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StartseiteTag für TagTaufbecken raus, Barhocker rein02.03.2017

NiederlandeTaufbecken raus, Barhocker rein

Utrecht war im Mittelalter eine katholische Metropole, heute sind die Gläubigen in der Minderheit. Aus Kirchen werden Apartmenthäuser, Luxushotels und Szenekneipen. Ergibt sich keine Weiternutzung, schlägt die Abrissbirne zu.

Von Renardo Schlegelmilch

Viele Kirchen in Utrecht wurden umgewandelt (Deutschlandradio / Renardo Schlegelmilch)
Viele Kirchen in Utrecht wurden umgewandelt (Deutschlandradio / Renardo Schlegelmilch)
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Es ist die zweitgrößte Stadt der Niederlande, was in der Altstadt von Utrecht aber nicht auffällt. Viele enge, mittelalterliche Gassen prägen das Stadtbild. Angelegt an den drei Kanälen, die die Altstadt durchziehen. Was auffällt sind die vielen Kirchtürme, groß wie klein, die immer wieder zwischen den Häusern hervorschauen. Gottesdienste werden aber nur in wenigen davon gefeiert. Mit ungefähr 30 Gotteshäusern hat Utrecht die höchste Kirchendichte der Niederlande. Utrecht war im Mittelalter das kulturelle und religiöse Zentrum des Landes, erklärt der Stadt- und Kirchenführer Edwin van den Berg.

"Utrecht war die größte Stadt. Fast jeder war religiös, da braucht man schon Kirchen. Utrecht war auch Hauptsitz der Kirchen. Im Mittelalter hieß das natürlich der katholischen Kirche. Die Bischöfe von Utrecht waren sehr mächtig, und das brachte auch andere Kirchgebäude mit sich. Von der Kathedrale, dem Dom, über die Kapitelskirchen, also Kirchen für die Eliten, dann noch Pfarrkirchen für die Gemeinden und auch noch 20 Klöster."

Utrecht war für die Kirche so bedeutend, dass mit Hadrian VI. hier auch im 16. Jahrhundert ein Papst geboren wurde. Über vier Jahrhunderte übrigens der letzte Papst, der kein Italiener war. - Bis heute noch spielt Utrecht in der katholischen Kirche eine Rolle. Die Stadt ist Sitz des einzigen Erzbistums der Niederlande und auch des einzigen Kardinals. Nur jeder fünfte der vier Millionen Einwohner des Bistums ist heute allerdings noch katholisch. Viele der Kirchen werden nicht mehr genutzt, oder nicht so, wie es einmal angedacht war.

Erst Kirche, dann Mietshaus

Steht man vor der ehemaligen Pfarrkirche St. Martin, der Martinuskerk, könnte man im ersten Moment fast denken, dass die Kirche heute noch genutzt wird. Schließlich gehen Leute durch die beiden schweren Holzportale ein und aus. Schaut man etwas genauer hin, entdeckt man am Portal Briefkästen und Klingelschilder. Die Martinuskerk ist heute ein Mietshaus mit 36 Apartments. Eines davon gehört Bori Goldschmidt.

"Diese Kirche wurde von einem Architekten umgestaltet, um genauer zu sein der Innenraum. Fertig wurde sie 1989. Da bin ich auch direkt in diese Wohnung als Erstmieterin eingezogen."

Fast alles wurde aus der Kirche entfernt, das an ein Gotteshaus erinnert. Altar, Kirchenbänke, Taufbecken kamen raus, dafür wurden Wände, drei Etagen und Treppenhäuser eingezogen. Bori Goldschmidt wohnt in einem der Türme der Kirche. In Schlafzimmer, Bad und Wohnzimmer sieht man die Bögen und Fenster des alten Gotteshauses, in der Küche sind Mosaik-Bodenplatten aus der Kirche verlegt. Sonst erinnert von innen wenig an die sakrale Vergangenheit. - Gebaut wurde die Kirche Ende des 19. Jahrhunderts. Vor dem Portal steht ein großes Reiterstandbild des Heiligen Martin. Als sich das Bistum in den 1960ern den Unterhalt der leerstehenden Kirche nicht mehr leisten konnte, wurde die Kirche profaniert. Nach einem neuen Lebenszweck wurde gesucht. Nach mehreren Theaterstücken in der Kirche kam der Architekt Dolf de Maar, kaufte das Gebäude für den Spottpreis von 60.000 Gulden, und machte ein Mietshaus draus. Dass sie an einem ehemals heiligen Ort lebt, hat Bori Goldschmidt nie gestört. Sie ist nicht christlich und geht nicht in die Kirche, sagt sie. Trotzdem gefällt ihr der sakrale Baustil. Kritik an der Umnutzung versteht sie nur zum Teil:

"Es gibt ein paar Leute, denen nicht gefällt, dass wir hier wohnen. Die Alternative wäre aber, dass das Haus abgerissen wird. So ist es doch einfach besser."

Dieses Argument hört man immer wieder auf den Straßen von Utrecht. Die Holländer sind pragmatisch. Wenn ein Haus leer steht, braucht es einen neuen Mieter, sonst wird es abgerissen. So ist die Martinskirche bei weitem nicht die einzige in den Niederlanden, die einem neuen Zweck zukommt. In den ehemaligen Klöstern der Stadt sind heute Restaurants und Luxus-Hotels untergebracht. In der Buurkerk, der ehemaligen Bauernkirche findet sich heute das Museum Speelklok, das größte Spieluhren-Museum der Niederlande.

Vielseitige Umnutzung

Das Erzbistum hat dem Museum die Nutzung gestattet unter der Auflage, dass die Betreiber die Bausubstanz erhalten und den Charakter des Gebäudes würdigen. In anderen Städten der Niederlande gibt es ähnliche Absprachen. Mit dem "Paradiso" in Amsterdam gibt es zum Beispiel einen Nachtclub in einer ehemaligen Kirche. Das Äquivalent dazu in Utrecht ist das Café Olivier.

Die Bar ist zum Szenetreff für die Jugend in Utrecht geworden. Freitagabends ist es schwierig hier einen Platz zu finden. Die kirchliche Vergangenheit wird im Innenraum auf den ersten Blick deutlich. Über dem Zugang zur offenen Küche hängt eine große Orgel. Von außen merkt man allerdings kaum, dass sich hier eine ehemalige Kirche verbirgt. Das hat mit der calvinistischen Vergangenheit von Utrecht zu tun. Andere Konfessionen wurden zwar nicht verfolgt, aber sie durften keine Gotteshäuser betreiben. Deshalb wurden sogenannte "versteckte Kirchen" eingerichtet. Stadtführer Edwin van der Berg:

"Reiche Leute aus den Gemeinden haben ihre Wohn- oder Lagerhäuser zur Verfügung gestellt. Von außen sah es auch genau danach aus. Von innen wurde ein großer, einheitlicher Raum eingerichtet, der bei katholischen Kirchen auch ganz reich verziert wurde."

So gibt es zum Beispiel eine heute noch genutzte Kirche, die in einer ehemaligen Brauerei untergebracht wurde. Eine der prunkvollsten Kirchen der Niederlande bekommt heute allerdings kaum noch jemand zu sehen. Sint Willibrord versteckt sich in einer kleinen Seitenstraße nahe des ehemaligen Rathauses von Utrecht. Über eine kleine Seitenkapelle, die in der Regel verschlossen bleibt, gelangt man in den Kirchraum, der ein wenig an den Kölner Dom erinnert, allerdings mit vielen bunten Mustern verziert.

"Von der Straße aus sieht man die Kirche kaum, viele Utrechter kennen sie auch gar nicht. Wenn man dann drinnen ist, ist das ein großer Farbreichtum."

Neuvermietung gegen Abriss

Lange Zeit stand das Gebäude leer und wurde nur für Touristengruppen geöffnet. Seit Herbst 2016 gibt es einen neuen Mieter mit der Piusbruderschaft. In Einvernehmen mit dem Bistum nutzt die Gemeinschaft, die vom Vatikan nicht anerkannt wird, die Kirche heute als Missionskirche. Jeden Sonntag werden hier nun Gottesdienste nach dem alten Ritus gefeiert. Ob das ein Erfolgskonzept für die Zukunft ist, das sieht der Stadtführer kritisch:

"Seit sehr kurzem wird die Kirche an eine religiöse Gemeinschaft vermietet am Sonntag. Wie lange das dauert ist aber nicht ganz klar."

Im Endeffekt läuft die Diskussion für die Menschen in Utrecht immer wieder auf das gleiche Argument hinaus. Wenn ein Haus, eine Kirche, leer steht, braucht es einen neuen Mieter. Sonst kommt die Abrissbirne. Widerspruch gibt es nur wenig.

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