Kommentar /

 

Nicht in statistischen Scharmützeln verlieren

EU-Vorschlag zur Verkürzung der Prüfintervalle beim Auto

Von Jörg Münchenberg

Eine Sonde misst  während der Hauptuntersuchung eines Fahrzeugs in Stuttgart die Abgaswerte im Auspuff eines Autos.
Eine Sonde misst während der Hauptuntersuchung eines Fahrzeugs in Stuttgart die Abgaswerte im Auspuff eines Autos. (AP)

Beim Auto hört der Spaß auf. Zumal, wenn der ohnehin schon von hohen Spritpreisen gebeutelte deutsche Autofahrer noch stärker als bislang zur Kasse gebeten werden könnte. Diese Erfahrung durfte jetzt EU-Verkehrskommissar Siim Kallas machen.

Sein Vorschlag, die zeitlichen Intervalle für die Mängeluntersuchungen bei Auto und Motorrad europaweit zu vereinheitlichen – und aus deutscher Sicht zu verkürzen - dieser Vorschlag wurde von den meisten Verbänden und Politikern mit Abscheu und Empörung zurückgewiesen.

Der mitgliederstarke ADAC vermutete sogleich eine neuerliche, millionenschwere Abzocke und der wahlkämpfende bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer empfahl sogleich einen Bürokratie-TÜV – die Sympathie an den Stammtischen dürfte ihm dafür sicher sein. Nur vereinzelt gab es, allerdings ebenfalls interessengeleiteten, Beifall für den Vorstoß aus Brüssel – das Kfz-Gewerbe etwa lobte die Kallas-Vorschläge, ebenso die Prüfgesellschaften.

Könnte da doch ein nettes Zusatzgeschäft herauspringen. Schon jetzt kostet der kurze Besuch bei TÜV, Dekra und Co um die 100 Euro. Zu bezahlen zunächst bei Neuzulassung nach drei, dannach alle zwei Jahre. Nach dem Vorschlag des EU-Verkehrskommissars müsste der Autofahrer dagegen ab dem siebten Jahr oder einer Laufleistung von 160.000 Kilometern einmal jährlich das Fahrzeug vorführen.

Doch jenseits aller Polemik bleibt festzuhalten: Jede Maßnahme, die nachhaltig dazu beiträgt, die Zahl der Verkehrstoten zu verringern, ist zu begrüßen. Immerhin sterben auf Europas Straßen Jahr für Jahr 35.000 Menschen. Doch mit der statistischen Beweislage für seine Forderung nach strengeren TÜV-Intervallen tut sich Kallas merklich schwer.

Denn hier steht letztlich Aussage gegen Aussage. Der ADAC, sicherlich kein neutraler Beobachter, kommt zu ganz anderen Ergebnissen beim Blick in die Tabellen. Hier ist der Zusammenhang zwischen technischen Mängeln und einem dadurch verursachten schweren Unfall deutlich geringer als in den Untersuchungen der EU-Kommission.

Aber selbst der Versicherungsverband, schon aufgrund des eigenen Geschäftsfeldes an niedrigeren Unfallraten interessiert, äußerte heute Zweifel an der statistischen Unterfütterung der Brüsseler Forderungen. In einem Punkt allerdings hat der streitbare EU-Verkehrskommissar dennoch nachweisbar recht: je älter letztlich das Fahrzeug, desto häufiger die Mängel. Und desto größer natürlich auch das potenzielle Sicherheitsrisiko auf der Straße.

Daher sollte sich die EU-Kommission nicht in statistischen Scharmützeln verlieren, sondern nach Kompromissen suchen. So könnte beispielsweise die jährliche Überprüfung erst ab einem höheren Fahrzeugalter EU-weit verbindlich vorgeschrieben werden. In Estland etwa gilt diese Regelung ab dem neunten Jahr. Mit einem ähnlichen Ansatz müsste auch die deutsche Autolobby gut fahren können.

Weitere Beiträge bei dradio.de:
Wirtschaft und Gesellschaft: Mehr Untersuchungen, weniger Verkehrstote



Mehr bei deutschlandradio.de

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kommentar

ArmutsmigrationGesetzespaket nach CSU-Geschmack

Eine rumänische Bettlerin auf der Freitreppe zur Brühlschen Terrasse in Dresden

Die CSU könne zufrieden sein, denn mit den neuen Maßnahmen gegen die sogenannte Armutsmigration könne sie behaupten, etwas gegen Sozialmissbrauch osteuropäischer Einwanderer getan zu haben. Also gegen ein Problem, das es so gar nicht gebe, kommentiert Daniel Bax von der "tageszeitung" im Deutschlandfunk.

Ukraine-KonfliktEuropa darf Kriegsrhetorik nicht erliegen

Flaggen der Europäischen Union vor dem Gebäude der Europäischen Kommission in Brüssel, Belgien (14.5.2012)

Es müsse weitere wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland geben, kommentiert Jörg Münchenberg anlässlich des EU-Gipfels in Brüssel. Schon allein aus Gründen der Glaubwürdigkeit. Die Botschaft an den Kreml könne nur verfangen, wenn die EU entschlossen und einig auftrete. Dafür müsse sie halt auch negative Konsequenzen in Kauf nehmen, fordert unser Korrespondent aus Brüssel.

FDP in OstdeutschlandEine Partei, die keiner mehr braucht

Der neue FDP-Chef Christian Lindner direkt nach seiner Wahl.

Wenn am Sonntag der Sächsische Landtag neu gewählt wird, muss die FDP fürchten, auch im letzten noch verbliebenen Bundesland ihre Regierungsverantwortung zu verlieren. Die Partei vermittle nachhaltig den Eindruck, nicht mehr gebraucht zu werden, kommentiert Dirk Birgel von den Dresdner Neuesten Nachrichten im DLF.