statuen, die den Hindu-Gottheiten Brahma, Shiva und Vishnu nachempfunden sind. Vorsichtig haben sie sie auf ihren Köpfen an den Strand balanciert. Denn hier sollen sie symbolisch von den Verfehlungen und negativen Energien des menschlichen Lebens reingewaschen werden.

"Wir nennen dieses Ritual Melasti. Es ist eng mit unserem Glauben verbunden. Und nach dem hat alles, was wir das ganze Jahr über machen, nicht nur Einfluss auf unsere Mitmenschen, sondern auch auf die Natur und die Götter. Wir wissen, dass wir nicht immer alles richtig gemacht haben. Und das Wasser, als Symbol des Lebens, soll uns helfen, auch unsere Götter von diesen Verfehlungen zu befreien. So kann ein jeder mit dem neuen Jahr auch einen neuen Anfang machen."

Kraft und Energie für das neue Jahr

Ibu Hermawati sitzt inmitten der Familien ihres Dorfes. Vorsichtig formt sie ihre Hände wie zu einer geschlossenen Knospe und führt sie mit geschlossenen Augen an die Stirn. Zwischen den Fingern hält sie eine kleine Blüte. Immer und immer wieder gedenkt sie so dem Wassergott Baruna, der ihr Kraft und Energie für das neue Jahr schenken soll.

Währenddessen herrscht im Dorf, wenige Hundert Meter vom Strand entfernt, hektische Betriebsamkeit. Mehrere junge Männer hüpfen und springen um eine riesige Figur herum, die unter einem baufälligen Vordach wartet. Einer von ihnen hat ihr eine Leiter an die Schulter gelehnt und pinselt mit roter Farbe herum. Beim Näherkommen stockt der Atem: Ein fratzenähnliches Gesicht stiert aus dem Halbdunkel und fletscht mit seinen hervorstehenden Eckzähnen. Die struppigen dunklen Haare wirbeln wie von Geisterhand plötzlich wild umher.

"Das ist unser Ogoh-Ogoh", lacht I Made Sujana, der gerade hinzugekommen ist und winkt mehrere junge Männer hinter dem Ungeheuer hervor.

"Das ist für unser Dorf eines der Höhepunkte im Jahr: Jung und alt kommen zusammen, um eine Ogoh-Ogoh-Figur zu bauen. In diesem Jahr war es gar nicht so leicht: Wir konnten uns einfach nicht auf ihr Aussehen einigen. Der eine wollte ein Seeungeheuer, der andere einen wildgewordenen Stier bauen. Am Ende ist es eine Mischung aus Affe und Bär geworden. Hauptsache groß und bedrohlich. Genau so, wie wir uns eben die bösen Geister, die Dämonen vorstellen."

Und mit ihrem Ogoh-Ogoh, den sie wegen seines polternden Geräuschs so nennen, mit dem wollen sie all jene bösen Geister aufscheuchen, die sie in ihrem Dorf vermuten. Schon ahnt der Besucher: So besinnlich wie beim Melasti-Ritual am Strand, so wird es nicht mehr lange bleiben. Im Gegenteil: Schon einen Tag später ist die Tropeninsel vollständig in Geisterhand, bei den lärmenden Umzügen an Tawur Agung. Und alles, wovor man sich schon als Kind immer gefürchtet hat, all das wird für viele Stunden quick-lebendig. So auch in Tanah Lot:

"An Tawur Agung finden heute überall auf Bali Paraden statt. Vor zwei Jahren sind wir zum ersten Mal hier in Tanah Lot dabei gewesen und seit dem kommen wir immer wieder her. Hier ist es einfach am schönsten. Die selbst gebauten Geister und Dämonen sind hier am größten und am buntesten. Außerdem wollen wir gemeinsam mit unseren Freunden das Neujahr feiern."

Die 22-jährige Kartika Nofita ist extra 20 Stunden mit dem Bus von der Nachbarinsel Java gekommen, um die schrillen Geister-Umzüge auf Bali mitzuerleben. Die junge Frau lacht und freut sich, wann immer eine besonders scheußliche Kreatur dabei ist oder ein Dorfbewohner besonders lauten Lärm mit seinem Bambusrohr schlägt.

Bali feiert das Jahr 1936

Auch Ibu Hermawati steht mit ihrer Familie am Straßenrand und sieht der Ogoh-Ogoh-Parade zu. In ihrem tiefbraunen Gesicht aber steht deutlich geschrieben, dass dieses immer wieder kehrende Ritual zum Neujahr für sie gemischte Gefühle hervorruft:

"Wie sie schauen, die langen Haare, manche haben leuchtende Augen, große Zähne. Das ist fürchterlich. Außerdem machen sie einen furchtbaren Krach. Aber ich weiß, dass wir nur so alles Böse vertreiben können, erst wenn die negative Energie gebannt ist, das neue Jahr beginnen kann. Aber ein wenig Angst habe ich schon."

Dann plötzlich: das fratzenähnliche Gesicht aus dem Halbdunkel. Der Ogoh-Ogoh von I Made Sujana und seinen Leuten kommt. Begleitet von polternden Gamelan-Orchestern bahnt sich das Ungetüm seinen Weg durch die Menschenmassen. Und mit ihm die jungen Männer, die ihn jetzt mit einem Holzgestell auf ihren Schultern tragen. In wellenförmigen Bewegungen balancieren sie den Dämon durch die Hauptstraße von Tanah Lot, lassen ihn hoch und runter sausen, um ihn noch schauriger erscheinen zu lassen. Aufgeregt läuft I Made Sujana am Straßenrand auf und ab, winkt und applaudiert, um dann gemeinsam mit den jungen Männern hinunter zum Festplatz zu ziehen.

"Hier auf dem Festplatz werden alle selbst gebauten Kreaturen stellvertretend für alle bösen Geister verbrannt. Erst wenn der letzte Dämon brennt, sind auch sämtliche negativen Energien verschwunden und wir können das neue Jahr ohne Sorgen begehen. Touristen sagen manchmal, dass es doch schade sei, die riesigen Figuren zu verbrennen. Aber für uns gehört es einfach dazu, dass wir viel Mühe dafür aufwenden, um uns vom Bösen zu befreien."

Und erst wenn um Mitternacht der letzte Ogoh-Ogoh lichterloh in Flammen aufgegangen ist, dann beginnt für die Balinesen das neue Jahr. Das Jahr 1936.

"Wir Hindus auf Bali leben nach dem Mondkalender, nach dem sogenannten Saka-Kalender aus Indien. Dieser Kalender beginnt 78 Jahre nach dem normalen, dem Gregorianischen Kalender. Und nach dem ist Neujahr dann, wenn der Neumond am Ende des 9. Monats vorüber ist. Da ist in der üblichen Zeitrechnung schon März."

Ein Tag der absoluten Stille

Und wie genau es die Balinesen mit dem Saka-Kalender nehmen, wird schon wenige Stunden nach den prächtigen Umzügen deutlich. Das gesamte Leben auf der Insel verwandelt sich. Alles fällt wie in einen Dornröschenschlaf. Alle Fenster und Türen sind fest verschlossen. Garküchen und fliegende Händler sind vom Straßenrand verschwunden. Dort wo sich sonst qualmende Lkw und knatternde Motorroller ihren Weg bahnen, fast unerträgliche Stille. Selbst das feine Rauschen des entfernten Meeres ist auf einmal überall zu hören.

Es ist Nyepi - der hinduistische Neujahrstag auf Bali. Ein Tag der absoluten Stille. Die Menschen verharren in ihren Häusern. Das Licht bleibt aus, das Telefon stumm. Auch Radio und Fernsehen stellen ihre Sendungen ein. Am Airport bleiben die Flieger am Boden. Für diesen einen Tag wirkt die gesamte Insel wie unbewohnt. Und das muss so sein, sagt Kartika Nofita:

"Die Hindus auf Bali glauben, dass am Neujahrstag böse Geister und Dämonen auf die Insel kommen. Sie sind neugierig und wollen wissen, was los war. Schließlich haben alle am Vortag jede Menge Krach gemacht. Und jetzt wo alles plötzlich ruhig ist, trauen sie sich zurück. Weil aber niemand auf den Straßen ist, nirgendwo ein Licht leuchtet, weder Strände noch Plätze voller Menschen sind, da wirkt die Insel wie verlassen. Nirgendwo ein Lebenszeichen. Die Menschen gaukeln ihnen also vor, dass hier niemand mehr ist. Und so ziehen die Geister weiter und suchen sich andere Ziele, um ihr Unwesen treiben zu können."

Jede Aktivität unter freiem Himmel tabu

Was vielen Besuchern merkwürdig, gar äußerst seltsam vorkommt, das erwarten die Balinesen auch von ihren Gästen. Auch sie müssen in ihren Unterkünften bleiben. Vorsorglich werden sämtliche Strandliegen eingeklappt, Swimmingpools mit Hinweisschildern abgesperrt. Am Neujahrstag ist jede Aktivität unter freiem Himmel tabu.

"Hier auf Bali gibt es sogar eine eigene Polizei, die streng darüber wacht, dass das Ruhegebot eingehalten wird. Aber wer zu dieser Zeit auf die Insel kommt, weiß das vorher und kann sich einrichten. So ein Tag in absoluter Stille, ist aber auch ein guter Tag für die Menschen selbst. Sie können zu sich selbst finden, überlegen, was das neue Jahr wohl bringen mag, was sie daraus machen wollen."

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