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StartseiteBüchermarktNoch in kurzen Hosen, schon die erste Liebe22.01.2008

Noch in kurzen Hosen, schon die erste Liebe

Alberto Vigevanis Erzählung: eine schöne Entdeckung

Die lange Erzählung "Sommer am See" wurde in den fünfziger Jahren von dem Mailänder Buchhändler, Verleger, Buchsammler und Schriftsteller Alberto Vigevani geschrieben. Der Autor, 1918 in Mailand geboren, 1999 in Mailand gestorben, verbrachte nur die letzten beiden Jahre des Zweiten Weltkriegs außerhalb seiner Geburtsstadt, in der Schweiz, um als Jude der Verfolgung zu entgehen.

Von Martin Lüdke

Blick auf den Comer See (Stock.XCHNG / Andrea De Stefani)
Blick auf den Comer See (Stock.XCHNG / Andrea De Stefani)

Er gehörte ersichtlich zur Mailänder Oberschicht, was sein Buch, das im italienischen Original 1958 erschienen ist, auf jeder Seite spüren lässt. Durch Zartgefühl, Sensibilität und ein Gespür für noch die feinsten Gefühlsregungen.

Die Erzählung spielt bereits in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Es ist eine buchstäblich altmodische Geschichte, die aber zu dem Schönsten zählt, was ich seit langem gelesen habe.

Die Familie eines offenbar reichen Mailänder Rechtanwalts verbringt die Sommerferien in Menaggio am Comer See. Der Anwalt hatte eine Villa mit großem Garten gemietet. Kaum angekommen, brachte der Vater an einem Baum Seile mit Ringen an, und nacheinander begannen alle, daran zu turnen.

Als letzter kam Giacomo, das jüngste der drei Kinder, an die Reihe. Der Junge, vierzehn Jahre alt, etwas dicklich, verträumt und deswegen ein eher schlechter Schüler, ist unsportlich und ängstlich und fällt natürlich von den Ringen. Dabei stößt er sich mit dem Knie an einem Stein. Nichts ernstliches, doch Emilia, das neue Dienstmädchen, desinfizierte ihm die kleine Wunde.

Während sie sich hinunterbeugte, um ihn mit Alkohol abzutupfen, sah er den Ansatz ihres Busens. Er rundete sich fest, so hell, wo er sich zu teilen begann, im Kontrast zu ihrem leicht gebräunten Hals, dass er seine Hände an der Tischplatte abstützen musste, um nicht zu zittern. Wieder beeindruckten ihn ihre schwarzen Haare, während ihr blasses Gesicht ein Schmachten zu verraten schien, nicht unähnlich dem, das er beim Einatmen ihres starken Duftes verspürte.

Giacomo, der es liebt, mit dem Vater spazieren zu gehen, und dabei an die Hand genommen zu werden, fühlt sich plötzlich unwohl in seinen kurzen Sommerhosen. Die älteren Geschwister und ihre Freunde akzeptieren ihn nicht. Auch Emilia sieht, bei aller Sympathie, in ihm nur den Jungen, das Kind. Er aber leidet darunter, dass er von den Älteren "links liegen gelassen wurde, während die anderen mit ihren vagen Reden und ihren Blicken zu einem Kreis zusammengetreten waren, wo zwar noch keine Leidenschaften im Spiel waren, sondern zerbrechliche Sympathien, kaum angedeutete Gefühle, und wo jeder Angst hatte, all das wieder zu verlieren, nicht ganz zu verstehen, irgendwie davon überholt zu werden."

Eines Tages sieht Giacomo im Schwimmbad eine junge Frau, die lange Zeit fast reglos auf ihrem Bademantel liegt. Er beobachtet sie, "trotz der Furcht, sie könne es merken" und damit "den Zauber brechen, der ihm den Atem stocken ließ."

Giacomo spürt, wie ihn Gefühle überwältigen, die er nicht beschreiben, die er auch nicht begreifen kann. Die Anmut der Formen, die er empfand, erweckte auch nicht sein Begehren: "Eher wurden sie beinahe fein gesponnene, elegante Zeichen, rings um eine große Kristallschale angeordnet, ein Gespinst aus fliehenden Bildern der Schönheit, deren Erfassen lange in ihm fortdauerte, als würde er in der Einsamkeit am Ende nichts anderes in sich vorfinden."

Die Frau, eine Ausländerin, hat einen zehnjährigen Sohn, mit dem sich Giacomo, um ihr nahe zu sein, und deshalb mit schlechtem Gewissen, anfreundet. So vergeht der Sommer, in dem der junge Giacomo erwachsen werden wird.

"Dieser Sommer war anderes gewesen als die vergangenen Sommer: die letzten Ferien der Kindheit. Für Giacomo war ein neues Lebensalter herangereift: vom Reiz der Sinne bis zu den zarten Bildern seiner knabenhaften Liebe." In ihm blieb etwas zurück, das er wohl nie wieder vergessen würde: diese "Durchsichtigkeit von Bildern, ein Vibrieren, aus dem, schon milde geworden, der Schmerz entstand". Ein Schmerz, der mit dem Glück verschwistert war.
So wird der Junge erwachsen. Und so erfahren wir, die Leser, noch einmal, ebenso zart wie intensiv, was uns, nie wieder so deutlich wie damals in solchen Sommern am See, das Leben verspricht.

Alberto Vigevani: "Sommer am See. Eine Erzählung".
Aus dem Italienischen von Marianne Schneider.
Friedenauer Presse, Berlin 2007

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