Montag, 20.11.2017
StartseiteWissenschaft im BrennpunktNeuronen und Nirwana26.12.2008

Neuronen und Nirwana

Teil 1: Wie das Gehirn die Welt bewältigt

Es begann vor 200 000 bis 100 000 Jahren. Aus dem Stammbaum des Lebens gliederte sich eine Spezies ab, die einen neuen Pfad beschritt. Homo sapiens sapiens perfektionierte den aufrechten Gang und nutzte die frei werdenden Hände, um die Dinge der Welt zu bearbeiten. Auch sein Gehirn entwickelte sich weiter. Das bescherte ihm bessere kognitive Möglichkeiten: ein besseres Gedächtnis, bessere Aufmerksamkeit, bessere Planung, bessere Kommunikation. Ein Überlebensvorteil in einer Welt voller Gefahren.

Von Martin Hubert

Das menschliche Gehirn: ein Labyrinth aus Milliarden von Nervenzellen, zwischen denen Milliarden von Verbindungen bestehen. (AP)
Das menschliche Gehirn: ein Labyrinth aus Milliarden von Nervenzellen, zwischen denen Milliarden von Verbindungen bestehen. (AP)

Der Geist, der diesem Netzwerk der Neuronen entsprang, drängte Homo sapiens sapiens aber auch dazu, die irdische Welt zu überschreiten. Den modernen Menschen begann die Frage umzutreiben, was nach diesem schrecklichen Nichts kommen könnte, das der Tod in die Welt bringt. Gibt es jenseits der Welt einen Zustand der Wiedergeburt, der ewigen Ruhe oder der Erlösung? Der Himmel, das Nirwana und die Frage nach dem Glück haben den menschlichen Geist seitdem nicht zur Ruhe kommen lassen.

Der Mensch strebt nach Glück, Sinn und Ruhe. Doch gleichzeitig zwingt ihn die Welt, sich aktiv in ihr zu behaupten. Für alles gleichermaßen zuständig ist das Gehirn. Evolutionär gesehen ist das Gehirn nichts anderes als eine Überlebensmaschine, ein eigener Kosmos, der den Organismus funktionstüchtig halten soll.

Ein Labyrinth aus Milliarden von Nervenzellen, zwischen denen Milliarden von Nervenverbindungen bestehen. In diesem Gewirr rasen elektrische Signale hin und her. Sie versorgen die einzelnen Neuronen ständig mit neuen Informationen. Mit Bildern, Gerüchen, Erinnerungen. Hormone und andere chemische Botenstoffe unterstützen diesen unaufhörlichen Kreislauf der Signale.

Das Gehirn - ein gewaltiges System aus Chemie und Elektrizität. Indem es unermüdlich Informationen verarbeitet, liefert es das Fundament für den Geist.

"Die Intelligenz des Handelns ist das, was evolutionär zählt."


Wolfgang Prinz ist Psychologe und einer der Direktoren am Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaft. Sein Spezialgebiet: Handlungspsychologie. Beim Menschen, sagt er, zählt, was er tut.

"Die kognitiven Leistungen, zu denen Menschen fähig sind, sind, wenn man so will, Mittel zum Zweck, sie sind nicht der eigentliche Zweck, zu dem der liebe Gott oder die Natur uns mit diesen kognitiven Leistungen begabt hat."

Die Evolution bescherte schon dem frühen Menschen ein gewachsenes Stirnhirn. Das erlaubte es ihm, seine Impulse besser zu kontrollieren und seine Handlungen besser zu planen. Das Gehirn des Homo Sapiens Sapiens scheint also bestens gerüstet zu sein für eine komplexe Welt. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Bestimmte Regionen des Gehirns beschäftigen sich mit den einkommenden Reizen der Außenwelt. Was ist zu hören, zu riechen, zu tasten, zu sehen? Andere Teile steuern den Körper, sein Verhalten, setzen zielgerichtete Bewegungen in Gang.Welche Handlung ist sinnvoll?

Ein Großteil des Gehirns aber bildet ein Zwischenreich. Es erstreckt sich über weite Gebiete des Großhirns: der assoziative Cortex. Unterschiedliche Signale, die über die Sinne den Körper erreichen, werden gefiltert und mit dem Gedächtnis abgeglichen. Die Hirnareale verrechnen die Informationen, bilden Überschneidungen, Klassifikationen, Kategorien, Symbole. Im assoziativen Cortex entsteht das Bild von der Welt, wie der Mensch sie erlebt.

Ein Ding. Schwarz-weiß gepunktet. Rund, prall und elastisch. Was ist das für ein Ding, das schwarz und weiß gepunktet ist, das rund ist und sich prall und elastisch anfühlt?

Der assoziative Cortex ermöglicht es dem Menschen, flexibel zu sein: er kann viele Informationen aus der Außenwelt miteinander verbinden und daraus vielfältige Rückschlüsse ziehen: Ein Ball! Man kann ihn rollen, schießen, werfen, drehen; allein, zu zweit, zu vielen, je nach Situation, Größe, Gewicht.

Vor allem das Stirnhirn, das bei homo sapiens sapiens wesentlich vergrößert ist, erlaubt es ihm, langfristig zu planen. Er kann Mittel und Zwecke gut aufeinander abstimmen und die Folgen von Handlungen abschätzen.

Wie werfe ich den Ball am geschicktesten, damit er in den Korb fällt? Wie spiele ich mit den anderen Spielern zusammen? Wie lange spiele ich? Wie lange darf ich spielen?

Flexibel, analysierend, planend. Ein Gehirn, wie geschaffen dafür, eine komplizierte Welt durch vorausschauendes Handeln zu bewältigen. Aber das Leben ist kein Spiel – und es gibt immer mehr zu beachten, zu analysieren, zu planen. Das Reich der Handlungen wird selbst zum Problem.

"Also wir können uns vorstellen, dass das, was wir in unserem täglichen Leben tun, aus einer beliebig kompliziert verschachtelten Hierarchie von Handlungen besteht, sehr komplexen Handlungen."

Die Sonne brennt heiß auf die karge Landschaft herab. Eine Gruppe halbnackter Männer hat sich um die spärlichen Sträucher am Tümpel verteilt. Geduckt lauern fünf von ihnen hinter einer Hecke, die hölzernen Speere griffbereit. Die anderen acht verbergen sich auf der anderen Seite des Platzes hinter Steinen. Eine Woche lang hatten sie den Platz genau beobachtet. Hatten die Route der Büffel zur Wasserstelle studiert, die möglichen Fluchtwege untersucht, das Vorgehen besprochen. Als die Herde den Platz überquert, wartet der Anführer lange. Wenn er das Zeichen zu früh gibt, wird der Plan nicht aufgehen. Dann hebt er die Hand. Die acht auf der anderen Seite springen hinter den Steinen hoch, brüllen und schreien, treiben die Herde auf die Hecke zu. Dort schleudern die fünf ihre Speere. Zwei Tiere bleiben röchelnd liegen. Drei Wochenrationen für die Horde, die einen Tagesmarsch entfernt auf Nahrung wartet.

Das Gehirn ist von früh an ein soziales Organ. Die Evolutionsbiologen sagen: wahrscheinlich hat sich das Gehirn von homo sapiens sapiens auch deshalb so gut entwickelt, weil der Mensch in immer größeren Gruppen zusammenlebte. Nun hieß es: koordiniert handeln, das Verhalten anderer Menschen verstehen, deren Absichten lesen, Täuschungen erkennen, eigene Ziele durchsetzen, die Folgen seiner Taten bedenken. Große Anforderungen für ein Gehirn, das sich dadurch immer weiter optimierte.

Also Lebensmittel, das übliche, Pfandflaschen nicht vergessen… Du brauchst auch Schuhcreme, okay, finde ich alles im Markt….Dann den Mantel, der Reißverschluss klemmt, muss ein neuer rein,.. also zum Schneider – klappt das zeitlich ? Ja, musst nur gleich los…Dann fahr hintenrum zum Büro...weniger Ampeln.

Der Preis des hochentwickelten Gehirns: es beginnt, die soziale Welt immer komplexer zu organisieren. Institutionen wachsen, die kommunikative Vernetzung nimmt zu. Die Folgen: Arbeitsteilung, Arbeitsverdichtung, Arbeitsdruck. Auf den zweiten Blick scheint das Gehirn der Welt, die es mitgestaltet hat, nicht mehr so perfekt gewachsen zu sein. Der Kosmos der Handlungen bläht sich immer mehr auf. Arbeite an so vielen Aufgaben gleichzeitig wir nur möglich. Das, so Wolfgang Prinz, hat natürlich Folgen:

"Eine Stressbelastung ist mit Multitasking immer verbunden. Man muss immer die eine Handlung unterbrechen, um gerade mal die andere auszuführen oder die andere ein Stückchen weiterzutreiben, dann wieder zurück auf die Ursprungshandlung oder auf eine dritte, d.h. man muss gleichzeitig mehrere Ziele und Zielrepräsentationen im Auge haben, mehrere Intentionen gleichzeitig verfolgen, auch verfolgen, dass die Realisierung von einer von ihnen unterbrochen ist, sodass man sie an einer bestimmten Stelle wieder aufnehmen muss usw. Dies ist ein sehr belastende, also nicht nur kognitiv belastende, sondern auch physiologisch insgesamt belastende Tätigkeit."

Dann ins Büro, was steht heut an? …Der Bericht muss fertig werden, definitiv… also vormittags: die Zahlen dafür sammeln, dann Besprechung, kurze Pause, was essen … dann die Zahlen ordnen … vielleicht dann kurz Anruf Außendienst und dann die Auswertung…Wird eng heut, ob ich's dann zum Sport schaffe? Ball mitnehmen!

Das hochdifferenzierte Gehirn hat eine hochkomplizierte soziale Welt ermöglicht. Welche Mechanismen besitzt es, um das zu bewältigen? Wie gelingt es ihm, nicht in der ständigen Unruhe unterzugehen? Wolf Singer ist Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main. Als Grundlagenforscher untersucht er die Mechanismen, mit denen das Gehirn in der komplizierten Welt Ordnung schafft.

"Das Gehirn arbeitet parallel an sehr vielen verschiedenen Aspekten der Wahrnehmungswelt gleichzeitig. Und das alles muss irgendwo zusammengebunden werden. Nachdem es im Gehirn kein Zentrum gibt, wo alle Information zusammen laufen kann, sondern alles parallel bleibt bis hinaus in die ausführenden Organe, erfolgt diese Bindung, wie wir jetzt mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen dürfen, über die Synchronisation dieser verteilten Aktivitäten."

Ein Ball fliegt ins Sichtfeld. Für das Gehirn existiert er zunächst nur als eine diffuse Ansammlung von Reizen. Sie aktivieren Nervenbahnen des Sehsystems. Einige Nervenbahnen, die für Farben zuständig sind, melden: Da ist etwas schwarz und weiß. Andere, die Formen analysieren, registrieren: es ist rund. Wieder andere, die Bewegungen analysieren, stellen fest: es hüpft elastisch auf dem Boden auf und nieder. Alle diese Informationen müssen irgendwie zusammengebunden werden, damit das Objekt "Ball" wahrgenommen wird.

Wolf Singer hat entdeckt, dass alle Nervenzellen, die an der Wahrnehmung eines Gegenstandes beteiligt sind, in einer bestimmten Frequenz aktiv werden. Sie oszillieren, also entladen sich in einem gemeinsamen Rhythmus.

"Wir vermuten, dass diese hochfrequenten Oszillationen, die sich im 40- bis 60, 70-Hertz-Bereich abspielen und vor allem Dingen die Synchronisation der neuronalen Aktivität in diesem Frequenzbereich eine wichtige Rolle spielt bei aller Integration von Teilprozessen im Gehirn."

Das Gehirn ist ein elektrisches Orchester, von dem unterschiedliche Teile gleichzeitig in verschiedenen Rhythmen schwingen können. Die verschiedenen Rhythmen stehen für einzelne Objekte. Das Gehirn nimmt einen Ball wahr, einen Rasen, etliche Spieler, die Zuschauer des Spiels, ihre Jacken, ihre Haare, die Wolken über ihnen.

Das Gehirn kann seine Aufmerksamkeit aber auch bündeln. Auf den Spieler, der einem gerade entgegenkommt. Oder auf die Flugbewegung des Balls. Auch dafür nutzt das Gehirn den Mechanismus der synchronen Oszillation. Wird die Aufmerksamkeit bewusst auf einen Gegenstand gerichtet, schwingen die dazugehörigen Areale verstärkt im gleichen Takt.

Die riesige Halle ist vom gleichmäßigen Motorengeräusch der Bänder erfüllt. Das große Band läuft schnell. In hoher Taktzahl liefert es halbfertige Autokarosserie heran. Der Mann im blauen Overall hat 10 Sekunden Zeit, um sich aufzurichten und die Tür zu nehmen, die ihm von einem anderen Band zugespielt wird. Dann wendet er sich der halbfertigen Karosserie zu, die jetzt genau vor ihm vorüberzieht. Er beugt sich vor, passt die Tür genau in die Scharniere ein. Mit der rechten Hand hebt er den Schraubbohrer. Punktgenau trifft er die vorgestanzten Löcher und dreht die Schrauben fest. Ein mal, zwei mal, drei mal, vier mal. Die Türe sitzt in der Karosserie. Zeitkontingent: 30 Sekunden. Die Karosserie mit Tür läuft weiter. Nebenan im Verwaltungstrakt laufen die aktuellen Produktionszahlen über Computerbildschirme. Daneben die Zahlen für die Auftragseingänge. Die Männer an den Bildschirmen vergleichen, schicken Bestellungen hinaus und prüfen den Takt.

Bei homo sapiens sapiens fällt auf: seine Aufmerksamkeitsareale in den höheren, für Bewusstsein zuständigen Hirnregionen sind gut ausgeprägt. Der Mensch kann seine Aufmerksamkeit sehr flexibel und kontrolliert einsetzen. Andererseits ist seine Kapazität, sich bewusst auf etwas zu konzentrieren, stark begrenzt. Also nutzt das Gehirn einen Trick: es speichert unbewusst ablaufende Handlungsmuster. Die Forscher sprechen von Scripten, zum Beispiel: Ulrich Ott vom Bender Institute for Neuroimaging an der Universität Gießen, kurz BION. Eigentlich interessiert ihn, was passiert, wenn Gehirn und Geist in nichtalltägliche Zustände hinübergleiten, während der Meditation oder in Ekstase. Um das zu verstehen, braucht Ulrich Ott aber zunächst ein Alltags-Modell des Gehirns. Vieles, so seine These, geschieht automatisch und routiniert. Eben dadurch, dass scripte im Gehirn abgespult werden.

"Das heißt, es gibt so ein Abfolge von Schritten - das ist auch in der Psychologie sehr schön beschrieben worden, worin so ein Script besteht – "Restaurantbesuch" ist so ein Standardbeispiel, mit den einzelnen Schritten bis hin zum Bezahlen: das sollte man tunlichst auch tun, weil man schon weiß, was passieren wird, wenn man es nicht tun würde."

Eintreten - Tisch aussuchen - Kontakt mit Ober suchen - Karte studieren

Einfaches Script für einen "Restaurantbesuch"

Bestellen - essen, dabei Besteck- und Benimmregeln beachten – Konversation mit den Begleitern führen - Nachtisch bestellen - bezahlen - Trinkgeld geben - aufbrechen. Ende des Handlungsscripts.

"Das heißt wir haben in uns ein sehr komplexes System von Regeln erworben, auf Grund unserer Sozialisation, das uns sagt, was wir tun dürfen und was nicht und in diesem kognitiven Rahmen bewegen wir uns eigentlich die meiste Zeit."

Das Gehirn bewältig die Welt, indem es erfolgreiche Handlungsmuster abspeichert und automatisch abspult. So werden die Ressourcen geschont. Die Energie, die das Gehirn spart, indem es automatisch Routineprogramme abarbeitet, soll anderweitig genutzt werden. Sie wird in geistige Arbeit gesteckt, etwa wenn neue Ideen gesucht oder Strategien entwickelt werden müssen. Oder wenn aufmerksam eine Aufgabe zu erledigen ist, bei der keine Fehler vorkommen dürfen. Forschungen zeigen, dass im Gehirn ein eigenes Konzentrationssystem für solche Tätigkeiten existiert. Überraschenderweise zeigen sie aber auch etwas anderes. Im Gehirn gibt es ebenfalls einen Mechanismus, der von Natur aus dauerhafter Konzentration entgegenwirkt: ein neuronaler Drang nach Ruhe. Wie passt das zusammen?

Auf geht’s: der Bericht - das ist mehr als ich dachte: Zahlen nix als Zahlen seitenweise …Muss ich alles erst mal zusammenzählen und dann nach der Formel durchrechnen. Los: 17 plus 33 plus 16 geteilt durch den Aufwandsfaktor, also 4, macht in Spalte eins, 16, 5 …heute abend beim Spielen muss ich schneller abgeben.. war zu eigensinnig letztes Mal: abgeben, Pass zurück, dann wurf, zack und drin… Halt, hier geht’s weiter: Spalte zwei: 24 plus 28 plus 11 durch 4 ist gleich…15,75, Spalte drei: 17 plus 35 durch 6 ist gleich…

Markus Ullsperger vom Max-Planck-Institut für neurologische Forschung in Köln ist Spezialist für das fehleranfällige Gehirn. Sein Team stellte 13 Versuchspersonen eine monotone Aufgabe, die hohe Konzentration erfordert, eine so genannte "Flankierreizaufgabe".

Die Probanden saßen vor einem Bildschirm. Vor ihnen zwei Knöpfe, einer links und einer rechts vor ihnen. Sie hatten die Anweisung: Reagiert per Knopfdruck so schnell wie möglich auf ein Signal am Bildschirm.

"Man muss nur auf einen zentral dargebotenen Stimulus, in unserem Fall einen Pfeil, achten. Der Pfeil kann nach links oder rechts zeigen und man muss dann so schnell und genau wie möglich mit der rechten bzw. linken Hand antworten."

Damit das nicht zu leicht war, tauchten auf dem Bildschirm blitzschnell immer wieder zusätzliche Pfeile auf, die in verschiedene Richtungen blinkten: die Flankierreize.

Die Forscher registrierten mittels Hirnscan, was im Gehirn der Testpersonen geschah. Irgendwann begannen sie, sich ablenken zu lassen. Fehler traten auf. Der erste Befund der Forscher: dabei veränderte sich etwas in der Mitte und vorne im Gehirn.

"Wir vermuten, dass dieses Netzwerk etwas mit dem Aufrechterhalten der Anstrengung oder der Motivation, die Aufgabe zu bearbeiten, zu tun hat. Diese Aktivität in diesem anstrengungsbezogenen Netzwerk nahm systematisch vor Fehlern ab, als ob die Versuchsperson immer weniger investiert haben in die Aufmerksamkeit, die sie dieser Aufgabe geschenkt haben."

Das war ein Befund, den die Forscher auch erwartet hatten. Überraschender war die zweite Entdeckung:

"Gleichzeitig beobachteten wir auch einen Anstieg in einer anderen Hirnregion, die zu dem so genannten Ruhenetzwerk des Gehirns zählt."

Dieses Netzwerk beobachten Hirnforscher dann, wenn ihre Versuchspersonen ganz entspannt in der Röhre liegen und nichts tun.

"Wenn man das vergleicht mit z.B. irgendwelchen kognitiven Aufgaben, dann kommt es in diesem Ruhenetzwerk zu einer Erhöhung der Aktivität."

Spalte fünf: 19 plus 12 plus 15 durch 5 ist gleich 9,2 … noch 8 Spalten. 14 plus… schnelles Passspielen ist sowieso das beste… vor zwei Wochen wars ja optimal, das flutschte nur so, haben gespielt wie in Trance…vor allem mit Inge und Sophie, traumwandlerisch… sollte sowie so mehr mit denen machen…Inge ist ja wirklich witzig, und Sophie, eher der nachdenkliche Typ…die malt ja auch, ziemlich gut glaub ich… wollte mir doch mal ihre Bilder zeigen lassen… frag sie heut abend mal….vielleicht könnt ich auch mal wieder - die alten Aquarelle, wo hab ich die eigentlich?

Der so genannte Ruhezustand im Gehirn. Seit einigen Jahren interessieren sich immer mehr Hirnforscher für diesen geheimnisvollen Zustand. Wenn der Geist abdriftet, ist ein ganzes Netzwerk von Hirnarealen aktiv.

Regionen für Wahrnehmung, für Erinnerung, für das Hineindenken in andere Menschen oder für den Ichbezug.

Kai Vogeley ist Psychiater am Universitätsklinikum Köln. Er gehört zu den Neurowissenschaftlern, die sich auch für die psychologischen und philosophischen Aspekte der Hirnforschung interessieren. Am Ruhezustand fasziniert ihn besonders, dass er so viele verschiedene Hirnregionen miteinander verbindet.

"Und dieses verbindende Charakteristikum ist die Abwesenheit einer Aufgabenstellung durch eine Person, die von außen zugefügt wird, sodass ein Zustand resultiert, in dem die Versuchspersonen selbst entscheiden können, welcher Art von kognitiver Leistung sie sich nun im Folgenden widmen. Was wir so als Bewusstseinsstrom bezeichnen würden, also die sozusagen ungerichtete, selbstbestimmte Aktivität unseres eigenen Bewusstseins."


Könnte das doch wieder ausbauen…. Aquarelltechnik kann ich ja…wenn Sophie mir ein paar andere Techniken zeigt, kann ichs auch erweitern … .. vielleicht auch mal was Abstraktes probieren… in blau. Ach, den blauen Anzug muss ich noch abholen. Doch nicht. Zu spät für heute. … mein Lieblinsgblau und das Kaminrot … was konstruieren, Farbflächen kombinieren … Lust hätt’ ich schon … mal sehen.

Der Hirnruhezustand verleiht dem Menschen eine innere Freiheit. Er gibt ihm die Chance, um sich selbst zu kreisen.

"Interessant für unsere Studie war nun, dass es auch während die Versuchspersonen die Flankierreizaufgabe bearbeitet haben, eine Absenkung der Aktivität eben in diesem Ruhenetzwerk gab."

Markus Ullsperger vom Kölner Max-Planck-Institut für Neurologie wollte eigentlich nur klären, wie Fehler im Gehirn zustande kommen. Und stellte dabei fest, welch wichtige Rolle der Ruhezustands spielt.

"Diese Reduktion wurde sozusagen immer schwächer vor einem Fehler. Nun war das auch noch ein Anteil des Ruhenetzwerks, der auch mit dem Zugriff auf das episodische Gedächtnis in Verbindung gebracht wird, sodass man wirklich überlegen könnte, ob die Versuchspersonen nicht nebenher auch noch etwas anderes gemacht haben, während sie unsere sehr monotone Aufgabe bearbeitet haben, zum Beispiel zwischendurch daran gedacht haben, was sie nach dem Aufenthalt an dem Scanner tun werden."

Normalerweise hält das anstrengungsbezogene Hirnnetzwerk das Ruhenetzwerk in Schach, solange es eine Aufgabe lösen. Fängt das Ruhenetzwerk aber an, sich stärker zu regen, beginnen Versuchspersonen etwa ein halbe Minute später vermehrt Fehler zu machen. Auf den ersten Blick klingt die Erklärung dafür recht banal: wenn wir uns nicht mehr richtig auf unsere Aufgabe konzentrieren, sondern dahinträumen, dann machen wir Fehler. Entscheidend ist aber, dass das Ruhenetzwerk eben in seinem Normalzustand bereits relativ stark aktiv ist. Die Kölner Forscher gehen daher von folgendem Modell aus: Wenn wir eine Aufgabe lösen möchten, muss dieses normalerweise hochaktive Ruhenetzwerk im Gehirn gehemmt werden. Aufgrund seiner Kraft kann es sich aber jederzeit in den Vordergrund schieben.


"Man kann sich vorstellen, dass bei länger andauernden, monotonen Aufgaben es eine Tendenz gibt, sozusagen die Aufgabe zu ökonomisieren und möglicherweise dadurch immer mehr in einen dem Ruhezustand ähnlichen Zustand zu verfallen und darüber die Konzentration auf die eigentliche Aufgabe zu vernachlässigen, also dass es da sozusagen Konkurrenz, einen kleinen Kampf zwischen verschiedenen Anpassungsprozessen und auch wahrscheinlich zugrunde liegenden Hirnsystemen gibt."

Bei monotonen Aufgaben geschehen deshalb häufig Fehler, weil das Gehirn möglichst energiesparend arbeiten will. Das Aufmerksamkeitsnetzwerk fährt seine Aktivität herunter, sobald Routine ins Spiel kommt. Damit wird Raum geschaffen für den freien Bewusstseinsstrom und das Tagträumen, die als reges Bedürfnis des Gehirns immer im Hintergrund lauern.

Die Sonne scheint kräftig in das große Bürohaus in der City. Es ist Nachmittag. Im Büro im achten Stock sitzt der Kaufmann an einem Schreibtisch mit zwei Monitoren. Er beugt sich über einen der Schirme, schaut suchend, während er mit der Maus eine Datei abscrollt. Das Telefon klingelt, er nimmt den Hörer ab, klemmt ihn unters Kinn, schaut kurz auf den zweiten Monitor. Er spricht etwas in den Hörer, nickt, legt den Hörer wieder auf. Noch einmal beginnt er durch den Text zu scrollen, ein Angebot, das gleich raus muss. Er tippt ein-, zweimal etwas ein. Wieder klingelt das Telefon, er gibt neue Daten ein, legt den Hörer wieder auf, Drei neue mails sind gekommen, eine klickt er weg, zwei beantwortet er kurz. Er schaut auf die Uhr, scrollt erneut durch die Datei, korrigiert ein paar Worte. Er schickt die Datei ab, legt die Maus beiseite. Kurz lehnt er sich zurück, streckt die Arme. Vier neue mails werden angezeigt.

Der Mensch besitzt ein komplexes Gehirn mit erstaunlichen Fähigkeiten: er kann gezielt seine Aufmerksamkeit kontrollieren; er kann bewährte Handlungsmuster routiniert abspulen und flexibel zwischen verschiedenen Aufgaben hin und herschalten, er kann strategisch nach vorne denken und aus seinen vergangenen Erfahrungen lernen. Er kann sich Ziele setzen und sie willensstark verfolgen, indem er sich ganz und gar bestimmten Aufgaben verschreibt. Die Fähigkeiten einer Art, die sich wie keine andere in der Geschichte des Lebens über die Erde ausgebreitet und sie gestaltet hat.

Der Mensch hat aber auch das Bedürfnis nach Ruhe, nach Selbsterfahrung, nach zwanglosem Umgang mit anderen Menschen. Ist der neu entdeckte Ruhezustand des Gehirns die neuronale Entsprechung für dieses Bedürfnis? Ist dieses sozusagen als evolutionäres Erbe im Gehirn verankert?

Noch sind die Forschungen zum Hirnruhezustand umstritten: manche Wissenschaftler warnen davor, ihn vorschnell zu interpretieren. Andere dagegen sind überzeugt: im Ruhezustand des Gehirns werden die Ketten des zielgerichtet handelnden Ichs gelockert. Selbsterfahrung wird möglich. Man sieht sich im Spiegel der Anderen und denkt sich in Andere hinein. Reicht das, um sich vom Druck der effektiven Weltbewältigung zu lösen, um mehr Mitgefühl zu entwickeln? Welche anderen Strukturen dafür stellt das Gehirn bereit?

Ende des ersten Teils

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk