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StartseiteBüchermarktNew York selbst entdecken07.01.1999

New York selbst entdecken

Regenbogen Verlag, 1998, 400 Seiten, 36 Mark

"Don't judge a book by the cover", bittet der Moderator im New Yorker Apollo Theater. Denn die Zuschauer der "Amateur's Night", vor denen der Show- Nachwuchs seine Talentprobe gibt, gelten den Veranstaltern als das härteste Publikum der Welt. Auf der Bühne in Harlem fallen die drei jungen Männer der Shane Murphy Band zunächst einmal durch ihre Hautfarbe auf: Sie sind weiß. Der Talentshow in der 125. Straße hat Andrian Kreye eine Reportage gewidmet, die Fatima Igramhan-Parsons in ihren New York-Führer aufgenommen hat. Auch ihr Buch soll nicht nach der grün gehaltenen Lady Liberty auf seinem Einband beurteilt werden, sondern nach seiner Leistung: Was bietet es seinen Lesern?

Martin Wiegers

Zunächst einmal: weitere Stücke von Kreye und etlichen anderen Autoren – Reportagen, Skizzen, Impressionen, die vom Leben in New York erzählen. Auf den 400 Seiten dieses Buches sind sie allerdings nicht viel mehr als Ruhezonen: Inseln in einem Meer von Adressen, Hinweisen und Ratschlägen zu allen Themen, die bei einem New-York-Besuch von Interesse sind. 2800 solcher Tips hat Fatima Igramhan-Parsons zusammengetragen: "Ich kam vor 20 Jahren zum ersten Mal hierher, also 1978, und da habe ich festgestellt, es gibt überhaupt keine guten Bücher über New York, die mich interessiert hätten. Da habe ich mir gedacht, ich mache jetzt einfach mein eigenes, kleines Buch, und habe dann eine Broschüre zusammengestellt, weil mich immer wieder die Leute gefragt haben, wo gibt's die besten Jeans, wo kann man toll essen, wo sind tolle Straßen, wo kann man wunderbar durch die Gegend laufen, was ist interessant? Und daraufhin habe ich das zusammengestellt, weil ich auch nicht immer Zeit hatte. Also – habe ich mir gedacht – bevor ich Reiseführer werde, schreibe ich einen, und dann wuchs es immer mehr, also von 20 Seiten auf 50 Seiten, und dann habe ich mir gedacht, jetzt suche ich mir einen Verleger."

Den fand die New Yorker Deutsch-Iranerin Fatima Igramhan-Parsons schließlich im Schweizer Regenbogen Verlag, in dem ihr New-York-Führer sich seit 15 Jahren behauptet und zum meistverkauften Titel avancierte. "Vollständig revidiert und erweitert" liegt er jetzt in der siebten Auflage vor. Was hat sich am Leben in New York in diesen anderthalb Jahrzehnten am stärksten verändert? "Ich finde, es hat sich wahnsinnig verändert in Sachen Shopping. Zum Beispiel SoHo, das früher mal ein Künstler-Viertel war, ist heutzutage schon so voller Designer-Läden von Dolce & Gabana über Prada bis zu Gucci und Helmut Lang, daß böse Zungen behaupten, man müsse nur ein Glasdach drüberbreiten, und dann wäre es die größte shopping mall der Welt – und das stimmt auch, leider … Aber es haben sich immer wieder neue Gegenden ergeben, die interessant zu entdecken sind. Chinatown hat Little Italy fast total eingenommen. Das, was zurückgeblieben ist von Little Italy, ist meistens nur noch touristischer Nepp, so daß man da eigentlich gar nicht mehr hin muß. Und von den nördlichen Rändern, also von der Houston Street her, gibt es einen neuen Ort, ein neues Viertel, das heißt Nolita – also North of Little Italy –, das ist jetzt mein Lieblingsviertel. Da entdeckt man, daß es so alle drei, vier Wochen ein neues Restaurant oder ein neues Lädchen oder einen kleinen Handwerker gibt, der da seine kleine Glasbläserei aufmacht und schöne bunte Lampen oder Vasen verkauft, oder jemand, der aus Paris die schönsten bestickten Handtaschen importiert – also, es ist wirklich sehr, sehr bunt und lustig."

In solchen Marktbeobachtungen und Einkaufstips liegen Absicht und Stärke dieses Buches. Die billigsten Jeans und die lautesten Diskos, die schönsten Kinos und die komfortabelsten Hotels: Die Superlative dieser Stadt der Superlative versieht "New York selber entdecken" mit Straße, Hausnummer und oft einer kurzen Charakterisierung. Einen guten Stadtplan ersetzt er nicht, aber als kommentiertes Branchenverzeichnis nutzt man ihn mit Gewinn.

Ein Buch, das sich so eng ans aktuelle Wirtschaftsleben bindet, macht sich allerdings verwundbar für die Schwankungen der Konjunktur und die Wechselfälle des Lebens. Wer sich bei "Belgian Shoes" in der 56. Straße nach bequemen Mokassins umsieht, muß daher nicht enttäuscht sein, wenn er Roy Lichtenstein verpaßt, den der Führer zur Stammkundschaft zählt: Für diese Begegnung hätte der Pop-Künstler das Grab verlassen müssen, in dem er seit einem Jahr liegt. Ein wenig verwirrend mag man immerhin finden, daß Hongkong auf den Seiten über Chinatown noch immer die britische Kronkolonie ist, der die Rückgabe an die Volksrepublik erst bevorsteht. Und wer sich auf der Suche nach den allerbilligsten Levis-Jeans von New York zur 507 Broadway begibt, könnte sogar ein wenig verärgert sein, weil er unter dieser Adresse nicht die avisierte Firma O. K. Uniform findet, sondern einen Hosen-Laden namens Old Navy – der einzig und allein die Marke Old Navy führt.

Ganz ohne Spuren ist die Zeit leider auch an den Lesestücken nicht vorbeigegangen – die ja nicht durch einen Federstrich hier und einen Zusatz dort hätten à jour gebracht werden können. Zwar liest sich der Text über das "Apollo" noch immer so schön wie am ersten Tag. Doch haben inzwischen auch auswärtige Gäste das Theater entdeckt – Reisegruppen aus Detroit, Karaoke-Fans aus Japan, Studienräte aus Deutschland. Werden Zuschauer auf die Bühne gebeten, wirken bereits New Yorker wie Exoten – von den Bewohnern Harlems ganz zu schweigen. Die meisten der 1500 Plätze bleiben ohnedies leer.

Trotz solcher Einwände: Dort, wo es wirklich darauf ankommt, kann man dem Führer vertrauen – bei den Buchhandlungen etwa. "Mein liebster Laden ist der Strand Bookstore. Das Gute daran ist, daß man immer zumindest 20, manchmal sogar bis 50 Prozent Rabatt – dort gibt es vor allem Fotobücher, Architekturbücher, Künstbücher, aber auch Romane; ebenso Besprechungsexemplare, so daß man - mit etwas Glück - auch aktuelle Romane, zum halben Preis findet."

Alles in allem: Diesen New-York-Führer läßt man nicht bei "Strand". Man nimmt ihn wieder mit nach Hause und zwängt ihn ins Regal, auch wenn es schon voll ist. Für's nächste Mal.

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