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StartseiteBüchermarktNicht nur ein Krimi10.07.2005

Nicht nur ein Krimi

Juan José Saer: "Ermittlungen"

Ob Juan José Saer bei uns endlich die Leser findet, die seine Werke verdienen, wird er selbst nicht mehr erfahren. Am 11. Juni ist er in Paris, wo er seit 1968 lebte, gestorben. Unser Mitarbeiter Christoph Vormweg hat seinen Roman "Ermittlungen" gelesen.

Von Christoph Vormweg

Frische Blutstropfen am Tatort (Stock.XCHNG / Ahmed Al-Shukaili)
Frische Blutstropfen am Tatort (Stock.XCHNG / Ahmed Al-Shukaili)

" Ich habe immer sehr viele Kriminalromane gelesen, als ich jung war. Ich hatte auch immer Lust, einen zu schreiben. Aber ich sah nicht, wie das in den Kontext meines Werkes passen sollte – obwohl es in meinem 1980 erschienenen Roman "Niemand, nichts, nie", auch schon einen Serienmörder gab. Aber der tötete Pferde auf dem Lande, was übrigens ziemlich häufig vorkommt. In jedem Fall: Ich hatte große Skrupel. Die formale Kontinuität zu meinen anderen Werken hätte ich leicht herstellen können. Nicht aber die thematische. Schließlich hatte ich immer gegen die Genres in der Literatur gewettert! Das war schon ein wenig widersprüchlich."

Wer in der ersten Liga der Literatur mitmischen will, darf keine Zeile verschenken. Das wusste auch Juan José Saer. Keiner sollte von seinem Roman "Ermittlungen" sagen können, dass sei doch nur ein Krimi. Und deshalb ging Saer gleich auf der ersten Seite in die Vollen.

"Dort drüben hingegen wird es im Dezember früh Nacht. Morvan wusste das. Und aufgrund seines Temperaments und vielleicht auch seines Berufs forschte er unruhig vom dritten Stock der Sonderdienststelle am Boulevard Voltaire, fast unmittelbar nachdem er vom Mittagessen zurückgekehrt war, nach den ersten Anzeichen der Nacht, suchte nach ihnen durch die vereisten Fensterscheiben und die Äste der Platanen, die blank und kahl waren, entgegen dem Versprechen der Götter, dass die Platanen niemals ihr Blätter verlören, denn es war unter einer Platane geschehen, als einst auf Kreta jener unerträglich weiße Stier mit den halbmondförmigen Hörnern die verängstigte Nymphe von einem Strand in Tyros oder Sidon – das spielt hierbei keine Rolle – entführt und, wie man weiß, vergewaltigt hatte."

"Morvan wusste das. Und er wusste auch, dass es bei Einbruch der Dunkelheit geschah, dann, wenn die uralte, abgenutzte Schlammkugel, die sich eisern immer weiterdrehte, den Punkt verlagerte, auf dem sie, er und jener Paris genannte Ort, sich bewegten, diesen von der Sonne entfernte und seiner eitlen Helligkeit beraubte, er wusste, dass es gewöhnlich um diese Zeit geschah, dass jener Schatten, den er seit neun Monaten verfolgte und der so nah und unerreichbar war wie sein eigener Schatten, aus seiner staubigen Dachkammer heraustrat, um zuzuschlagen. Und dies hatte er schon – haltet euch fest - siebenundzwanzigmal getan. "

Diese erste Seite von Juan José Saers Roman "Ermittlungen" ist ein wunderbares Argument gegen die verlegerische Tradition des Klappentextes. Denn der wirbt natürlich mit dem Serienmord an 27 alten Pariser Damen und nimmt dem von Saer inszenierten Spiel rätselhafter Vorahnungen und Bezüge einiges von seinem Reiz. Mit einem Wort: Nur der Klappentext-Verweigerer kann diese erste Seite voll und ganz genießen. Denn schließlich erfährt man dort nur, dass ein Mythologie-bewanderter Polizist erwartet, dass der von ihm gejagte Serientäter in dieser Nacht erneut zuschlagen wird. Ob er mordet oder vergewaltigt wie der weiße Stier auf Kreta bleibt genauso offen wie das Rätsel des ersten Satzes:

" Dort drüben hingegen wird es im Dezember früh Nacht. "

…gefolgt von einem mysteriösen Zeitwechsel ins Präteritum:

" Morvan wusste das. "

Erst auf der Folgeseite können wir erahnen, dass sich der Erzähler des Romans "Ermittlungen" auf einem anderen Kontinent befindet – wo genau, erfahren wir aber erst nach vierzig Seiten. In jedem Fall: bei so viel Verrätselung heißt es, dem Leser erst einmal ein wenig Erholung zu gönnen. Also besinnt sich Juan José Saer auf seinen schalkhaft-lakonischen Humor. Auf mehreren Seiten berichtet er über die Lebenserwartung und den Alltag der allein stehenden alten Damen von Paris, die ein fester Bestandteil des Lokalkolorits sind.

" Obwohl sie allem Anschein nach ganz harmlos sind, können sie einen durchaus reizen, und es ist vielleicht gerade das Bewusstsein ihrer eigenen Zerbrechlichkeit, das sie paradoxerweise unverwundbar macht und ihren Meinungsäußerungen eine gewisse Unverfrorenheit verleiht; mitunter werden sie so zur führenden Stimme des Zeitalters, da sie die Hintergründe des Weltgeschehens mit ihren strengen Bemerkungen an der Tür zur Bäckerei, den soziologischen Analysen in den Teesalons, den prompten Kommentaren, die sie allein und mit lauter Stimme zu den Fernsehbildern machen, deutlicher erfassen als die Reden der so genannten Politiker, Spezialisten der Geisteswissenschaften und Journalisten. Die tägliche Unterhaltung zwischen einer Greisin und ihrem Kanarienvogel, während sie seinen Käfig säubert, stellt vielleicht die einzige ernstzunehmende Debatte der modernen Zeit dar, nicht jene, die vor der Kamera abläuft, vor Gericht oder an der Sorbonne: Während ihnen alles andere verloren ging, haben sie ein Privileg gewonnen, nämlich, dass sie nichts mehr zu verlieren haben, und so herrscht in ihrer Redeweise bedenkenlose Ehrlichkeit vor, die bisweilen nicht einmal in Worten zum Ausdruck kommt, sondern vielmehr durch Schweigen und bedeutsame Gesten, etwa ein keineswegs erklärliches Kopfschütteln, und durch Blicke, in denen Begeisterung und Verachtung nicht auseinander zu halten sind. "

Juan José Saer, der in Argentinien als einer der bedeutendsten Schriftsteller seit Jorge Louis Borges und Julio Cortázar gilt, war nicht nur ein begnadeter Konstrukteur genau austarierter Schachtelsätze - ein Kompliment, das wir sofort an seine Übersetzerin Hanna Grzimek weitergeben. Juan José Saer war auch ein begnadeter Beobachter scheinbar abwegiger Details. So konnte er auf zwei Seiten das Anzünden einer Zigarre beschreiben und dabei eine Vielzahl von Rückschlüssen auf den Rauchenden und den ihn beobachtenden Erzähler zulassen.

In jedem Fall: Der Protagonist des Romans "Ermittlungen", der Pariser Kommissar Morvan, steht Saer da in nichts nach. Anfang vierzig, ist er ein besessener Jäger, der in seinem Beruf derart aufgeht, dass es ihn die Ehe kostete. Doch sein Detailfetischismus schützt Morvan auch: etwa davor, dass ihm die unlängst gelüftete Lebenslüge seines Vaters, eines kommunistischen Lokführers, zu nahe kommt. Kurz vor seinem Selbstmord hatte der ihm gestanden, dass Morvans Mutter nicht, wie immer behauptet, während der Geburt gestorben sei, sondern sich unmittelbar danach zu ihrem Liebhaber, einem Mitarbeiter der Gestapo, abgesetzt habe. Zu all den anderen Rätseln kommt also ein neues hinzu: die Ungewissheit, ob Morvan nicht das Kind eines Nazi-Geheimpoli-zisten ist und deshalb zu einem so schonungslosen Ermittler wurde.

" So wie er es schon viele Male getan hat, sagte sich Morvan, wird er vielleicht, sobald die Nacht einbricht, ohne Eile aus dem unförmigen, dichten Halbschatten heraustreten, durch die fast menschenleeren Straßen um den Platz herumstreichen, mit teilnahmslosem, alltäglichem Gesichtsausdruck seine nächste Beute suchen und sie dann auf solch natürliche und vertrauen erweckende Weise ansprechen, dass die Alte in diesen bedrohlichen Zeiten nicht eine Gefahr, sondern einen unverhofften Schutz in ihm erkennen wird, männlich und warmherzig, und ihn sogar, um auf seine Begleitung nicht allzu schnell wieder verzichten zu müssen, in ihre Wohnung eintreten lassen, ihm einen Sessel anbieten, ein Gläschen Likör und überdies ein gutes Abendessen servieren. Zu einem bestimmten Zeitpunkt wird er sich unter irgendeinem Vorwand, etwa auf die Toilette gehen zu müssen, im Badezimmer oder im Schlafzimmer vollständig ausziehen, um sich nicht mit Blut zu beflecken, wird seine Kleider behutsam zusammenfalten, um späterhin wieder tadellos auf die Straße treten zu können, wird kurz die Küche aufsuchen und dann nackt zum Wohn- oder Esszimmer zurückkehren, das Messer in der Hand und bereit, das Schlachten zu beginnen. "

Juan José Saer hat sich für seinen Roman "Ermittlungen" von einem authentischen Serienmord inspirieren lassen, der Paris in den 80er Jahren in Atem hielt und in Marie-Luise Scherers Buch "Der Akkordeon-Spieler" dokumentiert ist. Dem Titel ihrer Reportage "Die Bestie von Paris" wird auch Saer gerecht. Denn die in seinen Roman integrierten Tatortbesichtigungen sind hyperrealistisch grausam.

Der Täter – so viel ist klar – lebt einen präzis inszenierten Wahn aus, ohne die Kontrolle über die Spurenbeseitigung zu verlieren. Aber es gehört nun zum Saerschen Spiel mit dem Leser, dass er ihn nach vierzig Seiten von dem Pariser Serienmordfall abzieht und nach Argentinien entführt. Dort gibt sich ein gewisser Pichón als Schriftsteller zu erkennen, der in Paris lebt und in seiner alten Heimat zu Besuch ist. Die Ermittlungen vervielfältigen sich nun: zum einen konfrontiert Pichón seinen alten Freund Tomatis und dessen Bekannten Soldi mit den Rätseln seines noch nicht abgeschlossenen neuen Roman "Ermittlungen", zum anderen geben sich die drei einer literaturwissenschaftlichen Ermittlung hin: der Suche nach dem Autor eines anonymen Typoskripts aus dem Nachlass eines Bekannten. Die drei Männer recherchieren so besessen nach kleinsten Spuren der Urheberschaft wie Kommissar Morvan. Mehr noch: der Text des Typoskripts gibt Juan José Saers Verständnis von Literatur als beständiges Kreisen über der Frage zu erkennen, wie unsicher unsere Wahrnehmung eigentlich ist.

Während des Trojanischen Krieges unterhalten sich ein alter und ein junger Soldat. Der alte hat jahrelang in der Nachhut gedient und weiß kaum etwas vom Krieg. Wenn überhaupt, sind für ihn nur indirekte Rückschlüsse möglich: etwa über die Laune seines Anführers oder über das Ausbleiben gefallener Kameraden. Der junge Soldat hingegen, der gerade erst vor Ort ankommt, scheint bestens informiert zu sein, da der Trojanische Krieg in seiner griechischen Heimat längst zur Volkslegende geworden ist. Die heroisierenden Fiktionen des jungen Soldaten stehen den beschränkten alltäglichen Wahrnehmungen des alten gegenüber.

Doch welche Perspektive ist nun wahrheitshaltiger? Gewissheit gibt es da in Juan José Saers Büchern nicht. Ganz im Gegenteil: der Sohn syrischer Einwanderer nach Argentinien bricht – nicht zuletzt durch die Verschachtelung der Erzählebenen - immer wieder den schönen Schein der Illusion. So findet auch Erzähler Pichón bei seiner Begegnung mit der alten Heimat nach jahrelanger Abwesenheit nicht das, was er erwartet hat:

" Den Blick erhebend, konnte Pichón an einem immer noch klaren Himmel, an dem die letzten violetten Spuren dem allgemeinen Blau gewichen waren, die ersten Sterne sehen. Eine plötzlich aufleuchtende Erkenntnis – das Gemurmel des Wassers, jetzt deutlicher als während der Fahrt, weil der Motor ausgeschaltet war und die Stille der Nacht freigab, trug sicherlich zu seiner unvermittelten Klarsicht bei – ließ ihn auf einmal verstehen, warum trotz seines guten Willens und seiner Anstrengungen, seitdem er nach so vielen Jahren der Abwesenheit aus Paris hier angekommen war, sein Geburtsort bei ihm keinerlei Gefühlsregung hervorgerufen hat: Er ist wohl nun endlich erwachsen, und erwachsen zu sein bedeutet zu begreifen, dass gerade nicht dort, wo man geboren wurde, der Heimatort ist, sondern an einem anderen, größeren, unparteiischen Ort, nicht Freund, nicht Feind, unbekannt, den niemand sein eigen nennen könnte und der keine Zuneigung, sondern Befremden hervorruft, ein Zuhause, das weder räumlich noch geographisch und nicht einmal sprachlich ist, sondern vielmehr, bis zu dem Punkt, an dem diese Wörter weiterhin eine Bedeutung haben: physisch, chemisch, biologisch, kosmisch und all das, was Teil des Unsichtbaren und des Sichtbaren ist – von den Fingerspitzen bis hin zum sternenbedeckten Universum, einschließlich dessen, was man über das Unsichtbare und das Sichtbare noch alles herausfinden wird -, und dass diese Einheit, die alles bis hin zu den Grenzen des Unfassbaren selbst mit einschließt, in Wirklichkeit nicht seine Heimat, sondern sein Gefängnis ist, verlassen und von außen verriegelt, eine unermeßliche Finsternis, die irrend umherschweift, glühend und eisig zugleich, abgeschirmt nicht allein von den Sinnen, sondern auch den Gefühlen, der Sehnsucht und dem Denken. "

Als mir Juan José Saer in diesem Frühjahr, zehn Wochen vor seinem Tod, in Paris ein kurzes Interview gab, habe ich diese Zeilen verstehen können. Er wohne gleich gegenüber, sagte er, als wir im Café eines Hotels an unseren Tassen nippten. Gleich gegenüber: dort stand eine der ersten großen Pariser Hochhaus-Breitwand-Burgen der 60er Jahre, die mittlerweile unter Denkmalschutz stehen - erbaut unmittelbar neben der Gare Montparnasse.

Juan José Saer lebte also buchstäblich auf einem Verkehrsknotenpunkt. Das hatte allerdings auch praktische Gründe. Denn um als Nicht-Bestseller-Autor in Paris überleben zu können, musste er 40 Jahre lang seinem ungeliebten Brotberuf als Universitätsdozent für lateinamerikanische Literatur im bretonischen Rennes nachgehen. So hatte es Juan José Saer aus seiner Hochhaus-Wabe nur zwei Minuten bis zum Zug.

Aber ich merke schon: Sie denken nur an die 27 alten Pariser Damen und ihren Mörder. Das tun auch Pichóns argentinische Freunde, die regelmäßig mit Neuigkeiten aus dem Serienmordfall, das heißt mit neuen Roman-Kapiteln konfrontiert werden. Doch wir ahnen es: Juan José Saer hat sich in Argentinien nicht deshalb als experimenteller, keiner Schule zuzuordnender Schriftsteller einen Namen gemacht, damit er uns jetzt mit einer eindeutigen Lösung des Falls in den Sonntagnachmittag entlässt. Saer unterläuft auch diesmal die Konventionen des Genres, in diesem Fall des Kriminalromans. Zunächst einmal erscheint Kommissar Morvan selbst als der Täter – gleichsam in einem sich immer wiederholenden Akt der Bewusstseinsspaltung:

" Die Vergewaltigungen prae und post mortem waren nach Meinung der Psychiater auch ein Symptom der Ambivalenz, in dem sich das sexuelle Begehren nach seiner Mutter offenbarte; und in einer Fußnote – deren unwissenschaftlicher Ton eher aphoristisch-philosophischer Natur ist – wies der Bericht zudem darauf hin, dass jene instinktive und wahnhafte Liebe zur Mutter, die ihn verlassen hatte, ebenso wie die Vertrautheit und erotische Anziehungskraft, die ihr Henker auf die alten Damen ausübte, beweisen, dass die Menschen, jenseits dessen, was Oscar Wilde schon behauptete, den der Bericht mit vollem Namen zitiert, nicht nur zerstören, was sie lieben, sondern vor allem auch lieben, was sie zerstört. Hätten Kommissar Lautret und die anderen Polizeibeamten ihn nicht überrascht, dann hätte Morvan angesichts der Dringlichkeit seines Triebes seine Morde bis ins Unendliche fortführen können."

Mit diesem Ende konfrontiert Erzähler Pichón seine Freunde, um sie zu einer Erwiderung herauszufordern. Denn obwohl man Morvan offenbar auf frischer Tat vor mehreren Zeugen überführt hat, könnte die Überführungsszenerie auch inszeniert worden sein. Von wem, sei hier natürlich nicht verraten. Nur so viel: der Leser bleibt mit seinen Mutmaßungen schließlich allein auf der Strecke, mit einem verunsicherten Blick auf die perfekten Konstruktionen des Scheinbaren.

Juan José Saer weiß uns zu packen, in die Irre zu leiten, wieder zurückzuholen und letztlich doch im Ungewissen zu lassen. Sein Roman "Ermittlungen" ist eine gelungene, ja perfekte Persiflage auf den traditionellen Kriminalroman – vor allem, weil er uns immer wieder Ausflüge in action-freie Szenarien zumutet. Anders gesagt: Wir erleben hier einen Schriftsteller, der es noch ernst meinte mit den Ansprüchen der literarischen Moderne. Nicht zuletzt, weil Erzählen für Juan José Saer viel mit Musik zu tun hatte. Er komponierte seine Prosa, gab seiner Sprache Rhythmus, griff Motive wieder auf, um sie zu variieren. Deshalb spürt man auch von der ersten Zeile seines Romans "Ermittlungen" an, dass man es nicht mit einem gewöhnlichen Krimi zu tun hat, dass es um mehr geht als um die Aufdeckung einer Serie grausamer Verbrechen.

Letztendlich kreist Saer hier immer wieder über dem Motiv der Suche, ohne dass die menschliche Existenz leer läuft. Ob ein Mörder gesucht wird, das Ende eines Romans, der Autor eines anonymen Typoskripts oder die große Liebe, erscheint da zweitrangig. Das Entscheidende war in Saers Augen die dadurch gewonnene Ausrichtung im alltäglichen Strudel der Beliebigkeiten. Den Leser bezieht er dabei ein. Denn auch seine Ermittlungen gehen zwangsläufig über die letzte Zeile des Romans hinaus.

Ein Problem bleibt jedoch. Denn die Literaturwissenschaftler dürften sich nach Juan José Saers Tod am 9. Juni in Paris noch einmal fragen: In welche Schublade stecken wir diesen sperrigen Autor denn nur? Da Saer vor seiner Übersiedlung nach Paris, 1968, Dozent am Film-Institut im argentinischen Santa Fe war und selbst Kurzfilme drehte, neigt man dazu, ihn dem französischen "Nouveau Roman" zuzuordnen, der auch mit einem filmischen, multiperspektivischen, mal mikroskopisch nahen, mal distanzierten Blick an die Dinge heran ging. Doch auch das war bekanntlich keine Schule, sondern ein – vor allem im Pariser Verlagshaus der "Editions de Minuit" – geförderter, vielstimmiger Trend.

Saer selbst hat bei unserem Gespräch im März über diese Zuordnung nur gelächelt. Denn sein Werk – von den Romanen über die Essays bis hin zur Lyrik - ist zu vielfältig, um es unter einem Begriff zu archivieren. Der einzige gemeinsame Nenner ist Saers Misstrauen gegenüber der Wahrnehmung. Im Zerbrechen ihrer Gewissheiten, im ständigen Wechselspiel von Wahrheit und Täuschung liegt der Motor seines Werks. Denn eine eindeutige Darstellung des Erzählten ist für ihn nicht möglich gewesen – worin auch die Modernität seiner Texte liegt. Je minutiöser er sich der vermeintlichen Realität annäherte, desto mehr entwich sie ihm, desto mehr sah er sich in Widersprüche und Unwägbarkeiten verstrickt. Seine Idole der Moderne – von William Faulkner über Robert Musil, Thomas Mann und Robert Walser bis hin zu Arno Schmidt und Thomas Bernhard - hat Juan José Saer deshalb aber nicht nachgeahmt. Er hat aus ihren Vorgaben und seiner Wortarbeit eine eigene Ästhetik entwickelt.

In Paris, also aus der Distanz, hat Juan José Saer einmal gesagt, habe er viel besser über seine argentinische Heimatstadt Santa Fe schreiben können. In seinem Roman "Ermittlungen" dreht sein Erzähler Pichón, der auf Heimatbesuch in Argentinien ist, den Spieß um. Denn aus der Ferne schärft sich der Blick auf das scheinbar Bekannte.

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