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StartseiteKultur heuteUnterhaltsame und mitreißende Literaturverfilmung22.05.2014

Neuverfilmung von "Fräulein Else"Unterhaltsame und mitreißende Literaturverfilmung

Die Österreicherin Anna Martinetz hat Arthur Schnitzlers "Fräulein Else" filmisch nach Indien versetzt. Statt eines Abgesangs auf die Vorkriegsgesellschaft, stellt sie ein hoch aktuelles modernes Gesellschaftsdrama vor. Wunderbar wie originell filmisch umgesetzt, meint Rüdiger Suchsland.

Blick in den großen Saal im Kino Zoo Palast in Berlin kurz vor einer Filmvorführung, fotografiert am 25.01.2014. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
"Fräulein Else" läuft ab dem 22.05.14 in den deutschen Kinos (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Weiterführende Information

Novelle - Unbekanntes vom jungen Schnitzler (Deutschlandradio Kultur, Kritik, 19.05.14)

"Nein, auch für 30.000 kannst Du nichts von mir haben. Aber für eine Million? Für ein Palais? Eine Perlenschnur? Nun, wie wäre es Papa, wenn ich mich heute Abend für Dich versteigerte?"

Schwarze Tage an der Börse, mal wieder. Else, ein Mädchen aus gutem Hause, verwöhnt gewiss, aber weder dumm noch abgehoben, wird von ihren Eltern den Gläubigern zum Fraß vorgeworfen: Sie soll einen Reichen heiraten, damit der Kredit für die Alten weiter fließt. Ein Opfergang von ganz irdischem, also ungeheurem Ausmaß.

"Mein liebes Kind, Du kannst mir glauben, wie leid es mir tut, dass ich Dir in Deine schönen Ferien mit einer so unangenehmen Nachricht hineinplatze. Kurz und gut: Die Sache mit Papa ist akut geworden."

Arthur Schnitzler schrieb seine auch heute noch atemberaubende Novelle "Fräulein Else" im Jahr 1924, also noch vor dem Schwarzen Freitag und der großen Weltwirtschaftskrise - aber voller Vorahnung und auch als Kunstwerk seiner Zeit weit voraus. Die Geschichte ist als innerer Monolog erzählt. Das Innere und die Subjektivität einer Figur nun in Bilder zu übersetzen, ist schwer für Filmemacher und im Gegensatz zu anderen Schnitzler-Stoffen wurde diese Novelle daher auch in der Vergangenheit kaum verfilmt. Nur der so exzellente wie vergessene Stummfilm von Paul Czinner von 1928, also noch zu Schnitzlers Lebzeiten, mit Elisabeth Bergner in der Hauptrolle, blieb im Gedächtnis.

Nach Indien versetzt - aber in kein Bollywood-Märchenland

Anna Martinetz, eine Österreicherin, die an der Münchner Filmhochschule Regie studiert, hat es jetzt für ihren Regie-Abschluss gewagt - und das Ergebnis ist so wunderbar wie originell. Das hat die Regisseurin nicht zuletzt ihrem Mut zu verdanken. Denn sie hat den Stoff recht theatralisch und bühnennah, trotzdem sehr filmisch inszeniert und siedelt ihn unter Deutschen an. Vor allem hat sie ihre Else-Version nach Indien versetzt, nicht in ein Bollywood-Märchenland, obwohl dieser Film reich gefüllt ist mit einigen weltberühmten sinnlichen Bollywood-Hits. Sondern, zum einen in ein Indien der brutalen Wirklichkeit, zum anderen in ein subtropisches Imperium, und einen postkolonial-dekadenten, zugleich prachtvoll traumverwunschenen Ort, dessen alte Hotels zum Zufluchtspunkt des verarmenden, in jeder Hinsicht erschöpften Europa werden.

Alles scheint hier dem Verfall preisgegeben - bis auf die Natur, die in Gestalt von Tigern und Elefanten so wild wie überlegen auftritt.

Dies ist in der Ausführung so fantastisch wie klug und fürs Publikum mitreißend erzählt. Der Film sticht zudem ins Herz unserer Zeit: Denn Martinetz macht aus Schnitzlers Abgesang auf die Vorkriegsgesellschaft ein hochaktuelles modernes Gesellschaftsdrama. Sie zeigt eine moralisch korrupte Elterngeneration, die die Zukunft ihrer Kinder ganz beiläufig verspielt. Nicht die Erben sind das Problem, sondern die Erblasser.

"Sie sind ja ein alter Freund unserer Familie. Es wird sie wahrscheinlich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, dass mein Vater wieder einmal in einer recht fatalen Situation ist."

"Es wundert mich allerdings nicht sehr. Wenngleich ich es auch zutiefst bedaure."

Wenn das nicht aktuell ist! Darum macht es auch Sinn, dass in diesem Film in einer dokumentarischen Passage sogar Angela Merkel einen Auftritt hat - in einer absurden Szene, bei der die Bundeskanzlerin einen Besuch bei einem Karnevalsumzug macht.

Karneval, also Überschreitung, ist hier das Geheimnis einer ganz gegenwärtigen, unterhaltsamen, mitreißenden Literaturverfilmung.

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