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StartseiteBüchermarktNicht endendes Vergnügen18.06.2007

Nicht endendes Vergnügen

Anselm Glück bietet ein ungewöhnliches Leseerlebnis

Es gibt viele Perlen in dem Roman "Die Maske hinter dem Gesicht". Manche sind von funkelnder Komik und strahlender Poesie. Es ist kein Buch, das man von vorne bis hinten liest. Man kann hin- und herspringen und sich das Textgebäude Anselm Glücks nach eigenem Gutdünken zusammensetzen.

Von Joachim Büthe

Aufgeschlagenes Buch. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Aufgeschlagenes Buch. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Wenn du mit Anselm Glücks Buch allein bist, nimmt er (oder es) dann sein Gesicht ab und zeigt dir seine Maske? So ließe sich eine bekannte Frage von Oscar Wilde variieren und auf den Rätselspieler und Fallensteller Anselm Glück anwenden, der vorgibt, einen Roman geschrieben zu haben. An Handlung fehlt es diesem Roman nicht, da kann er es gleich mit mehreren aufnehmen. Die Geschichten überschneiden sich, gehen verloren, tauchen in einem anderen Zusammenhang wieder auf, werden unterbrochen von Reflektionen und autobiografischen Einschüben, zumindest könnten es welche sein, und ab und zu versanden sie auch. Wodurch aber wird diese Prosa zusammengehalten? Durch die Zentrale. Die Zentrale ist natürlich der Autor selbst, aber vielleicht ist sie auch eine übergeordnete Instanz.

"Mehr Sex. Und mehr Blut. Das hebt die Verkaufszahlen, sagt Bulle-Pinzinger, der es mir aber auch nur ausrichten soll, von der Zentrale. Auch er ist nur ein Mittelsmann unter Mittelsmännern, und die Zeit drängt. Es ist ein Uhr, dritter Jänner Zweitausendfünf, und es ist das erste Mal, dass ich heuer die Jahreszahl schreibe. Es ist still. Graz schläft. Auch ich bin längst müde, schreibe aber immer schneller weiter. Die Worte fliegen, und die Seiten füllen sich. Vielleicht kriege ich ein Stipendium, und dann höre ich mit Schreiben nicht mehr auf. Ich werde gefüttert, und man wechselt mir diskret die Windeln. Jahre ziehen ins Land. Schüssel ist längst abgewählt, und Haider bellt lustlos auf Kärntens Almen herum. Wie der Kürbis."

So geht das. Wenn es sich der Leser oder die von Glück häufig direkt angesprochene geneigte Leserin gemütlich machen wollen im erzählerischen Kontinuum, dann werden schnell die Zeitebenen kräftig durcheinandergewirbelt. Zum Beispiel. Die Aufforderung der Zentrale, mit Blut und vor allem Sex verschwenderisch umzugehen, wird jedoch befolgt. Anders gesagt: Der Stoff, mit dem Glück die Romanerwartungen zu erfüllen vorgibt, wird über weite Strecken aus dem Garn der Kolportage gewebt, jedoch auf eine Weise, die den Verkaufszahlen wenig förderlich sein dürfte. Es erinnert ein wenig an Verfahren der späten 60er Jahre, als gerade die experimentellen Autoren die Trivialliteratur nutzten, um die realistische Schreibweise zu unterminieren. Und die Einwände der aufgebrachten Leser sind natürlich in diesem Roman bereits enthalten.

"Nun machen Sie aber einen Punkt. Es geht doch nicht an, dass einer in Ihnen drauflosplappert, Sie zeichnen es auf, lassen es drucken und drängen uns das Zeug jetzt über Verlagswerbung in den Privathaushalt. Was glauben Sie eigentlich? Kunst? Ha"

Einer in Ihnen. Der Autor ist eine, sollen wir sagen neutrale?, Instanz, die aufzeichnet, was die verschiedenen, auf einander bezogenen Personen in ihm denken, wahrnehmen und erfinden. Er ist die multiple Persönlichkeit, die in uns allen steckt. Das will sich nicht zusammenfügen zu einer großen Erzählung. Es erzeugt ein manchmal quälendes und manchmal verführerisches Rauschen und einen Bilder- und Gedankenfluss, der sich in sich selbst auflöst, immer entlang der Realitätspartikel, der schon vorgefundenen Bilder und Texte, der guten und schlechten Träume, die uns umgeben. Das muss man aushalten können.

"Bilder, die ich von oben seh und die dann langsam an mir vorbei nach weiter oben abziehen. Spurensicher, aber lichtecht. Sie erhellen das Dunkel und strahlen doch nur sich selber an, und wenn ich sie scharf ins Auge fasse, halten sie in ihrer Aufwärtsbewegung ein, hängen da und lösen sich auf. Alles zerstäubt zu einem bunten Nebelleuchten, durch das ein Klang zieht, der kurz darauf auch draußen, also hier im Zimmer, auftritt, als fernes Brummen. Als würde über dem Haus ein Flugzeug kreisen. Man versucht, mich zu zerrütten. Systematisch. Aber auch das ist nur ein kleiner Teil eines großen Gesamtplans, der letztendlich doch mir zugute kommt. Ich darf mich nur nicht beirren lassen."

Diese Auforderung an sich selbst, dieses Versprechen, hat Anselm Glück eingehalten. Es gibt viele Perlen in diesem Roman, der keiner ist, und manche sind von funkelnder Komik und strahlender Poesie. Das schließt sich ja nicht aus. Natürlich ist es auch anstrengend, ein solches Buch zu lesen, länger als ein bis zwei Stunden hält man die lineare Lektüre nicht durch, aber es ist auch nicht die Sorte Buch, die man von vorne bis hinten oder von vorne nach hinten liest. Man kann hin- und herspringen und sich das Textgebäude nach eigenem Gutdünken zusammensetzen. Textbewegungen, wie sie Anselm Glück vorführt, haben irgendwo einen Anfang, aber abschließbar sind sie nicht. Das Buch endet mit den Anweisungen einer österreichischen Dame an ihr serbisches Dienstmädchen, die Tür zum Dampfbad zu öffnen und den Hauptschalter zu überprüfen. Er muss am Schluss ausgeschaltet werden.

"Sie wissen schon weit offen, und ob der Hauptschalter auch deutlich auf off zeigt. Ja. Ooo efff eff, aber schreiben sie es sich lieber auf."

Ja, und die Aufforderung, es sich aufzuschreiben, ist selbstverständlich eine Aufforderung, von vorne zu beginnen. Ein nicht enden wollendes Vergnügen.


Anselm Glück: Die Maske hinter dem Gesicht
Jung und Jung, Salzburg
348 Seiten, 25 Euro

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