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StartseiteCorsoSleaford Mods servieren "English Tapas"04.03.2017

Neuntes Studio-AlbumSleaford Mods servieren "English Tapas"

Ob Politiker, Musikerkollegen, Pub-Besitzer oder Manager: Auf dem kommenden Album der Sleaford Mods setzt es Hiebe für Dummheit, Skrupellosigkeit und Korruption. Den komplexen Stoff gehen Jason Williamson und Andrew Fearn wie gewohnt mit bissigen Texten, aggressivem Sprechgesang und minimalistischen Beats an.

Jason Williamson im Corso-Gespräch mit Marcel Anders

Jason Williamson von den Sleaford Mods beim Paredes de Coura Festival 2016 (imago stock&people/GlobalImagens)
Jason Williamson von den Sleaford Mods beim Paredes de Coura Festival 2016 (imago stock&people/GlobalImagens)
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Marcel Anders: Herr Williamson, wie schmecken denn englische Tapas?

Jason Williamson: Wahrscheinlich fürchterlich.

Anders: Sie haben sie nicht einmal probiert?

Williamson: Nein! Das war etwas, das Andrew auf dem Menü in einem Pub entdeckt hat. Da hieß es: "Englische Tapas" - und sie bestanden aus Kartoffelchips, Soleiern und eingelegten Zwiebeln. Was typisch für die Art ist, wie Engländer wunderbare Sachen aus fremden Kulturen aufgreifen und komplett ruinieren. Das sagt viel über den Zustand des Landes.

Anders: Also hat Großbritannien nicht nur Probleme mit seinen Politikern und Bankern, sondern auch mit ganz normalen Bürgern?

Williamson: Aber natürlich! Was ja kein Wunder bei all den Regeln und Regulierungen ist, mit denen die Leute klarkommen müssen. Die beeinflussen unser aller Leben - genau wie die Politik.

Anders: Was bedeutet: "Es gilt so viele Feuer zu löschen, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll"?

Williamson: Das ist es, was die moderne Welt ausmacht: Es ist geradezu unmöglich, zu den Wurzeln eines Problems vorzustoßen. Geht es zum Beispiel darum, die Ursachen für die Brexit-Katastrophe zu finden, scheitert das allein daran, dass manche Leute ganz andere Informationen und Vorstellungen haben als andere. Die treffen dann aufeinander. Insofern ist es allein der Mangel an akkuraten Fakten, der für Verwirrung sorgt. Daher dieses riesige Durcheinander.

"Wenn wir eine politische Band sind, dann nur, weil heute alles davon geprägt ist"

Anders: Gilt das auch für die leidige Flüchtlings- und Zuwanderungsdebatte, bei der scheinbar gezielt Fehlinformationen lanciert werden, um die öffentliche Stimmung aufzuheizen?

Williamson: Die Debatte dürfte es gar nicht geben. Und sie dürfte auch nicht so groß sein, wie sie ist. Schließlich ist die Tatsache, dass Leute in andere Länder auswandern, um dort zu arbeiten, völlig unwichtig im Vergleich zu anderen Dingen, die überall passieren. Im Ernst: Das ist ein winziges Problem – wenn es überhaupt eins ist.

Anders: Trotzdem sorgt es für emotionale Reaktionen und für einen unangemessenen Umgang mit Flüchtlingen.

Williamson: Definitiv! Da stimme ich voll zu. Wir haben 2.000 aufgenommen – gerade mal 2.000. Dahinter steckt eine kleine Gruppe von Leuten, die nicht auf der Höhe der Zeit ist und zudem sehr bösartig. Sie hat kein Verständnis für Menschen in Not. Und sie vergewaltigt dieses Land regelrecht, was fürchterlich ist. Es ist sogar so schlimm, dass man ständig daran denken muss - was nun wirklich nicht sein sollte. Im Ernst: Ich befasse mich mehr damit als mit meiner Familie. Und es fließt in die Musik ein – was ganz normal ist. Wenn wir also eine politische Band sind, dann nur, weil heute alles davon geprägt ist. Insofern sind Sleaford Mods ein Produkt ihrer Zeit. Es ist nicht dieses kuschelige Sozialisten-Ding wie bei Billy Bragg – womit ich ihm nicht zu nahe treten möchte. Aber er ist nicht sehr direkt und das entspricht nicht dem heutigen Denken.

Anders: Dabei hatte Großbritannien schon einen großen Zustrom von Menschen aus dem Commonwealth, den ehemaligen Kolonien, und sollte von daher damit umzugehen wissen.

Williamson: Natürlich - in den 50er-Jahren. Und sie haben Farbe ins Land gebracht. Sie haben es regelrecht erleuchtet. Von daher hat es nichts Negatives, wenn diese Leute zu uns kommen. Genauso wenig wie bei denjenigen, die in den letzten 20 Jahren aus den EU-Staaten kamen. Der Zustrom aus Polen oder Ungarn, der darauf basiert, dass sich hier mehr Geld verdienen lässt, ist ganz normal. Da kann man nur sagen: Das würde jeder tun – also ist das im Grunde kein Thema. Aber da sind halt diese uralten Vorurteile, die nur darauf abzielen, Menschen zu irritieren und wütend zu machen. Und sie funktionieren immer noch – was mich wirklich sauer macht. Nach dem Motto: "Habt ihr in den letzten 70/80 Jahren nichts gelernt?" Denn das ist immer noch da, weil die Leute es schlichtweg nicht kapieren. Und es ist eine Frage der Bildung. Ich für meinen Teil habe in der letzten Dekade mehr gelesen, als je zuvor – und das ganz bewusst. Es hat mir sehr geholfen.

"Ein gefundenes Fressen für absoluten Schwachsinn"

Anders: Zudem sind Sie viel gereist – während etliche Briten nicht einmal einen Reisepass haben, sprich die Insel nie verlassen.

Williamson: Das ist eine weitere Sache in Bezug auf den Brexit: Eine Menge Leute, die für den Austritt gestimmt haben und der Arbeiterklasse angehören, können es sich nicht leisten, das Land zu verlassen. Und es gibt Leute wie mich, die ständig im In- und Ausland unterwegs sind, und folgerichtig für den Verbleib gestimmt haben. Ich meine, auf eine Art kann ich sie sogar verstehen – und dann wieder nicht. Leute, die kein Geld haben, sind gefangen in ihren Häusern und ihrer Nachbarschaft – mit einer Kneipe und zwei bis drei Läden. Das ist ihr Leben.

Anders: Womit sie allerdings ganz zufrieden scheinen.

Andrew Fearn (l) und Jason Williamson (r) vom britischen Post-Punk/Hip-Hop-Duo Sleaford Mods bei einem Auftritt in Lissabon. (picture alliance / dpa / Jose Sena Goulao)Andrew Fearn (l) und Jason Williamson (r) vom britischen Post-Punk/Hip-Hop-Duo Sleaford Mods bei einem Auftritt in Lissabon. (picture alliance / dpa / Jose Sena Goulao)

Williamson: Sie trauen sich da kaum raus. Was logische Konsequenzen hat: Sie sind ein gefundenes Fressen für absoluten Schwachsinn. Mit welchem Bullshit man sie auch infiltrieren möchte, sie nehmen ihn dankbar an. Was daran liegt, dass sie nicht gebildet sind. Ich meine, ich bin 46, ich habe eine Menge erlebt und meine Erfahrungen haben meine Überzeugungen geprägt. Ich bin jemand geworden, der alles analysiert und sehr genau nach draußen schaut – auf die Dinge um mich herum. Aber ein 23-Jähriger ist halt nicht so. Und ich war es auch nicht. In dem Alter geht es nur darum, auszugehen und Spaß zu haben. Die Kids scheren sich einen Dreck um Politik. Wenn man sie damit konfrontiert, sagen sie höchstens: "Verpiss dich." Sie wollen damit nichts zu tun haben – gerade jetzt. Viele junge Leute wissen wahrscheinlich nicht mal, wer David Cameron ist.

"Der Brexit ist eine profitable Sache für die Reichen"

Anders: Acht Monate nach dem Referendum – wie denken Sie über das, was bislang passiert ist, und über das, was noch kommt? Haben die Briten inzwischen verstanden, was sie sich eingebrockt haben?

Williamson: Mittlerweile gibt es einen Plan, für dessen Ausformulierung nicht wirklich viel Zeit war – weil es ursprünglich ja keinen gab. Ich denke, die Konservativen sind nicht davon ausgegangen, dass sie gewinnen. Es ging eher um einen internen Machtkampf.

Anders: Um David Cameron loszuwerden?

Williamson: Im Grunde schon. Zu allem Überfluss hatten sie noch Nigel Farage und Boris Johnson, die Sprüche geklopft haben wie: "Wir werden dies oder das machen." Damit haben sie einen enormen Hass auf sich gezogen. Sie haben mit den Leuten und ihren Vorstellungen gespielt. Und das ist gefährlich, denn es sorgt für negative Gefühle gegenüber ethnischen Minderheiten. Aber momentan ist da auch viel Hass gegenüber den Machern der "Austritts"-Kampagne – und gegen jeden, der dafür gestimmt hat. Denn man erinnere sich: Der Sieg war hauchdünn, mit ein paar Prozent Vorsprung. Also 47 zu 53 oder etwas in der Art. Was bedeutet, dass die Hälfte des Landes "nein" gesagt hat. Oder zumindest diejenigen, die abgestimmt haben. Man darf nicht vergessen, wie viele Leute sich gar nicht erst die Mühe gemacht haben, zu wählen.

Anders: Wie sehr wird die heutige Jugend unter den Folgen des Brexit leiden?

Williamson: Die Jugend wird immer beschissen. Gerade von der konservativen Regierung wird sie systematisch hinters Licht geführt. Mit Studiengebühren und Streichungen von Zuschüssen, gerade beim Wohngeld. Bei all diesen Dingen wird die Jugend komplett ignoriert. Von daher ist es interessant zu sehen, was passiert – was daraus entsteht. Auf dieselbe Art, wie es interessant ist, was in Amerika geschieht.

Anders: Inwieweit – glauben Sie – wird der Brexit Ihre Karriere als Musiker beeinflussen? Rechnen Sie nicht mit Visa, mit zusätzlichen Steuern und einem viel komplizierteren Reisen?

Williamson: Das wird mit Sicherheit so sein, aber ich weiß noch nicht, wie das genau aussieht. Es wird ja noch einige Zeit vergehen bis Artikel 50 in Kraft tritt. Erst dann wird man nach und nach begreifen, welche Folgen das Ganze hat – und wie sehr uns das als Musiker beeinträchtigt. Ich hoffe, nicht zu sehr. Allein der Musik zuliebe. Denn gerade in Deutschland touren eine Menge britischer Bands. Und mir geht nicht so sehr ums Geld, sondern um die Tatsache, dass ich es liebe, in Europa zu spielen. Ich will nicht, dass sich das ändert.

Anders: Sollte es ein Referendum über das Referendum geben?

Williamson: Sollte es – einfach weil die Wahl nicht fair war. Und jetzt, da alle wissen, was passiert, würden die meisten ganz anders stimmen. Doch das wird nicht passieren. Die Politik wird es nicht zulassen. Einfach weil der Brexit eine profitable Sache für die Reichen ist. Er ermöglicht ihnen, noch mehr Geld aus dem Land zu pressen. Im Grunde wird sich nicht viel ändern.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das neue Album der Sleaford Mods "English Tapas" ist am 3. März 2017 bei Rough Trade Records erschienen.

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